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Thema: Zehn schachliche Tiefpunkte von 2015

  1. #1
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    Zehn schachliche Tiefpunkte von 2015

    WIM Fiona Steil-Antoni aus Luxemburg hat auf Chess24 ihre ganz persönlichen schachlichen Tiefpunkte von 2015 vorgestellt. Diese Darstellung hat den Wert, daß wir zehn der schlimmsten Negativereignisse des letzten Jahres noch einmal in komprimierter Form vor unserem geistigen Auge Revue passieren lassen können. Über ihre Auswahl kann natürlich gestritten werden, hier eine Einführung in ihre Negativliste:

    Als Tiefpunkt sieht die Luxemburgerin das Nullen von Wesley So bei den US-amerikanischen Einzelmeisterschaften gegen Varuzhan Akobjan nach 6 Zügen an. Dieser hatte sich zur Überraschung der Schachgemeinde auf einem Extrablatt solche banalen Merksätze wie: „drei mal checken“ oder „nutze Deine Zeit“ bedient und damit gegen die FIDE-Regeln verstoßen, die sämtliche Hilfsmittel verbieten. Fiona Steil-Antoni empfindet das Nullen als zu hart und hätte sich eine „andere, taktvollere Lösung und/oder Bestrafung" gewünscht. Allerdings wurde der Philippino vorher bereits 2x vom Schiedsrichter ermahnt. Warum er sein Verhalten auch nach dem zweiten Mal fortsetzte, begründete Wesley So dergestalt, daß er geglaubt hatte, das vom Schiedsrichter zwei mal ausgesprochene Verbot beziehe sich nur auf das Partieformular. In der Tat ein Tiefpunkt, aber vor allem einer für Wesley So.

    Carlsens Verhalten bei der Blitz-WM in Berlin sieht die Luxemburgerin ebenfalls als Tiefpunkt an. Ihre Begründung mag ein wenig Moralinsäure versprühen, noch mehr interessiert mich aber, wie viele Schachspieler auf der Kommentarseite den Norweger für seinen Ausraster loben. Die Zuschauer würden sich Emotionen der Spieler wünschen, behaupten sie.

    Als dritten Fall sieht sie die US-Sanktionen gegen Iljumschinow und sein damit verbundenes Ruhenlassen seines FIDE-Präsidentenamtes. Tatsächlich ist das Schach dadurch durchaus in sportfremde Negativschlagzeilen geraten, für diese hat Iljumschinow allerdings selbst auch oft genug gesorgt, z. B. durch seine Liebe zu Diktatoren bishin zu Saddam Hussein, den er 1996 mit einer Schach-WM beglücken wollte.

    Als viertes geht es um das Thema Cheating bezüglich der aufgedeckten Cheatingfälle in diesem Jahr. Die Betrugsgefahr wird durch die steigenden technischen Möglichkeiten trotz aller Sicherheitsmaßnahmen, die einen Rattenschwanz an negativen Begleiterscheinungen auch für die große Masse der fairen Spieler nach sich ziehen, wohl eher steigen. Umso wichtiger erscheint mir ihr Fazit: die Cheatinggefahr geht Hand in Hand einher mit Hexenjagden. Und daß Hexenjäger genauso bekämpft gehören wie Cheater exemplifiziert sie an dem Fall Mihaela Sandu, die bei den Europameisterschaften der Damen nach einem Traumstart von 5/5 in solches Fahrwasser geraten war. In der Tat kann es nicht erstrebenswert sein, eine Atmosphäre zu schaffen, in denen Spieler, die gerade dabei sind, über sich hinauszuwachsen und ein „Turnier ihres Lebens“ spielen, unter Cheatingverdacht geraten und sich für ihre Leistungen auch noch rechtfertigen müssen.

