Die Schachweltmeisterschaft 1934 war eine Neuauflage des Duells von 1929. Damals hatte Alexander Aljechin den Herausforderer Efim Bogoljubow in Wiesbaden, Heidelberg, Berlin, Den Haag, Rotterdam und Amsterdam bei 11 zu 5 Siegen klar mit 15,5 zu 9,5 bezwungen. Nachdem Alexander Aljechin Anfang der 30er Jahre mit seinen legendären Turniersiegen von San Remo 1930 und Bled 1931 seine große Überlegenheit gegenüber dem Rest der Welt (allerdings hatte Capablanca in beiden Turnieren nicht mitgespielt) gezeigt hatte, nährte sich die Kritik, daß Aljechin sich mit Bogoljubov einen relativ leichten Gegner ausgesucht habe und mit Capablanca dem einzig würdigen Rivalen ausgewichen sei. Dieser Frage soll in diesem Thema nachgegangen werden, ebenso wie der Spielort, nämlich Deutschland zu Beginn der Naziherrschaft, schon aus sich selbst heraus Interesse für eine eingehende Untersuchung hervorruft. Gespielt wurde wie im ersten Duell der beiden 1929 in mehreren Städten. Diesmal waren es mit Baden-Baden, Willingen, Freiburg, Pforzheim, Stuttgart, München, Bayreuth, Bad Kissingen, Nürnberg, Karlsruhe, Mannheim und Berlin gleich zwölf an der Zahl.

Die Auffassung eines angeblich leichten Gegners, den Aljechin im Gegensatz zu Capablanca nicht ernsthaft zu fürchten gehabt habe, krankt natürlich an einer gewissen Despektierlichkeit gegenüber Bogoljubow, und es ist fraglich, ob diese Auffassung diesem Mann, immerhin Sieger von Moskau 1925, Breslau 1925, Bad Kissingen 1928, Swinemünde 1931 und Bad Pyrmont 1933, auch wirklich gerecht wird. Zudem hatte Bogoljubov, dessen höchste historische Elozahl bei 2768 lag, 1928 und 1928/29 in zwei Kämpfen um das „Championat des Weltschachbundes“ jeweils mit 5,5 zu 4,5 gegen Max Euwe triumphiert. Diese Kämpfe waren Vorläufer der Weltmeisterschaftskämpfe der FIDE nach dem 2. Weltkrieg, waren aber von dem Remommee dieser Weltmeisterschaftskämpfe weit entfernt. Noch galt der Sieger der privat ausgehandelten Weltmeisterschaften der Schachwelt als der wahre Weltmeister.

Als Bogoljubow das erste Ringen mit Aljechin so deutlich verloren hatte, hatte er im Anschluß an diese Begegnung eine wahre Eloge auf Aljechin angestimmt, den er spielerisch besser als Capablanca sehe, sich selbst „nach nur einer Niederlage“ aber für noch nicht besiegt erklärt (vgl. Garri Kasparov, Meine großen Vorkämpfer, Band 2, Edition Olms 2004, S. 228). Zudem gab es Mitte der 30er Jahre im Weltschach ein Phänomen, das aus irgendwelchen Gründen fast gar keine Spieler einer neuen Generation heranwuchsen, welche den älteren Spielern ihren Rang streitig machten. Milan Vidmar hatte dies anläßlich des Turniers von Nottingham 1936 hervorgehoben, und er hatte der älteren Generation um Oldrich Duras (1882), Milan Vidmar (1885), Richard Reti (1889), Ossip Bernstein (1882), Aaron Nimzowitsch (1887), Efim Bogoljubov (1890), Akiba Rubinstein (1882), Savielly Tartakover (1887), Alexander Aljechin (1892), Rudolf Spielmann (1884) und Jose Raul Capablanca (1888) mit Max Euwe (1901) nur einen einzigen Vertreter der neuen Generation gegenübergestellt, der damals als Spitzenspieler galt (vgl. Milan Vidmar, Goldene Schachzeiten, Gruyter&Co, Berlin 1961, S. 148). Sein Kommentar:

Der große holländische Meister ist zeitlich unfaßbar vereinsamt. Er hätte eigentlich ein neues großes Einströmen bedeutender großer Meister in die Schachgeschichte eröffnen können, denn er meldete sich fast zwanzig Jahre nach dem Beginn des dritten. Aber Euwe hat fast keinen Anschluß an die Vergangenheit und fast keinen Anschluß an die Zukunft in der Schachgeschichte. Die vierte Generation großer Meister beginnt erst um das Jahr 1910 aufzutreten. Wird sie nicht von S. Flohr angeführt, der im Jahre 1910 geboren wurde? Weltmeister Botwinnik kam im Jahre 1911 zur Welt, der ungemein sympathische und wirklich geniale P. Keres im Jahre 1915.
Ebd. S. 148f.

