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Thema: Zweifacher Wegbereiter - Zum Wirken Stammas in der Schachgeschichte

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    Zweifacher Wegbereiter - Zum Wirken Stammas in der Schachgeschichte



    Aleppo ist heute ein Schlachtfeld und Sinnbild einer durch den Krieg bedingten Apokalypse. Es ist, als hätten sich die zehn biblischen Plagen heute dieses Ortes bemächtigt, und wer dort nicht festsitzt, der rette sich, solange er noch kann. Tod, Hunger, Verwüstung, Seuchen und Krieg haben diesen Ort heute unbewohnbar gemacht, und damals wie heute ist es die Zivilbevölkerung, die in Geiselhaft genommen wird. Aleppo ist allerdings auch der Geburtsort eines Syrers, der in der Schachgeschichte seinen festen Platz hat, und der vor allem in zwei Gebieten ein Wegweiser gewesen war, über die wir uns hier unterhalten möchten. Es handelt sich dabei um Philipp Stamma, geboren um 1705 als Sproß einer einflußreichen katholisch-islamischen Notabelnfamilie, und der schon durch seine Geburt zu einem Wanderer zwischen den Welten wurde. Sein arabischer Name war Fathallah, Sohn von Safar; nach seiner Emigration nach Europa firmierte er nur noch unter seinem christlichen Namen Philipp oder auch Philippe, Philippo bzw. Filipo.

    Syrien war damals Bestandteil des Osmanischen Reichs. Als Philipp Stamma sich im Zeitalter des Absolutismus erstmals in Europa niederließ, waren Frankreich und England die in Europa, aber auch in der Welt führenden Nationen. Preußens Annektion von Schlesien und der Siebenjährige Krieg, der Preußens Eroberung von Schlesien bestätigen sollte, lagen noch in der Zukunft, in Preußen regierte Friedrich I., der Vater des späteren „Friedrich des Großen“, dessen von den Ideen des Puritanismus beeinflußten spartanisches Regiment Preußen nicht zu einem einladenden Ort machen sollte. Stamma wählte stattdessen erst London, und dann für lange Zeit Paris zu seinem Lebensmittelpunkt aus - später pendelte er zwischen beiden Metropolen -, und natürlich zog es den schachbegeisterten Syrer in seiner Pariser Zeit ins berühmte Café de la Régence.

    Die Etablierung starker Nationalstaaten hatte in Europa ein starkes und vermögendes Bürgertum aufsteigen lassen, das zunehmend begann, die Privilegien von Adel und Klerus nicht mehr als gottgegeben hinzunehmen, sondern um seine Rechte, um Macht, Einfluß und Partizipation zu kämpfen. Diese Entwicklung hatte auch im Schach zu Veränderungen geführt, denn auch das Schach galt nicht mehr nur als adeliger Zeitvertreib, sondern auch als Spiel, für das die Bürger ein zunehmendes Interesse zeigten. Die Caféhäuser wiesen dafür ideale Bedingungen aus. Kaffee war eine moderne Errungenschaft aus den Kolonien und war wegen seiner belebenden Wirkung das Elixier der Aufklärung schlechthin. In den neu entstandenen Caféhäusern in der damaligen Zeit wurde natürlich nicht nur Kaffee getrunken; sie waren vielmehr ein Ort der Begegnung und der Muße, wo sich unterhalten und miteinander gespielt und auch politisch debattiert wurde. Ganz besonders ein Café sollte über lange Zeit in der Schachwelt in aller Munde sein und Pilgerort schachbegeisterter Spieler aus aller Welt: das schon erwähnte Café de la Régence in Paris:

    Als Urmutter aller Schach-Cafés kann das Café de la Regence in Paris in der Rue de Saint-Honoré 161 angesehen werden, das zum Stammcafé der Literatur und Schachspieler wurde und es von der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts für die nächsten 80 Jahre lang bis ca. 1830 bleiben sollte. Das 1681 gegründete Régence war zwar nicht das erste Café auf dem europäischen Kontinent, in dem sich Schachfreunde trafen (in Paris selbst existierte mit dem Café Procope ein Vorgänger), aber es wurde über Jahrzehnte hinaus zum berühmtesten Treffpunkt aller, die dieses Spiel liebten. Sein Ruf wurde so bedeutend, dass es die Schachmeister aller Herren Länder bei einem Besuch von Paris nie versäumten, hier einzukehren und ihre Kräfte zu messen.
    Ripperger, Wieteck, Ziegler, Die Säulen des Schachs, Band 1 Paris, Verlag ChessCoach 2012, S. 13