    Als fünften Fall sieht sie die Einführung des K-Faktors 40 (ein starker Beschleunigungsfaktor) bei jugendlichen Schachspielern. Nach Fiona Steil-Antoni sei die FIDE, die bislang ganz im Gegensatz zum DSB in ihren Wertungszahlen auf jeden Jugendbonus verzichtete, von einem Extrem ins andere gerutscht, und sie beklagt, daß dadurch die Leistungen jugendlicher Spieler nicht mehr adäquat abgebildet würden, was ja das ursächliche Ziel von schachlichen Wertungszahlen ist. Sie spricht so von einem leider nicht genannten jugendlichen Spieler, der binnen dreier Monate seine Zahl von 1949 auf 2517 steigerte. Dies ist in der Tat eine außergewöhnliche Steigerung, gerade unter dem Aspekt, daß die Luft oben auch zahlenmäßig dünner wird und es in der FIDE genauso wie bei den den Elozahlen entlehnten DWZ in der Spitze zahlreiche Bremsmechanismen gibt, die verhindern sollten, daß ein Spieler durch ein Turnier auf einmal Platz in den illustren Zirkeln der starken Titelträger nehmen darf. Diese werden durch den extrem starken Jugendfaktor offenbar ausgehebelt.

    Außerdem empfindet die Luxemburgerin Frankreichs „undankbaren“ vierten Platz bei den Mannschaftseuropameisterschaften als unglücklich, weil dieser die Leistung der Franzosen nicht gerecht worden sei. Carlsens Zeitüberschreitung in Gewinnstellung gegen Topalov, in der Burg als Fauxpas bekannt, ausgerechnet in der ersten Runde im heimatlichen Stavanger, aufgrund Unkenntnissen in den Bedenkzeitregeln, gehört dazu. Bevor ich ihren Ratschlag las, die Turniere sollten mit einheitlicher Bedenkzeit stattfinden, um so etwas in Zukunft zu verhindern, hätte ich, als sie von einer „Lektion, die man vielleicht von diesem Vorfall lernen sollte“ zu sprechen kam, eher gedacht, sie würde für die Spieler jetzt empfehlen, sich vor den Turnieren mit den jeweiligen Bedenkzeitregeln vertraut zu machen.

    Ansonsten war für sie die Talfahrt des so stark ins Jahr gestarteten Topalovs am Ende des Jahres eine Enttäuschung, was man verstehen kann, denn schließlich gilt Topalov als Neoromantiker, den man gerne beim Spielen zuschaut. Die Kontroverse um die Chess Tour Tiebreaks dagegen ist in der Tat ein Tiefpunkt, bedenkt man, welchen immensen Vorteil Magnus Carlsen beim Chess Tour Turnier in London lediglich aufgrund bei einem Rundenturnier vollkommen irrelevanter Feinwertung gegenüber den Mitführenden Vachier-Lagrave und Anish Giri erhielt. In den Ausscheidungskämpfen mußten der Franzose und der Niederländer erst gegeneinander antreten, bis sich der Sieger mit Magnus Carlsen messen durfte. Da wäre ein Dreierturnier mit dem Modus jeder gegen jeden in Schnell- und dann Blitzschach wesentlich gerechter.

    Dann geht es noch um den sicher allen hier bekannten Artikel von Nigel Short gegen die Frauen im Schach, über den wir im Forum bekanntlich lang und breit diskutiert hatten. Interessanterweise stört die Luxemburgerin hier eher die Art und Weise, wie das Schach dadurch auch in die allgemeinen Medien kam als der Tenor der Artikels von Short. Sie findet, der Engländer „liege gar nicht so falsch“. Sie beschreibt einen weiteren Fall, wie das Schach ungut in den Medien wegkam, der mir so gar nicht bekannt war. Ein brasilianischer GM, André Diamant, „soll seinen 6 Jahre alten Sohn dafür bezahlt haben, Alkohol zu trinken und floh dann in die USA, wo er in einem gut bekannten Universitäts-Schachteam eingeschrieben war.“

    Was haltet ihr von den von Steil-Antoni ausgemachten Tiefpunkte, welche davon seht ihr in der Liste als deplaziert an, und welche Tiefpunkte im Schachjahr 2015 gehören für euch noch dazu?
    Geändert von Kiffing (26.01.2016 um 15:29 Uhr) Grund: Fiora --> Fiona
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  2. #2
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    AW: Zehn schachliche Tiefpunkte von 2015

    Ich persönlich befasse mich nicht mit den Negativschlagzeilen des Schachs in den Medien, sondern mit allem, was mir am Schach Freude macht. Gewisse Sachen beeindrucken mich und inspirieren mich, andere Sachen bringen mich weiter in meiner schachlichen Entwicklung, aber Negativitäten bringen mir gar nichts. Deswegen halte ich mich da raus.

