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Thema: Die "vierte Partiephase"

  1. #1
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    Die "vierte Partiephase"

    Die klassische Einteilung einer Schachpartie in Eröffnung, Mittelspiel und Endspiel ist eine gute plastische Einteilung, da so veranschaulicht werden kann, daß jede dieser Spielphasen ihren eigenen Charakter und so ihre eigenen Gesetze hat. Besonders schön finde ich in diesem Zusammenhang das Bonmot von Rudolf Spielmann: "spiele die Eröffnung wie ein Buch, spiele das Mittelspiel wie ein Magier und das Endspiel wie eine Maschine“. Natürlich sollte man sich davor hüten, diese drei Partiephasen als jeweils allzu sehr abgeschlossene Gebilde zu betrachten, die miteinander nichts zu tun hätten, denn die einzelnen Phasen bauen aufeinander auf, und die Übergänge sind mitunter fließend. Durch diese fließenden Übergänge treten Situationen auf, in denen eine klare Klassifikation schwierig sein kann. Mark Dworetzki hat dieses Problem anhand der 5. Matchpartie der Mini-WM zwischen Carl Schlechter und Emanuel Lasker unter die Lupe genommen und für eine Übergangssituation zwischen Mittelspiel und Endspiel eine eigene Definition entwickelt, und zwar diejenige der „einfachen Stellungen“. Wir betrachten die Stellung der 5. Wettkampfpartie nach dem 21. Zug (Schlechter Weiß, Lasker Schwarz):



    Zu dieser Stellung merkt der russische Startrainer an:

    Die vorliegende Stellung ist nicht so leicht zu klassifizieren: sie ist weder ein Mittelspiel noch ein Endspiel. Für mich stellt das allerdings kein Problem dar: in der Einleitung des 7. Kapitels von SCE-3 [Strategic Play der School of Chess Excellence - Kiffing] habe ich das Konzept „einfacher Stellungen“ (englisch: „simple positions“) eingeführt.
    In einfachen Stellungen hat jede Seite höchstens zwei Figuren (wenn man Könige und Bauern nicht mitrechnet), aber einer der wesentlichen Figurentypen fehlt - entweder Damen, Türme oder Leichtfiguren. Solche Situationen können auch als „vierte Partiephase“ bezeichnet werden: eine Zwischenphase zwischen Mittelspiel und Endspiel.
    In seinem [...] Buch The Middlegame betrachtet Romanowski einige Beispiele mit nur Damen und Türmen. Diese Stellungen haben sowohl Endspiel- als auch Mittelspielcharakter. Die Hauptschwierigkeit besteht darin herauszufinden, welche Tendenz im vorliegenden Fall stärker ist. „Sollte man den König zentralisieren (wie im Endspiel) oder verstecken (wie im Mittelspiel)?“ oder „sollte man Bauernschwächen für einen Angriff in Kauf nehmen, der möglicherweise nie stattfinden wird?“ sind beispielsweise Fragen, die sich stellen.
    Die vorliegende Partie ist eine exzellente Illustration dieses Problems. Lasker behandelte die Stellung wie ein Endspiel und überspielte seinen Gegner langsam aber sicher. Doch am Ende wurde er unaufmerksam und ließ einen Mattangriff zu.
    Mark Dworetzki, Die Universität der Schachanalyse, New in Chess 2009, S. 404f.

    Man beachte also folgendes: vor der Aufgabe der richtigen Interpretation der Partiephase können anscheinend auch Weltmeister scheitern, und diese Neudefinition einer jenseits des klassischen Schach-Trialismus stehenden „vierten Partiephase“ steht in Konkurrenz zu einer weiteren Spielphasenentdeckung von zugzwang, der für seine Partiephase den Terminus Schwergewichte prägte und damit Stellungen mit allen Schwerfiguren und ohne Leichtfiguren bezeichnete. zugzwang erklärt in diesem Thread:

    Das Spiel nur mit den Schwerfiguren hat seinen ganz eigenen Charme und nicht zufällig schufen und schaffen gerade die Schwergewichte der Schachszene nach Ansehen, Titel oder Elo mit den Schwergewichten auf dem Brett, also König, Dame,Türme und Bauern (!, ja der mit dem Marschallstab im Tornister), brillante "Schachszenen".
    Manchmal ist selbst den Schwergewichten der richtige Einsatz der eigenen Schwerfiguren oder das Spiel gegen die Schwerfiguren des Gegners zu schwer - umgangssprachlich, korrekt schwierig -.
    Techniken, Motive sowie Einfälle und Reinfälle rechtfertigen für dieses schachliche Thema eine gesonderte Rubrik, die mit reichlich Material ausgestaltet werden darf.
    Kommen wir von den Schwergewichten zurück zu den einfachen Stellungen. Wir haben bereits erfahren, warum Emanuel Lasker diese Partie gegen Carl Schlechter verlor. Diese Partie läßt sich übrigens in der Schachgeschichte leicht einordnen, weil diese Partie in dieser Mini-WM neben der noch bekannteren letzten Partie in dieser Schach-WM die einzige Partie gewesen war, in der einem Spieler ein Sieg gelang. Wir haben erfahren, daß in dieser „eigenen Partiephase“ die Hauptschwierigkeit und Hauptanforderung darin besteht, herauszufinden, ob nun ein Mittelspiel- oder ein Endspielansatz in der jeweiligen konkreten Situation der beste Plan ist. Mark Dworetzki, der sich in seinem Werk sehr genau mit dieser Partie befaßt hat, läßt sozusagen als Quintessenz für die Niederlage Laskers Pjotr Romanowski sprechen, der pointiert festgestellt hatte:

