1938 leuchtete der Schachhimmel noch einmal kurz über den Niederlanden auf. Beim bis dato teilnahmestärksten Schachturnier aller Zeiten, dem AVRO-Turnier, war mit dem 21jährigen Esten Paul Keres, der Größen wie Botwinnik, Fine, Capablanca, Aljechin, Euwe, Reshewsky und Flohr hinter sich ließ, ein neuer Stern aufgegangen, von dem in der Zukunft Großes zu erwarten war. Der Veranstalter und Namensgeber des Turniers, die Algemene Vereniging Radio Omroep, bemühte sich, ein WM-Match zwischen Keres und Aljechin zu organisieren, doch scheiterten die Verhandlungen zwischen AVRO und Aljechin an den Forderungen des Schachweltmeisters. Zusätzlich gestaltete sich für Keres das Problem, daß es mit Michail Botwinnik und Max Euwe zwei etablierte Topspieler gab, die ebenfalls ein WM-Match gegen Aljechin anstrebten. Ein zum Zwecke der Klärung, ob Euwe oder Keres für diese Aufgabe geeigneter sei, aufgezogener Zweikampf in den Niederlanden entschied Keres knapp mit 6:5 bei drei Remisen für sich, der beginnende Zweite Weltkrieg beendete aber vorerst sämtliche Titelkämpfe.

Vom Zweiten Weltkrieg war insbesondere Paul Keres betroffen, dessen Heimat Estland genau im Einflußbereich zwischen Deutschen und Sowjets lag. Im Zuge des Hitler-Stalin-Pakts in Moskau 1939 hatten Nazis und Kommunisten die Aufteilung Europas in einem geheimen Zusatzprotokoll beschlossen. Nur wenig später, am 1.9.1939, begann mit Hitlers Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg, der eine sofortige Kriegserklärung Englands und Frankreichs an das Deutsche Reich zur Folge hatte. Zwei Wochen später marschierte die Rote Armee in den Ostteil Polens ein, die erneute Aufteilung Polens zwischen Deutschen und Russen war damit besiegelt. Während Adolf Hitler sich auf den Westteil Europas konzentrierte, setzte Josef Stalin sein Werk der Okkupation Osteuropas fort. Während die noch stark unter den Säuberungen des Offizierskorps leidende Rote Armee unter erheblichen Widerstand eines finnischen Volkskrieges geriet, gestaltete sich die Annexion der baltischen Länder Estland, Lettland und Litauen sowie von Bessarabien und dem Nordteil der Bukowina (beides zu Rumänien gehörig) als vergleichsweise einfach. Während in den von der Sowjetunion besetzten Ländern die Dezimierung der Bevölkerungen ihren Anfang nahm, nahm Paul Keres, der durch die sowjetische Annexion und der damit verbundenen Enteignung der überlebenden Bevölkerung sein Bankkonto einbüßte und die Schließung seiner Schachzeitschrift „Estnisches Schach“ hinnehmen mußte (Garri Kasparov, Meine großen Vorkämpfer, Band 3, Edition Olms 2004, S. 37), an der 12. UdSSR-Meisterschaft in Moskau teil, für die er nun spielberechtigt war. Es ging auch um die Frage, ob Keres oder Botwinnik die Sowjetunion für ein Titelmatch gegen Aljechin vertreten sollten. Doch zeigte sich Paul Keres unter dem Eindruck der Verhältnisse nicht in Form, er landete mit 12/19 nur auf dem vierten Platz. Doch da auch Botwinnik mit einem geteilten 5. Platz und 11,5/19 nicht überzeugen konnte und sich mit Bondarewski und Lilienthal zwei Überraschungssieger den Turniersieg teilen durften, wurde auf Betreiben Botwinniks in Leningrad und Moskau ein sogenanntes „Matchturnier um den Titel des Absoluten Champions der UdSSR“ veranstaltet, an dem die sechs Spieler Botwinnik, Keres, Smyslow, Boleslawski, Lilienthal und Bondarewski sich für das Titelmatch gegen Aljechim empfehlen konnten. Bei diesem Turnier wurde die Rangordnung der Sowjetspieler wiederhergestellt. Die beiden Hauptkandidaten für das Match gegen Aljechin, Botwinnik und Keres, landeten auf den ersten beiden Plätzen, allerdings konnte Botwinnik in diesem in vier Umgängen stattfindenden Meisterturnier Paul Keres um ganze zweieinhalb Punkte hinter sich lassen, so daß die Herausforderungsfrage an Aljechin geklärt war. Das Turnier gilt in seinem Format als Vorläufer und Vorbild der aufgrund des Todes von Weltmeister Aljechin im Gruppenformat ausgetragenen Schach-WM von 1948. Daß sich Paul Keres in Moskau auch unter den herrschenden Turnierbedingungen nicht wohl gefühlt haben dürfte, weiß Garri Kasparov zu berichten, der einen ausführlichen Bericht zu diesem Turnier leistet:

