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Thema: AVRO-Turnier 1938 - Generationenwechsel im Weltschach

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    AVRO-Turnier 1938 - Generationenwechsel im Weltschach



    Als acht Schachmeister am 6. November 1938 in Amsterdam eintrafen, so war das Interesse in den schachverrückten Niederlanden gewaltig. Der Schachboom hatte die Niederlande erfaßt, als ihr Matador, Max Euwe, 1935 sensationell dem großen Alexander Aljechin den Weltmeistertitel entreißen konnte. Natürlich war die Enttäuschung zwei Jahre später, als Euwe Aljechin im Revanchematch unterlag, umso größer, aber die Niederländer hatten ihre Hoffnungen auf einen wiedererstarkten Euwe, der im Kampf um die Schachkrone noch einmal eingreifen könne, noch nicht aufgegeben, der vor dem eigenen Turnier über Monate mit dem Schach ausgesetzt hatte, aber sich zu der Teilnahme an dem von seinen Landsleuten organisierten Turnier bereiterklärt hatte.

    Sponsor und Namensgeber des Turniers war die Algemene Verenigung Radio Omroep, eine niederländische Rundfunkgesellschaft und der älteste Hörfunksender der Niederlande, deren Initialen das Turnier schmücken sollten. Die Teilnehmer, Jose Raul Capablanca, Alexander Aljechin, Paul Keres, Salo Flohr, Samuel Reshevsky, Max Euwe, Reuben Fine und Michail Botwinnik, waren nach den Worten des statistischen Schachanalytikers Jeff Sonas, die "acht stärksten Spieler der Welt", so daß das Schachturnier nach Sonas in seinem Dezember 2009 erschienenen Artikels auch das stärkste Turnier aller Zeiten gewesen sei.

    Die acht Spieler traten doppelrundig gegeneinander an. Die Spielbedingungen waren hart, denn der Veranstalter hatte an der Tradition der 1. Schachweltmeisterschaft in diversen US-amerikanischen Städten angeknüpft und ließ seine Teilnehmer jeden Spieltag zwischen den Städten Amsterdam, Den Haag, Rotterdam, Groningen, Zwolle, Haarlem, Utrecht, Arnheim, Breda und Leiden rotieren. Diesen Turnierablauf, der dem Veranstalter entgegenkam, aber nicht den Spielern, hatte der Schachhistoriker Dr. Edmund Bruns, der die durch Wilhelm Steinitz angestoßenen Entwicklungen im modernen Schach als Ausprägung durch die Einflüsse des sich damals entwickelnden Industriekapitalismus* interpretierte, kritisch begleitet und 2003 analysiert:

    Die Organisation des Wettkampfes zwischen Steinitz und Zukertort in Amerika 1886 kündigte deutlich eine neue Epoche des Schachs an. Zum ersten Mal ging es in amerikanischen Superlativen offiziell um den Weltmeistertitel. Die Kommerzialisierung dieses Wettkampfes unterschied sich von der heutigen nur insofern, als daß die Hauptakteure am wenigsten davon hatten. Zum Zwecke des materiellen Gewinns wurde die Auseinandersetzung in mehrere Städte gelegt. Der Kommerzialismus hielt endgültig seinen Einzug in die Schachorganisation.
    Dr. Edmund Bruns, Das Schachspiel als Phänomen der Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, LIT-Verlag 2003, S. 41

    In die Schachwelt war 1938 frischer Wind gekommen. Im Vergleich zu dem "Fünfweltmeisterturnier" in Nottingham 1936, wo sich Milan Vidmar noch über das Ausbleiben der neuen Schachgeneration wunderte, die den Altmeistern den Fehdehandschuh wirft, waren diese Vertreter der neuen Generation endlich da. Vidmar hatte Nottingham 1936 als eine Art letztes unbeschwertes Schachfest der Altmeister betrachtet und in seinen Erinnerungen geschrieben:

    Daß im Jahre 1936, als Nottingham sein großes Fest feierte, scheinbar immer noch keine neue Generation da war, erschien fast unglaublich. Lange Jahre hindurch erwarteten wir, Vertreter der modernen Schule, einen gewaltigen jugendlichen Einbruch. Daß dieser Einbruch erst um das Jahr 1936 begann, ist eine merkwürdige Tatsache. Inzwischen waren wir natürlich schon als Vertreter der vorangehenden Generation überreif geworden
    Milan Vidmar, Goldene Schachzeiten, 1960, Gruyter&Co, S. 5f.