    Die Bedeutung des Café de la Régence ging über das Schach weit hinaus, als beliebter Treffpunkt in der Freizeit sollte es mit der Zeit die unterschiedlichsten Aufklärer wie Jean-Jacques Rousseau, Maximilian Robespierre, Benjamin Franklin und Denis Diderot anziehen, auch Karl Marx und Friedrich Engels sollten sich ein gutes Jahrhundert später in diesem weltberühmten Kaffeehaus treffen. Um ein Gefühl für die Atmosphäre im Café de la Régence zu Zeiten von Philipp Stamma einzufangen, so hat der nur acht Jahre nach Stamma geborene Enzyklopädist des „gesamten Wissens“ in der Welt, Denis Diderot, seine Eindrücke für die Nachwelt schriftlich festgehalten:

    Wenn es gar zu kalt oder regnerisch ist, flüchte ich mich in den Caffé de la Régence und sehe zu meiner Unterhaltung den Schachspielern zu. Paris ist der Ort in der Welt, und der Caffé de la Régence der Ort in Paris, wo man das Spiel am besten spielt. Da, bey Rey, versuchen sich gegen einander der profunde Légal, der subtile Philidor, der gründliche Mayot. Da sieht man die bedeutendsten Züge, da hört man die gemeinsten Reden. Denn, kann man schon ein geistreicher Mann und großer Schachspieler zugleich sein, wie Légal, so kann man auch ein großer Schachspieler und albern zugleich sein, wie Foubert und Mayot.
    Ebd. f.

    Die Schachcafés waren ein Vorläufer der Schachvereine und forderten sich gelegentlich heraus. Der erwähnte Francois Antoine de Legall war ein vom Café de la Régence festangestellter Schachspieler, dessen Aufgabe es war, auf Herausforderung gegen Gäste anzutreten. Legall, der als Erfinder des Seekadettenmatts gilt, war auch der Entdecker des Wunderkindes Philidor gewesen, den er solange förderte, bis dieser ihn an Spielstärke überholt hatte. Überhaupt bot ein für Schachspieler so zentraler Treffpunkt wie das Café de la Régence den Vorteil, daß sich die besten Schachspieler in Paris in einem fruchtbaren Konkurrenzkampf untereinander gegenseitig zu Höchstleistungen anspornen konnten, was für deren Entwicklung förderlich war. So war dies auch bei Philipp Stamma und Philidor.

    Stamma und Philidor kamen beide aus jeweils gutem Haus, wobei die Tatsache Erwähnung verdient, daß Philidors Vater bei dessen Geburt bereits 79 Jahre alt gewesen war und vier Jahre später starb. Beide übten das Schach leidenschaftlich aus, waren aber nicht auf diesem Gebiet beschränkt. So war Philidor ein damals berühmter Komponist musikalischer Werke, dessen Stücke gern gehört wurden. Der bilingual aufgewachsene Stamma hingegen verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Übersetzer und Interpret orientalischer Werke. Es wird erwähnt, daß Stammas überlegte Schachauffassung den eine Generation jüngeren Philidor inspiriert habe. Zwar gibt es dazu widersprüchliche Angaben, sicher ist aber, daß Stammas Werk „Essai sur le jeu de echecs“ („Essay über das Schachspiel“), das er 1737 in Paris veröffentlichte, und das gerade in Schachkreisen populär gewesen war, auch von Philidor studiert wurde. Stammas Werk bekam eine solche Popularität, daß es in verschiedenen Ländern aufgelegt und noch Dekaden später vielfach - auch unter anderen Titeln - nachgedruckt wurde. Die erste deutsche Übersetzung gab es 1754 von Amand König, wobei Stammas Werk nicht eigenständig publiziert wurde, sondern als Anhang zum Lehrbuch Philidors erschien. Mit seinem Werk wurde Stamma gleich in zweierlei Hinsicht zu einem Wegbereiter des modernen Schachs.