Da sich Capablanca und Aljechin immer noch nicht auf die Modalitäten für einen neuen WM-Kampf geeinigt hatten, war die Wahl in Anbetracht der aufgezeigten Umstände begrenzt, einen in den Augen der Schachwelt „würdigen“ Herausforderer für Aljechin zu ermitteln. In diesem Sinne verwies Garri Kasparov auf eine Anfang 1930 gemachte Umfrage „unter den führenden Schachjournalisten“ des französischen Sportjournals Loto nach den ihrer Meinung nach zehn stärksten Schachspielern der Welt, die folgendes Ergebnis hervorbrachte: „1. Aljechin 870 Stimmen, 2. Capablanca 809, 3. Lasker 729, 4. Nimzowitsch 686, 5. Bogoljubow 651, 6. Spielmann 424, 7. Rubinstein 385, 8. Vidmar 378, 9. Euwe 370, 10. Tartakower 297 (Kasparov, S. 229). Kasparov kommentierte:

Zwischen den ersten und den zweiten fünf Spielern lässt sich eine klare Zäsur erkennen. Und berücksichtigt man die Tatsache, dass Capablanca und Nimzowitsch nicht über die finanziellen Mittel verfügten, den Weltmeister zu fordern, Lasker kaum noch spielte, Euwes Können noch nicht ausreichend entwickelt war und Rubinstein seine Karriere beendet hatte, blieb de facto nur Efim Bogoljubow als potentieller Anwärter auf den Schachthron übrig.
Ebd. S. 229f.

Während sich Garri Kasparov zur Ermittlung der Stellung der besten Schachspieler der damaligen Zeit auf dieses Umfrageergebnis stützt, zieht André Schulz die Ergebnisse der historischen Elozahlen zu Rate, die folgendes Ergebnis ermitteln:

Laut den Berechnungen des Statistikers Jeff Sonas war Bogoljubow 1929 hinter Capablanca, Aljechin und Nimzowitsch aufgrund seiner Erfolge aber immerhin die Nummer vier der Weltrangliste. 1934 belegte er hinter Aljechin, Isaac Kashdan, Salo Flohr und Max Euwe noch Platz 5.
André Schulz, Das große Buch der Schachweltmeisterschaften, New in Chess 2015, S. 92

Auch in dieser Liste zeigt sich, daß die Einschätzung gegen Bogoljubov als „unwürdiger“ Herausforderer von 1934 zumindest mit Vorbehalt aufgenommen werden sollte. Wahrscheinlich hätte die Schachwelt damals jeden Herausforderer gegen Aljechin, der nicht den Namen Capablanca trug, mit einer ähnlichen Einschätzung abgelehnt, und sie hätte es auch 1935 bei Max Euwe getan, wenn sich Alexander Aljechin bei dieser Schachweltmeisterschaft nicht selbst besiegt hätte.

Gegen Bogoljubow sprach allerdings seine abfallende Formkurve, worauf schon Kasparov (Kasparov, S. 230) verwies. Helmut Pfleger und Gerd Treppner, welche die Herausforderung von Bogoljubow 1929 noch als „sportlich berechtigt“ (Pfleger/Treppner, Brett vorm Kopf, Leben und Züge der Schachweltmeister, Beck´sche Reihe München 1994, S. 130) beurteilten, verwiesen in ihrem Werk ebenfalls auf die fallende Formkurve des 1934 44-45 Jahre alten Herausforderers: „Allein daß es dieses gab, stieß auf heftige Kritik, sehr zu Recht, denn seit 1929 hatte Bogoljubow nur ein paar kleine deutsche Turniere gewonnen, aber sonst kaum Großes geleistet“ (ebd. f.).

