Die Schachweltmeisterschaft 1951 in Moskau war nach der Vorgänger-WM 1948 in Den Haag und Moskau die zweite Nachkriegsweltmeisterschaft. Mit dem Format des Duells nach Kandidatenkämpfen sollten fortan alle Weltmeisterschaftskämpfe bestritten werden. Das Gruppenformat von 1948 war aus der Not heraus geboren worden, weil es nach dem Tode von Amtsinhaber Alexander Aljechin keinen Weltmeister mehr gab, der hätte herausgefordert werden können. 1948 hatte sich Michail Botwinnik gegen die Konkurrenten Max Euwe, Wassili Smyslow, Paul Keres und Samuel Reshevsky überlegen durchgesetzt. Sein Herausforderer in Moskau 1951 sollte David Bronstein sein.

Die Schach-WM von 1951 ist vor allem unter der Fragestellung bekannt, ob David Bronstein absichtlich nicht Weltmeister werden wollte und deswegen in der 23. Partie verloren und vor allem die darauffolgende Abschlußpartie so schnell remisiert hatte, so daß das Endergebnis von 12:12 nach den damaligen Regeln Botwinnik ausreichte, seinen Titel zu verteidigen. Die Begründungen dafür lauten, daß der Kreml auf Botwinnik setzte und diesen privilegierte und von daher, wie es viel später bei Anatoli Karpov der Fall gewesen sei, keinen anderen Weltmeister wünschte. Deswegen, so die Vermutung, habe Bronstein Angst vor den Konsequenzen eines Sieges gegen Botwinnik gehabt und sei evtl. vorher von dem Regime entsprechend unter Druck gesetzt worden. Das „Regime“, das war damals die Alleinherrschaft Josef Stalins in ihrer Spätphase, die schon so viele, in damals unvergleichlicher Manier, Landsleute, und zwar in zweistelliger Millionenhöhe, dahingerafft hatte, so daß eben diesem Regime eine solche Vorgehensweise durchaus zugetraut wurde. Wir möchten uns dieser Fragestellung unter Auswertung dafür geeigneter Quellen stellen und eine Antwort auf diese Vermutungen bieten. Natürlich soll auch David Bronstein in seiner Würdigung als Person und Schachspieler nicht zu kurz kommen und die hier untersuchte Schachweltmeisterschaft in möglichst vielen Facetten beleuchtet werden.

Es heißt, die Große Säuberung von 1936-1938 habe keine sowjetische Familie verschont, was auch gewollt war. Denn anders als z. B. der Holodomor in der Ukraine, d. h. die absichtlich herbeigeführte Hungersnot mit etwa sieben Millionen Opfern, um den Widerstand der Ukrainer zu brechen, war die auch als Großer Terror bezeichnete Große Säuberung nicht selektiv, sondern erfaßte jeden Winkel des Landes, um die Bevölkerung als Ganzes in ständige Furcht und Alarmbereitschaft zu versetzen. Der Herausforderer David Bronstein war auch hiervon betroffen, denn sein Vater, ein Mühlenverwalter, gelang so 1937 in die Mühlen des Terrors und kehrte erst 1944 schwer traumatisiert und mit gebrochener Gesundheit heim. David Bronstein war erst 13 Jahre alt, als sie seinen Vater holten. Im übrigen war er selbst gebürtiger Ukrainer, und auch der Holodomor dürfte ihn so nicht kaltgelassen haben.

Als David Bronstein 1951 Michail Botwinnik herausforderte, gehörten dem 27jährigen viele Sympathien, und auch seine Qualifikation für diese WM war angesichts seines Sturmlaufes, der in seiner Intensität durchaus ein Vorläufer zu dem späteren Sturmlauf eines gewissen Michail Tals gewesen war, folgerichtig. Garri Kasparov zeigt die Erfolge des jungen David Bronsteins vor seinem Match gegen Botwinnik auf:

[...]Sieg im ersten Interzonenturnier in Saltsjöbaden 1948, zwei Goldmedaillen in Folge bei der UdSSR-Landesmeisterschaft 1948 und 1949, ein hervorragender Schlussspurt beim Kandidatenturnier in Budapest 1950 (1.-2. Bronstein und Boleslawski je 12 Punkte aus 18 Partien [...]) und schließlich der Sieg im Entscheidungsmatch gegen Boleslawski (7,5:6,5) mit dem Einzug in die Schlacht gegen Botwinnik.
Garri Kasparov, Meine großen Vorkämpfer Band 3, Edition Olms 2004, S. 71

