Italiens Goldenes Zeitalter in der Renaissance brachte auch die Führungsrolle Italiens im Schach, die mit dem Sieg von Il Puttino und Paolo Boi gegen die Spanier Alfonso Seran und Ruy Lopez 1575 vor den Augen Philipps II. am Königshof in Madrid begann und durch Gioacchino Greco weitergetragen wurde. Italien, das nach dem Niedergang des Römischen Weltreichs wie auch Deutschland erst spät zur nationalen Einheit fand, wurde in der Folge der Partikularismus zum Verhängnis, so daß sich die einzelnen Fürstentümer in Italien nicht gegen die europäischen Großmächte behaupten konnten und unter einer Fremdherrschaft litten. Es ist wohl seiner großen Schachtradition zu verdanken, daß Italien auch nach seinem Niedergang in der Schachgeschichte weitere Ausrufezeichen setzen konnte. Modena hieß der Schauplatz eines wichtigen italienischen Beitrages dazu; der jüngst in einer Seniorenresidenz verstorbene Schach- und Historiker Joachim Petzold läßt diese Beziehungen greifbar werden:

Mit dem wirtschaftlichen und politischen Niedergang Italiens im 17. und 18. Jahrhundert verloren die Schachmeister ihre Mäzene und Einnahmequellen. Selbst fürstliche Familien waren verarmt. Im Volke dieses erst von den spanischen und dann den österreichischen Habsburgern ausgeplünderten Landes griffen religiöse Sektenbewegungen um sich, die sich wie zu Savonarolas Zeiten gegen allen äußeren Luxus und unnütze Spielereien wandten. Nur die Provinz Modena in der Provinz Emilia, nördlich der Apeninnen, blieb ein Refugium der Schachkunst. Einige kleineren italienische Staaten, wie Parma, Piacenza und Regio, vor allem aber Savoyen, hatten sich durch die geschickte Ausnutzung der spanisch-französischen Gegensätze eine gewisse Eigenständigkeit und einen relativen Wohlstand erhalten. Der Stadtstaat Modena gehörte zu ihnen und versorgte dank seinem entwickelten Verlagswesen Italien mit Büchern. Von alledem profitierten auch die Schachspieler. Es muß in dieser Stadt noch immer ein reges Schachleben gegeben haben, denn Ercole del Rio, Giambattista Lolli und Domenico Lorenzo Ponziani waren nicht nur Schachmeister vom Rang, sondern auch Schachautoren von schachgeschichtlicher Bedeutung.
Joachim Petzold, Schach - Eine Kulturgeschichte, Edition Leipzig 1986, S. 184

Domenico Ercole del Rio (1723 oder 1726 - 1802), Giambattista Lolli (1698 - 1769) und Domenico Ponziani (1719 - 1796) bildeten die Troika; alle drei Schachmeister teilten die Abneigung gegenüber der systematischen Schachlehre eines Philidors, der sie mit einem gewissen Rückgriff auf die romantischen Traditionen ihrer Landsmänner Il Puttino, Boi und Greco den Kampf ansagten. Ihnen ging es um die Schönheit im Schach, um verwegene Opfer, stürmische Angriffe und ein möglichst schnelles Matt. Die „letzten Ritter des Schachspiels“ nannte sie Petzold, der die drei Modenesen mit „dem edlen Ritter Don Quichotte [verglich], der die Fahne des romantischen Rittertums noch hochhielt, als die Ritterzeit schon längst zu Ende war“ (ebd.). Die scharfe Auseinandersetzung mit dem bereits von der Aufklärung durchdrungenen und das Schachspiel nach rationalen Vernunftgründen analysierenden Philidors weist diese „Ritter“ bereits als Vertreter der beginnenden Romantik aus, deren Lebensgefühl Dr. Edmund Bruns veranschaulicht:

Seit Beginn des 18. Jahrhunderts war die Romantik als geistige Strömung vorherrschend. Die Romantik war die letzte Epoche, die Dichtung und Philosophie, Kunst, Wissenschaft und Musik gleichermaßen umfaßte. Bevor es zur Industrialisierung kam, die das Leben der Menschen in Europa grundlegend änderte, vermehrt Elendsviertel entstehen und das Geld allmächtig werden ließ, beschworen die Romantiker u. a. mit dem Zauberstab der Poesie eine wunderschöne, geheimnisvolle Welt. Die Romantik kennzeichnete sich als Reaktion auf die einseitige Glorifizierung der Vernunft in der Aufklärungszeit. Neue Schlagworte waren „Gefühl“, „Phantasie“, „Erleben“ und „Sehnsucht“. Die Romantik war eine zum Gefühlvollen, Wunderbaren, Märchenhaften und Phantastischen neigende Weltauffassung und -darstellung.