Nach dem Misserfolg im 12. Championat der UdSSR 1940 hatte sich Michail Moissejewitsch über den Lärm im Spielsaal beklagt. Die Organisatoren des Matchturniers stellten ihn hingegen sehr zufrieden, denn sie „sorgten mit einfachen Mitteln für Ruhe. Im Mittelgang wachte ein Ordnungshüter in Milizuniform. Einmal wurde ein undisziplinierter Zuschauer herausgeholt und bestraft...“

Was sich in der Seele des schweigsamen Keres abspielte, darüber lässt sich nur spekulieren. Nach dem Zeugnis seines Biographen Valter Heuer litt der Großmeister an einer allgemeinen Depression, die durch die Realitäten des sowjetischen Lebens ausgelöst wurde. Dazu ärgerte ihn das seltsame Reglement des Turniers. So war es den Teilnehmern untersagt, auch nur ein Wort auszutauschen oder während der Partie den Spielsaal zu verlassen. Das sorgte für eine bedrückende Atmosphäre, wie sie für einen westeuropäisch geprägten Schachspieler ungewohnt war...
Kasparov, S. 40

Zwei Monate nach dem Turniersieg Botwinniks überfiel das Deutsche Reich wortbrüchig die Sowjetunion und konnte damit das Überraschungsmomentum für sich nutzen. In einem Kriegsverlauf, der in den ersten Monaten an Hitlers Blitzkriege im Westen erinnerte, waren Ostpolen und die baltischen Staaten die ersten Gebiete, die von den Deutschen überrannt wurden. Gleichzeitig begann die Gestapo zusammen mit den SS-Einsatzgruppen die systematische Durchkämmung der besetzten Gebiete nach Juden, was die Bevölkerung in den baltischen Staaten weiter dezimierte. Der Historiker Timothy Snyder hat den Begriff der „Bloodlands“ geprägt, womit er die Gebiete meinte, die wechselseitig unter den Einfluß Hitlers und Stalins und damit unter einen besonderen Terror gerieten. Auch Keres´ Heimatland Estland war ein solches Bloodland, das allein bis zum Ende des Krieges, nachdem es wieder unter sowjetischer Besatzung gefallen war, ein Drittel seiner Einwohner einbüßte.

Bevor Paul Keres die Existenz des Teufels spürte, war er in vielem eine östliche Auflage des Sunnyboys Jose Raul Capablanca aus Kuba. Keres wuchs in begüteten und sorgenfreien Verhältnissen auf und besuchte die staatliche Eliteschule in Parnü. Der aufgeweckte und vielseitig interessierte Junge zeigte früh Interesse und Talent für das Schach und brachte für das Spiel eine Art für den ganz großen Erfolg notwendige positive Besessenheit mit. André Schulz berichtet, weil Paul Keres in seiner Kindheit und Jugend nicht an Schachbücher herangekommen sei, habe er selbständig um die „1000 gespielte Partien“ gesammelt und analysiert. Mit zwölf Jahren konnte Keres mit dem litauischen Meister Vladas Mikenas, der in Varnu eine Simultanveranstaltung gab, bereits einen großen Skalp erbeuten. Mikenas zeigte bei dieser Niederlage Anstand und berichtete darüber später:

Im Jahr 1928 besuchte ich Pärnu und gab für die dortigen Schachfreunde eine Simultanvorstellung. Indem ich mein Spiel Runde um Runde fortsetzte, blieb mein Blick immer häufiger auf einem dunkelhaarigen Jungen haften, der für sein Alter sehr erfindungsreich spielte. Am Brett meines jungen Gegners musste ich mich wiederholt zum längeren Nachdenken aufhalten, aber es war nichts zu machen. Mit jedem Zug wurde meine Lage schlimmer, und bald gratulierte ich unter stürmischem Applaus der Anwesenden meinem jungen Partner zum hervorragenden Spiel
Ebd.