Nicht unerwähnt bleiben soll in diesem Kontext, daß es gerade die noch junge Nachkriegszeit war, in der Bronstein seine Dublette mit dem Qualitätsopfer in seinem Königsinder auf a1 schuf. Bronstein gelang dies 1946 gegen Ludek Pachman und Frantisek Zita beim Städtekampf Moskau gegen Prag. Insofern sollte Bronstein auch wegen seines Stils wie später Michail Tal für so viele
Anhänger sorgen, und wie später Tal schien Bronstein dafür prädestiniert, den unbeliebten Botwinnik vom Sockel zu stürzen. Kasparov selbst ordnet seine beiden Siege in den Kontext der Zeit:

Diese Partien traten die Reise um die ganze Welt an. Sie wurden zur Visitenkarte Bronsteins und wahre Klassiker. Zu Beginn der 70er Jahre, als ich in die Anfangsgründe schachlicher Meisterschaft eindrang, übten sie auf mich immer noch einen riesigen Eindruck aus. Diese farbenprächtige Opferkaskade erinnert an den Salut am Tag des Sieges! In jenem ersten Nachkriegsjahr, das voller Hoffnungen und Erwartungen war, drang ein frischer Wind königsindischer Ideen in das Schach, der nicht zuletzt aus der Ukraine kam. [...]
Ebd. S. 75

Für David Bronstein sprach zusätzlich, daß sich Michail Botwinnik nach seinem Titelgewinn bei der WM von 1948 drei Jahre seiner Dissertation widmete. Natürlich bereitete er sich auf das Match gegen Bronstein mit seiner ihn kennzeichnenden Gründlichkeit vor, aber es mangelte ihm an Spielpraxis, und es fiel damals schwer zu sagen, ob Botwinnik nach diesen drei Jahren Unterbrechung wieder nahtlos an seine alten Erfolge würde anknüpfen können. Auch für den Schachhistoriker Harold C. Schonberg war dieses in der UdSSR mit Spannung erwartete Match ein Spiel der Gegensätze:

Der 1924 geborene Bronstein war ein kühner, brillanter, unternehmungslustiger Spieler, dessen Stil ein wenig an den jungen Keres (vielen anderen Schachfreunden erinnerte er auch an Tal - Kiffing) erinnerte. Zeitweise nannte man ihn „das Genie des modernen Schachs“. Von Natur aus lebhaft, fast überschwänglich, und leidenschaftlich verliebt ins Schach, war er in jeder Hinsicht anders als der nüchterne, schweigsame, krankhaft mißtrauische Botwinnik.
Harold C. Schonberg, Die Großmeister des Schach, Fischer-Verlag 1974, S. 225

Seinen Rivalen, den Titelverteidiger, charakterisiert Schonberg hingegen so:

Bei seiner wissenschaftlichen, logischen Denkweise nimmt es nicht wunder, daß er komplizierte, aber logisch aufgebaute Stellungen bevorzugte. Was er im Schach sah, erklärte er einmal so: „Wenn die Akustik eine Wissenschaft ist, die den Menschen über die Welt der Töne informiert, so ist die Musik eine Kunst, die ihm die Schönheit dieser Welt enthüllt. Und wenn die Logik eine Wissenschaft ist, die sich mit den Denkgesetzen beschäftigt, so ist Schach eine Kunst, die in bildlicher Darstellung die logische Seite des Denkens widerspiegelt.“ In jeder systematisch erfaßbaren Stellung spielte Botwinnik mit absoluter Genauigkeit. Solche Partien verlor er höchst selten, und meist gelang es ihm, seine Partien in die gewünschte Richtung zu lenken und Stellungen zu erreichen, die ihm lagen. Hingegen bemerkte man, daß er sich in undurchsichtigen Positionen gelegentlich unsicher fühlte.
Ebd.

