Besondere Schachspieler hat es in der Schachwelt immer gegeben. Zuweilen mischten indische Sklaven, Naturtalente, die praktisch aus dem Nichts kamen, und sogar Kinder die Schachwelt auf und erschütterten die schachliche Ordnung. Manche Schachweltmeister waren besessen, hingen politischen Wahnvorstellungen an oder glaubten an eine gegen sie gerichtete Verschwörung, die durch Strahlen, Hypnose und Spionage ihren Gegenspieler an seinen Platz bringen sollte. Ein verurteilter Mörder aus den USA gehörte auch zu den Eliten des Schachs. 1996 war er mit einer Elo von 2702 Super-GM und nominell hinter dem aus der UdSSR ausgewanderten Gata Kamsky spielstärkster US-Amerikaner. Wie kam es dazu?

Nomen est omen, die Rede ist von Claude Frizzel Bloodgood, deutscher Herkunft und geboren als Klaus Frizzel Bluttgutt III, der später behaupten sollte, als Widerstandskämpfer nach Nazideutschland gesandt worden zu sein. Über sein Geburtsjahr ranken sich Legenden, Bloodgood legte Wert darauf, älter zu erscheinen, als er war. Bereits mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten und dafür Bekanntschaft mit verschiedenen Haftanstalten gemacht, erdrosselte er 1969 seine Stiefmutter, die ihn offenbar wegen gefälschter Schecks zur Rede stellte. Dafür wurde er 1970 im US-Bundesstaat Virginia zum Tode verurteilt. Im Todestrakt überstand er sechs Hinrichtungstermine und vertrieb sich die Zeit mit rund 2000 Partien gegen Mithäftlinge, wo seine Begabung und sein besonderes Talent zum Vorschein kamen. Ob er aufgrund seiner Schachkunst begnadigt wurde, ist nicht überliefert. Unwahrscheinlich ist es jedoch nicht, so wurde auch Alexander Aljechin in seinen Jahren nach dem zur Oktoberrevolution deklarierten Putsch nur aufgrund seiner Schachkunst begnadigt, der so seinem aufgrund seiner adeligen Herkunft vorbestimmten Tode entging. Später durfte er sogar unter Bewachung an Schachturnieren teilnehmen, zumindest, bis er eine solche Gelegenheit 1974 zur Flucht nutzte und wenigstens für mehrere Wochen die Freiheit genießen konnte. Nach seiner Festnahme mußte er sich dann schachlich wieder zumeist mit Partien gegen Mithäftlinge begnügen, er spielte auch danach tausende von Partien, manchmal allerdings auch per Post und später Mail gegen starke Schachspieler in Freiheit. Durch diese Partien, meistens in dem geschlossenen System des US-amerikanischen Strafvollzugssystems, erspielte er sich seine außergewöhnlich hohe Elozahl, denn er reichte seine Partien erfolgreich bei der United States Chess Federation (USCF) zur Auswertung ein.



Seine Gewinnquote von nahezu 100 Prozent trug maßgeblich zu seiner exorbitant hohen Wertung bei. Kritiker sprechen dabei von einer Verzerrung des Wertungssystems, der auf eine Schwäche des von Arpad Elo entwickelten Wertungssystems aufmerksam mache: mangelnde Validität durch „weitgehend isolierte Untergemeinschaften“. Dieses Phänomen ist heute längst bekannt mit Blick auf die Wertungszahlen von Schachtalenten aus Entwicklungsländern, aber auch mit Blick auf schachspielende Mädchen, die sich vorzugsweise untereinander messen. Jeder weiß, daß es viele derer in den wenigsten Regionen gibt. Übrigens wurden auch gezielte Manipulationsvorwürfe gegen Bloodgood laut, die der Schachspieler allerdings abstritt und die nie bewiesen werden konnten.

Claude Bloodgood versuchte mehrmals, seinen schachlichen Horizont aus der Enge seines Gefängnisses hinauszutragen. Sein unerbittlicher und kompromißloser Kampfstil paßte mit ein wenig Phantasie zu seinem Charakter, er spielte unorthodoxe scharfe Eröffnungen „vom ersten Zug auf Matt“ und bedrängte mit allen Mitteln den gegnerischen König in allen Partiephasen. Sein Stil kann als wildromantisch aufgefaßt werden. Besonders Grobs Angriff (1. g4) hatte es ihm angetan. Er veröffentlichte 1976 das Schachbuch „The tactical Grob“; 1997 und 1998 folgten mit „Nimzovich Attack: The Norfolk Gambits: 1. Sf3 d5 2. b3 c5 3. e4 or 1. Sf3 d5 2. b3 Sf6 3. Lb2 c5 4. e4“ und „Blackburne-Hartlaub Gambit: 1. d4 e5 2. dxe5 d6!?“ weitere Theoriebücher. Für sein letztes Werk gewann er die Zusammenarbeit mit Donald K. Wedding. Nicht verwunderlich ist, daß ihn auch das Blackmar-Diemer-Gambit interessierte, das er um ein von ihm selbst als „Malteser Falkenangriff“ bezeichnetes Abspiel erweiterte.