    Zwar war auch Stammas Notation noch nicht die heute übliche. So erhielt bei ihm auch der Bauer sein Kürzel (B.), das Figurenkürzel wurde noch mit einem Punkt abgekürzt, und auch die Feldernamen wurden bei ihm großgeschrieben, so daß eine Differenzierung zwischen Figurenkürzeln und Reihenkoordinaten entfiel. Gleichzeitig wurde ein Halbzug in der Notation mit einem Punkt abgeschlossen. Nach Stamma eröffnete Weiß z. B. nicht mit 1. e4, sondern mit B. E. 4. Trotzdem war die algebraische Notation unter Zuhilfenahme des schachlichen Koordinatensystems bahnbrechend und ermöglichte eine ungleich zugänglichere Rezeption gespielter Partien und aufgebauter Stellungen. Wie sperrig wirkt dagegen die vormals dominierende beschreibende Notation, die noch Philidor 1749 in seinem eigenen Schachwerk „L´Analyze du jeu d´echecs“ („Die Analyse des Schachspiels“) verwendet hatte: „I. Weiß: Der Bauer des Königs zwey Schritt. Schwarz auf die nemliche Art. II. Weiß: Der Läufer des Königs auf das vierte Feld des Läufers von seiner Dame. Schwarz: Auf die nehmliche Art.“ (Michael Ehn, Hugo Kastner, Schicksalsmomente der Schachgeschichte, Humboldt-Verlag 2014, S. 33). Eine solche Sequenz erscheint durch „1. e4 e5 2. Lc4 Lc5“ griffiger, was heute zwar unmittelbar einleuchtend ist, aber es brauchte auch jemanden, um das Rad zu erfinden.

    Gleichzeitig mit der Einführung der algebraischen Notation in die Schachwelt kam Stamma mit seinem Werk das Verdienst zu, das Problemwesen im neuzeitlichen europäischen Schach belebt zu haben. Herzstück seines Werkes waren nicht weniger als 100 Aufgaben, meistens von Endspielstellungen, bei denen der Leser die Lösung selbst herausfinden mußte. Auch dies erscheint uns heute selbstverständlich, wo wir auf dem Büchermarkt zwischen den unterschiedlichsten „Taktikbüchern“ die Qual der Wahl haben, aber auch hier muß darauf hingewiesen werden, daß es etwas derartiges im europäischen Schach noch gar nicht gab. Man kann sicherlich darüber spekulieren, inwieweit die von Joachim Petzold so oft herausgestrichene Krise in Europa, der Dreißigjährige Krieg und der damit verbundene kulturelle Niedergang dafür verantwortlich waren, daß sich auch das Schach nur langsam wieder erholte. Es scheint allerdings kein Zufall gewesen zu sein, daß der Wiederbeleber des Problemwesens und der Schachaufgaben in Europa, die nach dem stürmischen Anfangsjahrhundert des modernen Schachs so lange vergessen waren, ein Araber gewesen war, der in seinem eigenen Kulturkreis auf eine gehegte und gepflegte Mansubenkultur zugreifen konnte. Diesen Zusammenhang sieht auch Petzold, der erläutert:

    Stamma wußte aus den ihm bekannten arabischen Schachhandschriften Kapital zu schlagen. 1737 gab er, in ärmlichen Verhältnissen lebend, in Paris eine Sammlung von Endspielen heraus, deren didaktischer Wert von ihm bekannt wurde. [...] Bei genauerem Hinsehen entpuppten sich seine Endspiele als umgearbeitete und modernisierte arabische Mansuben. Trotzdem - oder genau gerade deshalb - nimmt er einen wichtigen Platz in der Schachgeschichte ein. Er wirkte als Vermittler zwischen dem arabischen und dem sich gerade erst entfaltenden neuzeitlichen, ausgeprägt europäischen, auf den neuen Zugregeln basierenden Problemwesen. Stamma hat nicht nur die drei genannten Modenaer Schachmeister, sondern auch den englischen Schachschriftsteller Joseph Bertin inspiriert, sich dem Endspiel zuzuwenden, und darüber hinaus selbständige Kompositionsversuche angeregt. Moses Hirschel bewies ein gutes Gespür für das Zeitbedürfnis der Schachspieler, wenn er seinem Buch „Das Schach des Herrn Gioacchino Greco Calabrois“ ein Kapitel über die „Schachspiel-Geheimnisse des Arabers Philipp Stamma“ hinzufügte.
    Joachim Petzold, Schach - Eine Kulturgeschichte, Edition Leipzig 1986, S. 193f.

