Als Wilhelm Steinitz das Schachspiel ab den 1870er Jahren einer gründlichen Systematik unterzog und damit die Moderne auch im Schachspiel einleitete, so baute er dabei auf vielen Grundlagen Philidors auf. Der Schachhistoriker Dr. Kurt G. Köhler sieht in Philidor freilich nicht nur einen, wenn auch wichtigen Wegbereiter Steinitzens. Er geht in seinem Urteil weiter und vertritt die These, daß sich der Österreicher mit seinem Theoriegebäude sozusagen mit den Federn Philidors geschmückt habe. In diesem Thread wird die These Dr. Köhlers vorgestellt und einer gründlichen Kritik unterzogen. Die Frage ist also, schmückte sich Steinitz mit seinem Theoriegebäude tatsächlich mit den Federn Philidors?

Das Urteil Dr. Köhlers läßt in dieser Fragestellung an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig. In der von ihm vorgenommenen Überarbeitung der deutschen Übersetzung von Philidors Lehrbuch Analyse du jeu des échecs, übrigens die erste seit 1779 (!), erläutert er, Steinitz betreffend, dieser habe "die positionelle Spielweise ´ausgegraben´ und als seine Erfindung der Schachwelt präsentiert bzw. die Schachwelt im Glauben gelassen, daß er sie erfunden" habe (Dr. Kurt G. Köhler, Praktische Anweisung zum Schachspiel [Titel der deutschen Übersetzung von du jeu des échecs von Ewald 1779 übernommen], Neu-Jung Verlag 2006, S. 126).

Dr. Köhler macht in diesem Kontext den "Egoismus" (ebd. S. 132) von Philidors Nachfolgern aus, womit er vor allem Steinitz, aber auch mit Aaron Nimzowitsch einen anderen einflußreichen Schach-Theoretiker meint, die sich aus der reichhaltigen Ideenkiste Philidors bedient, ohne den Urheber dieser Ideen zu erwähnen, und diesen somit einfach "übergangen" (ebd.) hätten. Das Handeln von vor allem Steinitz und Nimzowitsch bringt Dr. Köhler konsequenterweise in Zusammenhang mit dem Raubdruck als Nebenerscheinung des Buchdrucks, die wir heute "auf allen Gebieten der Gesellschaft" als "Plagiat" (ebd. f.) kennen.

Dr. Köhler weiß dabei durchaus, von was er spricht. Denn schließlich ist er durch sein Philidor-Werk mit dem didaktischen Lehrgebäude Philidors, das dieser in dessen Klassiker analyse du jeu des échecs von 1749 anhand zahlreicher Musterpartien und Eröffnungstheorien angewandt hatte, in Berührung gekommen, hat dieses in ein heute verständliches Deutsch, und, was noch wichtiger ist, die beschreibende Notation in die heutige Stamma-Notation übersetzt, und zudem nach Schwerpunkten geordnet. Aus diesen Schwerpunkten fallen viele Entdeckungen Philidors, die geradezu modern anmuten. Es sind, um nur die positionellen Strategeme zu nennen, Motive wie Zentralisierung, Kampf um Diagonalen, ideales Bauernzentrum, Bauernduo, Bauernkette, Kompensation, Blockade, positionelles Qualitätsopfer, Überdeckung, Initiative, Minoritätsangriff, Prophylaxe, starke und schwache Felder, Tempokampf, Kampf um offene Linien, Vorposten, Bauernzentrum, Entwicklungsvorsprung, Abwicklung, Stellung des Königs, labiles Bauernzentrum, Bauernketten, rückständige Bauern, isolierte Freibauern, gedeckte Freibauern, Bauernopfer mit Kompensation, König als starke Figur, aktive Verteidigung, Dynamik, Bauernmehrheit am Damenflügel, materieller Vorteil im Zentrum mit dynamischen Möglichkeiten, Schwächung der Königsstellung durch Bauernzüge, Provokation zur Schwächung der gegnerischen Königsstellung und Hebel.

