Für die Besucher des Wiener Schach-Clubs muß die Begegnung mit dem erst 5jährigen Szmul Rzeszewski mitten im Ersten Weltkrieg etwa so beeindruckend gewesen sein wie für die Augenzeugen des 1769 von Kempelen erschaffenen Schachtürkens, die ihn bei dessen Siegen beiwohnen konnten. Und sie war für sie genauso rätselhaft. Der Wiener Schach-Club war dabei nicht irgendein Schachclub, sondern eine der feinsten und besten Adressen für Schachspieler überhaupt. Nachdem sich in den letzten Jahrzehnten das Schachleben von den Kaffeehäusern zunehmend in die modernen Schachclubs verlagert hatte, hatte der Wiener Schachclub in seinen Hochzeiten bis zu 600 Mitglieder angezogen. Nach der Fusion der beiden Wiener Großvereine Wiener Schachgesellschaft und Neuer Wiener Schachklub 1897 zum Wiener Schach-Club waren die stärksten österreichischen Meister in ihm vereint; bekannte Mitglieder waren Georg Marco und Carl Schlechter; der Wiener Schach-Club war Co-Ausrichter der Schach-WM 1910 zwischen Emanuel Lasker und Carl Schlechter; der Wiener Schach-Club war die Heimstätte der einflußreichen Wiener Schachzeitung; und die Wiener Schachschule, eine an den Ideen der Klassik ausgerichtete und theoretisch ausgearbeitete betont solide Spielweise, wurde maßgeblich von Vertretern des Wiener Schach-Clubs geprägt. Der 5jährige hat sie alle der Reihe nach düpiert:

Der Knabe legte ohne Mühe recht starke Spieler des Klubs, einen nach dem anderen, um, war selbstverständlich ein wenig vorlaut, aber doch recht einnehmend. Es war ein Vergnügen, seinem Spiel zuzusehen, es war auch ein Vergnügen, seine die Züge begleitenden drolligen Glossen anzuhören. Die Klubmitglieder waren entzückt, wenigstens in den ersten Tagen des unerwarteten Besuches aus dem vom Krieg überzogenen Osten, allmählich aber fing ihnen das Wüten des winzigen Schachmeisters an unheimlich zu werden.
Man holte nun von überall her die stärksten Schachliebhaber Wiens heran: Sie wurden, so wie sie eintrafen und sich zum Kampf stellten, umgelegt. Man versuchte verwegene Mutmaßungen aufzustellen, verborgene Kunstgriffe zu wittern. Inzwischen ging aber das Gemetzel unbeirrbar weiter seinen Weg. Auch die schon sehr bekannten starken Spieler Wiens erlagen den Schlägen des Kindes.
Milan Vidmar, Goldene Schachzeiten, Gruyter & Co, Berlin 1961, S. 122

Milan Vidmar sollte es dann auch sein, der, wenn man so will, die „Ehre“ des Wiener Schach-Clubs wiederherstellte. Der nach der Niederlage des späteren Präsidenten des Österreichischen Schachverbandes Siegfried Reginald Wolf (nach Vidmar gab es mit Heinrich Wolf, dem reißenden Wolf, Siegfried Reginald Wolf, dem reisenden Wolf, und Siegfried August Wolf, dem reizenden Wolf zu der Zeit in Wien drei „Schachwölfe“ [ebd. f.]) herbeigerufene Vidmar konnte nach einer scharfen Auseinandersetzung unter Tränen seines jungen Gegners dem Spuk schließlich ein Ende machen. Andererseits, endete der „Spuk“ des Schachtürken nach dessen Niederlage gegen Philidor? Wohl eher nicht.

Der am 21. November 1911 in dem polnischen Dorf Ozorków nahe Lodz geborene Samuel Reshevsky, wie sein für Nichtpolen unaussprechlicher Name später vereinfacht wurde, war ein Phänomen, und unzählige Schachspieler haben sich wie einst bei dem Schachtürken den Kopf darüber zerbrochen, wie er das macht. Nach Harold C. Schonberg war Reshevsky „der bemerkenswerteste Kinderstar der Schachgeschichte“, der es „im Kampf der Schach-Babies“ „mit Leichtigkeit mit dem jungen Morphy oder Capablanca [hätte] aufnehmen können“ (Harold C. Schonberg, die Großmeister des Schach, Fischer-Verlag 1974, S. 205). Bei seinen Auftritten durch ganz Europa, wo er gegen erwachsene Schachspieler Simultanveranstaltungen gab, erregte er wie eine Jahrmarktattraktion großes Auftreten und sorgte für großen Zulauf bei Schaulustigen und Medien. Reshevsky selbst hat die Aufmerksamkeit, die ihm als Kind zuteil wurde, später beschrieben:

Vier Jahre lang stand ich im Licht der Öffentlichkeit. Die Leute starrten mich an, versuchten, mich zu umarmen, stellten mir Fragen. Professoren maßen meinen Kopf und psychoanalysierten mich. Reporter interviewten mich und schrieben fantasievolle Geschichten über meine Zukunft, und andauernd waren Fotokameras auf mich gerichtet.
Garri Kasparov, Meine großen Vorkämpfer, Band 6, Edition Olms 2007, S. 12