    Schachkompositionen bzw. Schachstudien gelten heute als höchster Ausdruck schachlichen Kunstverständnisses, welche dem Spieler die in dem Spiel verborgenen Schönheiten offenlegen, und deren versteckten Pointen für Verblüffung und Erstaunen sorgen. Genauso wie das praktische Schachspiel heute unter Wettbewerbsbedingungen stattfindet, so gibt es auch für Schachkomponisten Studienwettkämpfe, in denen die ersten Preise ausgelobt werden. Doch Schachaufgaben, ob Studien oder nicht, besitzen auch einen didaktischen Wert, manche gehen sogar so weit zu behaupten, wer das Schach erlernen möchte, der komme erst einmal am weitesten, indem er sich ausschließlich auf das Lösen von Schachaufgaben konzentriert. Diesen didaktischen Wert hat Stamma bereits erkannt und in seinem „Essai über das Schachspiel“ hervorgehoben. Er erläutert seinen Lesern ausführlich, und das in Übereinstimmung mit der heutigen schachdidaktischen Mustererkennungslehre (Clusters, Chunks), wie sie selbst in ihrem praktischen Spiel durch seine Übungen profitieren können:

    Aus diesen Gründen und auf Zureden verschiedener meiner Freunde, die auch gute Schachspieler sind, gebe ich diese hundert Spiele ans Licht, die man als eben so viele Geheimnisse der Schachspielkunst ansehen kann. Außerdem, daß sie neu und schön sind, wird der ungeübte Spieler nicht nur durch seine Züge ausrechnen lernen (denn das ist´s, worin die größte Kunst und Schwierigkeit steckt), sondern er wird auch zu der Einsicht gelangen, wie er sich aus dem schwersten Spiele wickeln könne. Ich will sagen, er wird nach einer richtigen und klugen Berechnung etliche Steine, sogar die Dame selbst, so geschickt aufopfern lernen, daß er dadurch das schon verloren geachtete Spiel gewinnt; er wird, einmal mit der Schönheit solcher geheimnisvollen Züge bekannt, auch dreist und geschickt werden, es mit den stärksten Spielern aufzunehmen.
    Dabei bilde man sich nicht ein, daß diese hundert Spiele nur in seltenen Fällen dienen könnten! Nein, ich habe in den gewöhnlichsten Spielen ähnliche Stellungen und Beschaffenheit wahrgenommen; zudem sind es auch nur Ausgänge von einigen Spielen, welche mir am meisten zu schaffen gemacht hatten; sogar sind einige darunter, die ich für verloren hielt, die ich aber zu Papier brachte, um bei guter Muße besser nachzusinnen, und doch endlich den Weg, sie zu gewinnen, herausfand.
    Kommen nun dergleichen, aber doch tägliche Spiele täglich vor, so wird man, meiner Unterweisung folgend, gewiß wundersame Wirkungen wahrnehmen. Man wird dadurch im Nachsinnen und Ausrechnen viel stärker, den Ausgang eines Spiels gar leicht beurtheilen, dergestalt, daß, wenn zwei Spieler gleicher Geschicklichkeit auf einige Züge gekommen sind, sie gleich über den Erfolg Bescheid wissen, indem sie nur nachrechnen; ob es möglich sei, das Spiel zu Ende zu bringen oder nicht. Ist es unmöglich, so hören sie gleich auf; ist es möglich, so werden sie es auch sogleich gewonnen haben, wogegen der, welcher nicht vorausrechnet, lange Zeit gebraucht haben würde, aber auch einer oder der andere einen solchen Zug gethan hätte, durch welchen nun diese Art und Weise des Spiels unbrauchbar gewesen wäre.
    Die Schachgeheimnisse des Arabers Philipp Stamma und die der Meister gab von einem Schachfreunde, Berlin 1840, Verlag von Ferdinand Dümmler, S. 13-15

