Auch wenn generell empfohlen wird, Schachbücher nicht zu konsumieren, sondern zu studieren, so fällt dies bei bewußt als Arbeitsbücher herausgegebenen Werken naturgemäß leichter als bei Schachbüchern, in denen der Schachbuchautor primär ein bestimmtes Wissen vermitteln möchte. Viel zu rasch spielen die Leser die vorgestellten Partien herunter und setzen sich bestenfalls oberflächlich mit den Partien und den aufgezeigten Nebenvarianten auseinander. Das alles ist nicht ganz unnütz, denn das Wissen erreicht i. d. R. doch den Konsumenten, doch ist ein bestimmtes Wissenslevel im Schach erreicht, so macht ein Umsteigen auf wirkliche Arbeitsbücher Sinn, die nun prioritär untersucht werden sollten.

Als Arbeitsbuch im Schach definiere ich ein Schachbuch, das überwiegend bis fast ausschließlich aus Schachaufgaben besteht, die zudem nicht en passant in der Eisenbahn gelöst werden können, sondern deren Schwierigkeitsgrad das Level des Lesers teilweise deutlich überschreitet, so daß dieser zu langem und ernsthaftem Nachdenken für die Aufgaben gezwungen ist. Die Kurzdefinition ist also: Aufgabenbuch mit erhöhter Schwierigkeit. Als Arbeitsbuch habe ich im Forum bereits Wolokitins und Grabinskis Werk Perfektionieren Sie ihr Schach vorgestellt. Nachdem ich John Nunns Buch der Schachaufgaben durchgearbeitet habe, habe ich Vergleichsmöglichkeiten, und weil mir in diesem Vergleich ins Auge gesprungen ist, daß beide Arbeitsbücher unterschiedliche Stärken des Schachspielers fördern, so daß sich beide Arbeitsbücher gut ergänzen, ist der Vergleich beider Arbeitsbücher der rote Faden in diesem Thread.

Wolokitin und Grabinski sind beide als kreative Angriffsspieler bekannt, die regelrecht darin aufgehen, durch kreative Angriffsmanöver die gegnerischen Bastionen aus dem Weg zu räumen. Insofern fiel mir auf, daß deren Aufgaben, auch im Kapitel 2, wo eigentlich die Rechenarbeit im Vordergrund stehen sollte, eine kreative, ja geniale Idee zugrunde lag, die der geneigte Leser aufzuspüren hatte, um die Aufgabe zu lösen. Ganz anders liegt da der Schwerpunkt bei dem Kreator der Nunn-Konvention. Zwar sollte der Anspruch John Nunns nicht zu ernst genommen werden, daß Nunn sich mit der bereits im Titel als Schachaufgaben vorkommenden Bezeichnung bewußt von Taktikbüchern abgrenzen wollte, weil seine Schachaufgaben alle möglichen schachlichen Probleme umfassen sollten - letztendlich besteht das Gros seiner Aufgaben dann doch aus Taktikaufgaben. Bei John Nunn ist aber eine gewisse Skepsis gegenüber euphorischen Angriffsmanövern zu spüren, und so läßt er voller Absicht den begeisterten Leser in nicht wenigen Aufgaben an einer gegnerischen Verteidigungsidee zerschellen, die so genial scheinende Idee hat ein Loch, der Angriff verliert, und hier wäre, für ein Taktikbuch völlig atypisch, ein gesunder Positionszug die richtige Antwort. Genauso leicht kann es passieren, daß es zwar für den eigenen Angriff eine gewisse Idee braucht, wo aber das Entscheidende und Schwierige darin liegt, die richtige Zugfolge zu ermitteln, denn gerne gibt Nunn Aufgaben vor, bei denen es viele Zugfolgen für ein bestimmtes Motiv gibt, und nur eine einzige Zugfolge führt zum Ziel, weil kann nicht widerlegt werden, und natürlich ist es dann nicht die auf dem ersten Blick naheliegende Zugfolge. Ein Beispiel mag das Gesagte veranschaulichen (Weiß am Zug):



Die Grundidee, den Läufer zu opfern, um den Ta1 an dem Mattangriff zu beteiligen, wird von dem Autoren vorausgesetzt. Die Schwierigkeit hier ist aber der exakte Weg zur Durchsetzung dieser Idee. So scheitern sowohl 1. Kd2 als auch 1. 0-0-0 an dem überraschenden 1. ...Ld3! 1. Dh5+ führt nach 1. ...Kg8 2. Kd2 Tf7 3. Tg1+ Tg7 4. Txg7+ Kxg7 5. Dg5+ Kf7 6. Dh5+ nur zum Remis. Die einzige richtige Lösung ist somit die Durchführung mit 1. Dh6+! und erst dann 2. Kd2 oder 2. 0-0-0, weil Schwarz sich hier nicht mehr mit 1. ...Ld3 retten kann. Nunn gibt hier zwei Gewinnvarianten an: A) 1. Dh6+! Kg8 2. Kd2 Kf7 3. Tg1 Ke8 4. Dh5+ Tf7 5. d6 cxd6 6. Lxd6 Da5+ 7. Kc1 B) 1. Dh6+! Kg8 2. 0-0-0 Kf7 3. Tg1 Ke8 4. Dh5+ Kf7 5. d6 cxd6 6. Lxd6 Da5+ 7. Kc1