Diesen frühen Erfolg bestätigte Keres auch bei weiteren Turnieren, so auch später bei den Schacholympiaden, wo er Estland am Spitzenbrett würdig vertrat. Doch nicht nur im Schach kämpfte Keres auf höchsten Ebenen. Der nicht nur geistig, sondern auch körperlich ausgezeichnet entwickelte junge Este spielte Mitte der 30er Jahre im Tennis um die Landesmeisterschaft und verlor erst im Finale. Gleichzeitig spielte er leidenschaftlich Tischtennis und Bridge und ging gerne schwimmen. Zum Glück für die Schachwelt entschied er sich später, sich leistungsmäßig auf das Schach zu konzentrieren, wo er aufgrund seines höflichen, kultivierten und untadeligen Auftretens sowie seine Spielstärke und den von ihm gepflegten Ideenreichtum, den er mit einem scharfen Stil verband, mehr und mehr Sympathien in der Schachwelt gewann. Nach der Schule studierte er Mathematik in Tartu und lernte dort seine spätere Frau Maria kennen. Sein Leben hatte verheißungsvoll begonnen, doch hatte er nun nicht mehr die Möglichkeit, sein Leben so fortzusetzen wie Jose Raul Capablanca.

Während das Deutsche Reich sich unaufhaltsam durch die riesige Sowjetunion fraß und die Bevölkerung niedermetzelte, schien die neue Weltordnung endgültig besiegelt. Bereits vor der Umsetzung des Plans Barbarossa hatten viele Menschen in Deutschland erwartet, daß der Krieg nach der überraschend schnellen Niederwerfung Frankreichs und der Besetzung großer Teile Europas bald vorbei sein würde. In Deutschland vermutete man, der einzige noch verbliebene Gegner England würde bald um einen Friedensvertrag ersuchen, so daß sich die eigene Regierung nun darauf konzentrieren würde, das Gewonnene zu verwalten.

Doch Adolf Hitler war ein Vabanque-Spieler, für den Geduld keine Tugend war, und der nach der Devise handelte: alles oder nichts. Zudem war in England, dem Britischen Weltreich, mit Winston Churchill ein Mann Premierminister geworden, der gar nicht ans Kapitulieren dachte. Gemäß dem Vorbild aus dem europäischen Befreiungskrieg gegen Napoleon unterstützte er sämtlichen antideutschen Widerstand in den besetzten Gebieten. Dies hatte wiederum zur Folge, daß sich der Plan Barbarossa möglicherweise entscheidend um einen Monat verzögerte. Hitlers Bündnispartner Benito Mussolini, dessen Armee sich als nicht so stark erwies wie propagandistisch verlautet, hatte sich in seinem Konzept, sich als Nachfolger des Imperium Romanums Teile der Mittelmeerregion wiedereinzuverleiben, gegen Griechenland und Jugoslawien verrannt und war auf deutsche Unterstützung angewiesen. Hitler wiederum zögerte mit dem Angriff auf die Sowjetunion, bis die Lage in Griechenland und Jugoslawien geklärt war, um einen Überraschungseinbruch der Allierten über den Balkan zu verhindern, die der eigenen Front damit in den Rücken gefallen wären, die sich zu diesem Zeitpunkt zum Großteil tief im russischen Hinterland befunden hätte. Trotz gewisser Widerstände war die Lage 1941 in Europa trostlos, weswegen die Idee nahelag, sich mit dem wohl zukünftigen Sieger aus diesem Weltkonflikt zu arrangieren.

Zumindest dachten so Alexander Aljechin und Paul Keres, die als „Kollaborateure“ in die Schachgeschichte eingingen und ihren Ruf damit kompromittierten. Sie nahmen an Schachturnieren im besetzten Europa teil, wo sie sich u. a. mit der deutschen Nachwuchshoffnung Claus Junge duellieren konnten, der sich mit Hakenkreuzwimpel am Schachbrett ablichten ließ und gegen Ende des Krieges den Soldatentod fand. Gleichzeitig gaben sie der Deutschen Wehrmacht Simultanveranstaltungen, wobei sich Keres aber im Gegensatz zu Aljechin nie dazu herabließ, ähnliche antisemitische Pamphlete wie "Jüdisches und Arisches Schach" für die Nazis zu verbreiten. Allerdings wurde er diesbezüglich auch nicht erpreßt, so wie das bei Aljechin der Fall gewesen war.

