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Thema: Zur aktuellen Debatte um den selbstlernenden Schachcomputer namens Giraffe

  1. #1
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    Zur aktuellen Debatte um den selbstlernenden Schachcomputer namens Giraffe



    Ich muß sagen, mir selbst hat es vor allem die Methodik angetan, mit revolutionären und neuartigen Ansätzen der Schachcomputerentwicklung einen neuen Schub zu versetzen. Über schachspielende Quantencomputer haben wir schon gesprochen. Ein weiterer Kandidat in dieser Richtung hört auf den Namen Giraffe und ist eine von Matthew Lai vom Imperial College London entwickelte Künstliche Intelligenz, die sich selbst das Schach beibringen kann. Sie „nutzt dabei ein neurales Netzwerk, also ein System, dessen Aufbau mit verschiedenen Neuronen dem menschlichen Hirn nachempfunden ist.“ Damit könne sich die Künstliche Intelligenz in „drei Tagen“ soweit Schach beibringen, daß sie das obere Segment von 2,2 Prozent der menschlichen Schachmeister besetzen könne, und wofür als Vergleich herkömmliche, d. h. vom Menschen programmierte Schachcomputer erst „monatelang verbessert“ (ebd.) werden müßten.

    Diese im Gegensatz zu den herkömmlichen Schachcomputern selbständige Methode brächte der Künstlichen Intelligenz den Vorteil, sich anderer Mechanismen als diese zu bedienen, die vor allem durch die Steigerung der Rechengeschwindigkeit immer leistungsfähiger werden. Die Wissenschaftsseite Wired, die über die Giraffe berichtet, betont, diese könne „jede individuelle Positionierung auf dem Spielbrett exakt bewerten [...]“ (ebd.). Sprich, sie bediene sich im Gegensatz zu den handelsüblichen Schachcomputern, denen jeder Schritt erst einmal einprogrammiert werden müsse, primär „menschlicher“ Denkweisen, um ihre Spielstärke zu entwickeln, was sie im Vergleich dazu effizienter machen sollte.

    Nach Richard Meusers vom Spiegel kann sich der Leser diese unterschiedliche Herangehensweise dieser Künstlichen Intelligenz im Vergleich zu den handelsüblichen Schachcomputern ungefähr so vorstellen:

    Neuronale Netze verarbeiten Informationen bis zu zehnmal langsamer als herkömmliche Computer. Da sie jedoch wenig Erfolg versprechende Varianten frühzeitig ausscheiden, können sie es trotzdem mit modernen Großrechnern aufnehmen.
    Dieser Ansatz lasse sich auch auf andere Gebiete übertragen:

    Für diese Art der sogenannten intuitiven KI gebe es eine Vielzahl von denkbaren Einsatzfeldern wie Spracherkennung oder Bildklassifikation, so Lai zu SPIEGEL ONLINE. Das Neuartige an Giraffe sei die Kombination von neuronalen Netzwerken mit der Spieltheorie, um auf dieser Grundlage Strategiespiele zu spielen. Das Konzept eigne sich zudem für Entscheidungen vergleichbarer Art, etwa, um Handlungen auf der Basis von erwarteten Antworten anderer zu planen.
    Das klingt erst einmal eindrucksvoll. Doch möchte ich euch an dieser Stelle einen Artikel von André Schulz von Chessbase nicht vorenthalten, der sich kritisch mit der dadurch auf verschiedenen Wissenschaftsseiten vorherrschenden Euphorie auseinandersetzt. Zur Einordnung sei genannt, daß das Schach ein traditionelles Interessensgebiet von Wissenschaftlern ist, die anhand des Schachspiels die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz messen, testen und weiterentwickeln. Daher rührt ihr Interesse an der so neuartig scheinenden Maschine von Matthew Lai. Allerdings hat wiederum die Popularität des Schachs bei Forschern der Künstlichen Intelligenz in letzter Zeit nachgelassen. Der schon erwähnte André Schulz brachte es in einem Spiegel-Artikel von 2002 mit drastischen Worten auf den Punkt:

    Schach galt als interessantes Versuchsfeld auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz. Inzwischen ist der einstige Enthusiasmus etwas verflogen. Anscheinend kann man alle Erkenntnisse, die man auf dem Gebiet des Schachs erzielt, nur für andere Brettspiele umsetzen.