    Doch zwei Jahre später waren diese jungen Meister nun da, gegenüber Nottingham 1936 war eine auffällige Verjüngung des Teilnehmerfeldes eingetreten, und insofern spricht auch ein Johannes Fischer von einem "Generationswechsel", der das Turnier charakterisiert habe. Neben dem 27jährigen Michail Botwinnik, der als Einziger der jungen Spieler schon in Nottingham dabei gewesen war, spielten Reuben Fine (24), Samuel Reshevsky (26), Salo Flohr (29) und Paul Keres (22) beim AVRO-Championat mit, während von den in Nottingham wirkenden Altmeistern nur noch Jose Raul Capablanca (50) und Weltmeister Alexander Aljechin (46) übriggeblieben waren. Dem 37jährigen Max Euwe fiel in dieser Hinsicht die Rolle zu, ein Bindeglied zwischen Jung und Alt in diesem Turnier zu sein. Daß er diese isolierte Rolle in dem niederländischen Turnier spielen sollte, ist indes kein Zufall, denn Max Euwe entstammte einer auffällig schwachen Schachgeneration. Diesen Umstand hatte Milan Vidmar bereits in seinen Erinnerungen akribisch herausgearbeitet. Als die Generation der beiden genannten Altmeister in den Niederlanden führt er Oldrich Duras (1882), Milan Vidmar (1885), Richard Reti (1889), Ossip Bernstein (1882), Aaron Nimzowitsch (1887), Efim Bogoljubov (1890), Akiba Rubinstein (1882), Savielly Tartakover (1887), Alexander Aljechin (1892), Rudolf Spielmann (1884) und Jose Raul Capablanca (1888) an, während Vidmar dem 1901 geborenen Max Euwe keinen Kompagnon zur Seite stellt. Vidmar kommentiert diesen Umstand:

    Die Feststellung [...] ist ganz aufschlußreich. Der große holländische Meister ist zeitlich unfaßbar vereinsamt. Er hätte eigentlich ein neues großes Einströmen bedeutender großer Meister in die Schachgeschichte eröffnen können, denn er meldete sich fast zwanzig Jahre nach dem Beginn des dritten. Aber Euwe hat fast keinen Anschluß an die Vergangenheit und fast keinen Anschluß an die Zukunft in der Schachgeschichte. Die vierte Generation großer Meister beginnt erst um das Jahr 1910 aufzutreten.
    Vidmar, S. 148

    Dieser Gegensatz zwischen den jungen und den alten Meistern ist nicht die einzige Brisanz in diesem Turnier. Ende der 30er Jahre wurden zwar schon deutlich mehr Turniere veranstaltet als noch in der Anfangszeit des modernen Schachs. Aber die Anzahl an großen Schachturnieren war immer noch so überschaubar, daß es praktisch zu jedem Großturnier eine eigene Geschichte mit zahlreichen Kapiteln gibt. So entzündete sich während des AVRO-Turniers wieder einmal die Frage um das Herausforderungsrecht des amtierenden Weltmeisters. Jose Raul Capablanca hatte während der Amtszeit Euwes mit diesem zwar ein WM-Match im Jahre 1939 vereinbart, aber nachdem Aljechin erneut den Weltmeisterthron erklomm, wehte diesbezüglich wieder ein rauerer Wind. Der Veranstalter hatte sich bemüht, das Turnier als Kandidatenturnier aufzuwerten, doch die Aljechin abgetrotzte Vereinbarung war in dieser Form zu vage, als daß Aljechin sich verpflichtet gefühlt hätte, sich rasch nach dem Turnier dem Sieger des AVRO-Turniers zu stellen. So beurteilt Peter Anderberg in Karl diese Vereinbarung mit den nüchternen Worten:

    [...]der Vertrag zwischen Aljechin und der AVRO enthielt nur diese unverbindliche Klausel: „Dr. Aljechin erklärt sich bereit, einen Kampf um die Weltmeisterschaft gegen den Gewinner des ersten Preises unter Bedingungen und zu einer Zeit zu spielen, die später zu vereinbaren sein werden. Indessen behält sich Dr. Aljechin das Recht vor, zuerst gegen andere Meister um den Titel zu spielen
    Nach einer markigen Rede Aljechins kurz vor dem Turnier zerstoben die Hoffnungen auf ein Kandidatenturnier endgültig. Die Chess Review berichtete 1938 dazu in ihrer Dezemberausgabe:

    daß alle möglichen Gerüchte umliefen, denen zufolge der Gewinner dieses Turniers vor allen anderen das Vorrecht genieße, mit ihm einen Wettkampf um die Weltmeisterschaft zu vereinbaren. Diese Gerüchte würden vermutlich durch seinen Kontrakt mit der AVRO genährt, in dem er sich bereit erklärte, unter später festgesetzten Bedingungen gegen den Sieger anzutreten. Er stellte jedoch fest, sein Recht, zuerst gegen andere um den Weltmeistertitel zu kämpfen, bleibe davon unberührt, und die Klausel im AVRO-Kontrakt habe keine neuen Rechte oder Prioritäten geschaffen. Er gab seiner Überzeugung Ausdruck, ein Turnier, gleichgültig wie stark die Teilnehmer seien, könne die Frage der Weltmeisterschaft nicht entscheidend beeinflussen. Praktisch sei es so, daß die politische Lage in der Tschechoslowakei den geplanten Wettkampf mit Flohr unmöglich gemacht habe, und deshalb fühle er sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt frei, eine Herausforderung von jedem anerkannten Meister anzunehmen ... Was die Bedingungen angehe, von den finanziellen einmal abgesehen, äußerte Aljechin, er habe das Recht, eine Begegnung in jedem Land abzulehnen, in dem die Öffentlichkeit ihm nicht wohlgesonnen sei ...
    Harold C. Schonberg, Die Großmeister des Schach, Fischer-Verlag 1974, S. 194

    Als das AVRO-Turnier begann, zeigte sich, daß tatsächlich eine spielstarke junge Generation nachgewachsen war, die es mit Capablanca und Aljechin aufnehmen konnte. Der von Johannes Fischer ausgemachte Generationenwechsel wird durch einen Blick auf die Abschlußtabelle deutlich, denn mit Paul Keres und Reuben Fine lagen zum Abschluß die beiden jüngsten Teilnehmer in den Niederlanden vorne. Zum Turniersieger wurde der junge Este Paul Keres aufgrund der besseren Feinwertung ausgerufen, der sich unverzüglich daranmachte, sich um das WM-Match gegen Aljechin zu kümmern. Der Lokalmatador Max Euwe wurde zum Entsetzen seiner Landsleute in der 1. Turnierhälfte durchgereicht und kam in sieben Spielen nur auf zwei Punkte. Durch eine deutliche Leistungssteigerung im 2. Durchgang konnte er sein Punktekonto aber letztendlich egalisieren, und so landete Euwe mit 7/14 auf Platz vier. Das Teilnehmerfeld lag spielerisch betrachtet eng beieinander, wirklich abgeschlagen war nur Salo Flohr mit 4,5/14 Punkten. Es fiel aber auf, daß mit Alexander Aljechin und Jose Raul Capablanca die beiden Altmeister nur Platz 6 und 7 belegten, so daß der drohende Generationenwechsel für die beiden akut wurde.

    Bei Jose Raul Capablanca spielte die Gesundheit nicht mehr mit. In dem Turnier erlitt er seinen ersten leichten Schlaganfall und starb, gesundheitlich immer stärker beeinträchtigt, nur knapp drei Jahre später durch einen größeren Schlaganfall im Manhattan Chessclub. Überhaupt begünstigte der Turniermodus des ständigen Turnierortwechsels nach Johannes Fischer die jüngeren Spieler, die "diese Strapazen" besser "verkrafteten". Allerdings hatte sich über diese Bedingungen mit Michail Botwinnik auch ein jüngerer Spieler über diese ungewohnten Turnierbedingungen beschwert, zitiert aus dessen Erinnerungen von Peter Anderberg:

