Die europäische Krise macht auch vor Wladimir Kramnik nicht halt, und so hat er - die Geschichte wiederholt sich - sein Domizil von Frankreich in die Schweiz verlegt. Die Begründung, gegeben dem Schweizer Tagesanzeiger:

Die ökonomische Situation in Frankreich sowie die Sicherheitslage hatten sich in den letzten Jahren spürbar verschlechtert. Es lag schon länger in der Luft, dass etwas Schlimmes passieren kann, und wenn man Kinder hat, macht man sich natürlich besonders Sorgen. Also schauten wir uns nach einem Ort in Europa um, der eine höhere Lebensqualität garantiert.
Wladimir Kramnik spielt derzeit beim Weltklasseturnier in Zürich mit, das einen Zeitmodus eingeführt hat, das eher an Rapid denn normales Schach erinnert. Er selbst mag diesen Modus, damit sich die Spieler nicht mehr so gut auf ihn vorbereiten können (ebd.). Für eine besondere Förderung für solche Zeitmodi bei Spitzenturnieren hatte sich auch unlängst Franz Jittenmeier vom Schachticker ausgesprochen. Jittenmeier, der explizit davon sprach, man dürfe die Zukunft des Schachs nicht aus der Sicht des Spielers (sic) sehen, behauptet, dadurch gäbe es weniger Remispartien, was für den Zuschauer interessanter sei, und für die Liveübertragung böten sich solche Zeitformate „geradezu an“.

Ich denke, umgekehrt wird ein Schuh daraus. Das Konzept der schnellen Spiele, in den späten 90er Jahren von Kirsan Iljumschinow eingeführt, hat sich aufgrund des Verflüchtigungseffekts überholt. Die unter solchen Formaten ausgespielten Weltmeisterschaften, natürlich ebenso begründet, um den „Marktwert“ des Schachs zu steigern, wurden von der Schachwelt nicht anerkannt, und wer in dieser Epoche es geschafft hatte, sich zum FIDE-Weltmeister emporzuschwingen, fiel schnell, übrigens einzigartig in der Schachgeschichte, seitdem Weltmeisterschaften ausgetragen werden, der Vergessenheit anheim.

Tatsächlich ist Schach ein logisches und künstlerisch wertvolles Spiel, und es braucht Zeit, ein solches Kunstwerk zu schaffen. Die Bedeutung der Großmeister entsteht durch den Wert ihrer Partien, mindert man diese Qualität durch signifikantes Herabsetzen der Bedenkzeit, verringert sich auch die Bedeutung der größten Spieler, und Schach, ein Spiel des Geistes, wird stattdessen zu einem Spiel der Zocker. Und wer lieber Action und Zocker sehen möchte, der schaut sich gewiß keine Partie Schach an, sondern er wendet sich Sportarten zu, die diese Charakteristik ausstrahlen. Übrigens interessiert mich aus diesen Gründen das derzeitig laufende Turnier in Zürich, an dem derzeit auch Kramnik mitwirkt, auch überhaupt nicht.

Kommen wir zurück zu Wladimir Kramnik, der in dieser Zeit noch ein weiteres Interview gegeben hat, das für meinen Geschmack noch interessanter ist als das dem Schweizer Blatt gegebene. Dieses Interview gab er dem russischen Sportexpress, und Colin McGourty von Chess24 hat es freundlicherweise ins Deutsche übersetzt. In dem Interview werden viele Aspekte angesprochen, und manches, was er dort anspricht, entbehrt nicht einer gewissen Brisanz.

Wladimir Kramnik wendet sich gegen die Sanktionen gegen Iljumschinow, und er spricht die Vermutung aus, die US-Sanktionen, die Iljumschinow zum vorläufigen Niederlegen seines Präsidentenamtes bewogen haben, seien eine Rache von Garri Kasparov, der in den USA “große Unterstützung, auch finanziell“ genieße, für seinen verlorenen Präsidentenwahlkampf gegen Iljumschinow. Gleichzeitig solle so die geplante Schachweltmeisterschaft in den USA verhindert werden. Das ist sicherlich starker Tobak, und neben der europäischen Krise bekommen wir in den Interviews auch ein Gefühl von Kalter Krieg Reloaded vermittelt. Garri Kasparov selbst hat übrigens auf diesen Angriff seines „Weltmeisterschafts“gegners von 2000 in London (WM in Anführungszeichen gesetzt, weil nicht Kramnik, sondern Shirov sich für das Spiel qualifiziert hatte) bereits reagiert und u. a. Richtung Kramnik verlauten lassen, seine Ausführungen bewiesen, daß außergewöhnliche Schachfähigkeiten nichts mit Intelligenz oder Charakter zu tun haben (ebd.).

In dem Interview geht es aber auch um Schach. Aufgrund der Computerisierung ist Kramnik der Ansicht, die Zeit, wo man, wie früher Kasparov, „sehr viele Spiele in der Vorbereitung“ gewinnen könne, sei „vorbei“. Die Computerisierung habe Spielniveau und Spielherangehensweise der Großmeister wie folgt verändert:

[...]man muss in ungefähr ausgeglichenen Stellungen sehr hohen Druck erzeugen. Man gewinnt mit korrekten, psychologischen Entscheidungen: zum Beispiel indem man das Spielmuster drastisch verändert, im Vorfeld der Zeitkontrolle auf einmal schärfer spielt. Wenn man gewinnen will, muss man scharfe, "zerklüftete" Stellungen schaffen, um den Gegner dazu zu bringen, Fehler zu machen. Aber gleichzeitig hat man keine Garantie, dass man nicht selbst Fehler macht. Unglücklicherweise ist selbst auf dem höchsten Niveau eine saubere Partie - ein großer Vorteil in der Eröffnung und die Umwandlung dieses Vorteils in einen Sieg - in der Praxis bereits unrealistisch. Daher hat man manchmal den Eindruck, dass es jetzt mehr Fehler gibt.
Eingehend auf Veselin Topalov und die Skandal-WM gegen ihn 2006 in Elista erläutert Kramnik, warum er diesem und dessen Manager Silvio Danailow, „der federführende Planer des ganzen Skandals und des Verbrechens“, nicht verzeihen könne, und was sein abschließender Sieg für eine Genugtuung für ihn gewesen sei. Tatsächlich geben sich beide vor den unvermeidlichen Turnierpartien nach wie vor nicht die Hand. Kramnik:

Im Jahr 2006 riskierte er alles: Ehre, Anstand - er wollte so verzweifelt siegen. Moralisch war es wichtig für mich, dass er letztendlich kein Traumleben führt. Ich ging Risiken ein und hätte verlieren können, da ich während des Matches hinten lag, aber ich glich aus und schaffte es, in den Tiebreaks die Oberhand zu bekommen. Ich denke, dass das in Bezug auf meine Widerstandsfähigkeit und Willenskraft die größte Leistung meiner Karriere war.
Pessimistisch ist seine Sicht auf das Problem des Computerbetrugs. Das Problem sei im Vergleich zu anderen Sportarten so besonders, weil in anderen Sportarten keine Pillen oder Injektionen helfen, wenn man wirklich schlechter ist, während Computerhilfe für jeden Spieler ein sicheres Erfolgsrezezept sei. Kramnik: „Ein ´professioneller´ Betrüger wird nicht aufgehalten werden.“