Heute möchten wir uns der Paulsen-Variante im Sizilianer mit 2. ...e6 widmen, also einer Eröffnung, die bei uns gerne nach Louis Paulsen benannt wird, in slawischen Ländern aber eher unter der nach Ilia Kan benannten Kan-Variante firmiert. Sie entsteht nach den Zügen 1. e4 c5 2. Sf3 e6 3. d4 cxd4 Sxd4 a6. Schwarz steht flexibel und wartet erst einmal ab, was Weiß macht. Die Kehrseite dieser Herangehensweise ist, daß Schwarz auf viele möglichen weißen Antworten gefaßt sein muß. Wegen der zahlreichen Varianten und Untervarianten ist die Paulsen-Variante ähnlich lernintensiv wie die Najdorf-Variante, und das will etwas heißen. Zudem muß Schwarz aufpassen, wegen der sehr vorsichtigen Anfangszüge nicht in ernsthaften Entwicklungsnachteil zu geraten. Wegen dieses Aspekts ist mir gegen dieses System eine möglichst kraftvolle Erwiderung wichtig.

Der Maroczy-Aufbau mit 5. c4 ist hier sicherlich nicht verkehrt, er ist die positionelle Herangehensweise an diese Eröffnung. 5. Ld3 ist eine andere Hauptfortsetzung, ich selbst wähle das mir aus anderen Sizilianern vertraute 5. Sc3, das hier den zusätzlichen Vorteil hat, daß Schwarz schlecht 5. ...Sf6?! spielen kann, weil der Springer nach 6. e5 kein vernünftiges Feld mehr hat. Mit 5. ...Sc6 transponiert Schwarz in den Taimanov-Komplex, dem wir uns morgen widmen werden. Insofern interessiert hier vor allem der typische Paulsen-Zug 5. ...Dc7.

Nach 5. Sc3 Dc7 steht die schwarze Dame auf einem günstigen Feld und ermöglicht den Springerzug nach f6. Weil Weiß hier nicht gut beraten wäre, groß zu rochieren, haben sich drei Systeme bewährt, wo die kleine Rochade angestrebt wird, nämlich 6. g3, 6. Ld3 und 6. Le2. Ich entscheide mich hier für das harmonische 6. Le2. Hier muß man wissen, daß 6. ...Lb4 ebensowenig wie 5. ...b5 eine direkte Drohung aufstellt, Weiß kann hier klein rochieren, und vergreift sich Schwarz an dem entlegenen Bauern, hat er nach 6. Le2 Lb4 7. 0-0 Lxc3 8. bxc3 Dxc3 9. Tb1 Se7 10. Lb2 erheblichen Entwicklungs- und Positionsnachteil.

Hier zeichnen sich zwei logische schwarze Systeme ab, die aus den vorherigen Zügen abgeleitet werden, nämlich das System mit 6. ...b5 und das System mit 6. ...Sf6. Nach 6. ...Sf6 7. 0-0 Sc6 8. Le3 Lb4 9. Sa4 (schielt nach b6) Le7 (man beachte, daß Schwarz den Be4 nicht schlagen darf, denn nach 9. ...Sxe4?? 10. Sxc6 entscheidet nach der Rücknahme auf c6 der Spieß mit 11. Dd4) 10. Sxc6 bxc6 11. Sb6 Tb8 12. Sxc8 Dxc8 13. e5 Sd5 14. Lc1 Lc5 15. c4 Se7 16. b3 Dc7 17. Lb2 gefällt mir die weiße Stellung gut, weil Weiß Raumvorteil hat und sein weiträumiges Terrain gut kontrolliert. Nach 6. ...b5 7. 0-0 Lb7 sind 8. Lf3 und 8. Te1 die bewährten Züge, wobei mir 8. Te1 besser gefällt, weil Weiß mit seinem Läufer nicht den natürlichen f-Bauernvormarsch blockiert. Auf Shredder scort 8. Te1 mit 53,1 Prozent bei 79 Partien auch besser als 8. Lf3 mit 47,2 Prozent bei 72 Partien. 8. Te1 ist ein interessanter Zug, denn nach 8. ...b4 hat Weiß nicht nur die eingangs besprochene Möglichkeit 9. Sa4, sondern auch das positionelle Springeropfer 9. Sd5!? zur Verfügung, wo Weiß dem Gegner nach 9. ...exd5 (9. ...Le7 10. Sf5) 10. exd5 Kd8 11. Lf3 Sf6 12. Sf5 vor einige Probleme stellen kann. Selbst nach dem besten Zug 12. ...d6 kann Weiß die Passivität und Gebundenheit der schwarzen Streitmacht durch Ideen wie 13. Lg5 Sbd7 14. Te4 ausnutzen. Weiß kann es sich leisten, seinen Turm bereits in der Eröffnungsphase so zentral aufzustellen. Solider ist dem zufolge eine Entwicklung wie 8. ..Sc6 9. Sxc6 bxc6 10. e5!, und auch hier behauptet Weiß leichten Vorteil.

Natürlich muß Weiß auch auf das frühe 5. ...b5 vorbereitet sein. Hier hilft es zu wissen, daß 6. ...b4 zumindest nicht akut droht, sondern mit großem Vorteil abgewehrt werden kann, siehe 5. ...b5 6. Ld3 b4? 7. Sa4 Da5 8. b3 d6 9. 0-0 Ld7 10. a3! (10. ...Lxa4? 11. axb4 +-) bxa3 11. Lxa3 +/-). Schwarz stehen hier mit 6. ...Lb7, 6. ...Db6 und 6. ...d6 aber wieder einige seriöse Antworten zur Verfügung. 6. ...d6 ist wahrscheinlich das unambitionierteste Abspiel, Weiß steht nach 7. 0-0 Sf6 8. De2 Le7 9. f4 Lb7 10. a4 b4 11. Sd1 Lb7 12. Sf2 schon recht deutlich besser. Nach 6. ...Lb7 7. 0-0 schnellt die Zahl an mehr oder weniger gleichwertigen Fortsetzungen dermaßen in die Höhe, daß hier kaum Empfehlungen auf überschaubarem Raum ausgesprochen werden können, hier kann sich Weiß auf sein Schachverständnis verlassen. Seine typischen Pläne sind Spiel am Königsflügel mit De2 und f4. Nach dem aktiven 6. ...Db6 dagegen scort 7. Sf3 auf Shredder auffallend besser als 7. Sb3, und zwar mit 62,1 Prozent bei 95 Partien gegenüber 44,8 Prozent bei 125 Partien (ebd.). Zugegebenermaßen versperrt der Sf3 dem f-Bauern den Weg, dafür wirkt der Springer auf das Zentrum und droht ein 8. e5, was Schwarz erst einmal in die Defensive zwingt. Mein Fritz 14 zeigt nach 7. ...Sc6 8. 0-0 bereits +0,54 an.