    Man schickte uns durch das ganze Land! Anstatt zu Mittag zu essen, waren wir vor dem Spiel zwei Stunden auf der Bahn. Wir spielten hungrig. Vor allem die älteren Teilnehmer – Capablanca und Aljechin – ertrugen die Anstrengungen nicht. Als man nach Amsterdam zurückkehrte, wurden den Teilnehmern im Zug nur Butterbrote gereicht
    Doch erhielt Botwinnik für seine Beschwerde Widerspruch vom Turnierteilnehmer Salo Flohr, zit. nach dess.:

    ... er frisierte sich ein Alibi, indem er die Mär verbreitete, daß die Sowjetmeister an Spieltagen nichts zu essen erhielten und daß ihn das ausgedehnte Reisen (in den Niederlanden!) allzu sehr ermüdet hätte. Die Entfernungen in den Niederlanden sind so klein, daß sie bei den großen Metropolen der Welt unter den Begriff Vorortverkehr fallen würden
    Doch waren die Proteste der Spieler insgesamt offenbar so massiv, denn auch Alexander Aljechin war von dieser Ochsentour alles andere als angetan, der offen erklärte, "nie wieder unter derartigen Bedingungen ein Turnier oder einen WM-Kampf zu spielen" (ebd.), so daß diese Form des ständigen Spielortwechsels in Schachturnieren nicht die Norm wurde. Interessant in diesem Zusammenhang ist allerdings, daß das Tata-Steel-Turnier noch in diesem Jahr, wohl nicht unzufällig in den Niederlanden, wenn auch in wesentlich moderaterer Form, an diesen Turniermodus angeknüpft hatte.

    Der 22jährige Paul Keres wurde durch seinen Sieg bei diesem so glänzend besetzten Turnier der strahlende Sieger. Obwohl er aus unterschiedlichsten Gründen nie den Weltmeistertitel erringen sollte, so sorgte er in seiner estländischen Heimat für einen noch heute nachwirkenden Schachboom, und er wurde mit der Zeit zu einer auch Nichtschachspieler anziehenden Integrationsfigur für die gesamte Gesellschaft, dem zu Ehren Büsten gehauen und Briefmarken herausgegeben wurden, und welcher der einzige Schachspieler weltweit ist, dessen Konterfei es sogar auf einen Geldschein brachte. Nach der Unabhängigkeit Estlands ziert sein Konterfei seit 1991 den 5-Kronen-Schein. Überhaupt stellt Harold C. Schonberg der in den Niederlanden so überzeugenden jungen und jüngeren Spielergeneration schachhistorisch ein günstiges Urteil aus, die, wie ich selbst sagen würde, durch ihr Schach die Schachgeschichte vom Klassizismus, den darauffolgenden Meinungskämpfen, in den noch heute gängigen pragmatischen Dynamismus weiterentwickelten:

    Nach Gideon Stahlbergs Meinung errang Reti nie den Erfolg, der seinem Talent entsprochen hätte. Er war keine Kämpfernatur, es mangelte ihm an Ausdauer. Und nach 1925 waren seine theoretischen Neuerungen so durchanalysiert, daß die bizarren Züge niemanden überraschten. Die Revolution von gestern war zum Gemeinplatz geworden. Selbst schwache Spieler lernten schließlich, sich gegen die Hypermodernen zur Wehr zu setzen.

    Das Gedankengut der Hypermodernen indessen landete keineswegs auf den Müllhaufen der Geschichte. Sie hatten moderne Waffen geschmiedet und die Vielfalt an schachlichen Möglichkeiten vergrößert. Was anfangs so gewagt und beispiellos schien, erwies sich bei näherem Hinsehen nur als Erweiterung und Neuinterpretation alter Grundsätze. Aber gerade durch diese frischen Impulse läuteten Reti und seine Mitstreiter eine neue Schachepoche ein. Heute kann man die hypermoderne Theorie so definieren wie der Analytiker R. N. Coles: "als eine Etappe zwischen dem alten Klassizismus und dem neuen Dynamismus"

    Zu den neuen Dynamikern zählten Spieler wie Fine, Kashdan, Keres und Botwinnik, sämtlich Eklektiker, die keiner Schule angehören, sondern sich des gesamten verfügbaren Wissens bedienten. Sie alle vier hatten das Zeug dazu, Weltmeister zu werden, auch wenn nur einem - Botwinnik - der große Sprung gelang.
    Schonberg, S. 201