Als der russische Winter 1941/42, der übrigens so kalt gewesen war wie seit 100 Jahren nicht mehr und in der Geschichte des Wetters unter Wetteranomalie geführt wird, und was nach dem Nautiker Dr. Arnd Bernaerts im Zusammenhang mit dem Krieg selbst gestanden habe (ebd.), die deutschen Truppenbewegungen vor Moskau stoppte, Lawrenti Beria massive Verstärkung aus Sibirien herbeiführte (nachdem sich abzeichnete, daß der deutsche Verbündete Japan nicht die SU angreifen würde wie von Hitler erhofft) und Stalingrad 1942/43 die Wende im Krieg bedeutete, dämmerte es Aljechin und Keres immer mehr, auf das falsche Pferd gesetzt zu haben. Aljechins Frage, ob Keres noch Lust auf einen Weltmeisterschaftskampf habe, verneinte der Este, während Aljechin dessen Frage bejahte, ob die Russen ihm den Kopf abreißen würden, wenn er in seine Heimat zurückkehre (Kasparov, S. 41). Nach weiterer Zeit versuchte Paul Keres zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Kindern nach Schweden zu fliehen. Zu ihrem Schock steckten sie in Estland fest, als sie die Route über die Ostsee nehmen wollten. Wenig später kamen die Russen „über die Narwa“ (ebd.) schnell ins Land, so daß Keres mit seiner Familie in der Falle saß.

In dieser Todesgefahr steckte Paul Keres allerdings nicht den Kopf in den Sand, sondern tat das einzig Richtige, die Flucht nach vorn. Als der NKWD den Großmeister ins Visier nahm, wandte sich Keres nach Angaben von Johannes Fischer in der Schachzeitschrift Karl an den sowjetischen Außenminister Wjatscheslaw Molotow, der den Fall daraufhin nach Estland zurück delegiert habe, und wo sich „einflussreiche Mitglieder der Kommunistischen Partei“ schließlich erfolgreich für Paul Keres eingesetzt haben. André Schulz benennt als dafür ausschlaggebende Kraft den „Chef der Estnischen Kommunistischen Partei", Nikolai Karotamm (André Schulz, Das große Buch der Schachweltmeisterschaften, New in Chess 2015, S. 119). Paul Keres zog damit nicht nur seinen Kopf aus der Schlinge, sondern rettete auch seine Schachkarriere, die er danach noch um zahlreiche Höhepunkte bereichern konnte. Ein kurzfristiges Spielverbot war der einzige Preis, den er für seine „Kollaboration“ während der deutschen Besetzung Estlands zahlen mußte. Sein lettischer Kollege Wladimir Petrov, ebenfalls ein starker Spieler, bezahlte die erneute sowjetische Invasion des Baltikums mit seinem Leben. Wegen freimütiger Äußerungen und einer darauffolgenden Denunziation gelangte er in die Mühlen des Gulags, was zu seinem schnellen Tod führte.

Nachdem der Weltschachverband FIDE auch im Schach eine neue Weltordnung in Kraft setzte, dessen markantester Punkt die Herstellung eines allgemein verbindlichen Weltmeisterschaftssystems war, erwarb sich Paul Keres vor allem deswegen den Ruf des „Ewigen Zweiten“, weil er in vier aufeinanderfolgenden Weltmeisterschaftszyklen nach der aufgrund des Todes von Weltmeister Aljechin noch im Gruppenmodus ausgetragenen Schach-WM 1948 in Den Haag und Moskau, die von Botwinnik klar gewonnen wurde, jeweils mit einem teilweise unglücklich zustandegekommenen zweiten Platz die Herausforderung des Weltmeisters nur knapp verfehlte. Keres startete seine Serie 1953 beim legendären WM-Kandidatenturnier in Zürich 1953, wo er hinter Smyslow (18/28) zusammen mit Bronstein und Reshewsky mit jeweils 16 Punkten auf den geteilten zweiten Platz kam. 1956 wiederholte der Este beim WM-Qualifikationsturnier in Amsterdam seine Plazierung, erneut hatte er hinter Wassili Smyslow das Nachsehen. Besonders unglücklich war sein zweiter Platz beim WM-Kandidatenturnier 1959 in Jugoslawien. Mit 18,5/28 in dem aus vier Durchgängen bestehenden Achtspielerturnier zeigte Paul Keres eine ganz starke Leistung, die unter normalen Umständen für die Qualifikation zum WM-Finale sicherlich genügt hätte. Er hatte aber das Pech, daß der junge mit Urgewalt in die Schachszene einschlagender „Komet“ Michail Tal mit 20 Punkten eben noch besser gewesen war. 1962 in Curacao schlossen Keres, Petrosjan und Geller zwar einen Nichtangriffspakt, die ihre Begegnungen untereinander ausnahmslos Remis spielten (der Mitfavorit Michail Tal war gesundheitlich angeschlagen und schied frühzeitig aus dem Turnier aus). Am Ende genügten in dem im selben Modus ausgetragenen Kandidatenturnier dem Sieger Petrosjan aber 17,5 Punkte, um mit einem halben Punkt vor Keres und Geller das Ziel zu erreichen. In der vorletzten Runde stoppte Keres ein Mißgeschick gegen Pal Benkö. Gegen Benkö sollte Paul Keres im Laufe seiner Karriere insgesamt neun mal gewinnen. Seine einzige Niederlage war dabei aber die für ihn wichtigste Partie. Ein böser Scherz der Wahrscheinlichkeitstheorie kommentierte später Kasparov dieses Malheur (Kasparov, S. 56).