    Wie nötig die Schachwelt frischen Wind durch schachliche Neupublikationen nötig hatte, beschrieb Antonius van der Linde, der die Malaise des schachlichen Niedergangs durch den Dreißigjährigen Krieg damit unterstreicht, daß Grecos Werk von 1636 „länger als ein Jahrhundert als alleiniger Leitfaden für Schachspieler geherrscht [habe] und erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts von Philidor´s Lehrbuch (1749 und 1777) verdrängt“ worden sei (Dr. Antonius van der Linde, Das Schachspiel des XVI. Jahrhunderts, Verlag von Julius Springer, Berlin 1874, S. 113). Auch Philipp Stamma gehörte zu den Lesern des erwähnten Werkes von Greco, aber auch zu seinen Kritikern. So wie Ruy Lopez u. a. durch seine Kritik an dem Vorgängerwerk von Damiano zu seinem eigenen Werk motiviert wurde, so war dies bei Stamma seine Kritik an dem Werk von Greco. Gleich in seiner Vorrede (s. o.) schreibt er:

    Was des Calabrois sein Buch vom Schachspiel betrifft, so glaube ich, die Kenner des Spiels mögen mir zugestehen, daß es sehr verschieden von dem meinigen sei, indem alle Spiele desselben nur auf die Art, wie er sie vorträgt, verfochten werden müssen. Spielt man anders, so wird der verlieren, welchen Calabrois will gewinnen lassen, statt daß in den Beispielen, welche ich gebe, der, welcher nach meiner Absicht gewinnen soll, auch unfehlbar gewinnen wird, der Gegenspieler möge auch machen, was er nur wolle.
    Damit ich von dem Gambit des Calabrois [gemeint ist das Königsgambit - Kiffing] auch etwas sage, so halte ich solche Spiele für unnützlich und ohne Grund. Auch wird niemand so wie er spielen, wenn er anders nicht verlieren will, oder nur gegen einen Neuling spielt.
    Die Tatsache, daß Philipp Stamma, der zusätzlich zu seinen 100 Aufgaben in späteren Ausgaben 74 Spielanfänge veröffentlichte, wobei er möglicherweise von David Gentils 1698 in Lausanne erschienenem Schachbuch „Traitté du leu royal des echecs“ profitierte, dem nach Linde „ersten Versuch einer systemathischen Eintheilung der Spieleröffnungen“ (Linde, S. 146) [Linde kommentiert gewohnt bissig: „Allein es gibt in dieser Welt des Relativen nun einmal nichts Absolutes. Auch die Finsternis eines „Mittelalters“ ist nie ganz ohne Lichtpunkte“ (ebd)], in der Schachgeschichte im Schatten von Philidor steht, hängt natürlich stark mit dem Ausgang des berühmten Zweikampfes der beiden Schachmeister in London 1747 zusammen. In Slaughter´s Coffee House, dem Londoner Pendant zum Café de la Régence und Wirkungsstätte Stammas in seiner Londoner Zeit, schlug der 21jährige Philidor den Syrer mit +8,=1,-1, wobei Philidor seinem Gegner die Privilegien einräumte, die Partie stets beginnen zu dürfen, und daß Remis ausgegangene Partien für Stamma als gewonnen gewertet werden. Aus diesem Grund lautet das offizielle Endergebnis nicht korrekt 8,5:1,5, sondern 8:2. Obwohl es sich bei dem alles dominierenden Philidor bei seinen Vorgaben diesmal nicht um Materialvorgaben gehandelt hatte, die sein auch theoretisch interessierter Gegner nicht mochte, liegen die Matchpartien von London 1747 leider nicht mehr vor. Auch ohne Materialvorgaben war das Ergebnis zu deutlich, so daß Philidors Werk, der damit als erster Schachspieler eine an wissenschaftlichen Prinzipien orientierte Positionslehre in die Schachwelt einführte, das Werk Stammas an Popularität übertraf. Doch schneidet im Vergleich gegen das Genie Philidors jeder Zeitgenosse schlecht ab.