    Wenngleich im Weltschach in diesen Zeiten der weltanschaulich unruhigen und nervösen Situation, in denen wieder einmal das Schach "als Phänomen der Kulturgeschichte" (Bruns) herhalten mußte, um sich voneinander abzugrenzen, mancherorts abfällig von einem sogenannten "Flohr-Fine-Stil" die Rede war, womit ein trockenes und langweiliges Schach gemeint war, so lieferte Reuben Fine gegen eben diesen Salo Flohr doch eine begeisternde Glanzpartie (Partie, siehe Anhang), die zeigt, wie ungerecht dieses Urteil in dieser Pauschalität war. Überhaupt ist das AVRO-Turnier reich an Perlen, die in die Schachgeschichte eingingen. Michail Botwinnik schuf gegen Capablanca eine der bekanntesten Partien aller Zeiten, und Capablanca symbolisierte überhaupt beim AVRO-Turnier seinen eigenen Niedergang, in dem er auffällig vielen Gegnern, u. a. seinem Erzfeind Aljechin, gestattete, sich gegen ihn von ihrer besten Seite zu zeigen (Partien, siehe Anhang).

    Der Kampf um die Schachkrone ging indessen in die nächste Runde. Paul Keres vereinbarte mit Aljechin eine Unterredung, wäre im Falle eines WM-Kampfes nach Kasparov auch von seinem Land unterstützt worden, doch als Keres zum vereinbarten Termin erschien, "wartete [er] vergebens in der Halle des "Carlton Hotels". (Kasparov, S. 269)

    Nach Garri Kasparov war Michail Botwinnik, der sich überraschend gut mit Aljechin verstand, Paul Keres zuvorgekommen und vereinbarte mit Aljechin ein baldiges WM-Match in der Sowjetunion (vgl. ebd. S. 270). Diese schnelle Übereinkunft mag recht sonderbar anmuten, allerdings ist bekannt, daß Aljechin, der seit seiner Flucht aus Rußland 1921 nie mehr seine Heimat wiedergesehen hatte, in diesen Zeiten an starkem Heimweh litt. 1936 hatte er deswegen einen Brief an den sowjetischen Schachfunktionär Nikolai Krylenko geschrieben, sich dort als reumütiger Sünder präsentiert, der aus seinen "Fehlern" gelernt habe und sich freue, am "Aufbau des Schachs in der Sowjetunion teilhaben zu dürfen" (ebd. S. 266). Aljechin hatte darauf keine Antwort erhalten, sein Brief verstaubte in irgendwelchen Archiven vor sich hin und wurde erst in der 9. Jahresausgabe 1967 in der Schachzeitschrift Schachmaty w SSSR veröffentlicht (ebd.). Insofern hätte ein WM-Kampf in der UdSSR Alexander Aljechin doch noch ans ersehnte Ziel gebracht, seine Heimat jemals wiederzusehen.

    Insofern ist es nicht erstaunlich, daß sich Aljechin in der WM-Frage überhaupt relativ konziliant zeigte. Natürlich hätte er auch für Luft und Liebe nicht in der UdSSR gespielt. Aber gegenüber den Spielern des AVRO-Turniers, die sich nach dem Turnier trafen und über die zukünftigen WM-Modalitäten sprachen, erklärte sich Aljechin dazu bereit, den nach den Londoner Vereinbarungen bei 18.000 Dollar liegenden Preisfond, den der Herausforderer aufzubringen hatte, auf 10.000 Dollar herabzusenken (ebd.). Doch eine Bosheit gegenüber Capablanca gestattete er sich. Denn Aljechin setzte durch, daß diese Bedingungen nicht für Capablanca zu gelten haben, der nach wie vor für den alten Preisfond von 18.000 Dollar aufzukommen habe (ebd.). Tatsächlich sollten Aljechin und Capablanca, die sich seit ihres Zerwürfnisses um die WM-Herausforderung nach 1927 so viele Jahre gegenseitig boykottiert und erst 1936 in Nottingham wieder gemein ein Turnier bestritten hatten, ihren Haß füreinander mit ins Grab nehmen, was insbesondere bei Aljechin manische Züge trug. Helmut Pfleger und Gerd Treppner kommentieren diese Schikane Aljechins gegen Capablanca und weisen darauf hin, daß es nicht die einzige Animosität zwischen den beiden in den Niederlanden gewesen war:

