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Thema: Was ist dran an der Allegorie des Schachs mit dem Leben?

  1. #1
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    Was ist dran an der Allegorie des Schachs mit dem Leben?



    Wer lange genug mit dem Schach zu tun hatte, wird sicherlich schon irgendwoher einmal die Allegorie des Schachs mit dem Leben gehört oder gelesen haben, der manchen Schachfreunden zusagt und womit andere Schachfreunde wiederum nichts anfangen können. Tatsächlich fällt es vielen schwer, einer solch schwergewichtigen Analogie des Lebens mit einem Brettspiel auf dem ersten Blick etwas abzugewinnen. Doch darf hierbei nicht vergessen werden, daß das Schachspiel eine sehr lange Tradition in vielen Kulturkreisen hat und aus den Bedürfnissen der Menschen in einer archetypischen Gemeinschaft entwickelt wurde, dessen Popularität seit Jahrhunderten ungebrochen ist. In diesem Thread sollen verschiedene Begründungen für diesen Vergleich von verschiedenen Denkern vorgestellt werden. Ziel dieses Threads ist es, die Schachfreunde in die Lage zu versetzen, diesen Vergleich nachvollziehen und mit Farbe füllen zu können. Es wird nicht erwartet, daß jeder Schachfreund diesen Vergleich nach Beendigung der Lektüre annimmt. Denn es geht hier um das Verstehen und um das Auseinandersetzen mit dieser durchaus eschatologischen Materie, durch die jeder Schachfreund in die Lage einer selbständigen Bewertung zu dieser Fragestellung versetzt wird, die natürlich, wie immer, im Thread selbst diskutiert werden kann.

    Es ist bekannt, daß Emanuel Lasker sich nicht nur als Schachspieler, sondern neben seinen anderen vielseitigen Beschäftigungen auch als Philosoph verstand. Lasker hat nicht nur als Schachspieler Schachbücher verfaßt, sondern in seiner Rolle als Philosoph mit Kampf (1907), Das Begreifen der Welt (1913) und Die Philosophie des Unvollendbaren (1917) in drei Traktaten seine philosophischen Vorstellungen vorgestellt. Er wollte seine Philosophie des Kampfes mit dem Schachspiel verschmelzen und hat zu diesem Zweck die Kunstfigur des Macheeiden, d. h. des idealen Kämpfers geschaffen. Als gemeinsame Prinzipien des Schachs mit dem Leben sah er an, herausgearbeitet vom Schachphilosophen Dr. Fritz Siebert:

    - Das Gesetz der Erhaltung der Energie
    - Prinzip der Kompensation
    - Schach als Gleichgewichtsspiel
    - Prinzip der Proportion
    - Die äußeren Elemente und das spezifische Element des Schachs
    - Prinzip der Ökonomie
    - Begriff des Opfers
    - Geltungsrecht der schachlichen Maximen
    Die heute wirkende Schachkünstlerin Elke Reeder verstand in ihrem Essay zur Schachphilosophie das Schachspiel als ein Drama in drei Akten, das mit der Eröffnung beginnt, mit dem Mittelspiel fortgesetzt wird und im Endspiel mit der Ermordung des Königs endet [wie in der Theatergeschichte sind diese drei bzw. fünf Akte nicht (mehr) obligatorisch]. Die Sonnenritter, die sich ihrerseits „mit der Metaphysik des Schachspieles“ auseinandersetzen, sprachen in diesem Zusammenhang von den drei Zeitphasen „Werden, Sein, Vergehen“, die im Alltag auch „Anbahnung, Auftritt und Konsequenz“ genannt werden könnten. Hier gehen die Autoren noch weiter und setzen das Schach mit der „wichtige[n] Gesetzmäßigkeit in unserem Dasein“, der „sogenannten Trinität“ in Beziehung. Die Autoren führen aus:

    Eine weitere wichtige Gesetzmäßigkeit in unserem Dasein ist auch die sogenannte Trinität. Wahrscheinlich hat sie jeder schon einmal vernommen. Ob wir nun “Körper – Geist – Seele” benennen, in der germanischen Mythologie “Urd – Verdandi – Skuld” oder in der christlichen Theologie “Gott Vater – Sohn – Heiliger Geist” – es gibt unzählige weitere Bedeutungen und Beispiele. Jedenfalls, in den verschiedenen Lebensabschnitten, in verschiedenen Momenten, ja auch in verschiedenen Alltagssituation, gibt es ebenfalls 3 Zeitphasen. Natürlich auch im Schach. Hier heißen sie “Eröffnung”, “Mittelspiel” und “Endspiel”. In die gesamte Lebensspanne integriert, heißen Sie “Werden – Sein – Vergehen”. Und im Alltag können wir sie meinetwegen “Anbahnen – Auftritt – Konsequenz” nennen. Alle Begriffsfolgen haben hierbei (fast) die selben Bedeutungen und Inhalte inne.
    Das Schachspiel ist bekanntlich reich an Gleichnissen, die das Schachspiel in Beziehung zu dem Leben setzen. So handelt ein Gleichnis davon, daß kluge Berater ihrem tyrannischen König, dem sie keine offene Kritik entgegensetzen konnten, dem König das Schachspiel zeigten, um ihm, in einer Spielart des Magen-Glieder-Gleichnisses von Lanatus, zu zeigen, daß er als König auf sein Volk angewiesen sei. Ich habe das schachliche Gleichnis nicht ohne Grund mit dem Magen-Glieder-Gleichnis verglichen, denn Elke Rehder zieht eine ähnliche Analogie und geht hier noch weiter, indem sie die verschiedenen Figuren bestimmte menschliche Wirkungsprinzipien zuschreibt:

    Wird die Bedeutung der Schachfiguren auf die spirituelle Ebene gehoben, ist die Figur des Königs das Herz oder der Geist. Die übrigen Figuren sind die verschiedenen Bereiche der Seele mit unterschiedlichen Kräften. Die axiale Bewegung des Turmes, welche die unterschiedlichem Farben durchschneidet, ist logisch und männlich, während die diagonale Bewegung des Läufers auf einer Farbe einer existentiellen und folglich weiblichen Kontinuität entspricht. Der Sprung des Springers entspricht der Intuition.*
    Zudem sei im Schach mit den weißen und schwarzen Heeren der im „Bild der Welt“ „grundlegende Dualismus“ verkörpert, der sich etwa im fernöstlichen „Ying [Yin] und Yang“, im Kampf der Götter mit den Titanen in der indischen Mythologie, dem Wirken von Licht und Finsternis oder „spirituell“ im „Kampf zwischen Seele und Teufel“ äußert [entgegen weit verbreiteter Anschauung entspricht die Beziehung Gott und Teufel keinem Dualismus, weil dies der Allmächtigkeit Gottes widersprechen würde und der Teufel nicht als Gegenspieler, sondern als Diener Gottes fungiert].

    Jörg Seidel bezeichnet die Schachhistoriker als „kostbare Kleinode“, weil „seltenes Ereignis“, da man „ihren Erscheinungsrhythmus“ in „Jahrzehnten“ rechnen müsse (Jörg Seidel, Metachess, Charlatan-Verlag, Rostock 2009, S. 72). Elke Rehder sieht dies ähnlich und hat diese in ihrer Bibliothek gesammelt. Sie zitiert Prof. Dr. Christian Hesse, der im Mikrokosmos Schach das menschliche Leben in vielerlei Aspekten abgebildet sieht:

    Es ist ein in sich abgeschlossenes Modell des Lebens und der Welt im Kleinen. Trotz der Begrenzung des Spielplatzes auf nur 64 Felder und der möglichen Verhaltensweisen auf nur wenige klare und übersichtliche Zugregeln ist es in einer ans Wunderbare grenzenden Weise komplex und so vielschichtig, dass es in symbolischer Form Grundaspekte der menschlichen Existenz widerzuspiegeln vermag. Schach ist eine geistige Kampfsportart und gleichzeitig ein Resonanzboden für Ästhetik, Leidenschaft und intellektuelles Heldentum, ein Königreich voller Ideen, Emotionen, Imaginationen, von einmaligen Einblicken, links- und rechtshemisphärischer Denkaktivität, von gebündelter Kreativität und wunderbarer Harmonie zwischen logischen und paradoxen Elementen.
    Auch Auseinandersetzungen mit dem Gehalt des Ideengebäudes der so produktiven Künstlerin hat es gegeben, die diese Autoren dazu inspiriert haben, ihre Ideen weiterzuführen. Dr. Gerhard Stübner kommt etwa, in Bezugnahme auf die Ideen Reeders, zu dem Schluß:

    Schach ist nach Stefan Zweig eine Mathematik, die nichts errechnet; eine Kunst ohne Werke; eine Architektur ohne Substanz. Und dennoch übt dieses im 6. Jahrhundert n. Chr. entstandene Kampfspiel eine bis heute andauernde Faszination aus, weil Grundelemente menschlichen Denkens und Handelns, die in seinen Spielregeln formalisiert sind, zeitlose Gültigkeit und Aktualität besitzen. Die Regeln als konservative Struktur bilden die Basis. Aber was sich auf dem Schachbrett während des Spiels daraus formt, sind dynamische Ordnungszustände durch die unendlichen Möglichkeiten der Züge. Entscheidend für den Ausgang ist die Gestalthaftigkeit des Denkens, die den Spieler befähigt, seine Strategie permanent an den realen Erfahrungen zu überprüfen und vorausschauend seine eigenen, aber auch die Chancen des Gegners zu sehen und danach zu handeln.
    Die von mir schon erwähnten Sonnenritter sehen, ganz der Philosophie Nietzsches mit seinem Willen zur Macht (die allerdings gar nicht so weit von Laskers auf das Schachspiel übertragene Philosophie des Kampfes entfernt ist) verpflichtet, im Schach die von Nietzsche gesehenen Wirkungsmechanismen, in denen sich das Individuum zu behaupten vermag:

    Der Kampf als inneres Erlebnis
    “In der Welt offenem Schlachtfeld ist jeder Mensch ein Kämpfer; und um ein erfolgreicher Kämpfer zu werden mußt Du berechnend und mutig sein, einen kühlen Kopf bewahren, gnadenlose Strategien besitzen, ein tapferes Herz, einen starkenArm und eine unbezwingbare Entschlossenheit.”7

    Dieses Zitat, entnommen aus dem Buch “Might is Right – Die Philosophie der Macht”, drückt sehr gut aus, was wir alle stets beachten sollten.
    Entweder jeder einzelne kann für sich das Losungswort “Sieg” auf die Fahne schreiben oder er verglüht im Kampf um das Dasein, wie ein Stern verglühen wird; wie eine Freundschaft, eine Gruppe oder ein Bund sich auflöst, wenn Eigennutz, Selbstsucht und der daraus resultierende Verrat die Überhand gewinnen; wie eine Nation untergeht die nicht wehrhaft ist; wie ein Volk vom Angesicht der Erde verschwindet, das nichts mehr auf sich, seine sittlichen Gesetze und seine moralischen Ansichten gibt.
    Natürlich wird hier ein nihilistischer oder fatalistischer Zeitgenosse an dieser Stelle einwerfen und einwerfen können: “Sterben müssen Wir alle irgendwann einmal.”, doch es liegt an uns, dieses Sterben, was ja im weitesten Sinne bereits mit der Geburt einsetzt, würdevoll, wenn möglich ästhetisch, aber in jedem Falle vernichtend für den Gegner zu gestalten.
    Wie jeder Einzelne seinen oder seine Gegner kategorisiert und definiert, ist hier natürlich nicht möglich näher zu fassen. Das vollzieht jeder selbst, nach eigenen moralischen und sittlichen Wertvorstellungen.
    Aber wir können, nein wir müssen sagen, dass es bis zu unserem Ableben, im Normalfall sollte das in einer späteren Lebensphase eintreten, jede Menge zu erobern und zu erfahren gilt! Nie hat man seinen Horizont erreicht, auch wenn man das manchmal fälschlicherweise in bester Egomanenmanier denkt, oder besser gesagt: mutmaßt.
    Auch in der von Nietzsche beschriebenen Stellung des Menschen als „Seil zwischen Tier und Übermensch“ wird diese Stellung des Menschen im „Mikrokosmos“ des Schachspieles deutlich:

    “Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch, ein Seil über einem Abgrunde. Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben. Was groß ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist.”8

    Im Schach spiegeln sich diese 2 Zitate in der Figur des Königs wider. Obwohl er die wichtigste Figur im Spiel ist, ist er auch die schwächste, was seine Zugmöglichkeiten und das Schlagen der gegnerischen Figuren betrifft. Das Königsprinzip tiefgründig auszuwerten, ist natürlich unglaublich schwierig. Zunächst einmal müssen wir feststellen, dass das Bezugszentrum (der König) und das Kraftzentrum, offensichtlich ständigen Wandlungen unterworfen ist.
    Es gibt verschiedene Möglichkeiten (Figuren im Schach), die jedoch bestimmte Regeln besitzen (Zugweise der Figuren). Man kann also nicht immer in jede Richtung agieren, sondern muss sich selbst in taktisch wertvolle Situationen bringen, aus denen heraus, man störungsfrei agieren kann. Manche Methoden behindern sich selbst, manche sind in Kombination unschlagbar und vernichtend. Manchmal steht man sich selbst im Weg, manchmal kann man den Gegner dazu verleiten, sich im Weg zu stehen.
    Erwähnenswert ist auch die Bedeutung des Zentrums im Schach, in welchem die Sonnenritter ein gehobenes Lebensprinzip sehen:

    Wer das Zentrum beherrscht oder auch, wer sich gefestigt in der Mitte des Lebens platziert, mit Rückhalt anderer Figuren, die da wären: seine Klugheit, seine Strategie, seine Taktik, seinem visionären Sehen, seinem unerschütterlichen Willen, der wird ein Fels in der Brandung, den keine Sturmwoge so schnell in die Fluten des Schicksals reißt. Im Idealfall erarbeitet man sich eine Situatuion, in der man vollkommen die Kontrolle besitzt, den Gegner oder die äußere Welt bereits kontrolliert und ihn oder sie weiterhin in eine Richtung lockt, in der man ihn oder sie bewusst haben will. Alles unter der Berücksichtigung einer schnellen und gesunden Entwicklung, unter Vermeidung von Zeitverlust, unter der Berücksichtigung Druck zu verschaffen, stellenmäßige Vorteile auszuarbeiten, zu sichern und darauf hin, gegen den Gegner unerbitterlich vor zu gehen.
    Und schließlich wird im Schach auch die Wechselwirkung zwischen Idee und Leben deutlich, Sonnenritter:

    Im Schach zeigt sich so symbolhaft die fruchtbare Wechselwirkung zwischen Idee und Leben. Wir haben die Idee zu schützen und zu wahren, tragen sie tief und gläubig in unserem Herzen, aber die Idee trägt auch uns, hält uns im schweren Kampf aufrecht. Zwischen diesen beiden Polen, Idee und Leben, scheint sich unser ganzes Dasein zu bewegen. Bald sind wir in der Idee versunken, um Ihrer ganz inne zu werden, bald treibt es uns aus der Idee heraus, zum schöpferischen, tatkräftigen Leben.
    Wie wunderbar offenbaren uns so die beiden Hauptseiten unseres Menschseins, die zentripetale, der Idee zugekehrte und die zentrifugale, aus der Idee heraus dem Leben zugewandte: Besinnung und Gestaltung!
    Der bekannte Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt läßt das Schachspiel gleich in zwei verschiedenen Spielarten des Weltgeschehens auftreten:

    Stellen wir uns jedoch das Weltgeschehen als ein Schachspiel vor, so sind zuerst zwei Partien denkbar, eine deterministische und eine kausale.
    Beim deterministischen Schachspiel sitzen sich zwei vollkommene Schachspieler gegenüber, ... (etwa) das gute und das schlechte Prinzip, ... die miteinander kämpfen. Die Menschen sind die Schachfiguren. Diese sind in dieser Partie determiniert, Folgerungen der außermenschlichen Schachüberlegungen; ob die Menschen Gutes oder Schlechtes vollbringen, ist gleichgültig, sie sind, ob weiße oder schwarze Figuren, von den gleichen Gesetzen bestimmt: von den Regeln des Schachspiels. Die manichäischen Religionen sind symmetrische Konzeptionen, das Gute und das Böse sind im Gleichgewicht; zwei vollkommene Schachspieler vermögen sich nicht zu besiegen, sie verharren in ewigem Patt, in ewiger Koexistenz, Siege sind nur Scheinsiege. Die Welt ist durch Prädestination determiniert, statt des Chaos herrscht eine unbarmherzige Ordnung.
    Bei der kausalen Partie dagegen spielen die Schachfiguren selber, sie sind die Ursachen ihrer Wirkungen, ihre guten Züge sind die ihren, ihre Fehler sind die ihren. Die zwei vollkommenen Schachspieler fallen in einen ... zusammen, der die Partie nicht mehr spielt, sondern begutachtet, genauer, er spielt sie auf eine delikatere Weise als die beiden Spieler des deterministischen Schachs: er führt die Partie als Schiedsrichter. Als solcher ist er nicht unbedingt gerecht, die Welt ist eine abgefallene Welt, das Chaos ist größer als die Ordnung. Daß das Spiel nicht abgebrochen und weggeräumt wird, hängt allein von der Gnade und der Barmherzigkeit des Schiedsrichters ab. Gnädig und barmherzig kann jedoch kein Prinzip sein, sondern nur eine Person. Das Judentum und die daraus hervorgegangenen Religionen sind daher an einen persönlichen Gott gebunden.
    Für Dürrenmatt sind diese Vergleiche nur der Anfang der Weltgeschichte. Mit dem „Aufkommen der Naturwissenschaft“ erweitern sich die Spiele um das „Spiel des Geistes“, dem „Spiel der Natur“, dem „Brett der Freiheit“ und dem „Brett der Naturnotwendigkeit“. (ebd.)