  3. #3
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    AW: Zehn schachliche Tiefpunkte von 2015

    @Babylonia:
    1. Das was ein anderer negativ wertet, ist es aus Deiner Sicht womöglich gar nicht. Und umgekehrt kann das was Dir Freude macht, für andere negativ sein.

    2. Was sind Negativitäten? Ich nehme an, all das was abgelehnt wird. Du lehnst es ab, auf die Frage von Kiffing einzugehen - also wäre dein Post eine Negativität? Was brachte die?

    3. Tja und zum Schluss: Erfahrungen wie Schmerz, die Erkenntnis, dass die Mutterbrust einem anderen Menschen gehört, Hunger etc. tragen laut Psychanalyse sehr zur Entwicklung eines Ich-Bewußtseins bei. Den meisten Menschen hat es also etwas gebracht, dass sie wohl kaum aufgeben möchten, also etwas positives gebracht.
    Aber selbst wenn nichts positives dabei heruas kommt - zum Beispiel wenn Du ausgepeitscht wirst - kannst Du nicht behaupten, es hätte nichts gebracht - siehe Schmerz, siehe Striemen ... .

    4. Und selbst wenn man mit allem als negativ in einem Artikel übereinstimmt, kann es dennoch insgesamt eine positive Wirkung und Einschätzung bringen - siehe Beispiel:
    a) Das tragischte Ereignis des Jahres in threepwood village war, dass Nicole Mandelsteen eines Morgens auf dem Weg zur Schule hinfiel. Dabei verletzte sie sich zwar nicht, aber ihre neue Tasche bekam eine kleine Schramme, die man sehen kann, wenn sie ans Licht gehalten wird. Also zeigen die 10 schlimmsten Ereignisse beim Schach womöglich nur, dass es insgesamt gar nicht so schlimm bestellt ist?
    b) Die Entlassungszahlen von Politizisten steigen in Susej-City dramatisch. Erklärung. die Krimnalitätsrate ist bei Null.

    5. So manche Diagnose vom Arzt ist negativ (bzw. hat sie einen positiven Bescheid und ist darum eine "Negatitivät). Aber erhält man sie rechtzeitig kann man eventuell noch was machen - wer natürlich pauschal Negativitäten ignorieren will, läßt erst gar keine erstellen.

    Und dann finde ich es schade, dass Du dabei nur an Dich denkst. Du fragst gar nicht, was es anderen bringt, wenn Du Dich mit Negativitäten auseinandersetzt.
    Geändert von Anonym (26.01.2016 um 02:35 Uhr)

  4. #4
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    AW: Zehn schachliche Tiefpunkte von 2015

    Zitat Zitat von Kiffing Beitrag anzeigen
    ...Was haltet ihr von den von Steil-Antoni ausgemachten Tiefpunkte, welche davon seht ihr in der Liste als deplaziert an, und welche Tiefpunkte im Schachjahr 2015 gehören für euch noch dazu?

    wesleys so genullte partie geht in ordnung. er hat eine (m.E. sinnvolle) regel gebrochen und wurde verwarnt. dann kritzelt er weiter; weil er die verwarnung ignoriert hat oder weil er sie nicht verstanden hat (bin mir noch nicht sicher, was von beiden schlimmer ist). da geht das nullen voll in ordnung.
    dass wesley so dann seinen gegner akobian beschuldigt, auf eine kampflose partie ausgewesen zu sein, kommentiert nakamura mit 'Very shameful and disrespectful comments by So about Varuzhan Akobian. Blame everyone except yourself for breaking the rules.'
    wobei gerade nakamura nicht mit steinen schmeißen sollte. das berühmte glashaus.

    carlsens ausraster ist doch auch kein tiefpunkt. da zeigt ein spieler endlich mal emotionen abseits des langweiligen geschwafels und dann soll das ein tiefpunkt sein? nö, solange magnus carlsen dieses verhalten nicht zur regel macht, ists doch voll in ordnung. ein gelegentlicher wake-up-call schadet nicht.
    naja, fiona hat ja selbst gesagt: '...auf der einen seite finde ich es nett...'


    die sache mit den sanktionen.
    die usa foltern, unterstützen folternde regime, führen völkerrechtswidrige kriege und haben bezüglich der menschenrechte selbst probleme. wenn sie sanktionen erheben, dann nicht, weil ihnen die menschen so am herzen liegen, sondern weil es in ihr derzeitiges machtkonzept passt.
    naja, hat dann mit schach weniger zu tun.