    Die Auseinandersetzung mit der Frage, wie stark Philidor von dem 21 Jahre älteren Stamma profitiert gehabt habe, führt zu widersprüchlichen Ergebnissen. Nach Ehn und Kastner habe Stammas „positionell-strategischer Zugang, so zum Beispiel, dass man die Figuren unter dem Schutz der Bauern entwickeln solle“ Philidor und dessen Bauernlehre stark beeinflußt (Ehn, Kastner, S. 33). Die beiden Autoren beziehen sich mit ihrer Einschätzung vermutlich auf den Buchteil, in dem Stamma, der, wie wir weiter oben bereits in seiner Vorrede zu seinem Buch erfahren haben, keine Gambits mochte, allgemeine, nützliche Prinzipien für das Schachspiel aufgestellt hatte. Und in der Tat rät Stamma zu einer Art von Bauernführung, die dem System Philidors schon nahe kam: „Die sicherste und klügste Spielart ist, seine Bauern zuerst ins Feld zu stellen, ausgenommen zwei bis drei, die dem Könige als Leibwache bleiben. Dann kann man mit den Hauptsteinen so anrücken, daß immer einer den anderen beispringt und wird sehen, wo der Angriff zu machen ist.“ (Schachfreund aus Berlin 1840, S. 122). Diese Sequenz, die bei Philidor ihre Wirkung hinterlassen haben könnte, entschädigt durchaus für den Rest an Prinzipien, an denen Kritiker eine gewisse Plattheit bemängelt haben und die mit der späteren Systematik Philidors natürlich nicht konkurrieren konnten. So haben nach Stammas Tod mehrere Herausgeber von Neuauflagen von Stammas Werk die Prinzipien des Syrers gleich weggelassen. Auch „W. G. - Ein Österreicher“, wie sich der Autor einer 1806 in Wien erschienenen Neuauflage nennt, greift zu diesem Mittel und begründet diesen Schritt wie folgt:

    Stamma hat zum Schlusse einige sogenannte Regeln gegeben, wie sich ein Spieler, um gut zu spielen, zu verhalten habe. Ich habe nicht gefunden, daß diese Regeln des Anpreisens werth seien. Obgleich größtentheils ihre Richtigkeit nicht bestritten werden kann, so sind sie doch von solcher Art, daß auch ein höchst mittelmäßiger Spieler sie gleich gut geben könnte, wenn es ihm einfiele, Schach-Maximen aufzusetzen.
    Des Arabers Philipp Stamma Schachspiel-Geheimnisse. Das ist dessen hundert Spiel-Endungen. Neu herausgegeben und mit Anmerkungen, Verbesserungen, und Zusätzen zum Unterricht für minder geübte Schachspieler versehen, Wien 1806, S.9

    Dessen ungeachtet handelt es sich bei Stammas Werk um ein, vergleichen wir die Erwartungshaltung an ein Schachbuch mit der Entstehungszeit von 1737, verblüffend gutes und modernes Schachbuch. Bei alldem, was wir nun wissen, dürfte es das, um einen modernen Begriff zu verwenden, bis dato beste Taktikbuch in Europa aller Zeiten gewesen sein, doch hat sein Werk universalen Anspruch. Man merkt dem Autoren seine umfassende Bildung und seine Sprachfertigkeit an. Es bietet nach Stammas Erweiterung um 74 Eröffnungsabspiele von 1745 tiefere Einblicke sowohl in Eröffnungslehre, Mittelspiel als auch Endspiel und Taktik; es ist vergnüglich zu lesen, beim Studium wird man von einem kundigen und humorvollen Erzähler begleitet; und mit zwei Schachlegenden aus seinem Kulturkreis wird der Autor tatsächlich zu einem Verbinder von Morgenland und Abendland, der in seiner Vorrede dem Leser zudem ernsthafte Einblicke darin gibt, wie die Araber das Schachspiel behandeln (sie spielen nach Stamma gern, seien besser als die Europäer und würden sich im Gegensatz zu den Europäern während ihrer Partien gern beraten und unterstützen lassen).

