Es ist bekannt, daß Emil Joseph Diemer in der NS-Zeit nicht nur ein Mitläufer, sondern ein glühender Nazi gewesen war, der als führender Schach-Ideologe die nationalsozialistische Weltanschauung rund um das Gegensatzpaar eines "tapferen arischen Kampfschachs" und eines "feigen jüdischen Sicherheitsschachs" auf das Schachbrett übertragen wollte.

Als die Welt schließlich in Brand gesetzt wurde und der Nazispuk wieder verschwand, sollte Emil Joseph Diemer das Regime um 45 Jahre überleben. Mit seinem Blackmar-Diemer-Gambit hatte er in Süddeutschland stets eine Fangemeinde um sich scharen können. Nach 1945 wurde Emil Joseph Diemer immer esoterischer und schließlich zu einem Propheten, der in puncto Glaubenseifer keinen Vergleich mit einem beliebigen Propheten aus dem Mittelalter hätte scheuen brauchen. Damit der Leser eine ungefähre Vorstellung davon erhält, wovon hier die Rede ist, möchte ich Begriffe wie Kabbalistik, Seelenwanderung und Zahlenmagie einwerfen, mit denen man Diemers Denken in dessen zunehmendem Alter ungefähr einordnen kann. Ein abrupter Bruch mit der Naziideologie war das übrigens nicht, der Antisemitismus blieb, und auch die Nazis hatten die Esoterik immer in ihre Weltanschauung eingebunden.

Emil Joseph Diemer, dem in der Psychiatrie nach modernem Verständnis ein "Prophetenwahn" diagnostiziert worden war, kann infolge dieser Versteifung in sein esoterisches Weltbild unter antisemitischem Hintergrund durchaus mit dem älteren Robert Fischer verglichen werden. Doch während der ältere Fischer in der Endzeit seines Lebens kaum zusammenhängende Sätze aussprechen konnte, wirkte ein Diemer in Dialogen, die selbstverständlich regelmäßig zu Monologen wurden, erstaunlich konsistent. Sicherlich, Diemer hatte viele Gemeinsamkeiten mit Fischer, und gerade uns als Schachspielern sollte dieser Referenzpunkt plausibel erscheinen. Als begeisterter Leser von Manns Zauberberg meine ich aber, mehr noch war er Naphta.

Hier die versprochene Begegnung der dritten Art, ein Schachfreund trifft Emil Joseph Diemer 1983: http://www.belkaplan.de/chess/bdg/di...i_bericht.html (der Artikel erschien 1983 in der Europa-Rochade).

Ein Aperitif:

Da aber auch seine weltanschaulichen und politischen Wertungen denen der modernen, freigeistigeren Menschen diametral entgegengesetzt sind, so ist mir aus der Begegnung mit dem Schachmeister Diemer klarer und verständlicher geworden, weshalb uns Nordlichtern oft das Denken der süddeutschen Menschen als ein Rätsel erscheint und weshalb wir oft nicht mit ihnen auf den gleichen Nenner kommen.
PS.: Aufgrund seiner Zahlenmystik war Diemer überzeugt davon, 102 Jahre alt zu werden. Der blinde Seher irrte sich schließlich um 20 Jahre.