Allerdings habe auch Aljechins Formkurve nach seinen beiden glanzvollen Siegen von San Remo 1930 und Bled 1931 vor dem zweiten WM-Kampf 1934 nach unten gezeigt. Seine Turniersiege danach seien „zum Teil schon mit Glück“ entstanden, zudem habe er in Hastings 1933/34 nur den 2. - 3. Platz errungen (vgl. ebd.). Als Grund dafür wird in der Schachwelt die Tatsache angesehen, daß wie auch Capablanca Aljechin sich auf dem Gipfel seiner Dominanz nicht mehr genügend für ein weiterhin hartes und diszipliniertes Arbeiten am Schach habe motivieren können. Capablancas Reaktion, die wahrscheinlich zu seinem Titelverlust gegen Aljechin 1927 führte, war ein Vernachlässigen des Schachs zugunsten des schönen, glamourösen Lebens mit Frauen, Nachtleben und Repräsentation. Zwar konnte sich Aljechin, in vielem der Gegensatz zu Capablanca, für ein solches Leben nicht begeistern. Er liebte weiterhin das Schach und lebte für das Schach. Er zog es aber nun vor, sowohl seine Schachkämpfe als auch sein Privatleben nicht nur mit Zigaretten (er war Kettenraucher), sondern auch mit exzessivem Alkoholgenuß zu bereichern. Offenbar kam er so dem angestrebten Zustand der Trance sehr nahe, André Schulz berichtet aus jener Zeit, Aljechin sei „zeitweise [...] der Ansicht, Schachpartien könnten durch Hypnose gewonnen werden" (Schulz, S. 93).

Wenn wir auf das Thema politischer Vereinnahmung des Schachsports zum Zwecke der Förderung und Erziehung der Massen und der angestrebten Außendarstellung, durch die Vorherrschaft im Weltschach zeige sich die intellektuelle Überlegenheit des eigenen Systems, zu sprechen kommen, dann werden die meisten dabei an die Sowjetunion denken, und tatsächlich ist die Art und Weise, wie dort im Schach, unter Einbeziehung der politischen Eliten, diese Massenbasis und Massenorganisation geschaffen wurde, in der Geschichte unerreicht. Deswegen ist es Dr. Edmund Bruns zu verdanken, den Blick auf den bislang vernachlässigten Umstand gelenkt zu haben, daß es im Dritten Reich eine ähnliche Nutzbarmachung des Schachspiels gegeben hatte, welche die Symbolik des Schachs für ihre Zwecke gebrauchte. Damit ist weit mehr gemeint als die in der Schachwelt zumindest bekannten und bizarren Auslassungen eines Emil Josef Diemers zu einem vermeintlichen Gegensatz zwischen dem „tapferen arischen Schach“ und dem „feigen jüdischen Schach“. 1940 etwa hatte sich Alfred Brinckmann, einer der führenden Köpfe bei der Reorganisation des deutschen Schachlebens in der Nachkriegszeit, in Schachmeister im Kampfe, Betrachtung zum Schach und zur Gegenwart Aljechin-Euwe-Keres-Eliskases über Vorzüge und Bedeutung des Schachs für die politische Bewegung ausgelassen:

Dieses Buch ist in Deutschlands größter geschichtlicher Zeit entstanden. Es ist häufig in ihm vom Kampf und Sieg die Rede, und so soll denn hierin auch eine klare Beziehung zur Gegenwart gesehen werden.

Kein Spiel der Welt ist so sehr wie das Schachspiel geeignet, ja vorausbestimmt, den Geist im Kampfe zu ertüchtigen und zu stählen. Diese Erkenntnis haben wir Deutsche schon lange gewonnen, und daher erfuhr das königliche Spiel bei uns jede nur denkbare Förderung und Unterstützung.
Zit. nach Edmund Bruns, Schach als Phänomen der Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, LIT-Verlag 2003, S. 161

Bereits im Jahre der Neuauflage des Kampfes zwischen Aljechin und Bogoljubow hatte es eine ähnliche Stellungnahme zum Wert des Schachs für das deutsche Volk gegeben. In dem Artikel Schach und deutsches Volkstum in der Deutschen Schachzeitung 3/1934 schrieb ein gewisser O. Emto:

Jetzt sind wir schon soweit, das Schach zum Charakter des deutschen Menschen in Beziehung zu setzen. Wir müssen feststellen, daß das Schach für die Deutschen wie geschaffen erscheint. Das deutsche Wesen in seiner Gründlichkeit, in seiner Besinnlichkeit, seiner ernsten Anlage zur Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit, ebenso wie zur Ritterlichkeit entspricht durchaus dem Wesen des Schachs. [...] Wir sehen aus diesen kurzen Umrissen, wie es vermittels des Schachs möglich ist, den deutschen Menschen denkfähig zu machen. Was bedeutet das gerade für den deutschen Charakter? Wir erreichen, daß jeder Deutsche, der das Schachspiel kennt und betreibt, auch fähig ist, andere Gedanken zu erfassen und durchzudenken durch das geistige Training, das ihm das Schach gegeben hat. [...] Seine Stellung zu Staat, Volkstum und Gemeinschaft ist eine grundlegend andere, als die eines Menschen, der kein geistiges Training durch das Schach hat. Jetzt erkennen wir schon, welche Bedeutung das Schach gerade für das deutsche Volkstum hat.
Ebd. S. 190