Die Quelle, der starke Schachspieler Tim Sawyer, der gegen Bloodgood in einem Korrespondenz-Match antrat und dessen Höflichkeit und aufrichtiges Schachinteresse würdigte, berichtet von den Ausarbeitungen von Claude Bloodgood:

Bloodgood called this opening the "Maltese Falcon Attack," a cousin of the BDG:
Humphrey Bogart-Claude Bloodgood, Santa Monica 1955
1.d4 f5 2.Nf3 e6 3.e4 fxe4 4.Ng5 d5 5.f3 exf3 6.Qxf3 Nf6 7.Bd3 g6 8.Nxh7 Rxh7 9.Bxg6+ Rf7 10.0-0 Bg7 11.Bg5 Nbd7 (11...Kf8 12.Bxf7 Kxf7 13.Qh5+ Kg8 14.Bxf6 Bxf6 15.Qg6+ Bg7 16.Rf7 1-0. Claude Bloodgood - Robert Lowmaster, Camp McGill, Japan 1956) 12.Nc3 Kf8 13.Bxf7 Kxf7 14.Rae1 c5 15.Nxd5 exd5 16.Qxd5+ Kg6 (16... Kf8 17.Qd6+ Kg8 18.Re7 Ne8 19.Qe6+ Kh8 20.Rxg7 1-0. Humphrey Bogart - NN, Santa Monica 1955) 17.Bxf6 Bxf6 18.Re6 Qh8 19.Qf5+ Kf7 20.d5 Qh4 21.c3 Qg5 22.Qh7+ Qg7 23.R1xf6+ Nxf6 24.Re7+ Kxe7 25.Qxg7+ Kd6 26.Qxf6+ Kxd5 27.Qd8+ 1-0.
In seinen letzten Lebensjahren durfte er an der 15. US-Fernschachmeisterschaft teilnehmen, die er allerdings nicht zu Ende spielen konnte. Denn am 4. August 2001 verstarb er in der Strafanstalt Powhattan Correctional Center an Lungenkrebs. Er war Kettenraucher. Seine Vita zeigt, daß es im Schach offenbar auch möglich ist, im Gefängnis und sogar im Todestrakt eine großartige Karriere hinzulegen.


[Event "Norfolk USO Inv."]
[Site "Norfolk USO Inv."]
[Date "1961.??.??"]
[EventDate "?"]
[Round "?"]
[Result "1-0"]
[White "Claude Frizzel Bloodgood"]
[Black "B Evans"]
[ECO "A00"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "41"]

1. g4 d5 2. Bg2 c6 3. g5 e5 4. h4 Bd6 5. d3 Be6 6. e4 Ne7
7. Nd2 O-O $5 8. Bh3 Bxh3 9. Nxh3 f5 $5 (9... Nd7) 10. gxf6
Rxf6 11. exd5 Nxd5 $2 (11... cxd5 $1) 12. Ne4 Rf7 13. Bg5 Be7
14. Qg4 Qa5+ 15. c3 Bxg5 16. Nhxg5 Rf8 17. Qe6+ Kh8 18. Nf7+
Kg8 (18... Rxf7 19. Qe8+ Rf8 20. Qxf8#) 19. Nh6+ Kh8 20. Qg8+
Rxg8 21. Nf7# 1-0

[Event "?"]
[Site "?"]
[Date "1972.??.??"]
[EventDate "?"]
[Round "?"]
[Result "1-0"]
[White "Claude Frizzel Bloodgood"]
[Black "J Boothe"]
[ECO "A00"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "19"]

1.g4 d5 2.Bg2 Bxg4 3.c4 c6 4.Qb3 Qc7 5.cxd5 cxd5 6.Nc3 d4
7.Nb5 Qb6 8.Bxb7 Qxb7 9.Nd6+ exd6 10.Qxb7 1-0

[Event "Norfolk, VA"]
[Site "Norfolk, VA"]
[Date "1959.??.??"]
[EventDate "?"]
[Round "?"]
[Result "0-1"]
[White "Pavel Sternberg"]
[Black "Claude Frizzel Bloodgood"]
[ECO "C82"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "42"]

1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bb5 a6 4. Ba4 Nf6 5. O-O Nxe4 6. d4 b5
7. Bb3 d5 8. dxe5 Be6 9. c3 Bc5 10. Nbd2 O-O 11. Bc2 Nxf2
12. Rxf2 f6 13. exf6 Qxf6 14. Qf1 Ne5 15. Nd4 Qh4 16. N2f3
Nxf3+ 17. Nxf3 Rxf3 18. gxf3 Re8 19. Qe2 Bd7 20. Qd2 Bxf2+
21. Qxf2 Re1+ 0-1

[Event "Norfolk, VA"]
[Site "Norfolk, VA"]
[Date "1973.??.??"]
[EventDate "?"]
[Round "?"]
[Result "1-0"]
[White "Claude Frizzel Bloodgood"]
[Black "M Brenneman"]
[ECO "A00"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "21"]

1. g4 d5 2. Bg2 e5 3. c4 c6 4. cxd5 cxd5 5. Qb3 Ne7 6. Nc3 d4
7. Nd5 Be6 8. Qb5+ Nbc6 9. Nxe7 Qxe7 10. Bxc6+ bxc6 11. Qxc6+
1-0