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Thema: Naiditsch geht, Reaktionen zum Abschied

  1. #1
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    Naiditsch geht, Reaktionen zum Abschied

    Deutschlands langjähriges Spitzenbrett, Arkadij Naiditsch, hat seinen Föderationswechsel zu Aserbaidschan endgültig vollzogen. Es ist bekannt, daß Arkadij Naiditsch mit manchen Funktionären im DSB-Team auch öffentlich Konflikte ausgetragen hatte und deswegen kurz nach dem EM-Titel 2011 kurzfristig aus dem Team genommen worden war. Lakonisch Naiditschs Kommentar zum Abschied: "Ich denke nicht, dass der Deutsche Schachbund es sehr bedauert, dass ich nicht mehr in Deutschland spielen werde. Die haben zumindest nichts dafür getan, dass ich bleibe". Unter diesem Hintergrund ist es durchaus denkbar, daß der damalige Bundestrainer Uwe Bönsch, den Naiditsch öffentlich als eine Art besseren Teekocher dargestellt hatte, vom DSB kurz danach zum Sportdirekter "weggelobt" worden war, um das streitbare Spitzenbrett zu saturieren, auch wenn dies offiziell natürlich niemand vom DSB so sagen würde. So finden nun zwei Entwicklungen in der "Ära Naiditsch" ihr Ende, die Entwicklung zum Erfolg, der in dem EM-Titel von 2011 kulminierte, und die Entwicklung der Querelen. Schach-Deutschland setzt derweil auf seine Prinzien, damit diese möglichst bald die Lücke füllen, die ein Arkadij Naiditsch hinterlassen hat. Was überwiegt nun bei euch angesichts dieses spektakulären Föderationswechsels, Freude und Erleichterung oder Enttäuschung und Bedauern?
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  2. #2
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    AW: Naiditsch geht, Reaktionen zum Abschied

    Bedauern.
    Meine Sicht:

    Naiditsch hat für das (deutsche) Spitzenschachin den letzten 10 Jahren mehr geleistet als die DSB-Spitze mit verschiedenen Präsidenten, Leistungssportreferentenund Trainern.
    Der Kern seiner Kritik an der Spitzensportförderung im DSB ist nach meiner Beobachtung und Einschätzung richtig und teilweise offensichtlich.
    Mich stört insbesondere, daß es in der Vor-Rogozenko-Zeit (nahezu oder tatsächlich) keine Trainingslager/-sitzungen für die A-Mannschaft (open) gab.
    Der DSB kann sicherlich nicht alle Hindernisse für Leistungsschach auf Weltklasseniveau in Deutschland beseitigen, doch ergibt er sich für mein Gefühl zu sehr in Untätigkeit und Verwaltungsbürokratie.

    Ich wünsche Arkadij Naiditsch für die Zukunft persönlich alles Gute und schachlich noch viele Erfolge. Ich bin sehr gespannt, ob seine Leistungskurve nach dem Förderationenwechsel noch deutlich nach oben gehen wird.
    Wenn ja, dann gibt es noch mehr Diskussionsbedarf innerhalb des DSB.
    Der Erkenntnisgewinn ist sicher höher, als wenn Naiditsch weiterhin für Deutschland spielt.
    Es ist außerdem interessant zu sehen, obes dem DSB gelingt, einen neuen Spieler an das langjährige Niveau von Naiditsch (= erweitere Weltspitze) heranzuführen. Dabei ist aber auch zu berücksichtigen, ob überhaupt ein junger Spieler so wie Naiditsch bereit ist, den Weg eines Schachprofis einzuschlagen.

  3. #3
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    AW: Naiditsch geht, Reaktionen zum Abschied

    Schön, Dich im Forum wieder zu sehen!

    In dieselbe Richtung geht auch Naiditschs jüngster Kommentar gegenüber Hartmut Metz, der kritisiert, der DSB habe in den letzten zehn Jahren seinen Nationalspielern nur ein einziges dreitägiges Trainingslager geboten, und er sei vor allem nach Aserbaidschan gewechselt, weil er hier im Gegensatz zu Deutschland die Perspektive sieht, sich weiter zu entwickeln. Er spielt damit vor allem auf Trainingsmöglichkeiten mit den starken Aseris um Shakhriyar Mamedyarov an, wo er in der Tat mit Leuten zusammenkommt, die ihm schachlich mindestens ebenbürtig sind. Außer Mamedyarov fällt mir Teimur Radjabov ein, der immerhin vor nicht allzu langer Zeit fast an der magischen 2800er Marke gekratzt hatte.
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  4. #4
    Anonym
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    AW: Naiditsch geht, Reaktionen zum Abschied

    stimmt das mit der einjährigen sperre für naiditsch?