Im Sinne der Versöhnung der Klasseninteressen unter das einigende Band der Nation hatten die Nazis die Arbeiterschachverbände aufgelöst und die Arbeiter in den Arbeiterschachvereinen, sofern nicht „vorbelastet“, dazu gedrängt, sich in den allgemeinen Schachvereinen zu integrieren. Die Durchsetzung des „Arierparagrafen“ auch im neuentstandenen Großdeutschen Schachbund war bereits zur Weltmeisterschaft 1934 Realität. Für die Juden bedeutete dies Ausgrenzung und Vertreibung aus dem deutschen Schachleben. Wer sich mit dem Thema Schach im Dritten Reich näher beschäftigen möchte, dem empfehle ich das hier zitierte Werk von Edmund Bruns, der sich systematisch damit auseinandergesetzt hat und einen in zahlreiche Schwerpunkte unterteilten intensiven Einblick bietet.

Sowohl Efim Bogoljubow als auch Alexander Aljechin hatten zu Deutschland eine besondere Beziehung. 1914 hatten beide als sehr junge Spieler am Schachturnier in Mannheim 1914 mitgewirkt. Mitten im Turnier brach der Erste Weltkrieg aus und Aljechin und Bogoljubow wurden zusammen mit den anderen russischen Turnierteilnehmern als mögliche „Spione“ interniert. Während diese Erfahrung für Aljechin der Beginn einer sieben Jahre währenden Odyssee bedeutete, bis er 1921 in Paris erstmals festen Boden unter den Füßen fand, gefiel es Bogoljubow in Deutschland, der nach den Worten von Schonberg zu einem „großen alten Mann des deutschen Schachs [wurde], dem er mehr Impulse gab als jeder andere Spieler seiner Zeit“ (Harold C. Schonberg, die Großmeister des Schach, Fischer-Verlag 1974, S. 160). Zwar wurde Bogoljubow immer wieder eine Affinität zum Nationalsozialismus nachgesagt, aber die rassischen Bestimmungen im Dritten Reich richteten sich auch gegen ihn als gebürtigen Slawen. Bogoljubow hatte sich 1926 für die deutsche und gegen die sowjetische Staatsangehörigkeit entschieden. Bogoljubow hatte 1924 und 1925 noch die sowjetischen Landesmeisterschaften ebenso wie das Internationale Turnier in Moskau 1925 gewonnen. Doch da er sich vom sowjetischen Verbot, 1926 im faschistischen Meran zu spielen, nicht abhalten lassen wollte, hatte er daraufhin die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen (s. Kasparov, S. 222), wo er ebenfalls ein reichhaltiges schachliches Betätigungsfeld vorfand. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung durfte er aber nicht mehr an den deutschen Meisterschaften teilnehmen, da er zwar Staatsangehöriger, aber nicht „deutschen Blutes“ war. Alexander Aljechin hingegen, der seinen Lebensmittelpunkt in Frankreich hatte, begann sich erst nach der Eroberung Frankreichs durch die Deutschen mit der deutschen Führung zu arrangieren. Er spielte wie auch Bogoljubow zahlreiche Turniere im Generalgouvernement Polen unter dem berüchtigten und schachaffinen Gouverneur Hans Frank. Als Höhepunkt seiner Verstrickungen in die NS-Gewaltpolitik gelten seine antisemitischen Artikel Jüdisches und arisches Schach. Übrigens sorgte der „Wettkampf ´der beiden Russen auf deutschem Boden´ [...] aber nicht überall im Großdeutschen Schachbund, der schon im großem Maße vom neuen nationalsozialistischen Geist ergriffen war, für Begeisterung“ (Schulz, S. 92).