Diese bis 1749 zum größten Teil unbekannten neuen Ideen, die Philidor zu einem wissenschaftlichen Theoriegebäude ganz im Stile der Großen Enzyklopädie seines Freundes Denis Diderots, zur aufgeklärten Sichtbarmachung der Wirklichkeit, entwickelt hatte, lassen erahnen, wie sehr ein Philidor seiner Zeit damals voraus war. Bent Larsens 100 Jahre, die ein Philidor nach Bent Larsen der Schachwelt damals voraus gewesen sei, sind durchaus realistisch, vergleicht man das reichhaltige positionelle Ideengebäude Philidors mit den damaligen überaus dürftigen positionellen Kenntnissen zeitgenössischer Meister. Philidor war seinen Zeitgenossen tatsächlich in solch einer Weise voraus, daß von ihm fast keine normalen Partien überliefert sind. Denn egal, wie groß der Meister war, gegen den Philidor spielte, er hat ihm fast immer Material vorgegeben (und ihn dann doch bezwungen), was natürlich schachtheoretisch schade ist. Denn während die Schachwelt rund 110 Jahre später durch ein anderes Jahrhundertgenie, Paul Morphy, trotz dessen kurzer Verweildauer in der Schachszene aus zahlreichen Meisterpartien ohne Vorgabe Morphys schöpfen konnte, so kann man die Partien Philidors mit gleichen Materialverhältnissen im Wortsinne an einer Hand abzählen. Und, wie man es drehen und wenden kann, Vorgabepartien können schachdidaktisch nicht mit normalen Partien konkurrieren.

Wenn wir die positionellen Entdeckungen Philidors betrachten, dann fallen in der Tat viele Gemeinsamkeiten mit den Ideen Steinitzens, aber auch Nimzowitschs auf, die diese in ihr jeweiliges Theoriegebäude integrierten. Dies betrifft übrigens nicht nur von beiden ähnlich verwendete Motive, sondern auch Steinitzens Vorliebe, sich gerne hintenrein zu stellen und, auf seine Stellung vertrauend, einen "inkorrekten" gegnerischen Angriff abzuwehren, um später die Früchte des verfehlten gegnerischen Planes zu ernten. "Die Ausgangsstellung ist sehr gesund", lautet ein diese Denkweise Steinitzens treffendes Credo des Österreichers selbst, der nach eigener Aussage nach seinen Mißerfolgen in Paris (1867) und Baden-Baden 1870 erkannte:

Mittels des Kombinationsspiels kann man wohl gelegentliche Erfolge erzielen, aber nicht immer triumphieren, da auch die anscheinend aussichtsreichen Opfer oft nicht das gewünschte Ergebnis zeitigen. Im Laufe meines intensiven Studiums ähnlicher Partien [...] entdeckte ich eine Reihe von Fehlern. Zahlreiche verlockende und gelungene Opfer erwiesen sich als falsch. Ich gelangte zu der Erkenntnis, daß die wirksame Verteidigung einer Stellung weniger Streitkräfte erfordert als die erfolgreiche Durchführung eines Angriffs. Somit kann ein Angriff nur dann Erfolg haben, wenn im Lager des Gegners Schwächen vorhanden sind. Seitdem habe ich nach einer einfachen und wirkungsvollen Methode gesucht, durch die die erforderlichen Schwächen in der Stellung des Gegners hervorgerufen werden können.
Philidor selbst war bereits zu derselben Erkenntnis gelangt, und dieser hatte in seinem Lehrwerk postuliert: "Aus diesem Spiel [einer von Philidor entwickelten 26-zügigen (!) Theorievariante des Königsgambits] ist ersichtlich, daß ein gut geführter Angriff gegen eine gut geführte Verteidigung nicht gewonnen werden kann" (Köhler, S. 48).

Wenn also Michael Ehn und Hugo Kastner in unserer Zeit konstatieren: "Mehr als hundert Jahre später [nach Philidors Tod] griff Wilhelm Steinitz die Theoreme des Franzosen wieder auf und verhalf jenen zu jener kopernikanischen Wende im Schach, unter deren Eindruck wir heute stehen" (Ehn/Kastner, Schicksalsmomente der Schachgeschichte, Humboldt-Verlag 2014, S. 144), so würden die wenigsten bei dieser Aussage widersprechen. So unpopulär ein Philidor, der zwischen den Epochen der Italienischen Schachschule und dem Zeitalter der nach den Napoleonischen Kriegen herrschenden Romantischen Ära im Schach quasi ein schachphilosophisches Inseldasein fristete, auch war, so gab es keinen Meister zwischen ihm und Steinitz, der in einer solchen wissenschaftlichen Manier die Schachtheorie behandelte, denn auch wenn Spieler wie Staunton, Morphy und Paulsen als positionelle Vorläufer, die Steinitz zeitlich deutlich näher als Philidor standen, Steinitz in dessen Entwicklung vom vom Zeitgeist beeinflußten Wildromantiker zum großen Schachtheoretiker nachweislich stark inspiriert haben, so war diesen drei Spielern doch gemeinsam, daß sie zwar große Partien schufen, aber sich über die Art ihres Schachdenkens auffallend bedeckt hielten.