„Romantisieren ist nichts als eine quantitative Potenzierung [...] indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Sinn gebe, so romantisiere ich es.“ (H. Schanze, Romantik und Aufklärung. Untersuchungen zu Friedrich Schlegel und Novalis, 2. erw. Aufl., Nürnberg 1976, S. 143).
Dr. Edmund Bruns, Das Schachspiel als Phänomen der Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, LIT-Verlag 2003, S. 14

In der Aufklärung begriffen die Schachspieler das Schachspiel als Wissenschaft, während das Schachspiel für die Romantiker nach wie vor eine Kunst bleiben sollte. So wie die Romantik eine Gegenbewegung zur rational orientierten Aufklärung gewesen war, so waren auch die romantisch geprägten Schachspieler wie die Modenesen eine Gegenbewegung zur sogenannten von Philidor geprägten „Französischen Schachschule“. Die Modenesen standen und entwickelten theoretisch die „Italienische Schachschule“, so daß es zum ersten Mal in der Schachgeschichte einen augenfälligen und theoretisch verfochtenen Gegensatz zwischen unterschiedlichen Schachschulen gab. Zwar taten Lolli, Del Rio und Ponziani ihrem Anliegen keinen Gefallen, indem sie aus nostalgischen Gründen auf der „freien Rochade“, wonach Turm und König nach der Rochade verschiedene mögliche Felder von e1-h1 bei der kleinen und zwischen e1-a1 bei der großen Rochade einnehmen konnten, beharrten und sich somit von der übrigen Schachwelt „isolierten“ (Petzold, S. 184). Doch auch ohne dem romantischen Gehalt ihrer Darstellungen in ihrer Totalität zustimmen zu müssen, so waren ihre Beiträge für die Schachwelt enorm. Petzold hebt in diesem Zusammenhang hervor, daß sie zu „Wegbereitern des modernen Problemwesens“ (ebd.) wurden, und in der Tat loben die Berliner Autoren der Bilguer-Ausgabe von 1843, daß allein Lollis 1763 in Bologna verfaßtes Werk „Theoretisch-praktische Sicht des Schachspiels“ am Ende 100 Endspiele enthält, das sich übrigens generell „durch den bewunderungswürdigen Fleiß und die Genauigkeit, mit der durchgängig gearbeitet wurde“ „besonders“ ausgezeichnet habe.


In dieser Endspielstudie von Lolli aus seinem erwähnten Buch erzwingt Weiß mit

1. Kf5 Kg7+ 2. h8D+ Kxh8 3. Kf6 Kg8 4. g7

den Sieg. Dieses Verfahren ist heute ein typischer Begleiter von immer wiederkehrenden taktischen Endspielideen.

1750 hatte der Stadtrat Domenico Enrico del Rio unter dem Pseudonym Anonimo Modenese das Werk „Praktische Betrachtungen des Schachspiels“ herausgegeben und die Italienische Schachschule theoretisch begründet, was überhaupt „die Grundlage“ des Werks von Giambattista Lolli gebildet habe. Auch in Rios Werk finden sich noch heute wertvolle Endspielstudien:



Hier kann Weiß mit einem

Patttrick

das Remis erzwingen:

1. Kg5 Tg1+ 2. Kh6 a1D 3. Ta8+!! Txa8 Remis



1769 bildete Domenico Lorenzo Ponziani mit „Das mit nichts zu vergleichende Schachspiel“ den Endpunkt dieser Triade, das er in einer zweiten Auflage noch „vermehrte und bedeutend verbesserte“ (Bilguer). Ponziani ist heute der bekannteste unter seinen Mitstreitern, und auch sein Schachbuch scheint heute den größten Bekanntheitsgrad in der Schachwelt zu besitzen. So würdigte im "Vorwärts-Orient" ein unbekannter Autor das Werk:

Im Jahr 1769 erschien (ohne Autorschaft) in Modena sein Werk Il giuoco incomparabile degli scacchi (dt. Das mit nichts zu vergleichende Schachspiel), in dem er eine tiefschürfende Analyse des Spiels im Allgemeinen, wie besonders der Endspiele bot. Sein Buch, in dem er das freie Figurenspiel propagierte, leistete einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der modernen Spielauffassung im 18. und 19. Jahrhundert. In den Jahren 1773, 1801 und 1812 erschienen in Venedig Nachdrucke dieses Werkes. 1782 ließ er in Modena einen Neuauflage, nun mit Autorschaft, drucken. Auch dieses Werk wurde mehrfach nachgedruckt: Rom 1829, 1838, Verona 1837, Venedig 1861.
Von den Modenesen erhalten geblieben sind die Ponziani-Eröffnung 1. e4 e5 2. Sf3 Sf6 3. c3; das Ponziani-Gambit im Läuferspiel 1. e4 e5 2. Lc4 Sf6 3. d4; das aus dem Muzio-Gambit entstandende Lolli-Gambit 1. 1. e4 e5 2. f4 exf4 3. Sf3 g5 4. Lc4 g4 5. Lxf7+; der Lolli-Angriff 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lc4 Sf6 4. Sg5 d5 5. exd5 Sxd5 6. d4 (der übrigens eine andere Idee der Angriffsführung von Polerio ist, der hier 1610 den später als Fegatello-Variante aufgeführten Angriffszug 6. Sxf7 spielte); oder der mit Schwarz entworfene Angriffsplan 1. e4 e5 2. Lc4 Lc5 3. c3 Dg5 in der del-Rio-Variante im Läuferspiel. Die Art und Weise dieser Eröffnungen weist auf den aggressiven Stil der Modenesen hin. Wiewohl die drei Italiener dem Geist der Romantik als Gegengewicht zu Philidor huldigten, so war ihre Vorgehensweise nicht unmethodisch, so daß es nicht verwundert, daß sich rund zwei Generationen später in Berlin mit den „Plejaden“ sieben Schachmeister einfanden, die zwar bereits einer nach den Methoden der Aufklärung verpflichtenden wissenschaftlichen Herangehensweise an das Schach frönten, aber deren fruchtbare Zusammenarbeit dem Vorbild aus Modena folgte. Überhaupt kam es den Modenesen und ihrem Schachideal zugute, daß sich nach Philidors Tod auch im Schach die „Napoleonische Reaktion“ (Bruns) zeigte, welche die Kriegserfolge Napoleons auf das Schachspiel übertragen wollte. So waren es gerade die Nachfolger Philidors, nämlich Deschapelles und La Bourdonnais, die von dem Erbe Philidors nichts mehr wissen wollten, mit ihm brachen und sich anderen Leitlinien verpflichtet fühlten. Doch auch die Ideen Philidors blieben im Schach nicht ohne Wirkung und wurden vor allem von Alexander Petrow, dem „russischen Philidor“ und Johann Baptist Allgeier, dem „deutschen Philidor", was beide als Beinamen aufgesetzt bekamen, in verbesserter Form weitergetragen.

Sowohl die Französische Schachschule als auch die Italienische Schachschule bildeten in dem Konflikt zwischen Philidor und den Modenesen Gegensätze, und mit der Zeit wurden beide Schulen trotz einiger spielerisch starker Ausnahmeerscheinungen wie Adolf Anderssen oder Carl Schlechter, die sich jeweils einem Ideal in dessen Totalität verpflichtet fühlten, von ihren Überspitzungen befreit. Es kam allmählich zu einer Konvergenz, und nachdem mit dem Konflikt rund um die Moderne Schachschule und der Hypermodernen Schachschule, der insbesondere von ihren Vertretern Siegbert Tarrasch und Aaron Nimzowitsch mit allen Mitteln ausgefochten wurde, der letzte grundlegende Meinungsstreit in der Schachgeschichte beigelegt wurde, besteht auch unter dem Einfluß des Objektivierungsdrucks durch die Schachcomputer die vorherrschende schachdidaktische Ansicht darin, im Sinne einer angestrebten Objektivität sich keiner Schachschule mehr verpflichtet zu fühlen. Stattdessen solle ganz pragmatisch und eklektizistisch von jeder Schule das Nützliche übernommen und jeweils bei Bedarf auf die konkrete Stellung angewandt werden. Konflikte rund um schachliche Auffassungen bestehen bis heute fort, sie sind aber feiner geworden und weniger grundlegend.

Zum Schluß jeweils eine Partie der Modenesen, wobei das Niveau ihrer Gegner zeigt, daß die drei Modenesen in einer Zeit großgeworden waren, die auch schachlich noch unter den Nachwirkungen des Dreißigjährigen Krieges gelitten hatte.

[Event "Casual"]
[Site "Modena ITA"]
[Date "1750.??.??"]
[EventDate "?"]
[Round "?"]
[Result "1-0"]
[White "Giambattista Lolli"]
[Black "NN"]
[ECO "C40"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "15"]

1.e4 e5 2.Nf3 Qf6 3.c3 Bc5 4.d4 Bb6 5.Be3 d6 6.Bg5 Qe6 7.dxe5
dxe5 8.Qd8# 1-0

[Event "Casual"]
[Site "Modena"]
[Date "1798.??.??"]
[EventDate "?"]
[Round "?"]
[Result "0-1"]
[White "De Beaurevoir"]
[Black "Domenico Ercole Del Rio"]
[ECO "C30"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "22"]

1. e4 e5 2. f4 Bc5 3. Nf3 d6 4. c3 Bg4 5. fxe5 Bxf3 6. Qxf3
dxe5 7. Qg3 Nd7 8. Qxg7 Qh4+ 9. Kd1 Bf8 10. Qxh8 Ndf6 11. d3
Qg4+ 0-1

[Event "?"]
[Site "?"]
[Date "1769.??.??"]
[EventDate "?"]
[Round "?"]
[Result "0-1"]
[White "NN"]
[Black "Domenico Lorenzo Ponziani"]
[ECO "C53"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "30"]

1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bc4 Bc5 4. c3 Nf6 5. O-O O-O 6. Re1 Re8
7. d4 exd4 8. e5 Ng4 9. cxd4 Nxd4 10. Nxd4 Qh4 11. h3 Qxf2+
12. Kh1 Qg3 13. hxg4 Bxd4 14. Be3 Bxe5 15. Kg1 Bd4 0-1