    was ich genau wie fiona als tiefpunkt sehe, ist die sache mit der hexenjagd. einen begründeten verdacht gegen einen spieler zu äußern, ist ja legitim. aber wenn der verdacht einzig darin liegt, dass man ein deutlich besseres turnier spielt, als die elo-zahl hätte vermuten lassen, dann ist das erbärmlich. hab den fall mihaela sandu nur nebenbei mitbekommen; sodass ich dazu konkret nichts sagen kann. aber gab ja vorher schon fälle ähnlicher art und werden wohl noch weitere folgen.


    spezielle tiefpunkte habe ich persönlich gar nicht. fallen mir spontan jedenfalls nicht ein.
    liegt aber vielleicht auch dadran, dass ich die schachnachrichten nicht mehr wirklich verfolge und meistens nur das mitbekomme, was ich nebenbei bei kommentierten turnieren höre. meine tiefpunkte sind eher hier auf lokalebene; wohl von weniger allgemeinem interesse.

    was mich aber generell nervt (aber das ist ja nix 2015-spezifisches) ist das fehlen charismatischerer spieler, das elende remis-geschiebe und die zunehmende kommerzialisierung des schachs.



    @ babylonia & Benutzername: kein grund zur panik. calmez-vous, svp
    Geändert von ToBeFree (22.02.2016 um 21:43 Uhr) Grund: Benutzername entfernt :)

  5. #5
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    AW: Zehn schachliche Tiefpunkte von 2015

    Zitat Zitat von Qf3
    was mich aber generell nervt (aber das ist ja nix 2015-spezifisches) ist das fehlen charismatischerer spieler, das elende remis-geschiebe und die zunehmende kommerzialisierung des schachs.
    Ich finde eigentlich, die derzeitigen Topspieler sind eine durchaus bunte und charakterstarke Truppe, und das Schach ist so vielfältig wie nie zuvor in der Geschichte. Übrigens hat sich da gerade in den letzten 10 Jahren ungeheuer viel getan, vergleiche mal das Schach heute mit der Zeit kurz nach Kasparovs Rücktritt. Niemand hat damals einem Schachspieler zugetraut, in die Fußstapfen von Garri Kasparov zu treten, und alles erschien öde und leer. Heute dagegen ist jedes Spitzenturnier ein Ereignis mit ständig wechselnden Spannungspunkten, und es gibt gerade in der absoluten Weltspitze Spieler, die nicht nur so gut spielen wie nie zuvor, sondern auch einen eigenen ganz besonderen Stil kreiert haben, etwa Magnus Carlsen, Fabiano Caruana, Wang Zhao, Wei Yi, Maxime Vachier-Lagrave, Vesselin Topalov (der erst in den letzten 10 Jahren zu einem wirklichen Weltklassespieler gereift ist), Anish Giri, Shakhriyar Mamedyarov usw. Es gibt die aufstrebende schachliche Supermacht China, es gibt heute also massenweise Schachspieler, zu denen man aufsehen kann, es gibt mit Magnus Carlsen den Kasparov vergleichbaren Dominator, es gibt eine ganze Reihe an möglichen Kronprinzen, die ihn in naher Zukunft angreifen könnten, es gibt eine breit aufgestellte absolute Weltspitze, und es gibt eine immer größere Anzahl an Wunderkindern, eine Tatsache, die der neue Schachfilm Zug um Zug auch als Themenschwerpunkt nutzt.