Als der Startgong zum Kampf der Systeme endlich erklang, begann die WM mit vier kampferfüllten Remisen. Im 5. Spiel (Partie, siehe Anhang) zeigte sich Botwinnik mit Weiß besonders entschlossen (vgl. ebd. S. 101), doch Bronstein hielt dagegen, und als Botwinnik im 30. Zug mit 30. Sxd5! Sxd5 31. Lxd5+ Lxd5 32. Se7+ Kh8 33. Sxd5 Sxa3 34. Sb6 +/- eine kräftige Wendung ausließ, war das die Wende des Spiels und Bronstein setzte sich mit seinen Ideen durch. Doch gleich darauf revanchierte sich Bronstein, nun selbst den Anzugsvorteil besitzend, mit einem Endspielfehler im 57. Zug, der ihm die Niederlage und damit wieder den Ausgleich einbrachte. Besonders bitter, er hatte dabei versehentlich seinen König berührt und mußte ihn nun ziehen. Seinem ersten Sieg ließ Botwinnik gleich darauf den nächsten folgen. Überhaupt spielten beide Gegner bei dieser WM nicht sicher, Botwinnik fehlte es an Spielpraxis und Bronstein war sichtlich nervös. In der 9. und 10. Partie konnte Bronstein nur mit Mühe und Not ins Remis entkommen, Botwinnik stand nun unter Druck und ging in der folgenden 11. Partie (Partie, siehe Anhang) wieder mit Weiß in einem herrlichen Konterangriff Bronsteins unter. Diese Partie gehört neben der 22. Partie zu den schönsten Partien dieses Wettkampfes. Doch wie schon nach der 5. Partie folgte der Kür die Ernüchterung, wieder hatte Bronstein mit Weiß alle Chancen, doch verlor er schon früh einen Bauern und konnte Botwinnik nicht mehr lange Widerstand leisten, der so mit einer knappen Führung in die Halbzeit ging. Nach der Halbzeit ging es mit vier Remispartien in die zweite Turnierhälfte, in dieser machte Botwinnik den besseren Eindruck, der sich allerdings vorwerfen mußte, seine Chancen nicht genutzt zu haben. Dies bestrafte nun Bronstein in der 17. Partie (Partie, siehe Anhang), in der er in der Nimzoindischen Partie mit 1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. e3 b6 5. Se2 La6!? (Bewertung von Kasparov, ebd. S. 104) eine Neuerung brachte, die seitdem ihren Siegeszug durch die Theorie nahm. Die Partie ist ein schönes Beispiel für das flexible und quirlige Spiel Bronsteins, der Botwinnik auf allen Brettabschnitten unaufhörlich angriff, so daß dieser im 35. Zug die Nerven verlor und einen groben Fehler produzierte, der von Christian Hesse in sein Kabinett der Fehlgriffe, Aussetzer, Kurzschlüsse aufgenommen wurde (s. Christian Hesse, Damenopfer, Verlag C. H. Beck, München 2015, S. 113). Dafür ließ Bronstein in der 18. Partie einen Sieg aus, und Botwinnik konnte in der 19. Partie wieder die Führung erzielen, indem er Bronstein in einem harten Endspielkampf niederrang (Partie siehe Anhang). Nach seinem Berührt-Geführt in der 6. Partie kam hier übrigens ein zweiter „außerschachlicher“ verhängnisvoller Fehler des Herausforderers zu Tragen. Bronstein hatte sich in der Abbruchstellung zum 42. Zug umsonst die Nacht um die Ohren geschlagen. Als er am nächsten Tag am Brett erschien, bemerkte er, daß er die Analysestellung versehentlich falsch aufgebaut hatte (s. Kasparov S. 110). Nach einem Remis in der 20. Runde überschlugen sich nun die Ereignisse. Nachdem Bronstein in der 21. Runde endlich zu seinem Königsinder griff und einen schönen, schematischen, wenn auch hart umkämpften Sieg einfuhr, wiederholte er in der darauffolgenden Partie sein Husarenstück (Partie, siehe Anhang). Mit einem Minoritätsangriff und anschließender Einsickerung über die vorletzte Reihe legte er den Grundstein zum Sieg, den er mit einem sehenswerten Königsangriff zementierte (vieldiskutiert ist da auch sein Zug 32. g4!!). Botwinnik war angezählt, doch revanchierte dieser sich in der 23. Partie nach einem harten Kampf (Partie, siehe Anhang). Bemerkenswert ist die Abbruchstellung zum 42. Zug in einem schwerblütigen Endspiel mit zwei Läufern Botwinniks gegen zwei Springer Bronstein. Hier zeigte sich Botwinniks Mißtrauen, der seinen Sekundanten, die 42. Lb1 ausgebrütet hatten, nicht vertraute, sondern sich für 42. Ld6 entschied. Kasparov selbst hatte dieser Begebenheit eine breite Analyse gewidmet. Nun sollte die Abschlußrunde über den WM-Titel entscheiden. Zu diesem Zeitpunkt stand es 11,5:11,5, so daß Bronstein die Partie gewinnen mußte, um den Weltmeister zu stürzen. Zur Überraschung der Zuschauer allerdings, die sich auf einen Kampf auf Biegen und Brechen eingestellt hatten, geschah auf dem Brett im Prinzip nichts (Partie, siehe Anhang). Nach 22 eher unscheinbaren Zügen, in der die Partie nie die Remisbreite verließ, offerierte Bronstein ein Remis, was Botwinnik mit den folgenden anekdotischen Worten annahm: „Ihr Angebot ist so attraktiv, daß es unmöglich für mich ist, es nicht anzunehmen“.