    Das ganze Endspiel kann als instruktives Beispiel für die Unterschätzung von Mittelspielideen im Kampf der Schwerfiguren gesehen werden. Genau genommen beging Lasker nur einen Fehler - aber einen sehr bedeutenden: er ließ sich zu sehr von Endspielmotiven leiten [...].
    Dworetzki, S. 417

    Übrigens tat sich Emanuel Lasker mit dem Österreicher nach Ansicht von Botwinnik so schwer, weil diesem markantesten Vertreter der Wiener Schachschule die Ecken und Kanten fehlten, an denen der mit 27 Jahren längste Weltmeister der Schachgeschichte ansetzen konnte.

    Analyse: http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1121161

    [Event "Wch10-GER/OST (Wien)"]
    [Site "Wch10-GER/OST (Wien)"]
    [Date "1910.01.22"]
    [Round "5"]
    [White "Carl Schlechter"]
    [Black "Emanuel Lasker"]
    [Result "1-0"]
    [ECO "C66"]
    [PlyCount "116"]
    [EventDate "1910.??.??"]

    1. e4 {Notes by Jose Raul Capablanca from "The Chess Weekly", 1910.} e5 2. Nf3
    Nc6 3. Bb5 Nf6 4. O-O d6 5. d4 Bd7 6. Nc3 Be7 7. Bg5 O-O 8. dxe5 Nxe5 {Of
    course if 8...dxe5 9.Bxc6 would win a pawn.} 9. Bxd7 Nfxd7 10. Bxe7 Nxf3+ {If
    10...Qxe7 probably 11.Nxd4} 11. Qxf3 Qxe7 12. Nd5 Qd8 13. Rad1 Re8 14. Rfe1 Nb6
    15. Qc3 Nxd5 16. Rxd5 Re6 17. Rd3 Qe7 18. Rg3 Rg6 19. Ree3 Re8 20. h3 Kf8 21.
    Rxg6 hxg6 {With every exchange Black's position becomes better. Whatever
    positional advantage White had is fast disappearing.} 22. Qb4 c6 23. Qa3 a6 24.
    Qb3 Rd8 25. c4 Rd7 26. Qd1 Qe5 27. Qg4 Ke8 28. Qe2 Kd8 29. Qd2 Kc7 {White,
    apparently satisfied with his position has allowed the black king to move over
    to the queenside, without making any attempt to stop him. White now starts an
    advance of the queen side pawns, which is checked by Black at once.} 30. a3 Re7
    31. b4 b5 32. cxb5 axb5 {Black's strategy has been of a very high order. He
    has now a very fine game.} 33. g3 g5 34. Kg2 Re8 35. Qd1 f6 36. Qb3 Qe6 37. Qd1
    Rh8 38. g4 Qc4 39. a4 {Black's position was becoming too alarmingly strong.
    White prefers to give up a pawn and go for the Black king, rather than be
    boxed in without a chance to move anything.} Qxb4 {39...bxa4, and if 40.Qxa4
    Rb8, should be considered. It looks very much as though Black would win. The
    position is worth studying. By playing 40...Rb8, Black threatens to play 41...
    Rxb4 and then 42...Rb1, with a murderous check in sight at f1.} 40. axb5 Qxb5
    41. Rb3 Qa6 42. Qd4 Re8 {If Black were satisfied with a draw, 42...Rb8 would
    have accomplished it. The champion's play is better, as he could have drawn if
    he wished up to the fifty-fourth move.} 43. Rb1 Re5 44. Qb4 Qb5 45. Qe1 Qd3 46.
    Rb4 c5 {46...Rb5 gave Black some chances of winning.} 47. Ra4 c4 48. Qa1 Qxe4+
    49. Kh2 Rb5 50. Qa2 Qe5+ 51. Kg1 Qe1+ 52. Kh2 d5 53. Ra8 Qb4 {He could have
    easily drawn the game by perpetual check, as White could not afford to play 54.
    Kg2 and 55.f3 because of 55...Qd4.} 54. Kg2 Qc5 {A most rare case of chess
    blindness on the part of Dr. Lasker. 54...Rb8 would at least draw.} 55. Qa6 Rb8
    {It was bad now, but he might have tried 55...Qb6 56.Qc8+ Kd6 57.Ra6 Qxa6 58.
    Qxa6+ Kc5 and fight it out with the two passed pawns and his rook against the
    queen.} 56. Ra7+ Kd8 57. Rxg7 Qb6 58. Qa3 Kc8 1-0
    Alles wartet auf das Licht
    Oh, ihr Menschen, fürchtet euch nicht

  2. #2
    Rebooting...
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    AW: Die "vierte Partiephase"

    Dazu gibt es auch ein gutes Buch von Glenn Flear: "Practical Endgame Play, beyond the Basics"

    Dort nennt er die "4. Phase" NQE ("Nookie") - Not Quite an Endgame. Sehr interessantes Buch, zumal ich zu diesem Thema sonst immer wenig gefunden habe

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