    Aljechins Haß auf Capablanca aber blieb. Nach Botwinnik forderte er für ein Match von dem Kubaner fast das Doppelte (18.000 Dollar); auch waren beide bei den Verhandlungen nie gleichzeitig im Raum, und Aljechin wohnte allein, in einem anderen Hotel als die übrigen, um nicht mit dem Erzfeind zusammenzutreffen. Remisangebote waren nur über den Schiedsrichter möglich. Wie schon erwähnt, muß es Aljechin eine besondere Freude gewesen sein, Capablanca zum 50. Geburtstag eine bittere Pille am Brett zu verabreichen...
    Pfleger/Treppner, Brett vorm Kopf, Leben und Züge der Schachweltmeister, Beck´sche Reihe, München 1994, S.

    Eine letzte Gelegenheit, die beiden gegeneinander spielen zu sehen, wäre die Schacholympiade 1939 in Buenos Aires gewesen, doch ließ sich Capablanca im Duell Kuba gegen Frankreich am 1. Brett vertreten, und Aljechin blieb nichts anderes übrig, als den Ersatzspieler in 20 Zügen zu vernichten.

    Der Haß zwischen Aljechin und Capablanca sollte nur wenig später das kennzeichnende Lebensgefühl auf dem Planeten sein, der seinen schrecklichsten und verheerendsten Krieg erlebte und die Welt, aber auch die Schachwelt von Grund auf verändern sollte. Insofern standen auch den Teilnehmern von AVRO, unseren Helden, wie wir sie nennen dürfen, die härtesten Prüfungen noch bevor, denen sie sich mal mehr und mal weniger gewachsen zeigten. Als sich 1946 wieder der Frühling auf dem Planeten regte und sich die stärksten Spieler der Welt erneut in den Niederlanden zum ersten großen Nachkriegsturnier in Groningen wiedertrafen, gab es auch für die Schachwelt nach langer Zeit wieder eine planbare und gestaltbare Zukunft.

    *vergleiche Jacques Hannak, zitiert nach Bruns, S. 28:

    ´nondum´ ´noch nicht´, sagte Steinitz bei jeder Prüfung der Kampfposition. Noch ist der Stellungsvorteil zu klein, noch ist das angehäufte Kapital nicht ausreichend, Größeres zu wagen, noch muß neues Spargut angehäuft werden, noch muß die Akkumulation der Spareinlagen Fortschritte machen - aber noch darf nicht gerastet und gerostet werden: Mehrwert deckender Wert, das ist Steinitzens Spiel, das ist das Spiel der Weltökonomie.
    Partien aus www.chessgames.com

    [Event "AVRO"]
    [Site "The Netherlands"]
    [Date "1938.11.19"]
    [EventDate "1938.11.06"]
    [Round "9"]
    [Result "1-0"]
    [White "Alexander Alekhine"]
    [Black "Jose Raul Capablanca"]
    [ECO "C05"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "69"]

    1. e4 e6 2. d4 d5 3. Nd2 Nf6 4. e5 Nfd7 5. Bd3 c5 6. c3 Nc6
    7. Ne2 Qb6 8. Nf3 cxd4 9. cxd4 Bb4+ 10. Kf1 Be7 11. a3 Nf8
    12. b4 Bd7 13. Be3 Nd8 14. Nc3 a5 15. Na4 Qa7 16. b5 b6 17. g3
    f5 18. Kg2 Nf7 19. Qd2 h6 20. h4 Nh7 21. h5 Nfg5 22. Nh4 Ne4
    23. Qb2 Kf7 24. f3 Neg5 25. g4 fxg4 26. Bg6+ Kg8 27. f4 Nf3
    28. Bxh7+ Rxh7 29. Ng6 Bd8 30. Rac1 Be8 31. Kg3 Qf7 32. Kxg4
    Nh4 33. Nxh4 Qxh5+ 34. Kg3 Qf7 35. Nf3 1-0

