Vielleicht kennt ihr den Begriff des Kairos aus der Zeit der Enthüllungen, als der damalige Verteidigungsminister und CSU-Hoffnungsträger Karl-Theodor von Guttenberg dabei erwischt wurde, seine Doktorarbeit zu einem Großteil plagiiert zu haben und aufgrund des damit verbundenen Glaubwürdigkeitsverlustes von seinen Ämtern zurücktrat. Der Begriff Kairos tauchte irgendwo im Vorwort der Doktorarbeit auf und sollte in dem sehr persönlich gehaltenen Vorwort das Ringen des Autoren rund um den Abgabetermin veranschaulichen. Der Begriff des Kairos meint dabei aber nicht einfach nur den Zeitpunkt, darüber hinaus ist mit diesem Begriff eng verwoben der richtige Zeitpunkt gemeint, der, wird er für das eigene Handeln nicht erkannt, eine mögliche Chance unwiderruflich verstreichen läßt. Kairos ist damit ein Begriff der altgriechischen Theaterkunst, und oft genug scheitert der Held tragisch, wenn er eben jenen Kairos verfehlt.

Dieser Zusammenhang des Kairos, der sowohl in der Dramatik als auch beim Schachspiel seine Bedeutung hat, hat mir vor Augen geführt, daß für entsprechend leidenschaftliche Gemüter, denen das dramatische Pathos nicht fremd ist, eine Partie Schach auch sehr gut als ein dramatisches Theaterstück aufgefaßt werden kann. Denn auch im Schachspiel tut sich urplötzlich eine Chance auf, und wer diesen Kairos versäumt, für den ist die Chance vertan. Altmeister Wilhelm Steinitz, der diese Chance als logische Folge einer systematischen Vorarbeit aufgefaßt hatte, war in diesem Zusammenhang sogar aufgefallen, daß ein Nichtnutzen dieser, übrigens oft taktischen, Chance wiederum zur Folge hat, daß der Vorteil wieder verfliegt, und, wie die Erfahrung zeigt, dieser Spieler aus psychologischen Gründen nun sogar leicht verlieren kann.

Eng verwoben mit dem Fall Guttenberg ist auch die tragische Fallhöhe. In dem Falle des Verteidigungsministers war dies der Fall eines deutschlandweit populären zukünftigen Kanzlerkandidaten, der in den Augen vieler als Hochstapler entlarvt und als Bettvorleger gelandet war. Diese tragische Fallhöhe ergibt sich auch im Schach, wenn klare Gewinnstellungen noch verloren werden und der Underdog die Sensation schafft. Die Hamartia des Helden, d. h. der Fehler und Irrtum des Helden, der nach Aristoteles in seiner Poetik zwar eher gut als böse, aber nicht vollständig gut sein darf, da er als Quasi-Gottheit sich soweit von dem Publikum entfernt hat, daß eine Identifikation mit ihm nicht mehr gegeben sein kann, offenbart sich auch im Schachspiel, und zwar dann, wenn sich auch bei ihm die Anagnorisis, d. h. die Entdeckung seines Irrtums, der übrigens auch in seiner Hybris liegen kann, womit ich en passant einen weiteren tragischen Terminus eingeflochten habe, eingeschlichen hat, und auch nicht mehr verborgen werden kann, daß sich seine Spielweise gegenüber der gegnerischen Spielweise als unterlegen erwiesen hat. Wie gut, daß es auch im Schach keine Götter geben kann und wir alle fehlbar sind, denn wie schon die alten Griechen erkannten, bedeutet die Vergöttlichung des Protagonisten den augenblicklichen Verlust jeder Spannung.

Der pädagogische Effekt, den die Aufklärer um Lessing dem Theaterstück mitgeben wollten, nämlich die Katharsis, d. h. die Reinigung von Furcht und Mitleid, bei Aristoteles noch eleos und phobos, d. h. Jammern und Schaudern genannt, durch Erleben jener Effekte, läßt sich auch aus dem Schachspiel ableiten, denn eine packende Partie bietet den beiden Protagonisten die ganze Bandbreite an möglichen Emotionen, und nicht umsonst sagt eine Legende, das Schachspiel sei erfunden worden, um den Menschen spielerisch das Ausleben ihrer Aggressionen und damit eine Reinigung derselben zu ermöglichen.

Eine Schachpartie, und insbesondere eine Schachpartie mit einem üppigen Spannungsbogen, kann von ihrem Verlauf her die Entwicklung eines klassischen Fünfakters nehmen, und zwar mit Exposition, steigenden Momenten, dem Höhepunkt, den retardierenden Momenten und der Katastrophe, die auch im Schach, zumindest in entschiedenen Partien, in einem unabwendbaren Königsfang ihre dramatische Entsprechung hat. Manchem wird diese Analogie sogar noch offenkundiger, wenn sie den klassischen Fünfakter in einen ebenso klassischen Dreiakter umwandeln, der entgegen eines weit verbreiteten Irrglaubens nicht nur drei, sondern dieselben fünf Schwerpunkte aufbietet, nur verteilt auf drei Akte, und die darauf verweisen, die Eröffnung sei im Schach der erste Akt, das Mittelspiel sei der zweite Akt und das Endspiel schließlich der dritte Akt. Sogar das moderne epische Theater, das von Brecht, aber auch gerne von Frisch und Dürrenmatt angewandt wurde, findet in heutigen Zeiten seinen Platz, und zwar wenn in Meisterturnieren der Spieler während des Spiels in der sogenannten "confession box" die Aufgabe hat, seine Gedanken zur Stellung einem interessierten Online-Publikum mitzuteilen und damit aus seiner Verstrickung in die Handlung hinaustritt und damit in eine Distanz und einen kritischen Monolog zu sich selbst eintritt. Schließlich ist auch das Schachspiel ideal, um wie im Theater die Einheit von Zeit, dem Ort und der Handlung zu gewährleisten, denn die Bühne ist im Schachspiel der Mikrokosmos des Spielbrettes, auf dem die Handlung einheitlich in garantiert einem Tag abläuft; auch unter diesem Gesichtspunkt ist es gut, daß die Hängepartien abgeschafft worden sind.