Als ich gestern die wundervolle Partie von Ding Liren gegen Sergej Karjakin (Partie, siehe Anhang) in Wijk aan Zee verfolgt hatte, mußte ich unwillkürlich an eine frühere Aussage des starken US-amerikanischen Schachspielers und Psychologen Reuben Fine denken, der durch seine Vermengung seiner beiden Steckenpferde auch in der Literatur bekanntgeworden ist. Jener hatte sich über den Schachstil der aufstrebenden sowjetischen Meisterspieler um 1950 herum, die in der Sowjetischen Schachschule ihre Spielkunst erlernten oder verfeinerten, folgendermaßen geäußert:

Der sowjetische Schachstil war damals (1950) gekennzeichnet durch äußerste Betonung der Taktik und Gegenangriff. Während die strategischen Konzeptionen nicht besonders eindrucksvoll schienen, war die taktische Ausführung überragend. Vor allem vermieden die sowjetischen Spieler eine passive Verteidigung und verlegten sich stattdessen auf kraftvolle Gegenangriffe. Einmal in eine passive Stellung geraten, erlitten sie häufig Niederlagen, weil ihnen langwierige Verteidigungsmanöver, die ihnen keine aggressive Möglichkeiten boten, unerträglich waren. Das sowjetische Schach war früher bekannt für seine überaus originellen Ideen, die oft deutlich von den in Westeuropa und Amerika geläufigen abwichen. Zum Teil rührte diese Originalität jedoch aus mangelnder Vertrautheit mit dem, was außerhalb der Sowjetunion geschah.
Diese Aussage Fines über die sowjetischen Schachspieler um 1950 herum deckt sich mit den Erfahrungen, wie die heutigen chinesischen Meisterspieler das Schach interpretieren und anwenden. Einen europäischen oder amerikanischen Meisterspieler, der durch die uns bekannte Schule des Schachs mit all ihren Erfahrungen, daraus erworbenen Urteilen, aber auch Vorurteilen, gegangen ist, wäre eine solche Idee, in solch einer Stellung mit vorgerücktem weißen Damenflügel und sicherem Königsflügel nicht klein, sondern groß zu rochieren, wohl gar nicht gekommen. Nach aller Theorie, aber auch nach allen angelernten allgemeinen Erwägungen, die bei uns als selbstverständlich gelten, muß Weiß in dieser Stellung früher oder später klein rochieren, und die Kreativität europäischer und amerikanischer Meister hätte sich so erst in einer späteren Partiephase austoben können. Das, was Isaak Lipnitzky so gerne die Neubewertung von Mustern nannte, scheint in China näher an der Wurzel zu sein; was uns in Fleisch und Blut übergegangen ist, ist in China nicht selbstverständlich.

Die Partie von Ding Liren gegen Sergei Karjakin ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Auch die meisten anderen chinesischen Meisterspieler spielen wilder, frischer und unbekümmerter und weniger „theorielastig“ als die europäischen und amerikanischen Meister. Ein anderer Meisterspieler aus China, Wang Hao ist bekannt für seine, aus unserer Sicht, Exzentrik, während die Glanzpartien von Wei Yi bereits jetzt Legende sind. Weil das chinesische Schach in einer in unseren „gesättigten Volkswirtschaften“ lange nicht mehr gekannten Dynamik im Aufwärtstrend ist, werden wir uns also immer mehr mit der für uns neuartigen „Chinesischen Schachschule“ auseinandersetzen müssen, und ähnlich wie die früher ähnlich dynamisch wachsende Sowjetische Schachschule, die ab den 60er Jahren zunehmend "konservativ" (siehe ebd.) geworden war, in ihrer dynamischen und schöpferischen Überwindung der sowohl modernen als auch hypermodernen Dogmenverhaftung dem Weltschach generell einen neuen Impuls gab, so wird uns das chinesische Schach einen ähnlichen Impuls verschaffen, mit einem evolutionsbedingt ungleich höherem Niveau. Wie denkt ihr darüber?

[Event "Tata Steel"]
[Site "Wijk aan Zee NED"]
[Date "2016.01.21"]
[EventDate "2016.01.15"]
[Round "5"]
[Result "1-0"]
[White "Ding Liren"]
[Black "Sergey Karjakin"]
[ECO "E15"]
[WhiteElo "2766"]
[BlackElo "2769"]
[PlyCount "109"]

1. d4 Nf6 2. c4 e6 3. Nf3 b6 4. g3 Ba6 5. b3 Bb4+ 6. Bd2 Be7
7. Nc3 c6 8. e4 d5 9. Bd3 dxe4 10. Nxe4 Bb7 11. Qe2 Nbd7
12. O-O-O Nxe4 13. Bxe4 Nf6 14. Bc2 a5 15. Rhe1 b5 16. c5 b4
17. g4 Ba6 18. Qe5 O-O 19. g5 Nh5 20. Qe4 g6 21. Qxc6 Ra7
22. Be4 Bb7 23. Qb6 Qxb6 24. cxb6 Bxe4 25. Rxe4 Rb7 26. Be3
Rc8+ 27. Kb1 Rxb6 28. d5 Rd6 29. Rd2 Kf8 30. dxe6 Rxe6
31. Rxe6 fxe6 32. Rc2 Rd8 33. Nd4 Ng7 34. Nc6 Rd1+ 35. Rc1 Rd5
36. Nxe7 Kxe7 37. Rc7+ Kf8 38. Rc5 Ke7 39. Rxd5 exd5 40. Bb6
Kd6 41. Bxa5 Kc5 42. Bd8 Nf5 43. Kc2 Nd4+ 44. Kd3 Nf5 45. Bc7
Kc6 46. Bf4 Kc5 47. Be3+ Kb5 48. Ke2 Nh4 49. Bd2 Nf5 50. Kf3
Nd4+ 51. Kf4 Nc6 52. Be3 Ka6 53. Bc5 Kb5 54. Bd6 Ka5 55. Ke3
1-0