Wir hatten uns im Frühling dieses Jahres bereits mit der Verwobenheit des Schachs in die wissenschaftlichen Denksysteme vertraut gemacht. Die Klassiker der Induktion und Deduktion wurden unter Eingehen auf die diesbezüglichen Arbeiten von Alexei Suetin in Hinblick auf das schachliche Denken besprochen, ebenso wie deren Antithese durch den Falsifikationisten Karl Popper. Als kurze Zusammenfassung sei erwähnt, daß die Induktion vom Besonderen auf das Allgemeine schließt, die Deduktion vom Allgemeinen auf das Besondere, während der Falsifikationismus beiden Klassikern eine gewisse Unsicherheit bzw. mangelnde Validität, wie es in der Fachsprache heißt, unterstellt, und demzufolge die Validität von Aussagen dadurch zu erhöhen sucht, daß die Falsifikationisten versuchen, ihre eigenen Hypothesen zu widerlegen und ihnen erst dann eine vorläufige Verifikation zubilligen, wenn dies trotz aller Versuche nicht gelingt.

Im Schach gilt Emanuel Lasker als Paradebeispiel als ein nach den Methoden der Induktion vorgehender Schachmeister. Siegbert Tarrasch gilt als ähnliches Beispiel für die Methoden der Deduktion. Doch gibt es in diesem Spannungsfeld noch eine weitere Denkmethode, nämlich die Abduktion, die im Folgenden vorgestellt werden soll. Um eine Pointe aus dieser Abhandlung bereits vorwegzunehmen, als Paradebeispiel der Abduktion sollte im Schach Michail Tal betrachtet werden.

Die Abduktion wurde von Charles Sanders Peirce 1867 in die Logik eingeführt, Jörg Seidel macht aber darauf aufmerksam, daß diese Denkmethode schon seit Aristoteles praktiziert wird. Sie ist als Denkmethode erkenntniserweiternder als die auf dem ersten Blick eher einfachen Denkmethoden der Induktion und Deduktion, aber auch unsicherer und kommt in diesem Sinne dem spekulativen Denken Tals sehr entgegen, den es nach eigenen Aussagen reizte, seinen Gegner in eine Welt zu führen, in der 2+2=5 ist, und in der eine Hypotenuse kleiner ist als eine Kathete. Wie Jo Reichertz in seinem Werk Die Abduktion in der qualitativen Sozialforschung ausgearbeitet hat, wird die Denkmethode der Abduktion wegen ihrer hohen Zahl an möglichen zielführenden Hypothesen von Detektiven bevorzugt. Um den Fall zu veranschaulichen, so können wir die Extremschulen der konservativen Deduktion und der spekulativen Abduktion mit einem Scharfschützengewehr und einem Maschinengewehr vergleichen. Im Krieg haben beide Gewehre ihre Vor- und Nachteile und sollten somit nicht ausschließlich, aber in Abhängigkeit vom Einzelfall, von der Situation genutzt werden.

In der Abduktion wird von einem Resultat sowie einer Regel auf den Fall geschlossen. So wird aus dem Resultat: "Murr spielt gerne" und der Regel: "alle Katzenkinder spielen gerne" abduktiv abgeleitet, daß Murr ein Katzenkind ist. Es leuchtet ein, daß auf diese Weise wesentlich mehr Hypothesen gebildet werden können als auf der eher konservativen Methode der Deduktion, aber auch der Induktion, die aber eben auch deutlich unsicherer sind, und zwar so unsicher, daß manche Kritiker der Abduktion sogar ihre Einordnung in den Bereich der Logik absprechen. In diesem Zusammenhang macht es Sinn, daß die Abduktion in ihrem ganzen kreativen Potential auch für übersinnliche Prozesse eine Bedeutung hat, wie hier paradigmatisch anhand der Überlegungen von Jochen Kaiser gezeigt wird, wie die Abduktion für den Gottesdienst und dessen Musik nutzbar gemacht werden kann (S. 13f.):

