In einem Essay rechnet der russische Dissident Igor Yakovenko mit dem russischen Regime unter Wladimir Putin ab. Als Journalist kaltgestellt, bietet ihm das Zeitalter des Internets dennoch Möglichkeiten, die russische Öffentlichkeit mit seinen Thesen vertraut zu machen. Er ist nicht mehr auf den Samisdat angewiesen.

Er vergleicht die vielfältigen russischen Infiltrationsversuche in den westlichen Gesellschaften mit denen der Sowjetunion und kommt zu dem Schluß, daß den heutigen russischen Infiltrationsversuchen, die sich in einem "propagandistischen" Teil "Russia Today, Ruptly, Sputnik Deutschland und all die anderen auf das Ausland ausgerichtete russischen staatlichen Medien" (nicht zu vergessen Putins Trollkrieger u. a. in den Kommentarspalten westlicher Rußlandartikel - Kiffing), einem "intellektuell fachlichen" Teil (als da wären der Waldai-Club, das Deutsch-Russische Forum oder der Petersburger Dialog) und einem "diplomatischen" Teil (das Außenministerium) widerspiegeln, im Unterschied zu den sowjetischen Infiltrationsversuchen heute keinerlei ideologisches Profil mehr zugrunde liege, sondern ausschließlich eine Art zynischer Machiavellismus. Durch die heutige russische Denkweise, jede und jeder sei käuflich, werde systematisch versucht, westliche Spitzenpolitiker und andere einflußreiche Personen mit viel Geld auf ihre Seite zu ziehen, was angesichts dieses erfolgreich angewandten Modells bei Gerhard Schröder unter dem Begriff der Schröderisierung firmiere. Gerhard Schröder ist heute ein Gasprom-Lobbyist, enger Freund von Wladimir Putin ("lupenreiner Demokrat") und gilt als sehr US-kritisch, was ihm in seinen letzten Kanzlerjahren immer wieder von der CDU/CSU vorgeworfen worden war. Yakovenko sagt, der Westen sei sich nicht einmal ansatzweise über das Ausmaß dieser Umtriebe im Klaren, reagiere auf diese blauäugig, während sich heute "unter der Oberfläche" "die Strukturen wie Metastasen fort[-setzten] – sie reichen bis in den letzten Winkel der Staatsapparate, der politischen Gefüge und der Zivilgesellschaften praktisch aller Länder der Welt".

Was Yakovenkos Artikel für die Schachburg so interessant macht, ist der breite Raum, den der Autor dem FIDE-Präsidenten Kirsan Iljumschinow widmet, den er als prominentes Beispiel für die "globale Reichweite dieses Phänomens" heranzieht. Zwar sind Vorwürfe einer sowjetischen Unterwanderung des Weltschachbundes gerade in den letzten 15 Jahren der Sowjetunion immer wieder geäußert worden, nach Yakovenko sei dieser Prozeß durch Iljumschinow, im Kern eine Marionette Putins, heute aber längst zum Abschluß gekommen:

Die globale Reichweite dieses Phänomens wird gut durch den Werdegang einer verblüffenden Figur verdeutlicht – Kirsan Ilyumzhinov. Ein Hasardeur, dem es nur dank des korrupten russischen Justizsystems gelang, der Anklage wegen Auftragsmordes an der Journalistin Larisa Yudina zu entgehen. Ein Mann mit ziemlich verwirrtem Bewusstsein, der allen Ernstes und öffentlich erklärte, man habe ihn persönlich auf eine fliegende Untertasse eingeladen, wo ihm eine Unterredung mit Außerirdischen gewährt wurde. Diese schillernde Gestalt steht nun seit 20 Jahren als Präsident an der Spitze der Internationalen Schachföderation FIDE.

2010 war Weltmeister Anatolij Karpov Rivale von Ilyumzhinov bei der Wahl des Welt-Schachpräsidenten. Im letzten Jahr – ein anderer Weltmeister, Gari Kasparov. In einem offenen und ehrlichen Wettkampf wäre der Sieg von Ilyumzhinov gegen einen der Beiden vergleichbar mit dem Sieg eines Magersüchtigen gegen Marc Tyson auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Und selbst nachdem die USA Ilyumzhinov wegen seiner Vermittlungsaktivitäten im Ölhandel zwischen dem Islamischen Staat und der Regierung Assad auf die Sanktionsliste setzten, ließ die FIDE ihren Präsidenten nicht fallen. Die Spinne hatte ihr Opfer verdaut und nur die glänzende Hülle mit der Inschrift FIDE übriggelassen.
Dies sei auch deswegen umso bedenklicher, als daß die heutige Putinsche Internationale in Kombination mit dem russischen Kernwaffenarsenal den Kremlherrn zur "größten Gefahr für die menschliche Zivilisation" mache.