Die Wirkung dieses Matches auf die Schachwelt, daß Bronstein scheinbar oder anscheinend nicht wirklich um seinen Titel kämpfte, hat viel zu den schon angesprochenen Vermutungen beigetragen, Bronstein habe absichtlich nicht Weltmeister werden wollen, weil er Repressalien seines Regimes befürchtete. Mir ist durchaus bewußt, daß Partien als solche kaum als Beweise aufgefaßt werden können, wenn in ihnen aber zumindest Indizien gesucht werden sollen, so scheidet dafür die als Begründung für den Verdacht ebenfalls herangezogene 23. Partie schon einmal aus, weil in dieser zumindest äußerlich ein äußerst kämpferisch wirkender Bronstein zu sehen ist, der sich gegen die drohende Niederlage aufbäumt. Zur besonders verdächtigen Abschlußpartie hingegen ließe sich zumindest einwenden, daß Bronstein bei seinem frühen Remisangebot kaum noch wirkliche Siegeschancen besaß. Er stand bereits leicht schlechter ohne dynamische Gegenchancen in der Hand zu haben. Doch lassen wir uns in dieser Frage weiter suchen.

Wahrscheinlich wird die Frage bis heute so kontrovers diskutiert, weil sich Bronstein selbst auch nach dem Zerfall der Sowjetunion immer wieder widersprüchlich über dieses Thema geäußert hatte. Die populäre Partiearchivarseite Chessgames zitiert ihn aus einem Interview von 1993 mit der spanischen Zeitung Revista International de Ajedrez, wo Bronstein eher sibyllinisch dazu Stellung nimmt. Nach Bronstein habe es zwar „keinen direkten Druck, das Match direkt zu verlieren“, dafür aber „psychologischen Druck seitens des Umfeldes“ gegeben. Bronstein verweist dort auf das Schicksal seines Vaters und auf die „deutlichen Präferenzen gegenüber der Institution Botwinnik“. Bronstein wörtlich: "Es schien mir, ein Sieg könne mir ernsthaft schaden, was aber nicht bedeutet, ich hätte absichtlich verloren.“

André Schulz wiederum, der anläßlich des 80. Geburtstages von David Bronstein 2004 einen Artikel über den WM-Herausforderer auf Chessbase verfaßt hatte, bringt ein Zitat, in dem sich Bronstein deutlicher über dieses Gerücht äußert. Dort heißt es nun: „"Es wurde viel Unsinn darüber veröffentlicht. Ich war in diesem Wettkampf zwar vielerlei psychischem Druck ausgesetzt, aber es lag einzig an mir, damit fertig zu werden." Hier ist allerdings zu beachten, daß sich Bronstein in diesem Zitat nicht mit seinen 1993 gemachten Äußerungen widerspricht. Vielmehr findet eine Nuancenverschiebung statt, die im Gegensatz zum Zitat von 1993 mit einer Bewertung endet, daß er eben, und das ist ja schließlich Hauptbestandteil der vieldiskutierten Frage, die Möglichkeit gehabt hätte, Botwinnik vom Thron zu stürzen.

Der im Internet stark präsente Schachclub Rochade Kuppenheim liefert ein weiteres Zitat des Herausforderers von 1951, diesmal aus der Ausgabe seines Zauberlehrlings von 1997. Dort gibt Bronstein interessanterweise zu, nicht Weltmeister habe werden wollen, was seine eher lasche Herangehensweise an die 24. Partie erklären würde. Nur sei der Druck eben nicht durch direkte Drohungen zustandegekommen, sondern vielmehr, durch einen Sieg nun die Bürde einer Verantwortung, eingebettet in die Nomenklatura der Sowjetmacht, tragen zu müssen. Bronstein:

Ich hatte meine Gründe, nicht Weltmeister zu werden, weil ein derartiger Titel damals bedeutete, dass man in eine offizielle Welt der Schachbürokratie eintrat. Eine solche Stellung verträgt sich nicht mit meinem Charakter. Seit meiner Kindheit liebe ich die Freiheit, und ungeachtet des Landes, in dem ich aufwuchs, habe ich all die Jahre versucht, in diesem Geist zu leben.
Schließlich nimmt auch Garri Kasparov, der 1984 nach seinem katastrophalen Beginn gegen Anatoli Karpov mit ähnlichen Gerüchten konfrontiert war, zur Frage nach der Ursache für das Scheitern Bronsteins Stellung, in der er allerdings rein sportliche Gründe sieht. Zwar habe sich Bronstein in „d[er] ungewöhnliche[n] Verknüpfung von Psychologie und der Schönheit des Schachs“ „von allen anderen Schachspielern jener Zeit“ unterschieden. „Das sportliche Element jedoch war bei ihm schwächer ausgeprägt. In den entscheidenden Momenten fehlte ihm hier das letzte Quäntchen. Die schwere Schlappe der 23. Partie zog er noch lange Jahre hinter sich her...“ (Kasparov, S. 124).