Die Abduktion ist eine Form der Erkenntnisgenerierung, die Charles Sanders Pierce als dritten Schlußtyp, neben Induktion und Deduktion, benannte. Mit abduktiver Skizze ist hier eine am Schluß der Untersuchung stehende, überraschende Erkenntnis gemeint. Sie ist das Ergebnis eines intuitiven, detektivischen Ahnens und eine kreative Schöpfung, die für die musikalisch-religiöse Lebenswelt des Gottesdienstes, wie sie in dieser Arbeit entwickelt wird, plausibel ist, darüberhinaus aber noch als relativ fehlbar eingeschätzt wird. Diese Abduktion versucht eine Zusammenschau aller Beobachtungen - der eigenen Erfahrung, dem Studieren anderer Forschungen und den hier erhobenen Erlebniserzählungen. Diese abduktive Skizze stellt das Konzept des Thirdplace vor, das geeignet sein könnte, die differierenden Lebenswelten der Einzelnen in der Gemeinschaft des Gottesdienstes darzustellen.
Schon Jörg Seidel hatte bereits ausgearbeitet, wie konkret sich Induktion und Deduktion im Schach unterscheiden, was er anhand des Gegensatzpaares Bewußtsein und Intuition erläutert:

Überhaupt zeigt sich, daß das Unbewußte hauptsächlich induktiv operiert, wohingegen das Bewußtsein sich wesentlich auf die Deduktion beschränkt, also "durch stufenweise Schlußfolgerungen nach dem Satze vom Widerspruch aus zugegebenen Prämissen" (Eduard von Hartmann, die Philosophie des Unbewußten, S. 134). Beide arbeiten im Denken als Ganzes zusammen.
Jörg Seidel, MetaChess, Edition Grundreihe, Charlatan-Verlag Rostock 2009, S. 95

Wenn wir die Abduktion nun als Superlativ in der Entwicklung von Erkenntniserweiterung, aber auch Unsicherheit in der Kette Deduktion-Induktion-Abduktion (siehe blaues Feld unten) begreifen, dann fällt auf, wie stark bei einem Michail Tal in seiner Herangehensweise an das Königliche Spiel auf eine abduktive Denkweise geschlossen werden kann. Tal, der nicht umsonst Feuerkopf von Riga genannt wurde, fand in jeder Stellung geradezu intuitiv eine Vielzahl von schönen und tiefen Ideen, die aber beileibe nicht alle korrekt bzw. valide waren, sich aber trotzdem in der Praxis meistens durchsetzen konnten. Oft erschienen seine Ideen als derart wider die Logik, daß sie scheinbar nicht von dieser Welt waren und damit scheinbar hinsichtlich der Abduktion die bereits beschriebene übersinnliche Sphäre betraten. Ein Beispiel ist sein berühmter Sieg gegen Botwinnik aus der 6. Matchpartie in der Schach-WM 1960 in Moskau.

Wie sehr wir selbst als Schachspieler im praktischen Spiel auf die Kenntnis und Nutzbarmachung der verschiedenen wissenschaftlichen Denkmethoden angewiesen sind, zeigt das zeitlose Bonmot des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz, der postuliert hatte, daß es unmöglich sei, schachliches Denken in Formeln zu pressen (vgl. Beljawski/Michaltschischin, Geheimnisse der Schachintuition, GAMBIT-Verlag 2005, S. 9). Wir haben im Schach eben keine Formeln zur Hand, mit denen wir in jeder Stellung des besten Zug zweifelsfrei berechnen können, und weil das Schach den Geisteswissenschaften also näher zu sein scheint als den exakten Wissenschaften, brauchen wir die Denkmethoden der Geisteswissenschaften, um uns im Dschungel des Schachs zurechtzufinden und gute selbständige Entscheidungen treffen zu können.