    [Event "AVRO"]
    [Site "The Netherlands"]
    [Date "1938.11.22"]
    [EventDate "1938.11.06"]
    [Round "11"]
    [Result "1-0"]
    [White "Mikhail Botvinnik"]
    [Black "Jose Raul Capablanca"]
    [ECO "E40"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "81"]

    1.d4 Nf6 2.c4 e6 3.Nc3 Bb4 4.e3 d5 5.a3 Bxc3+ 6.bxc3 c5 7.cxd5
    exd5 8.Bd3 O-O 9.Ne2 b6 10.O-O Ba6 11.Bxa6 Nxa6 12.Bb2 Qd7
    13.a4 Rfe8 14.Qd3 c4 15.Qc2 Nb8 16.Rae1 Nc6 17.Ng3 Na5 18.f3
    Nb3 19.e4 Qxa4 20.e5 Nd7 21.Qf2 g6 22.f4 f5 23.exf6 Nxf6 24.f5
    Rxe1 25.Rxe1 Re8 26.Re6 Rxe6 27.fxe6 Kg7 28.Qf4 Qe8 29.Qe5 Qe7
    30.Ba3 Qxa3 31.Nh5+ gxh5 32.Qg5+ Kf8 33.Qxf6+ Kg8 34.e7 Qc1+
    35.Kf2 Qc2+ 36.Kg3 Qd3+ 37.Kh4 Qe4+ 38.Kxh5 Qe2+ 39.Kh4 Qe4+
    40.g4 Qe1+ 41.Kh5 1-0

    [Event "AVRO"]
    [Site "The Netherlands"]
    [Date "1938.11.14"]
    [EventDate "1938.11.06"]
    [Round "6"]
    [Result "1-0"]
    [White "Paul Keres"]
    [Black "Jose Raul Capablanca"]
    [ECO "C09"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "75"]

    1.e4 e6 2.d4 d5 3.Nd2 c5 4.exd5 exd5 5.Ngf3 Nc6 6.Bb5 Qe7+
    7.Be2 cxd4 8.O-O Qc7 9.Nb3 Bd6 10.Nbxd4 a6 11.b3 Nge7 12.Bb2
    O-O 13.Nxc6 bxc6 14.c4 Be6 15.Qc2 dxc4 16.Bxc4 Bxc4 17.Qxc4
    Rfb8 18.h3 Rb5 19.Rac1 Rc8 20.Rfd1 Ng6 21.Nd4 Rb6 22.Ne6 Qb8
    23.Ng5 Rb7 24.Qg4 Bf4 25.Rc4 Rb5 26.Nxf7 Re8 27.g3 Qc8 28.Rxf4
    Qxg4 29.Rxg4 Kxf7 30.Rd7+ Re7 31.Rxe7+ Kxe7 32.Bxg7 Ra5 33.a4
    Rc5 34.Rb4 Ke6 35.Kg2 h5 36.Rc4 Rxc4 37.bxc4 Kd6 38.f4 1-0

    [Event "AVRO"]
    [Site "The Netherlands"]
    [Date "1938.11.13"]
    [EventDate "1938.11.06"]
    [Round "5"]
    [Result "1-0"]
    [White "Reuben Fine"]
    [Black "Salomon Flohr"]
    [ECO "C17"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "55"]

    1. e4 e6 2. d4 d5 3. Nc3 Bb4 4. e5 c5 5. Bd2 Ne7 6. Nf3 Nf5
    7. dxc5 Bxc5 8. Bd3 Nh4 9. O-O Nc6 10. Re1 h6 11. Na4 Bf8
    12. Rc1 Bd7 13. Nxh4 Qxh4 14. c4 dxc4 15. Rxc4 Qd8 16. Qh5 Ne7
    17. Rd4 g6 18. Qf3 Qc7 19. Nc3 Nf5 20. Nb5 Qb6 21. Rxd7 Kxd7
    22. g4 Nh4 23. Qxf7+ Be7 24. Bb4 Rae8 25. Bxe7 Rxe7 26. Qf6 a6
    27. Rd1 axb5 28. Be4+ 1-0
    Geändert von Kiffing (12.02.2015 um 20:59 Uhr)
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