Als weiteren Grund dafür, daß sich dieses Gerücht, Bronstein habe aus Angst vor dem Regime absichtlich nicht Weltmeister werden wollen, bis heute so hartnäckig hält, sehe ich übrigens darin, daß ganz nach dem klassischen Gut-Böse-Schema regelmäßig übersehen wird, daß auch Bronstein selbst, wie übrigens auch viel später Garri Kasparov vor seinem Sieg gegen Karpov, Förderer im Machtapparat der KPdSU hatte. In einem Artikel für die Zeitschrift Karl nennt Johannes Fischer das führende NKWD-Mitglied Boris Weinstein. Auf Weinstein verweist auch André Schulz (schon zitiert), der etwas ausführlicher ausbreitet:

Bronstein wurde von Boris Weinstein (oder Vainstein) unterstützt. Weinstein, der direkt unter dem Chef der Geheimpolizei NKWD Lavrenty Pavlovich Beria (1899 geboren, 1954 hingerichtet), einem persönlichen Freund Stalins, als Chef der Wirtschaftsabteilung des NKWD arbeitete, war Präsident des Schachverbandes und gleichzeitig Vorsitzender des Dynamo Schachklubs, dem offiziellen Klub des NKWD. 1945 hatten er und Bronstein sich kennen gelernt.
Noch während der WM kam es dann zu der berühmten Beschwerde Botwinniks, der sich über das Verhalten der in der Ehrenloge Platz nehmenden Geheimdienstleute beschwert:

Im Zuscherraum, genau gegenüber der Bühne, gab es Plätze für den KGB [eigentlich NKWD, die Umbenennung in KGB erfolgte erst 1954 - Kiffing], wo alle Anhänger des Dynamo Clubs saßen. Wenn Bronstein etwas opferte oder einen Bauern gewann, wurde dort lauthals applaudiert. Bronstein machte einen Zug, verschwand blitzartig hinter der Bühne, erschien erneut und verschwand wieder. Das Publikum lachte, was mich irritierte.
Ebd.

Insofern können, gemessen an der aufgezeigten Quellenlage, keine Belege für eine direkte Intervention der Sowjetmacht zugunsten des einflußreichen Botwinniks gefunden werden. Doch sollte die Frage nicht allzu dichotom aufgefaßt werden, denn auch wenn sich nach den gegebenen Erkenntnissen die Situation nicht so zugespielt haben mag, daß Bronstein vor oder während der WM in Moskau finstere NKWD-Männer erschienen, die ihn vor die Wahl stellten, entweder nicht zu gewinnen oder in den Gulag zu kommen, so ist es durchaus glaubwürdig, was ja auch die Quellen hergeben, daß Bronstein aus verschiedenen Kreisen einen eher subtilen Druck erfuhr. Letztendlich dürfte das mühselige sich Behaupten Botwinniks kein Zufall gewesen sein. Als 1961 Michail Tal in einem beispiellosen Siegesrausch den Patriarchen bezwang, so war die Zeit dafür reif, daß Kasparov seine berühmten Zeilen aus der Vorkämpferreihe verfassen konnte:

Mit seinem mutigen Spiel gewann Tal Millionen von Anhängern auf der ganzen Welt und erwarb den Ruhm eines rastlosen Poeten, der mit Leichtigkeit die als unerschütterlich geltenden Fundamente der positionellen Schule hinwegfegte, die von Botwinnik und Smyslow gelegt wurden. Er verkörperte ohne Zweifel die lichtesten Hoffnungen der poststalinistischen Gesellschaft – eine in dieser Form nie gesehene Freiheit!
Doch war jener Stalin 1951 noch am Leben, und so waren ähnliche Stimmungen, wie sie sich nach seinem Tod durch einen Michail Tal, der in vielem David Bronstein sehr ähnlich war, ausbreiten konnten, im Prinzip undenkbar. Als Vorläufer von Michail Tal bleibt ihm aber zumindest der Ehrentitel eines „Weltmeisters der Herzen“, um den Geist eines Artikels von Julia Kirst im Schachticker aufzugreifen.

