Der für seinen scharfen und kompromißlosen Stil beliebte, aber auch gefürchtete Weltranglistenzweite und FIDE-WM von 2005 (übrigens ein Rundenturnier), Veselin Topalov, hat dieser Tage einer argentinischen Zeitung ein Interview gegeben, das von Chess24 freundlicherweise ins Deutsche übersetzt wurde. Veselin Topalov ist auch vom Typ her ähnlich seinem Stil. Er ist ein Freund offener Worte, klarer Statements und in dieser Hinsicht weniger diplomatisch als vergleichbare Spitzenspieler. Dies wird deutlich über seine Giftpfeile, die er in Richtung Wladimir Kramniks schießt, siehe:

Mein Rivale ist der Favorit der heutigen Politiker, aber ich denke, dass seine Privilegien in 5 oder 10 Jahren, wenn er nicht mehr den Weltmeistertitel anstrebt, verschwinden werden. Wir sprechen ja über einen Spieler, der viele Matches erhalten hat, aber es nie durch einen ganzen Zyklus geschafft hat. Immer Geschenke, weil der Russische Verband viel Einfluss in der FIDE hat.
Seit der Skandal-WM von 2006, in der Topalov Kramnik unterlag, tragen sie ungebrochen eine Fehde aus. Bei den unvermeidlichen Spielen gegeneinander geben sie sich nicht die Hand.

Allerdings nimmt die Person Kramnik nur einen kleinen Teil des Interviews ein. Viel interessanter ist die Rolle des Computers, der aufgrund seiner Auswirkungen auf das Schachspiel bekanntlich ein Dauerthema in der Schachwelt ist. Der 40jährige Topalov gehört neben Anand, Kramnik und Aronian zur alten Garde der Spieler in den Top-10, die nicht selbstverständlich mit dem Schachcomputer aufgewachsen sind, und daß sie sich in der Schachwelt so stark behaupten können, ist sicherlich kein Zufall, sondern liegt daran, daß ihr Schachverständnis noch eine Selbständigkeit aufweist, die nach Meinung vieler Kritiker der heutigen jungen Spielergeneration zu einem Großteil verlorengegangen sei. Wenig überraschend äußert sich Topalov skeptisch über die Rolle des Schachcomputers. Deren Bedeutung womöglich überschätzend, behauptet er, der Schachcomputer mache der „Kreativität ein Ende“ und „alle zu gleichwertigen Spielern“. Um diesem Problem zu begegnen, wirken seine Verbesserungsvorschläge wenig überzeugend. Topalov ist Anhänger der Sofia-Regelung, die ein Remisangebot verbietet. Und mit dem Vorschlag, die Bedenkzeit zu verkürzen, schüttet er gar das Kind mit dem Bade aus.

Ansonsten äußert sich Topalov über Carlsen (er mache die wenigsten Fehler), über Wei Yi, Kasparov und über Fischer, den er selbst über die anderen Schachmeister stellt. Seine Begründung ist allerdings ein wenig seltsam: „Für mich war Fischer der beste. Während Spieler wie Kasparov ihr Äußerstes gaben, hörte er mit 29 auf“. Da muß ich gleich mit Anatoli Karpov dagegenhalten, der nach seinem kampflosen Sieg gegen Fischer 1975 in Richtung Fischer geäußert hatte, wer nicht spielt, wird eben nicht mehr verlieren. Für Topalov scheint sich China unaufhaltsam in Richtung Weltmacht zu bewegen. Er sagt: „Und es ist meiner Ansicht nach kein Zufall, dass die Topspieler in China heranwachsen. Ich war dort mehrere Male und kenne seinen Verband. Ich weiß, dass sie ein System mit sehr harter Arbeit haben und extrem diszipliniert sind.“ Das wird wohl stimmen, doch das im Vergleich zu den Erwartungen mehr als dürftige Abschneiden der Chinesen bei der Jugend-WM in Griechenland hat auch gezeigt, daß solch ein Drill kein Allheilmittel sein kann, weil dieser in der in China gebotenen Form zu absterbender Leidenschaft, fehlender geistiger Frische und schnellen Verschleißerscheinungen führen kann und insofern einem Overkill nahekommt. Weniger ist mehr.

Insgesamt liefert Veselin Topalov also klare Stellungnahmen zu brisanten Themen im Weltschach, die allerdings, wie ich nachgewiesen habe, nicht auf argumentativ wasserdichtem Boden stehen und insofern angreifbar sind. Trotzdem oder vielleicht sogar gerade deswegen laden sie zur Diskussion ein.