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Thema: Schachwahn im Morphy-Jahr

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    Schachwahn im Morphy-Jahr



    Eine schachhistorische Tatsache ist, daß ein nationaler Meister mit außergewöhnlichen Fähigkeiten auf seinem Gebiet in seinem Land für eine große Begeisterung sorgen und damit das Schachleben in seinem Land ankurbeln kann. Das war im Falle von Adolf Anderssen so, im Falle von Michail Tschigorin oder im Falle von Max Euwe. Dieser nationale Spielereffekt ist natürlich kein nur auf das Schach reduziertes Phänomen, so sorgten in anderen Sportarten die Erfolge von Boris Becker und Steffi Graf in den 80er und 90er Jahren für einen Tennisboom in Deutschland, während Michael Schumacher für die Formel 1 einen ähnlichen Boom entfachen konnte. So wurde z. B. der bereits viermalige Formel1-Weltmeister Sebastian Vettel erst durch die Erfolge Michael Schumachers als Kind dazu inspiriert, es seinem großen Vorbild gleichzutun.

    Für einen Boom im Schach in den USA hatte auch Paul Morphy rund 100 Jahre vor Robert Fischer gesorgt. Das im Land darauf einsetzende Schachfieber führte allerdings nicht nur zu enthusiastischen Reaktionen seiner Landsleute, es gab genug Stimmen, die vor der "schädlichen Wirkung" dieser "Modeerscheinung" warnten. In diesem Thread soll das durch Paul Morphy erzeugte Schachfieber näher beschrieben werden, und in der Folge wird sich mit dem Inhalt dieser warnenden Stimmen auseinandergesetzt, warum genau sie dieses Schachfieber kritisch begleiteten, und was genau diese Bedenkenträger befürchteten. Zum Schluß wird diese Diskussion im Hinblick auf ihre Zeitlosigkeit geprüft und Parallelen zu ähnlichen Fällen gezogen. Auf eine kritische Rezeption dieser gegen das Schach gerichteten Haltungen wird nicht verzichtet.

    Bekannt ist, daß Paul Morphy eine in der Schachszene zwar gewaltige, aber nur sehr kurzlebige Erscheinung war. Der hochbegabte Morphy hatte schon sehr früh seinen Abschluß in Jura gemacht, weil er aber erst mit 21 Jahren eine Anwaltskanzlei gründen durfte (damals war das Alter der Volljährigkeit nicht 18, sondern 21 Jahre), vertrieb sich Paul Morphy die Zeit mit Schachspielen. War sein Sieg beim 1st American Chess Congress in New York City 1857, in dem er im Finale mit dem 24jährigen Louis Paulsen, der von 1854 bis 1860 in den USA weilte, seinen ersten europäischen Gegner der Weltklasse mit 5:1 bei zwei Remisen vom Brett fegen konnte, bereits ein Achtungserfolg, so war dies seine Europatour umso mehr, die im Prinzip zu einem einzigen Triumphzug wurde. Mit Johann Jacob Löwenthal (9:3 bei zwei Remisen), David Harrwitz (5:2 bei einem Remis) und Adolf Anderssen (7:2 bei zwei Remisen) deklassierte der neue Schachstern neben vielen anderen Opponenten drei absolute Weltklassespieler. Daneben sorgte er mit spektakulären Simultan-, aber auch Blindsimultanpartien (er stellte mit 15 Blindsimultanpartien den damaligen Weltrekord auf) für Aufsehen, scheiterte aber daran, den englischen Meister Howard Staunton für ein Duell zu gewinnen, dessen Stern schon am Sinken war, und der Morphy im Bewußtsein, ihm chancenlos ausgeliefert zu sein, unter Hinzunahme von Ausflüchten, aber auch Aggressionen auswich.