    Die PR-Abteilung von IBM setzt gelegentlich hübsche Geschichten in die Welt, zuletzt jene, in der Deep Blue auf dem Gebiet der Verbraucherforschung prächtige Ergebnisse erziele. Das ist Blödsinn. Man kann für Schachprogramme auch Rechner nutzen, die sonst Klimabeobachtung machen. Aber die Programme sind in beiden Fällen ganz andere. Das Schachprogramm kann nur Schach spielen und sonst gar nichts.
    Eben jener Skeptizismus kommt auch in Schulz´ aktuellen Chessbase-Artikel zum Vorschein. In der deduktiv vorgebrachten Argumentation bezeichnet Schulz die aktuelle Giraffeneuphorie jener Wissenschaftsseiten als „pseudowissenschaftlich“, und deren „wissenschaftliche[r] Gestus [...] dokumentiere vor allem eines, nämlich die Ahnungslosigkeit der mit der Texterstellung beauftragten Autoren.“

    Das klingt nicht nur hart, sondern ist auch so gemeint. An dieser Stelle darf allerdings der notwendige quellenkritische Hinweis nicht fehlen, daß André Schulz als führender Mitarbeiter der Firma Chessbase gar kein Interesse daran haben kann, daß eine so neuartige Konkurrenz sich auf dem Schachcomputermarkt behauptet. Man denke dabei etwa an den Widerstand der Ölindustrie an neuartigen und umweltschonenden Treibstoffen für den Verkehr.

    Ciceros Cui bono ist ein Indiz, das bei solchen Fragen grundsätzlich beachtet werden sollte, aber noch kein Beweis. Setzen wir uns mit den Argumenten von André Schulz auseinander. Das Kernargument aus dem Artikel ist interessanterweise nichts weniger als die Behauptung, Matthew Lai und seine Kollegen bedienten sich Methoden, die schon vor 20 Jahren (sic) von der Schachcomputerindustrie als „Einbahnstraße“ erkannt worden seien. Schulz:

    Nicht berichtet wird, auf welche Weise dieser Elowert ermittelt wurde, durch Partien gegen einen menschlichen oder künstlichen Gegner, oder auf eher virtuelle Weise, durch Hochrechnen der Ergebnisse der "Strategic Test Suite" - hinter dem hochtrabenden Titel verbirgt sich wohl nichts anderes als eine simple Datenbank mit Teststellungen. Wahrscheinlich ist letzteres der Fall. Auf diese Weise - durch Teststellungen - wurde übrigens schon vor zwanzig Jahren versucht, die Spielstärke von Programmen zu ermitteln - bis man merkte, das dies eine Einbahnstraße ist, die zu keinen wirklich brauchbaren Ergebnissen führt.
    Was ist die Giraffe also nun, revolutionärer Fortschritt oder Rohrkrepierer? Was meint ihr?
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  2. #2
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    AW: Zur aktuellen Debatte um den selbstlernenden Schachcomputer namens Giraffe

    Ich hatte im Eingangsbeitrag ja bereits die Entwicklung angesprochen, daß das Schach als unter den Spielen beliebtester Spielball für Forscher an der Künstlichen Intelligenz stark an Beliebtheit abgenommen habe. Diese Entwicklung geht weiter. Denn Madeleine Amberger berichtet nun in Futurezone.at darüber, daß das neue favorisierte Forschungsobjekt unter den Spielen nun das Pokern ist, genauer gesagt Texas Hold´em, denn, wie der finnische KI-Experte Tuomas Sandholm erläutert:

    Poker ist ein Spiel mit unvollständigen Informationen“, so Tuomas Sandholm. Und daher sei es dem wirklichen Leben sehr viel ähnlicher als Schach. „Oft ist es doch so: Wir müssen eine Entscheidung treffen, aber uns fehlen wichtige Informationen.“ Das treffe auf viele Bereiche zu: von Verhandlungen bis zu Auktionen, von medizinischen Therapien bis zum virtuellen und realen Sicherheitsbereich.
    Natürlich werden pokerspielende Computer, welche die Pokerszene, je nach Standpunkt bedrohen oder bereichern werden, bald zur Realität gehören. Daß es zwischen Pokern und Schach ohnehin eine gewisse Beziehung gibt, war mir in den 0er Jahren aufgefallen. Dort boomte Poker gerade unter Schachspielern, und zahlreiche Profispieler wechselten vom Schach in die Pokerszene.
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  3. #3
    Anonym
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    AW: Zur aktuellen Debatte um den selbstlernenden Schachcomputer namens Giraffe

    Beim onlinepoker haben programme, die auch statistiken zu gegnern erheben - verschiedene aspekte ihrer spielweise aufdecken - auch der eigenen als analyse - sowie angaben die das spiel optimieren doch schon einen extremen vorteil bzw hat man enien vorteil wenn man das nutzt. dabei gehts nicht mal um die stereotype anwendung so dass eine reine engine unter guten profis wohl kaum eine chance hätte dauerhaft ins plus zu kommen. aber das liegt sicher nur daran wie gut die programme gemacht wurden. schade dass man für live poker so viel fahren muss - is aber wesentlich interessanter.

    beim schach muss man auch entscheidungen treffen ohne alle wichtigen informationen zu haben - das sehen leute die das perfekte spiel spielen wollen udn für möglich halten vielleicht anders

  4. #4
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    AW: Zur aktuellen Debatte um den selbstlernenden Schachcomputer namens Giraffe

    Hallo.