Dr. Köhlers zwar nicht ganz aus der Luft gegriffenes, aber dennoch hartes Urteil gegenüber Steinitz übersieht freilich, daß der Gehalt des Theoriegebäudes von Steinitz durchaus auch inhaltlich einen Fortschritt bedeutet, denn die von Steinitz entwickelten Elemente boten selbstentwickelte Neuerungen und dringen tiefer in das Wesen des Schachspiels ein als das Theoriegebäude Philidors, das, wie sogar Köhler zugibt, schon damals schwer zugänglich war, und dem selbst etwas Elementares wie Diagramme und Verzeichnisse der Motive fehlten (Köhler, S. 131f.). So boten die Steinitz´ Elemente, die ein Emanuel Lasker später aus dem Fundus des Steinitzens Theoriegebäudes herausdestilliert hatte, dem Schachspieler immerhin die Möglichkeit, mehr als 100 Jahre vor dem Schachcomputer eine selbständige Bewertung jeder Stellung nach allgemeinen Prinzipien vorzunehmen. Emanuel Lasker hatte die Steinitz´ Elemente dabei wie folgt in dauerhafte Vorteile, nämlich Materialvorteil, schlechte Königsstellung, Freibauern im Mittelspiel, Bauernschwächen beim Gegner, starke und schwache Felder, Bauerngruppen, starkes Bauernzentrum, Kontrolle einer Diagonale, Kontrolle einer Linie, Läuferpaar, Kontrolle einer Reihe und in vorübergehende Vorteile wie schlechte Figurenstellung, unharmonisch plazierte Figuren, Entwicklungsvorsprung, Figurenkonzentration im Zentrum (Zentralisierung) und Raumvorteil (vgl. Herman Grooten, Schachstrategie für Vereinsspieler, New in Chess 2009, S. 16) aufgegliedert, und daß ein Siegbert Tarrasch, d. h. der praeceptor germaniae, d. h. der Lehrmeister Deutschlands, der nach den Worten Eduard Dyckhoffs, auch "praeceptor mundi" (zit. nach Dr. Edmund Bruns, Das Schachspiel als Phänomen der Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, LIT-Verlag 2003, S. 58), d. h. Lehrmeister der Welt, gewesen sei, das Theoriegebäude Steinitzens weiterentwickelte und dem Lernenden in einer unendlich einfacher verständlichen Sprache verpackte als der dem gemeinen Volk dafür zu entrückte Österreicher, ist bekannt. Das alles bereitete den Boden dafür, daß sich das Schach ähnlich wie alle anderen wissenschaftlichen Disziplinen in der Moderne so rasant weiterentwickeln konnte.

Eine gewisse Parteilichkeit für "seinen" Schützling sollte man Dr. Köhler bei seinem Steinitz-Verdikt also nicht absprechen, der sich vielleicht für sein Lehrbuch über Jahre intensiv mit Philidor vertraut gemacht hatte, und der diesen dabei schätzen, aber, und das kommt in seinem Werk immer wieder heraus, auch liebengelernt hatte, was zu einem gewissen Tunnelblick für "seinen" Schützling geführt haben könnte. Doch ist Dr. Köhlers Verdikt gegen Steinitz nicht völlig aus der Luft gegriffen. Köhler selbst hat belegt, daß Steinitz sich in seinen Werken nie auf Philidor bezog, obwohl er dessen Schaffen tatsächlich gründlich studiert hatte. Und tatsächlich dürfte es der durchaus vorhandenen Eitelkeit Steinitzens geschuldet sein, die Leistungen des in den "Schatten der Schachgeschichte" (Dr. Köhler) gedrängten Philidors als seine eigenen ausgegeben zu haben, ebenso wie Steinitz es als für die Publicity seiner Ideen als eher abschreckend empfunden haben dürfte, sich auf einen Schachmeister des 18. Jahrhunderts berufen zu haben. In Steinitzens Zeit war der Fortschrittsglaube auf einem Gipfelpunkt, es galt mithilfe der rasant voranschreitenden Wissenschaft, im Zeitalter der Elektrizität und der lodernden Fabrikschlote, die Zukunft zu erstürmen, während das Alte in den Augen der Menschen wenig zählte.

Es bleibt aber Dr. Köhlers Verdienst, das in den Augen der Schachwelt tatsächlich undankbare und auch ungerechte "Schattendasein" Philidors korrigiert und diesem großen Meister zu seinem Recht kommen gelassen zu haben. So wenig es stimmt, daß Steinitz Philidor lediglich (die Betonung liegt auf "lediglich") kopiert (bzw. plagiiert) habe, soviel stimmt dennoch, daß ohne einen Philidor ein Steinitz, Tarrasch und Nimzowitsch in dieser Form nicht möglich geworden wäre. Insofern gehört ein Philidor zu den größten Denkern und Genies der Schachgeschichte und ebenfalls zu den Persönlichkeiten, die das Schach am stärksten und nur zum Guten hin beeinflußt haben.