    In Europa, offiziell zum Schachweltmeister ausgerufen und entsprechend geehrt, verbreitete sich Morphys Ruhm rasch in dessen Heimatland. Harold C. Schonberg hat die Atmosphäre in dessen Land in dieser Zeit eingefangen und anschaulich beschrieben:

    Wer glaubt, Bobby Fischer sei bei seiner Rückkehr aus Reykjavik von der amerikanischen Presse und Bevölkerung mit nie dagewesenem Jubel empfangen worden, sollte sich die amerikanischen Zeitungen von 1859 ansehen. Die neue Welt überschlug sich vor Begeisterung. Es gab Morphy-Hüte, Morphy-Zigarren, einen Morphy-Baseballclub. Man schleifte den jungen Meister von Bankett zu Bankett. Erst jetzt erfuhr er, daß seine Landsleute seine Kämpfe in Europa atemlos verfolgt hatten, mit der gleichen Spannung, mit der sie 1972 die Berichte über den Wettkampf Spasskij-Fischer verfolgten.
    Harold C. Schonberg, Die Großmeister des Schach, Fischer Taschenbuch Verlag 1974, S. 88f.

    Über die Ehrungen Morphys im Detail ließ sich Harold C. Schonberg sehr ausführlich aus. Helmut Pfleger und Gerd Treppner fassen diese Schilderungen wie folgt zusammen:

    Im Frühjahr 1859 fuhr Morphy nach Amerika zurück und wurde wie ein Nationalheld empfangen. Es gab Festbanketts massenweise; alles mögliche wurde nach Morphy benannt, sogar von prominenten Leuten wurden Gedichte auf ihn geschrieben, und freilich blühte auch der Nationalismus, das Giftkraut sportlicher Erfolge. Ein Redner sah in Morphys Schachsiegen gar ein neues Kapitel der Unabhängigkeitserklärung, wie er auch immer darauf gekommen sein mag (vielleicht, weil Morphy es den Engländern gezeigt hatte?).
    Helmut Pfleger/Gerd Treppner, Brett vorm Kopf, Beck´sche Reihe, München 1994, S. 52

    Um nun zu den warnenden Stimmen dieser Schachbegeisterung zu kommen, so setzte sich die Zeitschrift Scientific American 1859 mit ihr auseinander und sah sich zu einem Verdikt veranlaßt. Chess24 hat die vielleicht wichtigste Passage ins Deutsche übersetzt:

    Schach hat einen starken Ruf erworben als Mittel, um den Verstand zu disziplinieren, da man ein gutes Gedächtnis und besondere Kombinationsfähigkeiten benötigt. Auch ist der Glaube weit verbreitet, dass Talent zum Schachspielen von einem überlegenen Intellekt zeugt. Diese Meinungen sind unserer Ansicht nach außerordentlich falsch. Napoleon, der leidenschaftlich gerne Schach spielte, wurde in St. Helena oft von einem ungebildeten Lebensmittelhändler geschlagen. Weder Shakespeare noch Milton, Newton oder andere wichtige Persönlichkeiten der Geschichte erlangten großes Können im Schachspielen. Diejenigen, die zu den berühmtesten Spielern wurden, scheinen ein besonderes, intuitives Talent für die richtigen Züge gehabt zu haben, während sie gleichzeitig anscheinend in anderen Bereichen sehr alltägliche Fertigkeiten zeigten. Ein Schachspiel lehrt den Verstand nicht eine einzige neue Tatsache; es ruft nicht einen einzigen wunderbaren Gedanken hervor; und es dient in keiner Hinsicht dem Aufbessern und Verfeinern der edleren Fertigkeiten.
    Dieser Gedanke mutet in Zeiten, in denen Schach immer mehr an die Schulen drängt, auch weil Studien herausgefunden haben, daß sich Schüler, an deren Schule das Schach als reguläres Unterrichtsfach gelehrt wird, in den anderen Fächern schneller entwickeln als Kinder, in deren Schulen kein Schach unterrichtet wird, seltsam an. So erkennt das Schulministerium NRW die positiven Auswirkungen des Schachs auf den Geist, aber auch auf die Persönlichkeit der Schüler an. In einem langen Artikel für das Schulministerium NRW beschreibt der Autor, Arnd Zickgraf, dies, und er setzt sich dabei u. a. mit der in Schachkreisen bekanntesten diesbezüglichen Studie, der Trierer Studie, auseinander:

    Die wichtigsten Ergebnisse der Studie: Erst- und Zweitklässler profitierten am meisten vom königlichen Spiel: Insbesondere ihre Konzentrationsfähigkeit steigerte sich. "Leistungsschwache Kinder kommen, aus welchen Gründen auch immer, mit schlechten Voraussetzungen in die Schule. Ihnen tut es gut, wenn sie mit Schach herausgefordert werden", sagte Sigrun-Heide Filipp in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Filipp ist Professorin für Pädagogische Psychologie und Angewandte Entwicklungspsychologie an der Universität Trier. Bei Dritt- und Viertklässlern wirkt sich das kontinuierliche Schachspielen vor allem auf die Verbesserung der Sozialkompetenzen und der schulischen Motivation aus. Obgleich die Kinder der Grundschule Trier-Olewig weniger Mathematikunterricht hatten, erzielten sie bei VERA, dem Vergleichstest von Grundschülern aus sieben Bundesländern, deutlich bessere Ergebnisse als die Kontrollklassen der Grundschule Egbert. VERA vergleicht nämlich länderüberübergreifend die Kompetenzen von Drittklässlern in Deutsch und Mathematik. Und in Mathematik waren die Schachschüler doppelt so gut wie der Landesdurchschnitt in Rheinland-Pfalz. Überrascht zeigten sich die Experten bei der Überprüfung der Sprachkenntnisse der Schach spielenden Kinder. Denn bekanntlich sind die Spieler am Brett nicht sehr gesprächig. Das hinderte die Olewiger-Grundschüler indes nicht daran, bei der Überprüfung ihres Lese- und Sprachverständnisses fast dreimal so gute Testergebnisse hinzulegen wie der Landesdurchschnitt. Aus diesen Gründen macht sich Psychologin Filipp dafür stark, Schach als Schulfach einzuführen: "Es vermittelt Kindern das Gefühl, gewinnen oder verlieren zu können, Aspekte, die sie fürs Leben gebrauchen können." Kurzum: Schach stärkt die geistige Entwicklung und die Persönlichkeit der Kinder.
    Doch stand das US-Magazin mit seiner Meinung damals nicht alleine, und auch später sollte es noch gewisse Angriffe auf das Schach geben, die zwar nur noch selten mit religiösen Argumenten unterfüttert wurden, aber gerade deswegen einen realistischeren Bezug trugen. Die Universalgelehrte Ayn Rand, die wie so viele andere Intellektuelle der UdSSR nach der Oktoberrevolution den Rücken kehrte, setzte sich an ihrem Lebensabend sehr kritisch mit Boris Spasski auseinander, dem sie sogar einen offenen Brief schrieb, was das Feuerbringer-Magazin 2013 öffentlich machte und übrigens auch positiv kommentierte. Das Argument des Scientific Magazins mit der Ressourcenverschwendung tritt hier wieder auf, aber mit der Realitätsflucht wurde ein neues Geschütz aufgefahren. Ayn Rand schrieb Spasski:

    Oh ja, Genosse, Schach ist eine Flucht – eine Flucht vor der Realität. Es ist ein „Ausweg“, eine Art von „Ertragen-können“ für einen Mensch von höherer als durchschnittlicher Intelligenz, der sich davor fürchtet, zu leben, aber seinen Geist nicht untätig sein lassen kann und ihn einem Placebo widmet – und so die Welt der Lebenden, die er ablehnte, anderen überlässt.