Der 19jährige Robert Fischer beendete wegen des erwähnten Nichtangriffspakts der drei sowjetischen Spieler vorerst seine Bereitschaft, an solcherlei „manipulierten“ Weltmeisterschaftskämpfen teilzunehmen. Auch aufgrund seiner Reaktion wurde der Gruppenmodus abgeschafft und KO-Kämpfe traten vorerst an dessen Stelle. Erst 1965 zeigte sich allmählich das Alter des nun 49jährigen, der im Viertelfinale von Tiflis mit Boris Spasski einem Vertreter der neuen Spielergeneration den Vortritt lassen mußte. So blieb es letztendlich bei der WM-Teilnahme von 1948, wo Keres sich in dem Fünfspielerturnier vor allem aufgrund vier Niederlagen gegen Botwinnik (es wurde viel darüber spekuliert, ob dies der Preis war, den Keres für seine Rehabilitation zahlen mußte) mit einem dritten Platz begnügen mußte.

Das sowjetische Nachkriegsschach hatte vor allem besagter Michail Botwinnik geprägt. Er dominierte die Schachwelt aber nicht, sondern bezeichnete sich selbst in Anbetracht einer starken Konkurrenz aus dem eigenen Land als primus inter pares. Im Prinzip handelte es sich bei den besten sowjetischen Spielern um ein nahezu kongeniales Quartett, das neben Botwinnik aus Keres, Smyslow und Bronstein bestand. Eine Momentaufnahme des bekannten Spiegel-Artikels "Bretter vor dem Kopf" aus dem Jahre 1958 soll dies verdeutlichen. In dem Artikel wurde die Bilanz Botwinniks gegen seine drei Konkurrenten eingefangen:

Botwinnik erzielte
- aus 91 gegen Smyslow gespielten Partien insgesamt drei Pluspunkte mehr als sein Gegner (ein Pluspunkt zählt für eine gewonnene oder zwei unentschiedene Partien),
- aus 14 gegen Keres gespielten Partien insgesamt drei Pluspunkte,
- aus 29 gegen Bronstein gespielten Partien insgesamt einen Pluspunkt mehr.
So dominierte Paul Keres neben seinen drei Landsleuten die internationale Turnierszene im Schach, was durch die gleichzeitige sowjetische Dominanz der Schach-Weltmeisterschaften von 1948-1969 André Schulz dazu veranlaßte, diese Periode der Geschichte der Schachweltmeisterschaften als „Die sowjetische Ära“ (Schulz, S. 5) zusammenzufassen. Gleichzeitig behauptete Paul Keres, der mehr als ein Vierteljahrhundert zur absoluten Weltspitze gezählt hatte, den Rekord, gleich neun Schachweltmeister im Laufe seiner Karriere mindestens einmal bezwungen zu haben. Die Würdigung für Keres als Spieler korrespondierte zeitlebens mit den Sympathien, die ihn als Menschen von allen Seiten entgegengebracht wurden. Nach Garri Kasparov sei er unter den sowjetischen Vertretern die einzige moralische Autorität (vgl. Kasparov, S. 60) gewesen, der 1974 beste Chancen gehabt habe, Max Euwe als FIDE-Präsidenten zu beerben. Kasparov:

Auf dem FIDE-Kongress, der im Juni 1974 parallel zur Schacholympiade in Nizza abgehalten wurde, gedachte Dr. Euwe seinen Posten als Präsident aufzugeben und er bat Milunka Lazarevic, einen würdigen Ersatz für ihn zu suchen. „Plötzlich erblickte ich den vorbeispazierenden Keres“, erinnerte sich die jugoslawische Spitzenspielerin: „Maestro, was tun Sie hier?!“ - „Ich bin hier Zuschauer“, lächelte Keres, der als Ehrengast bei der Olympiade weilte. „Paul Petrowitsch, sagen Sie bitte, könnten Sie das Weltschach betreffende Fragen selbstständig, also ohne die sowjetische Schachföderation lösen? Wenn ja, dann schlagen wir Sie für den Posten des FIDE-Präsidenten vor. Ich gehe dann gleich in den Saal und sammle die Unterschriften aller Großmeister ein.“ Er fühlte sich durch meine Worte durchaus geschmeichelt, errötete wie gewöhnlich, lachte... Aber dann verfiel er plötzlich in Nachdenken und erwiderte: ´Wissen Sie, Milunka, selbstständig kann ich nur Bücher schreiben.´ Das war unser letztes Zusammentreffen.“
Kasparov, S. 60f.

Nur ein Jahr später starb Paul Keres bei seiner Rückreise vom Schachturnier in Vancouver (Kanada), das er sogar noch gewinnen konnte, an einem Herzinfarkt. Er ist der einzige Spieler, dem die Schachfreunde in Vancouver und seiner Heimatstadt Talinn gleich zwei Gedenkturniere gewidmet haben. Ähnlich wie die Letten ihren Michail Tal lieben, ist Paul Keres in Estland bis heute Volksheld. Er ist auch der einzige Schachspieler, dessen Porträt eine Banknote ziert. Bis zur Euro-Umstellung war es der Fünfkronenschein, nun ist es die estnische Zweieuromünze. Die große Ehrung, die ihm vom estnischen Volk bis heute zuteil wird, erklärt sich nach Johannes Fischer aus der wechselvollen Geschichte Estlands, in der Paul Keres das stets um seine Unabhängigkeit kämpfende estnische Volk auch in Zeiten der sowjetischen Okkupation mit Würde repräsentierte. Ein schönes Schlußwort für diesen Artikel, das Johannes Fischer wie folgt mit Leben füllt:

In dem politischen Klima seiner Zeit konnte sich Keres nicht offen äußern, aber sein Auftreten war stiller Protest. Elegant und mit einem Hauch Extravaganz gekleidet, beeindruckte er durch Professionalität, Integrität und Bescheidenheit. Er war Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle. Sein wiederholtes Scheitern beim Angriff auf den Weltmeisterthron trug er mit Würde und zeigte so, dass man den Wechselfällen des Schicksals mit Haltung begegnen kann. Das machte ihn zum tragischen Helden und zu einem Vorbild für das von der Geschichte gebeutelte Estland. Aber auch jetzt, wo Estlands politische Zukunft durch den Beitritt zur EU am 1. Mai 2004 sicherer geworden ist, bleibt Keres ein Vorbild - nicht nur für Estland.
Partien aus www.chessgames.com:

[Event "AVRO"]
[Site "The Netherlands"]
[Date "1938.11.14"]
[EventDate "1938.11.06"]
[Round "6"]
[Result "1-0"]
[White "Paul Keres"]
[Black "Jose Raul Capablanca"]
[ECO "C09"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "75"]

1.e4 e6 2.d4 d5 3.Nd2 c5 4.exd5 exd5 5.Ngf3 Nc6 6.Bb5 Qe7+
7.Be2 cxd4 8.O-O Qc7 9.Nb3 Bd6 10.Nbxd4 a6 11.b3 Nge7 12.Bb2
O-O 13.Nxc6 bxc6 14.c4 Be6 15.Qc2 dxc4 16.Bxc4 Bxc4 17.Qxc4
Rfb8 18.h3 Rb5 19.Rac1 Rc8 20.Rfd1 Ng6 21.Nd4 Rb6 22.Ne6 Qb8
23.Ng5 Rb7 24.Qg4 Bf4 25.Rc4 Rb5 26.Nxf7 Re8 27.g3 Qc8 28.Rxf4
Qxg4 29.Rxg4 Kxf7 30.Rd7+ Re7 31.Rxe7+ Kxe7 32.Bxg7 Ra5 33.a4
Rc5 34.Rb4 Ke6 35.Kg2 h5 36.Rc4 Rxc4 37.bxc4 Kd6 38.f4 1-0