1929 wurde Aljechin beim ersten Wettkampf mit Bogoljubow mitten in einer Partie von einer Wespe gestochen. Dieses Mal sorgte gleich zum Auftakt eine ungerechtfertigte Reklamation Aljechins für ein „Kuriosum“ (Schulz, S. 93). Wie Schulz berichtet, habe Aljechin eine dreimalige Stellungswiederholung reklamiert, was von Bogoljubow selbst geglaubt worden sei, und wo der Schiedsrichter Aljechins Antrag stattgegeben habe. Tatsächlich war die Reklamation verfrüht gewesen, während die Endstellung für Bogoljubow gewonnen gewesen sei. Dieser Vorfall sorgte für die Ersetzung von Schiedsrichter Hild durch Bader.

Die Weltmeisterschaft von 1934 war wie der Vorgängerkampf von 1929 auf maximal 30 Spiele angelegt. Gewinnen sollte der Spieler, der auf sechs Siege und insgesamt auf 15,5 Punkte kam. Am Ende ging Alexander Aljechin ähnlich deutlich als Sieger aus der Auseinandersetzung hervor. Er kam auf 8 zu 3 Siege und gewann die Weltmeisterschaft so mit 15,5 zu 10,5. Diesmal war aber das Ergebnis klarer als der Spielverlauf vermuten läßt, denn nach Darstellung von Schulz, der eine weitverbreitete Meinung widergibt, habe Bogoljubow „im Laufe des Wettkampfes eine Reihe guter Stellungen vergeben“ (ebd. S. 93). Dies hatte auch Emanuel Lasker kritisiert, der in seinem Turnierbuch davon sprach, Bogoljubow sei in komplizierten Stellungen aufgrund mangelnden Trainings zu schnell ermüdet (vgl. ebd.). So war auch der Sieger selbst über sein Spiel unzufrieden. Er bezeichnete die WM in seinem Buch My best games of chess „als vom sportlichen Gesichtspunkt nutzlos“.

Tatsächlich bekam diese Schachweltmeisterschaft in der Schachwelt nie die Bedeutung vergleichbarer Wettkämpfe um die Schachkrone. Dies läßt sich nur zum Teil aus dem Ärger über das Nichtzustandekommen der „einzig wahren“ Schachweltmeisterschaft zwischen Capablanca und Aljechin erklären. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß Aljechin, der bei dieser WM übrigens 70-80 Zigaretten „jedes Mal“ in einer einzigen Partie geraucht haben soll, längst wieder das exzessive Trinken angefangen habe, und in der Tat wirken manche seiner Züge bereits alkoholgeschwängert. Garri Kasparov etwa hatte sich mit Aljechins Spiel bei dieser WM auseinandergesetzt und neben Ungenauigkeiten in der Eröffnung den für Aljechin untypischen spekulativen Stil kritisiert. Als Beispiel nannte Kasparov die 4. Matchpartie, wo Aljechin nach 1. d4 d5 2. c4 c6 3. Sc3 Sf6 4. e3 e6 5. Ld3 Sbd7 mit „dem gekünstelte[n] Zug“ 6. f4“?!“ fortgefahren sei, der nach Ansicht Kasparovs „auf ein Druckspiel abzielt“ (Kasparov, S. 230). Aber auch Bogoljubow war nicht in Form. Nach Kasparov habe Bogoljubow „diesem dreisten Spiel Aljechins tatsächlich nichts entgegenzusetzen. Nach der 17. Partie war bereits der ´Londoner Stand´ 6:1 (bei zehn Remisen) zu Gunsten des Weltmeisters erreicht. Doch nach der neuen Regelung fehlten ihm noch 4,5 Punkte zum Sieg. Diese sammelte er dann eindrucksvoll in den nachfolgenden neun Partien.“ (Kasparov, S. 233)

Doch schon bei seinem nächsten Gegner, Max Euwe, konnte sich Aljechin ein solches Verhalten, das er zudem auf die Spitze trieb, nicht mehr erlauben. Es ist interessant, daß Aljechin die Verhandlungen mit Euwe bereits während (sic) seines Wettkampfs mit Bogoljubow (Schulz, S. 96) führte. Der Verlauf der nächsten Schach-WM führte ihn unsanft auf den Boden der Tatsachen. Für Deutschland war dies bis zur WM 2008 in Bonn zwischen Anand und Kramnik die letzte Schachweltmeisterschaft auf deutschem Boden.