    Ihr, die professionellen Schachspieler, lebt in einer besonderen Welt – einer sicheren, geschützten, geordneten Welt, in der all die großen, fundamentalen Prinzipien der Existenz so fest etabliert sind und befolgt werden, dass sie euch nicht einmal bewusst sein müssen.
    […]
    Im Gegensatz zu Algebra repräsentiert Schach keine Abstraktion – das grundlegende Muster – von geistiger Anstrengung; sondern es repräsentiert das Gegenteil: Es fokussiert geistige Anstrengung auf ein Set von Konkreta und verlangt solche komplexen Berechnungen, dass ein Geist keinen Platz für etwas anderes mehr hat. Durch die Erzeugung einer Illusion von Handlung und Kampf reduziert Schach den Geist eines professionellen Schachspielers auf eine unkritische, nicht wertende Passivität dem Leben gegenüber. Schach entfernt den Motor des intellektuellen Aufwands – die Frage, „Wozu?“ – und lässt ein irgendwo beunruhigendes Phänomen zurück: Intellektuellen Aufwand ohne Ziel.
    Natürlich ist es hier sehr wahrscheinlich, daß Ayn Rand ihren Haß auf das Regime, vor dem sie einst geflohen war, auf eines der Betätigungsfelder projizierte, in denen das neue Regime besonders gut war, und das diese Erfolge auch stets als Zeichen der Überlegenheit des sozialistischen Sowjet-Systems propagandistisch exploitierte. Denn so stimmig die Theorie von Ayn Rand in sich ist, so isoliert ist diese doch im Kontext einer höheren Ebene, die nicht nur den Wert, den das Schachspiel als ganz besonderes Spiel auf viele Zeitgenossen ausübt, nicht anerkennt, sondern auch nicht die Verknüpfungen des Schachs mit Methoden und Denksystemen der Wissenschaften, die in dem Mikrokosmos dieses Spiels möglich sind. Um dieses Problem der Argumentation von Ayn Rand zu veranschaulichen, so möchte ich aus dem Essay von Michael Falkenstein, der diese Verknüpfungen des Schachs mit den Wissenschaften sehr gut dargestellt hat, zitieren, ein Auszug:

    Der Frage nach dem Wesen des Schachs nähern wir uns weiter mit der Suche nach den ihm zugrunde liegenden Elementen. Das Schachbrett ist das räumliche Element, die Figuren stellen die darin ruhende Materie dar. Durch die Zugfolge wird die Materie belebt und wir erhalten das zeitliche Element. Die Materie bewirkt in Zeit und Raum alle Veränderungen. Sie ist die schachliche Kausalität - die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung.
    Die Erkenntnistheorie lehrt, daß im Leben die Elemente Raum, Zeit und Kausalität die Erfahrungswelt, das menschliche Bewußtsein, prägen. Die Kausalität ist die Tätigkeit des Verstandes. Das Schach ist also erkenntnistheoretisch ein Spiel des reinen Verstandes. Raum und Zeit sind hier aber schachspezifisch, d. h. sie stehen in keiner Beziehung zu den Naturgesetzen. Schach ist daher ein Spiel des transzendentalen Bewußtseins, jenes Bewußtseins, das nicht auf den Erfahrungen des Lebens beruht.
    Die Untersuchung der schachliche Prinzipien läßt dagegen viele Parallelen zu den Naturgesetzen entdecken. Dadurch erhalten wir einen weiteren Bezug zu den Erscheinungen des Weltalls.
    Da wäre z.B. das Energieprinzip. Es besagt, daß die in einem geschlossenen System vorhandene Energie nicht verloren gehen kann. Auf das Schach bezogen, läßt sich das so interpretieren, daß die Energie - dargestellt durch die Kraft der Figuren - im Laufe des Spiels nicht verlorengeht. Aber ergibt sich nicht ein Widerspruch dadurch, daß ja mit dem Schlagen und dem Abtausch von Figuren Energie verlorenzugehen scheint?
    Bei genauerer Betrachtung erkennen wir aber, daß nach jedem Abtausch die Energie der geschlagenen Steine auf die zurückgebliebenen übergeht. So erhalten z.B. die Türme nach dem Bauerntausch offene Linien und dadurch gesteigerte Kraft. Bei fehlerhaftem Spiel geht die Energie an den Gegner über. Die Figurenkräfte lassen sich entsprechend der verschiedenen Gangarten durch Kraftlinien in Analogie zur Physik darstellen. Die Kräfte bestehen nach Siebert aus zwei Komponenten: einer statischen und einer dynamischen Kraft. Die erste wird ausgedrückt durch das Beharrungsvermögen, die Hemmung, die ein Stein auf den Gegner ausübt. Die Zweite ist die Verdrängungskraft, die durch die Fähigkeit des Schlagens erzeugt wird. Wie wir hier sehen, ist jeder Schachspieler immer physikalischen Prinzipien ausgeliefert.
    Insofern wird deutlich, daß dieser Streit um die Folgen der Schachbegeisterung bei weitem nicht auf das "Morphy-Jahr" 1859 beschränkt war, der aber heute antiquiert anmutet, weil Fernseher, Computer und Internet durch die mit diesen Medien einhergehende Suchtgefahr das Schach als Projektionsfläche besorgter Pädagogen und anderer Geister längst ins Abseits gedrängt haben.
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    Zu den Irrwegen des feuilletonistischen Zeitalters