Für Michail Botwinnik indes war dieses Match ein ernstes Warnsignal. Er verstand, daß er sich aufgrund seiner beruflichen Ambitionen nicht mehr eine so lange Auszeit gönnen durfte und nahm das ernsthafte Arbeiten am Schach wieder auf. Seine Doppelbelastung als Schachspieler und technischer Wissenschaftler sollte der Schachwelt zum Segen gereichen, da Botwinnik beide Gebiete miteinander verknüpfte und so einer der bedeutendsten Pioniere auf dem neuen Gebiet der Schachcomputer wurde. So stand Botwinnik 1966 Pate, als sich in einem Wettkampf zwischen der Universität Moskau und der Universität Stanford die Schachcomputer der Universität Moskau mit 3:1 durchsetzten. Auf sowjetischer Seite soll Jubel ausgebrochen worden sein, als in einer Stellung (siehe Diagramm) der sowjetische Computer die damals für ein Schachcomputerprogramm bahnbrechende Kombination 15. Txh7! Tf8 16. Txg7 c6 17. Dd6 Txf5 18. Tg8+ Tf8 19. Dxf8# spielte (vgl. Hesse, S. 130).



David Bronstein indes sollte niemals mehr ein WM-Finale bestreiten. Mit Botwinnik verband ihn stattdessen eine tiefe Feindschaft. So war Bronstein nicht gerade sehr amüsiert, als er davon erfuhr, daß er von Botwinnik regelrecht ausgehorcht wurde:

Ich weiß, daß Botwinnik mich ein wenig fürchtete. Einer meiner Freunde erzählte mir, dass Botwinnik bereits 1945 plötzlich auf ihn zugekommen war und ihn fragte, ob ich nicht irgendeine Krankheit hätte, wie es um mein Herz stünde und ob meine Lungen in Ordnung seien... Botwinnik hatte mich bereits damals auf der Rechnung. Schließlich hatte ich ihn 1944 bei der Landesmeisterschaft geschlagen und ein Jahr später war er nur mit Mühe ins Remis entschlüpft. Und als man mich für diverse Turniere nicht berücksichtigte, wusste ich dies entsprechend einzuordnen. Aber mich hat damals weit mehr die Sorge umgetrieben, dass mein Vater erneut verhaftet werden könnte.
Kasparov, S. 124

Zudem beklagte sich Bronstein, von Botwinnik, der von Journalisten nach dem Match zu einer Pressekonferenz gebeten wurde, dazu nicht eingeladen worden zu sein, während Botwinnik Bronstein bei dieser WM „unverschämtes Verhalten“ vorwarf. So sei Bronstein nach dem Zugausführen ständig aufgestanden, hin- und hergegangen, so daß unter den Zuschauern Gelächter ausgebrochen sei, was ihn am Denken gehindert habe (ebd.).

Außerdem trat Bronstein zusammen mit seinem NKWD-Förderer Boris Weinstein unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges direkt gegen Botwinniks Anliegen auf, Weltmeister Alexander Aljechin zu einem WM-Kampf herauszufordern, weil nur dies der Sowjetischen Schachschule das nötige Prestige bieten könne. Weinstein und Bronstein beharrten darauf, daß „der nationalsozialistische Kollaborateur Aljechin kein moralisch akzeptabler Gegner sei“ (scrkuppenheim).

Doch 1976 sollten beide an unerwarteter Stelle noch einmal zusammenfinden. Es gehört zu den Treppenwitzen der Geschichte, daß sowohl Bronstein als auch Botwinnik zu den wenigen sowjetischen Großmeistern gehört hatten, die sich weigerten, die berüchtigte Diffamierungsurkunde gegen den exilierten Viktor Kortschnoi zu unterzeichnen. Botwinnik selbst geschah ob seiner Stellung im sowjetischen Schach nicht allzu viel. Bronstein dagegen sollte bis zur Wende ein Auftrittsverbot im nichtsozialistischen Ausland erhalten.

[Event "Russia"]
[Site "Match, Moscow (5)"]
[Date "1951.03.25"]
[Round "5"]
[White "Mikhail Botvinnik"]
[Black "David Bronstein"]
[Result "0-1"]
[ECO "E47"]
[PlyCount "78"]
[EventDate "1951.??.??"]

1. d4 Nf6 2. c4 e6 3. Nc3 Bb4 4. e3 O-O 5. Bd3 c5 6. Nf3 b6 7. O-O Bb7 8. Na4
cxd4 9. a3 Be7 10. exd4 Qc7 11. b4 Ng4 12. g3 f5 13. Nc3 a6 14. Re1 Nc6 15. Bf1
Nd8 16. Bf4 Bd6 17. Bxd6 Qxd6 18. Bg2 Nf7 19. c5 Qc7 20. Rc1 Rae8 21. Na4 b5
22. Nc3 f4 23. d5 fxg3 24. fxg3 exd5 25. Qd4 Nf6 26. Nh4 Re5 27. Rxe5 Qxe5 28.
Qxe5 Nxe5 29. Nf5 Nc4 30. Rd1 (30. Nxd5 Nxd5 31. Bxd5+ Bxd5 32. Ne7+ Kh8 33.
Nxd5) 30... Kh8 31. Re1 Nxa3 32. Nd6 Bc6 33. Ra1 Nc2 34. Rxa6 d4 35. Ncxb5 Bxg2
36. Kxg2 Ng4 37. Nf5 d3 38. Rd6 Rxf5 39. Rxd7 Nce3+ 0-1