[Event "USSR Championship"]
[Site "Moscow URS"]
[Date "1940.10.02"]
[EventDate "1940.??.??"]
[Round "19"]
[Result "1-0"]
[White "Paul Keres"]
[Black "Vladimir Petrov"]
[ECO "C32"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "47"]

1. e4 e5 2. f4 d5 3. exd5 e4 4. d3 Nf6 5. Nd2 exd3 6. Bxd3
Qxd5 7. Ngf3 Bc5 8. Qe2+ Qe6 9. Ne5 O-O 10. Ne4 Nxe4 11. Qxe4
g6 12. b4 Be7 13. Bb2 Bf6 14. O-O-O Nc6 15. h4 h5 16. g4 Bxe5
17. fxe5 Qxg4 18. Qe3 Nxb4 19. e6 Nd5 20. exf7+ Rxf7 21. Bc4
c6 22. Rxd5 Qxc4 23. Qe8+ Rf8 24. Qxg6# 1-0

[Event "Alekhine Memorial"]
[Site "Moscow URS"]
[Date "1956.11.02"]
[EventDate "1956.10.09"]
[Round "15"]
[Result "1-0"]
[White "Paul Keres"]
[Black "Mikhail Botvinnik"]
[ECO "B63"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "67"]

1.e4 c5 2.Nf3 Nc6 3.d4 cxd4 4.Nxd4 Nf6 5.Nc3 d6 6.Bg5 e6 7.Qd2
h6 8.Bxf6 gxf6 9.O-O-O a6 10.f4 h5 11.Kb1 Bd7 12.Be2 Qb6
13.Nb3 O-O-O 14.Rhf1 Na5 15.Rf3 Nxb3 16.axb3 Kb8 17.Na4 Qa7
18.f5 Be7 19.fxe6 fxe6 20.Rxf6 Rh7 21.Rg6 b5 22.Nc3 Qc5 23.Na2
Rf8 24.Nb4 Ka7 25.Bf3 h4 26.h3 Bc8 27.Nd3 Qc7 28.Nf4 Rf6
29.Bg4 Rxg6 30.Nxg6 Bb7 31.Bxe6 Bd8 32.Bd5 Bxd5 33.Qxd5 Rf7
34.e5 1-0

[Event "Tbilisi"]
[Site "Tbilisi"]
[Date "1946.??.??"]
[EventDate "?"]
[Round "?"]
[Result "1-0"]
[White "Paul Keres"]
[Black "Vladas Jonovich Mikenas"]
[ECO "B00"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "57"]

1.d4 Nc6 2.e4 e5 3.dxe5 Nxe5 4.Nc3 Bc5 5.f4 Ng6 6.Nf3 d6 7.Bc4
Be6 8.Qe2 Bxc4 9.Qxc4 Qd7 10.f5 N6e7 11.Bg5 f6 12.Bf4 Nc6
13.O-O-O O-O-O 14.g4 g5 15.Bg3 h5 16.h3 Qh7 17.Rh2 Be3+ 18.Kb1
h4 19.Bf2 Bxf2 20.Rxf2 Rd7 21.Nd4 Nxd4 22.Qxd4 b6 23.Nd5 Qf7
24.Qa4 Kb7 25.Rf3 Nh6 26.Nb4 a5 27.Qc6+ Kb8 28.Na6+ Ka7 29.Nc5
1-0

[Event "Warszawa ol"]
[Site "Warszawa"]
[Date "1935.08.26"]
[EventDate "?"]
[Round "14"]
[Result "1-0"]
[White "Paul Keres"]
[Black "William Winter"]
[ECO "B29"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "37"]

1.e4 c5 2.Nf3 Nf6 3.e5 Nd5 4.Nc3 e6 5.Nxd5 exd5 6.d4 d6 7.Bg5
Qa5+ 8.c3 cxd4 9.Bd3 dxc3 10.O-O cxb2 11.Rb1 dxe5 12.Nxe5 Bd6
13.Nxf7 Kxf7 14.Qh5+ g6 15.Bxg6+ hxg6 16.Qxh8 Bf5 17.Rfe1 Be4
18.Rxe4 dxe4 19.Qf6+ 1-0