    Ayn Rand erhält Unterstützung von Hermann Hesse. Deswegen hier der Beitrag von Hermann Hesse zur Surrogat-These von Ayn Rand, der das Wesen vom Schach, auch wenn er hauptsächlich von Kreuzworträtseln spricht, auch mit deutlich weniger sowjetischem Kontext offenbar ähnlich sieht wie die exilrussische Philosophin:

    Übrigens gehörten, so scheint es, zum Feuilleton auch gewisse Spiele, zu welchen die Leserschaft selbst anregt und durch welche ihrer Überfütterungen mit Wissensstoff aktiviert wurde, eine lange Anmerkung von Ziegenhalß über das wunderliche Thema ´Kreuzworträtsel´ berichtet davon. Es saßen damals Tausende und Tausende von Menschen, welche zum größern Teil schwere Arbeit taten und ein schweres Leben lebten, in ihren Freistunden über Quadrate und Kreuze aus Buchstaben gebückt, deren Lücken sie nach gewissen Spielregeln ausfüllten. Wir wollen uns hüten, bloß den lächerlichen und verrückten Aspekt davon zu sehen, und wollen uns des Spottes darüber enthalten. Jene Menschen mit ihren Kinder-Rätselspielen und ihren Bildungsaufsätzen waren nämlich keineswegs harmlose Kinder oder spielerische Phäaken, sie saßen vielmehr angstvoll inmitten politischer, wirtschaftlicher und moralischer Gärungen und Erdbeben, haben eine Anzahl von schauerlichen Kriegen und Bürgerkriegen geführt, und ihre kleinen Bildungsspiele waren nicht bloß holde sinnlose Kinderei, sondern entsprachen einem tiefen Bedürfnis, die Augen zu schließen und sich vor ungelösten Problemen und angstvollen Untergangsahnungen in eine möglichst harmlose Scheinwelt zu flüchten. Sie lernten mit Ausdauer das Lenken von Automobilen, das Spielen schwieriger Kartenspiele und widmeten sich träumerisch dem Auflösen von Kreuzworträtseln - denn sie standen dem Tode, der Angst, dem Schmerz, dem Hunger beinahe schutzlos gegenüber, von den Kirchen nicht mehr tröstbar, vom Geist unberaten.
    Hermann Hesse, Das Glasperlenspiel, Büchergilde Gutenberg 1976, S. 22f.
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