Eines muß man dem seit 20 Jahren amtierenden FIDE-Präsidenten Kirsan Iljumschinov lassen, er hat ein Gespür dafür, Dinge zu tun, die niemand anderes tun würde und von denen die meisten nicht einmal zu träumen wagen. Insofern bietet er Freunden des Grotesken durchaus eine interessante Bühne, dabei zuzusehen, wohin sich seine „Kapriolen“ (Herbert Bastian) so entwickeln.

Iljumschinows Ankündigung, dem Vorschlag vom russischen Schachverbandschef und FIDE-Vizepräsidenten Andrej Filatov folgen zu wollen und tatsächlich bei den FIFA-Präsidentenwahlen 2016 zu kandidieren, ist eine weitere Perle in der Kette von Iljumschinovs Projekten, die irgendwo zwischen bizarr und brutal schwanken. Bizarr sind sicherlich die Außerirdischen, von denen der exzentrische FIDE-Präsident entführt worden sein will, bizarr ist auch sein Vorschlag, Schach bei den Olympischen Winterspielen integrieren zu wollen, nachdem es mit den Sommerspielen nicht geklappt hat. Von bizarrer Schönheit ist hingegen die durch ihn modernisierte Hauptstadt der autonomen russischen Teilrepublik Kalmückien Elista, die er im Stile eines orientalischen Herrschers aus Tausendundeiner Nacht mit Sehenswürdigkeiten wie Chess City, dem Goldenen Tempel oder die höchste Buddha-Statue Europas schmückte und die dem Auge durchaus etwas bieten.



In Richtung Brutalität dagegen gehen eher seine Verbindungen mit arabischen Machthabern wie Saddam Hussein, Muammar Al Gaddafi und Baschar al-Assad, von denen wohl die mit Saddam Hussein den bittersten Beigeschmack enthält. 1996 wollte Iljumschinov die Schach-WM in Bagdad ausrichten lassen. Saddam Hussein, berüchtigt u. a. für seine Giftgasangriffe gegen die irakischen Kurden, wäre bereit gewesen, doch wurde daraufhin der Druck auf Iljumschinov so groß, daß er diese Idee wieder fallen lassen mußte. Auch diesmal schaffte es der Kalmücke mit seinem Vorschlag in die Medien. Der Spiegel lud ihn damals zu einem Interview, und auch hier zeigte sich, daß man jeden Vorschlag, so grotesk er offensichtlich anmutet, auch begründen kann, der advocatus diaboli läßt grüßen. Wie nicht anders zu erwarten bietet auch dieses Interview einiges an Kuriositäten, eine Kostprobe:

SPIEGEL: Wie oft haben Sie Saddam getroffen?
Iljumschinow: Vier- oder fünfmal. Wir saßen bis zum frühen Morgen zusammen und haben diskutiert. Ich habe ihn als ganz normalen Staatsmann kennengelernt, der immens darunter leidet, wenn er als Diktator, als brutaler Mensch bezeichnet wird. Saddam ist nicht böse. Er will den Dialog mit Israel und Amerika. Ich habe ihm vier Hektar Land in Elista geschenkt. Dort wird nach dem Ende des Embargos ein irakisches Kulturzentrum errichtet.
Einige Äußerungen Iljumschinovs regen dabei durchaus zum Nachdenken an:

SPIEGEL: Solchen Ankündigungen glauben die Spieler nicht mehr. PCA-Weltmeister Garri Kasparow sagt, daß außer Chaos und utopischen Versprechen von Ihnen bislang nichts gekommen sei.

Iljumschinow: Die Probleme sind so groß, daß Lösungen ihre Zeit brauchen. Karpow und Kasparow beschimpfen sich seit Jahrzehnten. Diese Schachstars sind komplizierte Persönlichkeiten. Sie wollen immer Politik machen. Das wird jetzt weniger, weil alle Welt vom Fide-Präsidenten spricht. Es gibt eine Lehre aus dem Krieg: Am Ende der Schlacht dürfen alle nur noch über einen reden.


Und auch für Freunde der Prophetie hat der FIDE-Präsident etwas zu bieten, wobei man darüber streiten kann, inwieweit seine Vorhersagen von 1996 eingetreten sind (zugegeben, bis dahin haben wir noch zwei Jahre):

SPIEGEL: Die verlockenden Perspektiven, die Sie der Fide bieten, soll Campomanes erst begriffen haben, nachdem Sie ihm vor der Wahl beim Besuch in Kalmückien mit Geld überzeugt haben?

Iljumschinow: Campomanes war hier, um sich eine Woche lang von meinen Erfolgen als Präsident zu überzeugen. Ich wußte bereits ein halbes Jahr vor der Wahl in Paris, daß ich Fide-Präsident werden würde. Meine Wahrsagerin hat es vorausgesehen. Ich werde für zwei Legislaturperioden im Amt bleiben. Ich bin mir meines Karmas bewußt. Ich weiß bis zum Jahr 2017, was geschieht.

SPIEGEL: Worauf müssen wir uns denn einstellen?

Iljumschinow: Bis dahin werden wir den Niedergang der USA nach dem Vorbild der UdSSR erleben, weil die Balance der Kräfte nicht mehr existiert. Der Rassenkonflikt wird Amerika zerstören. Deutschland dagegen wird ein zweites Wirtschaftswunder erleben.
Für den Friedensnobelpreis hat Iljumschinov Saddam Hussein damals übrigens auch vorgeschlagen. Hier gehts zum ganzen Interview: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8910298.html



PS.: DSB-Präsident und seit diesem Jahr FIDE-Vizepräsident Herbert Bastian äußerte sich in diesem Jahr gegenüber Schachwelt anläßlich der Kampfabstimmung in der FIDE zwischen Iljumschinov und Garri Kasparov zu Iljumschinov:

Zitat Zitat von Herbert Bastian
Zu Kirsan Ilyumzhinow kann ich sagen, dass wegen seiner Kapriolen in Deutschland ein sehr schiefes Bild von ihm krampfhaft aufrechterhalten wird. Seine positiven Leistungen werden verschwiegen oder kleingeredet. Ilyumzhinow hat stets die Hand ausgestreckt und Kooperation im Interesse des Schachsports gesucht.
Seine Parteinahme für Iljumschinov hatte ein Erdbeben (s. ebd.) beim DSB ausgelöst.