    Zum Schluß noch ein Verweis auf Literatur und berühmtes Schachzitat: Wer sich mit Samuel Beckets Drama Endspiel beschäftigt, wird eine sehr pessimistische Weltsicht vorfinden, in der das Leben als Schachspiel vorgestellt wird, in dem ständig Zugzwang herrsche und wir so beständig unsere Position verschlechtern. Das Schachzitat wiederum ist von Thomas Henry Huxley:

    Das Schach ist die Welt. Die Steine sind die Erscheinungen im Weltall, und die Spielregeln sind die Naturgesetze.
    Das ist, wie ich finde, ein schöner Schlußsatz.
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  2. #2
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    AW: Was ist dran an der Allegorie des Schachs mit dem Leben?

    Das im Eingangsbeitrag bereits angesprochene Werk Dürrenmatts kann man sogar kaufen, und die Beschreibung vom Schachversand Niggemann klingt eindrucksvoll:

    Der Entwurf zu einer Erzählung »Der Schachspieler« aus dem Nachlaß Friedrich Dürrenmatts, die hier erstmals in Buchform mit Schabzeichnungen des Schweizer Illu*strators Hannes Binder vorliegt, ist mehr als nur ein Fragment: Es ist ein zwar sprachlich noch nicht endgültig bearbeitetes, aber doch in sich geschlossenes, parabelhaftes Prosastück über das Weltgeschehen als universales Schachspiel.

    Ein Richter und ein Staatsanwalt treffen sich regelmäßig einmal im Monat zu einer makabren Schachpartie: Jede der Schachfiguren auf dem Spielbrett steht für eine lebende Person. Wird eine Figur während des Spiels geschlagen, muß sie nach der Spielregel getötet werden, bevor die Partie fortgesetzt werden kann.

    Friedrich Dürrenmatt, selbst zeitlebens ein begeisterter Schachspieler, schrieb die*se Prosaarbeit vermutlich nicht nur als Kriminalgeschichte, sondern als erzähleri*sches Gegenstück zu dem im Jahr 1979 gehaltenen Vortrag über das Welt- und Gottesbild Albert Einsteins: Wie lassen sich feststehende und unveränderbare Naturge*setze mit der christlichen Vorstellung von einem helfenden und eingreifenden Gott vereinbaren? Vielleicht hat Gott ein universales Schachspiel geschaffen, in denen sich der Mensch - nach den Regeln des Spiels - frei bewegen darf. Dann gibt es kein Gut oder Böse, sondern nur richtige und falsche Züge...
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  3. #3
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    AW: Was ist dran an der Allegorie des Schachs mit dem Leben?

    Danke für den interessanten und vielschichtigen Essay.

    Yin und Yang, das schöpferische Weltprinzip, möchte ich gerne noch etwas ausführen, da es (auch) das weibliche und männliche Prinzip symbolisiert.

    Yin steht für weiblich, weich, dunkel, kalt, Ruhe. Yang für männlich, hart, hell, heiß, Aktivität. Yin und Yang symbolisieren das Gleichgewicht der Kräfte und das Leben in Balance. So treten Yin und Yang immer gemeinsam auf, niemals isoliert. Yin und Yang befinden sich in einem dauerhaften Zustand von Veränderung und sind nicht absolut, sondern nur in Relation zueinander zu verstehen.

    Ja, Yin und Yang sind im Schach durch die schwarzen und weißen Steine symbolisiert, aber auch das Schachbrett selbst ist in schwarze und weiße Felder unterteilt und symbolisiert Yin und Yang, also das weibliche und männliche (schöpferische) Weltprinzip.