Analyse: http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1032212

[Event "Moscow Wch-m"]
[Site "11"]
[Date "1951.04.08"]
[EventDate "?"]
[Round "11"]
[Result "0-1"]
[White "Mikhail Botvinnik"]
[Black "David Bronstein"]
[ECO "E17"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "78"]

1.d4 e6 2.Nf3 Nf6 3.c4 b6 4.g3 Bb7 5.Bg2 Be7 6.O-O O-O 7.b3 d5
8.cxd5 exd5 9.Bb2 Nbd7 10.Nc3 Re8 11.Ne5 Bf8 12.Rc1 Nxe5
13.dxe5 Rxe5 14.Nb5 Re7 15.Bxf6 gxf6 16.e4 dxe4 17.Qg4+ Bg7
18.Rfd1 Qf8 19.Nd4 Bc8 20.Qh4 f5 21.Nc6 Re8 22.Bh3 Bh6 23.Rc2
e3 24.fxe3 Bxe3+ 25.Kh1 Be6 26.Bg2 a5 27.Bf3 Kh8 28.Nd4 Rad8
29.Rxc7 Bd5 30.Re1 Qd6 31.Rc2 Re4 32.Bxe4 Bxe4+ 33.Qxe4 fxe4
34.Nf5 Qb4 35.Rxe3 Rd1+ 36.Kg2 Rd2+ 37.Rxd2 Qxd2+ 38.Kh3 Qf2
39.Kg4 f6 0-1

Analyse: http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1032217

[Event "Moscow Wch-m"]
[Site "17"]
[Date "1951.04.22"]
[EventDate "?"]
[Round "17"]
[Result "0-1"]
[White "Mikhail Botvinnik"]
[Black "David Bronstein"]
[ECO "E45"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "70"]

1.d4 Nf6 2.c4 e6 3.Nc3 Bb4 4.e3 b6 5.Ne2 Ba6 6.a3 Be7 7.Ng3 d5
8.cxd5 Bxf1 9.Nxf1 exd5 10.Ng3 Qd7 11.Qf3 Nc6 12.O-O g6 13.Bd2
O-O 14.Nce2 h5 15.Rfc1 h4 16.Nf1 Ne4 17.Nf4 a5 18.Rc2 Bd8
19.Be1 Ne7 20.Qe2 Nd6 21.f3 g5 22.Nd3 Qe6 23.a4 Ng6 24.h3 f5
25.Bc3 Bf6 26.Re1 Rae8 27.Qd1 Rf7 28.b3 Rfe7 29.Bb2 f4 30.Ne5
Bxe5 31.dxe5 Nf7 32.exf4 Nxf4 33.Nh2 c5 34.Ng4 d4 35.Nf6+ Qxf6
0-1

Analyse: http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1032220

[Event "Moscow"]
[Site "Moscow"]
[Date "1951.04.27"]
[Round "19"]
[White "Mikhail Botvinnik"]
[Black "David Bronstein"]
[Result "1-0"]
[ECO "D74"]
[PlyCount "119"]
[EventDate "1951.??.??"]

1. d4 Nf6 2. c4 g6 3. g3 Bg7 4. Bg2 d5 5. cxd5 Nxd5 6. Nf3 O-O 7. O-O c5 8. e4
Nf6 9. e5 Nd5 10. dxc5 Nb4 11. Nc3 N8c6 12. a3 Nd3 13. Be3 Bg4 14. h3 Bxf3 15.
Qxf3 Ndxe5 16. Qe4 Qd3 17. Qa4 Qc4 18. Rad1 Rad8 19. Bd5 Qxa4 20. Nxa4 e6 21.
Ba2 Nf3+ 22. Kg2 Nfd4 23. g4 h6 24. Rd2 Kh7 25. f4 f5 26. Nc3 e5 27. fxe5 Bxe5
28. Nd5 fxg4 29. hxg4 Rxf1 30. Kxf1 Rf8+ 31. Rf2 Rxf2+ 32. Bxf2 a6 33. Kg2 Kg7
34. Bc4 Ne6 35. b4 Bb2 36. a4 Ne5 37. Be2 Bd4 38. Bg3 a5 39. bxa5 Nxc5 40. Nc7
Nc6 41. a6 bxa6 42. Nxa6 Ne4 43. Bc7 Nc3 44. Bf3 Ne5 45. a5 h5 46. g5 Nc4 47.
Nb4 Nb5 48. Bd8 Kf8 49. Nc6 Bc5 50. Be2 Ne3+ 51. Kf3 Nd4+ 52. Nxd4 Bxd4 53. Bd3
Ng4 54. Bxg6 Ne5+ 55. Ke4 Nc6 56. Bb6 Bxb6 57. axb6 h4 58. Bf5 Ke7 59. Kf4 Kd6
60. Be4 1-0