    In der Tat war die Zeit ein knappes Jahrhundert nach den Niederwerfungen durch den Dreißigjährigen Krieg eine schachliche Blütezeit, in der, diesmal unter breiterer Beteiligung der Bevölkerung, an die schachliche Entdeckerzeit unter Lucena, Lopez, Polerio, Boi, Cutri und Greco erfolgreich angeknüpft werden konnte. Das Café de la Régence in Paris sowie das Slaughter´s Coffee House in London boten den ambitionierten Schachspielern einen fruchtbaren Austausch und Konkurrenzkampf untereinander, und es ist interessant, daß auch ein Stamma von dieser fruchtbaren Atmosphäre inspiriert wurde, was u. a. durch seine Bekanntschaft mit Captain Joseph Bertin möglich wurde, der nur zwei Jahre vor dem Publikationserfolg Stammas mit „The Noble Game of Chess“ diesem ein Paradigma schachliterarischer Tätigkeiten bot, und von dem sich Stamma bei dessen allgemeinen Regeln einiges abgeguckt haben könnte. Immerhin „19 allgemeine Regeln geben Anweisung wie zu spielen sei“ (Praktische Anweisung zum Schachspiel, Dr. Kurt G. Köhler, Neu-Jung Verlag 2006, S. 148). Auch der schachliche Grundkonflikt zwischen Philidor und den Modenesen Giambattista Lolli, Ercole del Rio und Domenico Lorenzo Ponziani, die sich übrigens wiederum durch Stamma dazu inspirieren ließen, eigene Schachaufgaben zu komponieren, spielt in dieser Zeit und bot das erste Beispiel, wie stark im Mikrokosmos des Schachbretts gedankliche Strömungen im Ringen um die Suche nach Aufklärung und Wahrheit miteinander konkurrieren können. 1755 starb Philipp Stamma im Alter von 50 Jahren in London. Nur ein Jahr später brach der Siebenjährige Krieg aus, dessen Ergebnis die Zeit der Pentarchie in Europa markieren sollte. Gleichzeitig war dieser Krieg Vorbote der Französischen Revolution.

    Zum Schluß, wie könnte es anders sein, ein paar Aufgaben von Stamma aus dieser Zeit, die zum Mitmachen einladen:





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  2. #2
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    AW: Zweifacher Wegbereiter - Zum Wirken Stammas in der Schachgeschichte

    Vielen Dank für diesen interessanten Artikel, Kiffing! In die Atmosphäre des Café de la Régence wäre ich auch gerne einmal eingetaucht, das muß bestimmt ein Erlebnis gewesen sein. Den Namen Philipp Stamma kannte ich bisher noch gar nicht - angesichts seines Wirkens eine schachliche Bildungslücke, die der Artikel nun schließt. Danke dafür!
    Erstaunlich finde ich, dass Stamma trotz der geschilderten "Taktik-Affinität" eine solche Abneigung gegenüber Gambits entwickelt hat - führen nicht gerade Gambitspiele häufig zu taktischen Abspielen, ich denke da zB an das Königsgambit?

    Zu Aufgabe 1




    Weiß gewinnt nach 1.Th5, weil:
    - Auf einen Königszug wird einfach der schwarze Turm geschlagen.
    - Auf 1...Txh5 folgt 2.Ta6+ und 3.Ta5+ mit Turmgewinn (Txh5)
    - Andere schwarze Turmzüge verlieren ebenfalls, zB Th1 Ta6# oder Tc4 Ta6+ Tc6 Th6+ usw


  3. #3
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    AW: Zweifacher Wegbereiter - Zum Wirken Stammas in der Schachgeschichte

    Schön, daß Dir der Artikel gefällt. Wegen der Taktikaffinität von Stamma verstehe ich natürlich Deine Argumentation. Ich könnte mir aber vorstellen, daß Stamma solche taktischen Methoden subtiler erzeugen wollte. Gesundes Positionsspiel ist ja oft die Bedingung, daß sich taktische Möglichkeiten überhaupt erst bieten können. Stamma bevorzugte deswegen das Damengambit, was ja nur ein Scheingambit ist, das in dieser Zeit deswegen nach Stammas Geburtsort teilweise "Gambit von Aleppo" genannt wurde. Ich persönlich mag das Damengambit aber nicht, es mag gesund sein, ist aber nicht druckvoll. Deine Lösung ist richtig.
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  4. #4
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    AW: Zweifacher Wegbereiter - Zum Wirken Stammas in der Schachgeschichte

    Dem Lob über Kiffings Essay möchte ich mich anschließen.