Partien aus www.chessgames.com:

[Event "Germany Wch-m (02)"]
[Site "Germany Wch-m (02)"]
[Date "1934.04.04"]
[EventDate "?"]
[Round "2"]
[Result "1-0"]
[White "Alexander Alekhine"]
[Black "Efim Bogoljubov"]
[ECO "D48"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "73"]

1. d4 Nf6 2. c4 c6 3. Nf3 d5 4. e3 e6 5. Bd3 Nbd7 6. Nc3 dxc4
7. Bxc4 b5 8. Bd3 a6 9. O-O c5 10. a4 b4 11. Ne4 Bb7 12. Ned2
Be7 13. a5 O-O 14. Nc4 Qc7 15. Qe2 Ng4 16. e4 cxd4 17. h3 Nge5
18. Nfxe5 Nxe5 19. Bf4 Bd6 20. Bxe5 Bxe5 21. Nb6 Ra7 22. Rac1
Qd6 23. Rc4 f5 24. exf5 exf5 25. Re1 Qg6 26. f3 Re8 27. f4 Qg3
28. fxe5 Rxe5 29. Rc8+ Kf7 30. Qh5+ g6 31. Qxh7+ Kf6 32. Rf8+
Kg5 33. h4+ Kf4 34. Qh6+ g5 35. Rxf5+ Rxf5 36. Qd6+ Kg4
37. Bxf5+ 1-0

[Event "Deutschland WCh (04)"]
[Site "Deutschland WCh (04)"]
[Date "1934.04.11"]
[EventDate "?"]
[Round "4"]
[Result "1-0"]
[White "Alexander Alekhine"]
[Black "Efim Bogoljubov"]
[ECO "D10"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "121"]

1. d4 d5 2. c4 c6 3. Nc3 Nf6 4. e3 e6 5. Bd3 Nbd7 6. f4 dxc4
7. Bxc4 b5 8. Bd3 Bb7 9. Nf3 a6 10. a4 b4 11. Ne2 c5 12. O-O
Be7 13. a5 O-O 14. Ng3 g6 15. Qe2 cxd4 16. exd4 Nb8 17. Ne5
Nc6 18. Nxc6 Bxc6 19. Bc4 Bb7 20. Be3 Qd6 21. Rad1 Rfe8 22. b3
Bf8 23. Rd3 Qc7 24. Qa2 Bd6 25. Bd2 Qc6 26. Be1 Rad8 27. Rd2
Be7 28. Qb2 Rd7 29. Rc2 Qd6 30. Ne2 Nd5 31. Qc1 Bd8 32. Bg3
Qe7 33. Ra2 Qf6 34. Qd2 Qf5 35. Bd3 Qf6 36. Bc4 Be7 37. Qd3
Red8 38. Be1 Qf5 39. Qd2 Qe4 40. Bd3 Qe3+ 41. Bf2 Qxd2
42. Rxd2 Rc8 43. Bc4 Kg7 44. g3 Rcd8 45. Rc1 h6 46. Bd3 f5
47. Rdc2 g5 48. g4 Nxf4 49. Nxf4 gxf4 50. gxf5 e5 51. Re1 exd4
52. Rxe7+ Rxe7 53. Bh4 Kf7 54. Bxe7 Kxe7 55. Rc7+ Rd7 56. f6+
Ke8 57. Bg6+ Kd8 58. f7 Kxc7 59. f8=Q f3 60. Qxb4 Rd6 61. Bd3
1-0

[Event "Germany Wch-m (17)"]
[Site "Germany Wch-m (17)"]
[Date "1934.05.20"]
[EventDate "?"]
[Round "17"]
[Result "0-1"]
[White "Efim Bogoljubov"]
[Black "Alexander Alekhine"]
[ECO "D24"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "82"]

1. d4 d5 2. c4 dxc4 3. Nf3 Nf6 4. Nc3 a6 5. e4 b5 6. e5 Nd5
7. Ng5 e6 8. Qf3 Qd7 9. Nxd5 exd5 10. a3 Nc6 11. Be3 Nd8
12. Be2 Qf5 13. Qg3 h6 14. Nh3 c6 15. f4 Qc2 16. Qf2 Bxa3
17. O-O Bxb2 18. Rae1 Bf5 19. g4 Be4 20. f5 Nb7 21. Nf4 O-O-O
22. Qg3 g5 23. fxg6 fxg6 24. Bd1 Qc3 25. Ne6 Rde8 26. Rf6 Re7
27. Ref1 Rhe8 28. Nf4 Nd8 29. Qf2 Qa3 30. Bf3 Bxf3 31. Qxf3 g5
32. Ne2 Re6 33. Rf5 Qd3 34. h4 Rg6 35. h5 Rge6 36. Qf2 c5
37. Rf3 Qc2 38. Qe1 Nc6 39. R1f2 Qe4 40. Ng3 Qxg4 41. Kg2 Bxd4
0-1