    Ich sehe das Problem eines Computers beim Pokern darin, dass ein Teil des Spiels das Lügen ist. Ich frage mich ernsthaft wie einem Computer beigebracht werden soll Bluffs zu durchschauen oder selber zu bluffen. Der Computer geht doch nach strikten Regeln vor und egal wie gut er den Menschen analysiert. Letztendlich ist der PC leichter zu analysieren und zu durchschauen. Wenn ich herausgefunden habe, was der Computerals Bluff ansieht, kann ich das extrem ausnutzen. Wenn ich weiß wie der Computer selber blufft genau so. Es kommt dann drauf an wie flexibel man den Computer machen kann. Weil jetzt nicht immer auf jeden Zug im Schach immer die selbe Antwort kommt, denke ich schon, dass der Computer einen gewissen Spielraum hat, aber ich weiß nicht, ob das ausreicht.

    Was wahrscheinlich der Vorteil vom Engine beim Pokern ist. Das wird ein genaueres Gedächtnis sein und vielleicht findet er so Verhaltensmuster heraus, die nicht mal dem Spieler selber bewusst sind. Aber grundsätzlich denke ich kann der Spieler sonst sogar einfach ganz bewusst versuchen keine Muster zu spielen und dann wäre das Programm ausgetrickst. Im Grunde ist das aber alles nichts anderes als man so wie so machen soll beim Pokern. Ein anderer Voteil kann sein, dass Engine so eine Zufälligkeit frei von jeder Emotion umsätzen könnten.

    LG

  5. #5
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    AW: Zur aktuellen Debatte um den selbstlernenden Schachcomputer namens Giraffe

    Der Computer wird beim Pokern von den Entwicklern so programmiert, daß er das Bluffen in seine Überlegungen einbezieht und dieses so zu einer statistischen Größe wird. Wegen den im Vergleich zum Schach unvollständigen Informationen (Schach ist im Vergleich zu Karten- und Würfelspielen kein Glücksspiel) ist natürlich der Spielraum an letztendlich falschen Entscheidungen größer, so daß der beste Weg beim Pokern also nicht darin liegt, daß er grundsätzlich, sondern nur in den meisten möglichen Fällen zum Sieg führt. Dieser Gedanke ist auch schon jetzt aus dem Spiel Monopoly bekannt, wo dem Zufall ebenfalls ein großer Raum gewährt wird, aber wo ebenfalls bestmögliche Strategien ausgetüftelt werden, die nicht immer, aber mit zunehmender Wahrscheinlichkeit zum Erfolg führen können. Siehe dazu: http://www.tagesspiegel.de/berlin/de.../11981388.html
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  6. #6
    Anonym
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    AW: Zur aktuellen Debatte um den selbstlernenden Schachcomputer namens Giraffe

    selbst wenn das spielverhalten - handlungsmuster - aller gegner beobachtet werden kann - selbst wenn es nicht so stereotyp wie bei amateuren ist, stehen zur berechnung als grundlage beim pokern nur sehr wenige informationen zur verfügung. bestimmte berechnungen wei outs, relation eines calls zum setzniveau etc. kann auch ein mensch berechnen - nicht so schnell, aber er hat ja zeit. natürlich werden hierbei auch fehler gemacht, wenn auch selten, die der computer nicht macht. der computer kann insgesamt sicherlich auch eine feinere, genauere abstimmung vornehmen. ich behaupte aber, dass der unterschied einer solchen engine zu einem spitzenspieler so gering ist, dass das erst nach 1000 händen am cashtable zum tragen käme und bei turnierspielen kaum merkbar ist.
    geben wir der spielstärke einen wert, der maximal 100 sein kann - dann wirkt sich der unterschied zwischen 90 und 99 natürlich stärker aus als zwischen 99,1 und 99,3. In Geld kaum merkbar. - würden alle spieler auf dem selben niveau spielen, wäre es wieder ein reines glücksspiel - witzigerweise ist die glücksquote wie beim schach durchaus vorhanden und um so grösser je näher die niveaus der spieler beieinander liegen - egal wie hoch das niveau auch ist - wie beim Poker.

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