    Charisma - mal anders gefragt, hatte Robert Fischer Charisma, oder zeigte das Magnus Carlsen bei seinem Ausraster? Und wirkten die zahlreichen sowjetischen Großmeister in den „Goldenen 70er“ Jahren, abgesehen vielleicht von Michail Tal, nicht im Vergleich zu den heutigen Paradiesvögeln in der Weltspitze seltsam blutleer (deshalb hat der junge Garri Kasparov als Symbol von Glasnost und Perestroika nicht nur im sowjetischen Schach ja auch für ein gewisses Befreiungsgefühl gesorgt)? Und Remis-Geschiebe - war es in den „Goldenen 70ern“ nicht Gang und Gäbe, daß viele Partien schon nach 10-20 Zügen Remis endeten und einem Anatoli Karpov zwei Siege und Rest Remis für einen Turniersieg reichten? Das kampfbetonte Schach der frühen Sowjetunion hatte sich geradezu in sein Gegenteil verkehrt, und viele Spieler aus anderen Ländern hatten ebenfalls keine Einwände, früh Remis zu machen, wenn sich aus der Eröffnung nichts Besonderes mehr herausholen ließ. Heute dagegen beobachte ich in den vielen Spitzenturnieren wie auch während des aktuell laufenden Tata-Steels eine regelrechte Schwemme an gehaltvollen Partien, meisterhaften Kombinationen, glänzenden Strategien, kompliziertester Positionen und innovativen Siegen, und auch Remispartien als solche, die ja nicht deswegen gleich schlecht sein müssen, sind vielfach bis zur letzten Patrone ausgefochten oder Ergebnis der Tatsache, daß in dieser Partie keiner dem anderen überlegen gewesen war, was ja auch vorkommen kann.
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  6. #6
    Anonym
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    AW: Zehn schachliche Tiefpunkte von 2015

    Curd Jürgens hatte in der Verfilmung der Schachnovelle Charisma.
    Wenn man gewinnen will und sich total reinhängt und dann verliert, gibts halt emotionale Reaktionen - wieso auch nicht - die Grimassen eines Pianisten nimmt auch niemand übel, also darf Carlsen das auch. Deswegen is er für mich aber nicht charismatisch. An die extremen Ausraster Kasparovs kommt das nicht ran, die teilweise aus meiner Sicht aber nicht tolerierbar waren - damit machte er sich eigentlich nur lächerlich. Aber auch das sei ihm gestattet.

  7. #7
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    AW: Zehn schachliche Tiefpunkte von 2015

    Zitat Zitat von Kiffing Beitrag anzeigen
    ...... Heute dagegen beobachte ich in den vielen Spitzenturnieren wie auch während des aktuell laufenden Tata-Steels eine regelrechte Schwemme an gehaltvollen Partien, meisterhaften Kombinationen, glänzenden Strategien, kompliziertester Positionen und innovativen Siegen, und auch Remispartien als solche, die ja nicht deswegen gleich schlecht sein müssen, sind vielfach bis zur letzten Patrone ausgefochten oder Ergebnis der Tatsache, daß in dieser Partie keiner dem anderen überlegen gewesen war, was ja auch vorkommen kann.

    es gab in der tat einige gute, interessante partien. auch viele der ausgespielten remise waren interessante partien. aber ne menge partien wurden eben nicht ausgespielt.

    bei den london chess classics 2015 gab es (wie bei fast jedem turnier) auch wieder lächerlich frühzeitige remis-spiele.
    als anish giri sich zu einer partie äußerte, musste man ihm zugute halten, dass er wenigstens ehrlich war. trotzdem ein trauriges statement, das den geist vieler spieler ganz gut beschreibt:
    "Um ehrlich zu sein, muss man mit den Sofiaregeln leiden, sofern man nicht sofort Remis macht, weil man den Rest der Partie herauszufinden versucht, wie es funktioniert... Ich mache keine Witze! Eine Stellung wie diese - du kannst ewig herumziehen und ab einem bestimmten Zeitpunkt wird dir langweilig und du machst irgend einen Fehler. "

    seine originalworte sind hier zu hören (bei cä 03:15min):

    https://www.youtube.com/watch?v=Kah-ULGp3fQ


    genau darum geht es ja. mit zunehmender spieldauern sinkt die konzentration und es passsieren fehler. oder zumindest passieren ungenauigkeiten. und aus diesen ungenauigkeiten entstehen dann wieder ungleichgewichte. vor fehlern und ungenauem spiel ist niemand gefeit; selbst stärkste spieler nicht. werden partien ausgespielt, sieht man ja auch immer wieder, dass eigentlich ausgeglichene remis stellungen doch noch aus den fugen geraten können.

    chess24.com zitierte ein twitter_statement von jon ludvig hammer. darin sagt hammer was zu giris äußerung bzw giris partie:
    "Games like these makes me think @anishgiri is *trying* to get a reputation as the most boring guy on the circuit!"


    man kann sich natürlich auch an den gehaltvollen partien erfreuen. aber für mich persönlich sind die ebenfalls zu beobachtenden frühzeitigen remise eine art tiefpunkt; bzw tiefes tal. insgesamt vielleicht einfach ne sache, ob man das glas als halb voll oder halb leer betrachtet.

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