    Wohin eine einseitige Verschiebung hin zum Yang (Mann) führt, wurde bereits in diesem Thread diskutiert: ( https://www.schachburg.de/threads/19...amen-im-Schach ) Übertrüge man dies auf das Schachbrett und die Schachfiguren, so wäre das Schachbrett nicht mehr in 64 schwarze und weiße Quadrate unterteilt, sondern wäre selbst nur noch ein einziges großes weißes Quadrat. Und die Schachfiguren bestünden nicht mehr aus 16 weißen und 16 schwarzen Figuren, sondern nur noch aus 32 weißen Figuren. Das Ungleichgewicht, gar das Chaos wären also schon vorprogrammiert. Denn niemand könnte so Schach spielen (ohne wahnsinnig zu werden)! Natürlich auch nicht bei einer einseitigen Verschiebung hin zum Yin, denn dann wären Schachbrett und Figuren alle schwarz.

    Auch hier eine Analogie zum Leben: Ein Ungleichgewicht von Yin und Yang, sei es im Menschen selbst oder innerhalb einer Gesellschaft, führt unweigerlich zur Störung, zur Unterdrückung, zur Krankheit... Aber auch im Schachspiel, wie schon angedeutet, zu Chaos und Untergang...

    Auch in jedem von uns wirken Yin und Yang gleichermaßen, unabhängig vom Geschlecht. Ist die Balance gestört, im Ungleichgewicht, ist es auch der jeweilige Mensch selbst.

    Tja, dies war also noch eine weitere Allegorie des Schachs mit dem Leben, die ich als Ergänzung hier noch anfügen möchte. Oder Analogie – ganz wie Ihr wollt.

  4. #4
    Anonym
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    AW: Was ist dran an der Allegorie des Schachs mit dem Leben?

    Ausgleich ist Tod - Chaos ist Leben.

  5. #5
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    Avatar von ruf012
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    AW: Was ist dran an der Allegorie des Schachs mit dem Leben?

    Ausgleich im Chaos ist dessen Tod,
    Chaos im Ausgleich ist dessen Leben.

  6. #6
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    AW: Was ist dran an der Allegorie des Schachs mit dem Leben?

    Zum Schluß noch ein Verweis auf Literatur und berühmtes Schachzitat: Wer sich mit Samuel Beckets Drama*Endspiel*beschäftigt, wird eine sehr pessimistische Weltsicht vorfinden, in der das Leben als Schachspiel vorgestellt wird, in dem ständig Zugzwang herrsche und wir so beständig unsere Position verschlechtern.
    Der Gedanke, das Leben ist eine Art Schachspiel, in dem ständig Zugzwang herrscht und wir so beständig unsere Position verschlechtern - dieser Gedanke gefällt mir sehr. Wir sind weniger frei als wir glauben. Insofern halte ich Becketts Weltsicht in seinem Drama Endspiel für gar nicht so pessimistisch. „Der Mensch (Das Ich) ist nicht Herr im eigenen Haus.“ hat es Freud einmal ähnlich pessimistisch (realistisch?) formuliert.

    Nun ist Becketts Drama Endspiel zwar aus dem Jahre 1956, 11 Jahre nach dem 2. Weltkrieg, aber auch heute, im 21. Jahrhundert, ist das Leben des Einzelnen innerhalb der Gesellschaft nicht einfacher geworden und die Zwänge, denen ein jeder unterworfen ist, bergen auch heute ein Konfliktpotential, das sich in den persönlichen Schicksalen, Tragödien, Krisen, Krankheiten des Individuums widerspiegelt.

    „Der Einzelne selbst ist als geschichtliche Kategorie Resultat des kapitalistischen Entfremdungsprozesses und trotziger Einspruch dagegen, als ein wiederum Vergängliches offenbar geworden.“ Christian Linder

    „Aber es geht nicht nur um Probleme der Zeit. Es geht auch um Probleme des Festhaltens oder Aufgebens von Hoffnung. Eine andere Frage: Wie setzt man sich mit der skandalösen Tatsache auseinander, dass nach dem Gesetz des Zufalls der eine dieses Lebenslos bekommt und der andere jenes. Wie geht man mit dem Problem um, dass die einmalige Chance des Lebens so ungleich bemessen wird, wie geht man mit der Zufälligkeit von Glück und Unglück um, wie mit der Kontingenz?“ Christian Linder

    Was bleibt, wenn am Ende doch nichts bleibt? Oder birgt diese Frage nicht doch vielleicht eine Chance? Innerhalb aller Vergeblichkeit, die dieses Leben für jeden bereit hält? Fragen über Fragen. Welchen Faden ich auch berühre, es bewegt sich das ganze Netz.


    http://www.samuel-beckett.net/endspiel.htm

    http://www.deutschlandfunk.de/samuel...icle_id=185502

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