Nehmen wir einmal an, Weiß spielt gegen Französisch, und auf dem Brett erscheint überraschend mit 1. e4 e6 2. d4 c5 die Franco-Benoni-Verteidigung, wie sie genannt wird. Im Prinzip sollte sich Weiß hier nicht erschrecken, da diese Art „Geheimwaffe“ in mancherlei Hinsicht etwas stumpf ist. So sollte ein Spieler in der Eröffnung danach streben, die Zahl an Variationen für den Gegner gering zu halten. Hier erweitert Schwarz aber mit seiner Eröffnungswahl die Zahl an Variationen für Weiß, weil Weiß entscheiden kann, ob er an dieser Stelle in einen Benoni mit 3. d5, in einen Alapin mit 3. c3 oder in ein sizilianisches System mit 3. d4 überleiten möchte. Da ich als Weißer gerne gegen die Sizilianische Verteidigung spiele, entscheide ich mich an dieser Stelle für 3. Sf3, womit ich bereits den von Schwarz angebotenen Benoni ablehne.

Typisch für diesen sizilianischen Taimanov-Paulsen-Komplex (die Unterschiede zwischen Paulsen und Taimanov sind sehr fließend und schwer zu unterscheiden), der nun nach Zugumstellung entstanden ist, ist die schwarze Möglichkeit ...Lb4 nach weißer großen Rochade, die den Sc3 fesselt und Schwarz die Option bietet, durch die Hergabe des Läuferpaars die weiße Bauernstruktur um den weißen König deutlich zu schwächen. Weiß sollte diese Option nicht unterschätzen, aber auch nicht fürchten. Es sind auf dem Brett eben die typisch sizilianischen heterogenen Strukturen entstanden, und auch Weiß kann sich hier schnell mit Spiel auf dem Königsflügel gegen den klein rochierten schwarzen König entwickeln. Nach 1. e4 e6 2. d4 c5 3. Sf3 (nach 3. ...d5?! 4. exd5 exd5 5. Lb5+ Ld7 6. Lxd7+ Lxd7 7. 0-0 hat Weiß die offene e-Linie und freies Figurenspiel; 3. ...a6?! 4. d5 ist zu gefährlich für Schwarz) 3. ...cxd4 4. Sxd4 Sc6 (hier sind die Übergänge fließend, Schwarz kann z. B. mit 4. ...a6 oder 4. ...Sf6 andere Züge wählen, aber im Prinzip sind es nur Zugumstellungen) 5. Sc3 (hier kann Weiß, wenn er möchte, auch in den Maroczy-Aufbau überleiten) Dc7 6. Le3 a6 7. Dd2 Sf6 8. 0-0-0 Lb4 9. f3 (natürlich nicht 9. Sxc6?! bxc6 mit starkem schwarzen Zentrum) 9. ...Se5 10. g4 Lxc3 11. bxc3 hat Schwarz sein Ziel erreicht, aber Weiß hat nach wie vor gefährlichem Angriff und kann seine Königsstellung halten. Hübsch ist hier etwa 11. ...Dd6 12. Kb2 h6 13. h4 b5 14. Lf4 Dc7 15. Sc6!!

Eine Drohung ist stärker als die Ausführung, so lautet ein bekanntes Bonmot von Tartakower, das auch hier Gültigkeit hat, denn Schwarz ist nicht gezwungen, auf c3 zu nehmen. Er tut besser daran, seine Drohung im Hinterkopf zu behalten und diese an die Gegebenheiten auf dem Brett anzupassen. Nach 10. ...h6 11. h4 b5 12. Tg1 Lb7 13. g5 hxg5 14. hxg5 Sxf3!! 15. Sxf3 Sxe4 ist es nun Schwarz, der als Sieger aus den schwierigen taktischen Verwicklungen hervor geht; sich überstürzen sollte also keine Partei mit dem Ausspielen seiner Trümpfe.

Gespielt wird deshalb statt 10. g4 zumeist 10. Sb3 b5, und hier ist 11. De1 (Shredder: +61,1 Prozent in 36 Partien) sehr stark, womit Weiß sich die Option holt, die Fesselung des Sc3 jederzeit durch Ld2 aufheben zu können, und er mit der Dame nach dem Königsflügel lugt, was für einige weitere Abspiele auch von taktischer Bedeutung ist. So ist z. B. 11. ...Tb8 12. Dg3 0-0 13. Ld4 unangenehm für Schwarz, der nun mit seinem Lb4 wieder zurück muß, weil 13. ...d6? an 14. a3 scheitert. Schwarz kann nach 11. De1 auch 11. ...Le7 ziehen, aber irgendwie überzeugt mich solch ein freiwilliger Rückzug des Läufers nicht sonderlich, auch wenn er hier durchaus spielbar ist. Schwarz hat noch die Möglichkeit, die Ereignisse mit 11. ...Sc4 zu forcieren, woraufhin 12. Ld4 erste Wahl sein sollte, womit Schwarz seine Option ...Lxc3 verwirkt. 12. ..e5? scheitert jetzt taktisch an 13. Dg3, so daß Schwarz hier anders spielen sollte. Gut sind an dieser Stelle 12. ...Lb7, wogegen ich hier mit 13. e5 um Felder und Raumvorteil kämpfen würde, und 12. ...0-0, und nun ist 13. a3?! Le7 wegen der Angriffsmarke a3 zu kompromittierend, weswegen auch hier 13. e5 gut ist. Die nächsten Züge sind noch Tabija (siehe Notation), und nach 13. ...Lxc3 (nun ohne Bauernstrukturschwächung) 14. Lxc3 Sd5 15. Ld4 sind die Wege beiderseits gut geebnet für ein sizilianisches Mittelspiel mit den typischen Flügelkämpfen bei heterogenen Rochaden.

[Event "?"]
[Site "?"]
[Date "????.??.??"]
[Round "?"]
[White "Neue Partie"]
[Black "?"]
[Result "*"]
[PlyCount "29"]

1. e4 e6 2. d4 c5 3. Nf3 cxd4 (3... a6 4. d5 exd5 5. exd5 d6 6. Bd3) 4. Nxd4
Nc6 5. Nc3 Qc7 6. Be3 a6 7. Qd2 Nf6 8. O-O-O Bb4 9. f3 Ne5 10. Nb3 b5 11. Qe1
Nc4 12. Bd4 O-O 13. e5 Bxc3 14. Bxc3 Nd5 15. Bd4 *