    Die Aufgaben zwei und drei (sehr schwer, aber nicht zu schwer) harren noch einer Lösung. Die 300 Jahre sind ihnen nicht anzumerken, so modern muten alle drei Aufgaben noch heute an. Ästhetisch wunderschön.

    Aufgabe 2:

    1. Th4 Dh4: 2. Dg8+ Kg8: (2...Tg8: 3. Sf7#) 3. Se7+ Kh8 4. Sf7+ Tf7: 5. Tc8+ Tf8 6. Tf8:#




    Aufgabe 3:

    1. g6+ Kh8 2. Lc3+ Thc3: (2...Tcc3: 3. Td8#) 3. g7+ Kh7 4. Sf8+ Tf8: 5. gf8:=S+ Kh8 6. Th6: #



    Danke auch für das außergewöhnliche Bild, das ich mir kopiert habe. Mein erster Instinkt war, zum Kühlschrank zu laufen, eine halbe Leberwurst abzuschneiden, noch eine Schale mit Wasser zu füllen und beides in das Bild zu stellen, damit die Katze was zu Fressen bekommt. Aber selbst wenn das funktionieren würde, wäre nur eine erste Hilfe geleistet.

    Dann habe ich das Bild so nah wie möglich herangezoomt, um die Mimik, die Augen dieser Katze erkennen zu können. So still und weise, wie die Katze dasitzt, kommt nicht nur ihre Fassungslosigkeit zum Ausdruck. Mit dem Schrecken davon gekommen? Nein, das ist es nicht. Mit dem Leben davon gekommen? Mag sein. Es ist etwas anderes: Das Unnatürliche in der Mimik, die Spuren von Angst eines nicht bewältigten Schreckens in den Augen. Die Apathie, die Lähmung, die in diesen Katzenkörper gefahren ist. Ein Trauma, das das ganze Wesen dieser Katze durchdrungen hat. Da ist etwas passiert, das nicht hätte passieren dürfen...

    Das blanke Entsetzen, das dem menschenleeren, verwüsteten Straßenbild eingeschrieben, eingebrannt ist. Und das sich in dem einzig sichtbaren Lebewesen, dieser Katze, versinnbildlicht und manifestiert hat: Äußerlich unversehrt, ist die innere Verwüstung, Zerstörung nur zu ahnen.

    Der Rest ist in den nicht abreisenden Schreckensnachrichten zu hören: Heute (gestern) hat die UNO aus Sicherheitsgründen die meisten ihrer Mitarbeiter aus dem Westteil der Stadt abgezogen. Im Ostteil der Stadt sind seit Juni keinerlei Hilfsgüter zu den 270000 Menschen gelangt. Wohnviertel werden wahllos beschossen.

    Und treffender wie eingangs des Essays läßt sich das Ausmaß der Katastrophe nicht formulieren: “Aleppo ist heute ein Schlachtfeld und Sinnbild einer durch den Krieg bedingten Apokalypse. Es ist, als hätten sich die zehn biblischen Plagen heute dieses Ortes bemächtigt, und wer dort nicht festsitzt, der rette sich, solange er noch kann. Tod, Hunger, Verwüstung, Seuchen und Krieg haben diesen Ort heute unbewohnbar gemacht, und damals wie heute ist es die Zivilbevölkerung, die in Geiselhaft genommen wird.“

  5. #5
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    AW: Zweifacher Wegbereiter - Zum Wirken Stammas in der Schachgeschichte

    Danke für die interessante Interpretation. Aus der Biographie von einem der größten Söhne der Stadt wird klar ersichtlich, daß Aleppo einmal bessere Zeiten hatte. Historiker sprechen bereits von einem Dreißigjährigen Krieg Arabiens, der bereits im vollen Gang sei. Ansonsten sind auch Deine Lösungen richtig. Ich denke auch, daß Stammas Buch nicht nur schachhistorisch interessant ist, sondern, was die 100 Aufgaben anbelangt, sich auch qualitativ in einer Reihe moderner Taktikbücher gut sehen ließe. Man merkt seinen Aufgaben an, daß hier ein Künstler am Werk war.
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