Analyse: http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1032216

[Event "Russia"]
[Site "Match, Moscow (22)"]
[Date "1951.05.06"]
[EventDate "?"]
[Round "22"]
[Result "1-0"]
[White "David Bronstein"]
[Black "Mikhail Botvinnik"]
[ECO "A91"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "75"]

1.d4 e6 2.c4 f5 3.g3 Nf6 4.Bg2 Be7 5.Nc3 O-O 6.e3 d5 7.Nge2 c6
8.b3 Ne4 9.O-O Nd7 10.Bb2 Ndf6 11.Qd3 g5 12.cxd5 exd5 13.f3
Nxc3 14.Bxc3 g4 15.fxg4 Nxg4 16.Bh3 Nh6 17.Nf4 Bd6 18.b4 a6
19.a4 Qe7 20.Rab1 b5 21.Bg2 Ng4 22.Bd2 Nf6 23.Rb2 Bd7 24.Ra1
Ne4 25.Be1 Rfe8 26.Qb3 Kh8 27.Rba2 Qf8 28.Nd3 Rab8 29.axb5
axb5 30.Ra7 Re7 31.Ne5 Be8 32.g4 fxg4 33.Bxe4 dxe4 34.Bh4 Rxe5
35.dxe5 Bxe5 36.Rf1 Qg8 37.Bg3 Bg7 38.Qxg8+ 1-0

Analyse: http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1032210

[Event "match"]
[Site "Ch World , Moscow (Russia) (23)"]
[Date "1951.05.08"]
[EventDate "?"]
[Round "23"]
[Result "1-0"]
[White "Mikhail Botvinnik"]
[Black "David Bronstein"]
[ECO "E60"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "113"]

1.d4 Nf6 2.c4 g6 3.g3 c6 4.Bg2 d5 5.cxd5 cxd5 6.Nc3 Bg7 7.Nh3
Bxh3 8.Bxh3 Nc6 9.Bg2 e6 10.e3 O-O 11.Bd2 Rc8 12.O-O Nd7
13.Ne2 Qb6 14.Bc3 Rfd8 15.Nf4 Nf6 16.Qb3 Ne4 17.Qxb6 axb6
18.Be1 Na5 19.Nd3 Bf8 20.f3 Nd6 21.Bf2 Bh6 22.Rac1 Nac4
23.Rfe1 Na5 24.Kf1 Bg7 25.g4 Nc6 26.b3 Nb5 27.Ke2 Bf8 28.a4
Nc7 29.Bg3 Na6 30.Bf1 f6 31.Red1 Na5 32.Rxc8 Rxc8 33.Rc1 Rxc1
34.Nxc1 Ba3 35.Kd1 Bxc1 36.Kxc1 Nxb3+ 37.Kc2 Na5 38.Kc3 Kf7
39.e4 f5 40.gxf5 gxf5 41.Bd3 Kg6 42.Bd6 Nc6 43.Bb1 Kf6 44.Bg3
fxe4 45.fxe4 h6 46.Bf4 h5 47.exd5 exd5 48.h4 Nab8 49.Bg5+ Kf7
50.Bf5 Na7 51.Bf4 Nbc6 52.Bd3 Nc8 53.Be2 Kg6 54.Bd3+ Kf6
55.Be2 Kg6 56.Bf3 N6e7 57.Bg5 1-0

Analyse: http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1032203

[Event "Moscow Wch-m"]
[Site "24"]
[Date "1951.05.11"]
[EventDate "?"]
[Round "24"]
[Result "1/2-1/2"]
[White "David Bronstein"]
[Black "Mikhail Botvinnik"]
[ECO "D44"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "43"]

1.d4 d5 2.c4 c6 3.Nc3 Nf6 4.Nf3 e6 5.Bg5 dxc4 6.a4 Bb4 7.e4 c5
8.Bxc4 cxd4 9.Nxd4 h6 10.Be3 Nxe4 11.O-O Nf6 12.Qf3 O-O
13.Rad1 Qe7 14.Rfe1 Nc6 15.Qg3 Kh8 16.Nxc6 bxc6 17.Bd4 Rd8
18.Rd3 Bb7 19.Ree3 Rxd4 20.Rxd4 Bc5 21.Rd1 Bxe3 22.Qxe3
1/2-1/2

Analyse: http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1032224