Während also für Wolokitin und Grabinski die Genialität im Vordergrund zu stehen scheint, so ist es für John Nunn die Gründlichkeit, was ich nicht als Widerspruch, sondern als sinnvolle Ergänzung sehe, denn Genie ohne Gründlichkeit läuft nur allzu oft ins Leere oder ins Verderben, während Gründlichkeit ohne Genialität nur einfache Hausmannskost zu servieren vermag. Insofern ist es kein Wunder, daß ich mich persönlich mit den Aufgaben John Nunns und der von ihm verlangten Exaktheit wesentlich schwerer tat als mit den Aufgaben Wolotikins und Grabinskis. Bei letzteren löste ich fast die Hälfte der Aufgaben im FM-Bereich. Bei John Nunn kam ich im nach Elozahlen ausgewerteten Selbsttest dagegen nur auf einen bescheidenen Elowert von 1833 nach einer Punkteausbeute von 24/120.

Die Schachliteratur ist ein weites Feld, und Taktikbücher, zu denen ich Nunns Buch einmal dazuzählen möchte (Begründung, s. o.), sind dort wiederum eine Art Staat im Staate, mit eigenen Schwerpunkten und Meinungskämpfen. Ich selbst, der sich in diesem Segment irgendwo im Spannungsverhältnis zwischen Puristen von Polgaranhängern und Textbomben à la Volkhard Igney sieht, fand es ganz angenehm, auf der einen Seite während der Bearbeitung von Aufgaben vom Autoren in Ruhe gelassen zu werden, auf der anderen Seite aber sowohl sinnvoll als auch geistreich vom Autoren durch das Buch begleitet zu werden, der als Gelehrter dem Leser auf jeden Fall etwas zu sagen hat, was dieser als Gewinn für sich mitnehmen kann. In diesem Sinne fand ich z. B. das Kapitel Von der Zeit geprüft hochinteressant, bei dem sich der Autor mit dem Schachturnier in Karlsbad 1911 und seinen 325 Partien auseinandergesetzt hat. Der Schluß, zu dem John Nunn, der sich in seinen Studien durchaus ergebnisoffen mit diesem Thema auseinandergesetzt hat, gelangt, spricht pars pro toto für den gründlichen und exakten Ansatz des nüchternen Mathematikers, dem naive Bewunderung fremd ist, und der auch die Pioniere des modernen Schachs nicht schont. Und so wundert es am Ende nicht wirklich, daß Nunn, der sein Urteil übrigens ausführlich und stringent begründet, am Ende zu dem Schluß kommt: "Um es kurz und bündig zu sagen: Die alten Spieler waren viel schlechter als ich erwartet hatte. Die von Fritz gefundenen Patzer waren so fürchterlich, daß ich eine beträchtliche Zahl von kompletten Partien "von Hand" durchging, weil ich mich fragte, ob die von Fritz abgelieferten Ergebnisse wirklich das allgemeine Spielstärkeniveau wiedergeben. Dies war in der Tat der Fall. Im Vergleich damit ergab die Analyse des Interzonenturniers Biel 1993 mit Fritz relativ wenig; viele der aufgeworfenen Punkte waren schon in den Anmerkungen der Spieler selbst im Informator oder anderswo untersucht worden. Ursprünglich hatte ich vor, in diesem Kapitel die Stellungen aus Karlsbad und Biel nebeneinander anzuordnen, aber die Ergebnisse waren so einseitig, daß ich beschloß, mich hier auf das Karlsbader Turnier zu konzentrieren" (S. 69f.). Wie schlecht der Engländer die Teilnehmer von Karlsbad 1911 nun genau hielt, dafür steht der in der Schachburg schon vorgestellte "Bauer Süchting", der in Karlsbad immerhin auf 11,5/25 Punkte kam, dem Nunn nur eine heutige Spielstärke von Elo 2100 zubilligt, und das nur "an einem guten Tag und mit Rückenwind". Nunn zeigt u. a. zwei grobe Patzer von Hugo Süchting, die sogar Nunns unter Vorbehalt geäußerte Einstufung als 2100er Spieler überaus günstig erscheinen lassen, und die durchaus geeignet sind, die Ehrfurcht vor den Altmeistern auf ein realistisches Maß zurückzustutzen.


In der Partie Süchting gegen Aljechin folgte 10. 0-0?? Dxb5 -+


Hier stellt Süchting gegen den späteren Turniersieger Richard Teichmann mit 18. ...c6?? 19. Lb6+ Dd7 20. Sc7+ sogar einen Turm ein.

Unter diesem Blick erscheint es nur konsequent, daß Nunn von den 325 Partien im Karlsbader Turnier nur zwei Partien erwähnt, die im kollektiven Gedächtnis der Schachwelt geblieben sind. Wenn Karlsbad 1911 nun pars pro toto für die älteren Schachturniere steht, die paradoxerweise trotz des gewaltigen Spielstärkegefälles für sich bekannter sind als ein beliebiges Schachturnier in unseren Zeiten, und das eben auch durch markante Partiebeispiele, so liefert John Nunn für diesen Befund natürlich eine schlüssige Erklärung (S. 78): "Wenn man aus 325 Partien nur zwei auswählen muß, kann man normalerweise zwei gute finden, da alle Spieler von Zeit zu Zeit weit über ihre Verhältnisse spielen (von Affen und Schreibmaschinen fange ich lieber erst gar nicht an!)".