  5. #5
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    AW: Naiditsch geht, Reaktionen zum Abschied

    Ja, er bekam eine Sperre, die auch ein Jahr währen sollte. Nach einer Aussprache durfte er allerdings beim nächsten Großereignis für Deutschland spielen, natürlich wollte Deutschland nicht auf seine Dienste verzichten.
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  6. #6
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    AW: Naiditsch geht, Reaktionen zum Abschied

    Nach seinem Wechsel zur aserbaidschanischen Schachföderation hat sich Arkadij Naiditsch in einer aserbaidschanischen Webseite, nämlich Extra Time, zu Wort gemeldet und sich den Fragen des Blattes gestellt. Das ehemalige deutsche Spitzenbrett mag den Begriff des Konfliktes, der zwischen dem Deutschen Schachbund und ihm geherrscht habe, zwar nicht zur Zusammenfassung dieses Zustandes annehmen. Nach seinen Ausführungen gab es allerdings einen unlösbaren Widerspruch in der Art und Weise, wie das Schachspiel zu behandeln sei. Während er selbst das Schach professionell wahrgenommen habe, bewerte der Deutsche Schachbund das Schach eher als Hobby und habe viel zu wenig getan, um die Spitzenspieler zu fordern und das Schach ansprechend zu vermarkten. Als der Deutsche Schachbund 2011 den Mannschaftseuropatitel gewann, habe es keine weitergehenden Schritte gegeben, um auf diesem Erfolg aufzubauen. Den Spielern wurde gratuliert, „und das war das Ende der Geschichte“.

    Die professionellen Strukturen sowie die Leidenschaft für den Schachsport findet Naiditsch nun in Aserbaidschan vor. Naiditsch möchte mit seinem neuen Team Titel gewinnen, als weitere Weltklasse-Teams nennt er die USA, Rußland und China. Ansonsten hat Naiditsch sich bereits gut in Baku, wo er zusammen mit seiner Frau nun seinen neuen Wohnsitz hat, akklimatisiert und plant die Gründung einer Familie. Naiditsch wörtlich zu Baku:

    Die Stadt selbst war mir sofort sympathisch. Gerade in letzter Zeit ist sie immer schöner geworden. Was mir hier sehr gut gefällt, ist die Sicherheit. In Baku fühle ich mich so sicher wie längst nicht in jeder europäischen Metropole. Selbst in großen deutschen Städten wie Berlin oder Hamburg fühlt man sich nicht völlig entspannt wenn man nachts alleine unterwegs ist. In der aserbaidschanischen Hauptstadt ist das jedoch anders, was sehr angenehm ist. *
    Summa summarum war der Kern der Kritik Naiditschs an den Deutschen Schachbund natürlich vorher bekannt. Die Kritik ist in ihrer Radikalität vernichtend, zumal die dem Deutschen Schachbund vorgeworfene Trägheit, die bei Naiditsch immer wieder zwischen den Zeilen herausklingt, ja konsequent vom DSB-Präsidenten Herbert Bastian angegangen werden sollte, der im Spitzenschach zumindest verbal ebenso wenig ein bloßes Hobby sieht wie Arkadij Naiditsch, und der regelmäßig einen gesellschaftlichen Mentalitätswechsel hin zur Leistungsorientierung anmahnt, und zwar als wichtige Bedingung dafür, daß sich in Deutschland wieder absolute Spitzenspieler im Schach entwickeln können, wie hier, 2014 in der FAZ:

    Grundsätzlich ist es möglich, aber wir brauchen hierzulande ein anderes gesellschaftliches Bewusstsein. Es muss einfach als erstrebenswert angesehen werden, intellektuelle Höchstleistungen zu erbringen. Ich bin deshalb der Meinung, dass der Leistungsgedanke - auch im Bildungssystem - wieder eine viel stärkere Rolle spielen müsste
    Nachdem Herbert Bastian nun schon vier Jahre im Amt ist und sich die Situation für Arkadij Naiditsch in keiner Weise verbessert habe, könnte als erstes Zwischenfazit des DSB-Präsidenten festgehalten werden, daß er ähnlich wie Helmut Kohl 1982 mit der proklamierten „geistig moralischen Wende“ als großer Reformer auftrat, der sich wie eben Kohl aber eher verbal als in den Taten von seinem Vorgänger Robert von Weizsäcker unterscheidet, denn politisch setzte Kohl bekanntlich die Politik von Helmut Schmidt eher fort. Um bei diesem Vergleich zu bleiben, eine Margaret Thatcher ist Bastian nicht, ist er denn ein zweiter Kohl?
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