Übrigens hatte Reshevsky selbst dieses besondere Leben gefallen, auf das er ähnlich nostalgisch zurückblickte wie Magnus Carlsen an seine Kindheit im Wohnwagen, mit dem seine Familie mit ihm zusammen von Schachturnier zu Schachturnier durch Europa tingelte:

Das war ein unnatürliches Leben für ein Kind, aber ich kann nicht ernsthaft behaupten, dass ich es nicht genossen habe. Da gab es den Nervenkitzel der Reisen mit meiner Familie von Stadt zu Stadt, die Aufregung, hunderte von Schachpartien zu spielen und die meisten davon zu gewinnen, das Wissen, dass etwas Besonderes war an meiner Art, Schach zu spielen, obwohl ich keine Ahnung hatte, warum.
Ebd.

Zu denjenigen, die sich mit ihm als Phänomen beschäftigten, gehörte auch die Berliner Psychologin Franziska Baumgarten, die mit ihm Intelligenztests durchführte. Diese Intelligenztests geben Aufschluß über die Korrelation von Schach und allgemeiner Intelligenz. Forscher sind sich heute darüber einig, daß für eine besondere schachliche Begabung eine Art spezifischer Schachintelligenz erforderlich ist, die aber bestimmte Merkmale der allgemeinen Intelligenz umfaßt. Bei der Testung des jungen Reshevskys muß erwähnt werden, daß diese nicht auf kulturunabhängigen Fragen reduziert war, so daß Reshevsky, der interessanterweise erst mit 12 Jahren in den USA eine Schule besuchte, dort aber spielerisch schnell den gewaltigen Wissensrückstand aufholte, in Aufgaben, wo etwa nach Gattungsnamen von Tieren oder arithmetischen Aufgaben gefragt wurde, schlecht abschnitt. Dafür imponierte Reshevski in den Intelligenzbereichen des räumlichen Vorstellungsvermögens und des Gedächtnisses. In Aufgaben, in denen es auf räumliches Sehen ankam, habe er Aufgaben gelöst, die auch für doppelt so alte Kinder schwierig seien sowie eine Aufgabe, die vor ihm noch kein Kind lösen konnte. In Gedächtnistests konnte er sich sogar 40 Zahlen in der richtigen Reihenfolge merken, was sogar Erwachsene nicht einmal ansatzweise zu tun vermögen (Angaben zu Reshevskys Intelligenzergebnissen aus Kasparov S. 10f.). Eben diese allgemeinen Intelligenzbereiche des räumlichen Vorstellungsvermögens und des Gedächtnisses korrelieren am stärksten mit schachlichen Fähigkeiten. So waren bzw. sind z. B. Fischer, Kasparov und Carlsen nicht nur Genies im Schach, sondern auch Genies des Gedächtnisses, und allein bei der Absolvierung von Blindsimultanwettkämpfen, was von Schachmeistern immer wieder gern gemacht wird, wird die besondere Fähigkeit des räumlichen Vorstellungsvermögens ebenso wie des visuellen Gedächtnisses deutlich.

Wegen des in Europa tobendes Krieges gelang es der Familie Reshevsky, den Kontinent zu verlassen. Die Vereinigten Staaten von Amerika sollten zu ihrem dauerhaften Domizil werden, wo der junge Reshevsky seine Auftritte fortsetzte. Die ihm zugeteilte Aufmerksamkeit war in den USA nicht geringer als in Europa. Sie war eher größer, weil die Hauptaufmerksamkeit der Europäer anders als der US-Amerikaner dem Großen Krieg galt. Zwar waren die USA bereits 1917 in diesen Krieg eingestiegen, jedoch war das Gebiet der USA, die von den europäischen Kriegsschauplätzen weit entfernt waren, nicht vom Krieg betroffen, und es schien auch von der Vorstellung her in weiter Ferne, daß dies im Laufe des Krieges jemals der Fall sein würde. Hollywood und die boomende Filmindustrie nahmen sich seiner an, Reshevsky konnte sich mit Charlie Chaplin treffen und gegen ihn spielen. Wie dies schon Schonberg mit Paul Morphy getan hatte, verglich Garri Kasparov Reshevskys Beitrag zur Popularisierung des Schachsports in den USA mit dem Beitrag Robert Fischers rund ein halbes Jahrhundert später:

Das große Interesse, das Fischers Siege in den 60er und 70er Jahren in den USA erregt haben, ist häufig beschrieben worden, aber man sollte nicht vergessen, dass Reshevsky in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vielleicht ebensoviel dazu beigetragen hat, das Spiel in der Neuen Welt zu verbreiten. Laut Aussage seiner Zeitgenossen sind dank des öffentlichen Interesses an den einzigartigen Fähigkeiten des zehnjährigen Sammy viele Vereine gegründet worden und andere, die bis dahin ein Mauerblümchendasein fristeten, haben einen neuen Aufschwung genommen.
Ebd. S. 12

Die Erfolgsserie, die Reshevskys Schachleben in den USA nahm, kulminierte in dem Sieg des 10jährigen gegen den bekannten Schachmeister und ehemaligen Herausforderer von Emanuel Lasker, David Janowski, gleich bei seinem ersten Meisterturnier in New York City 1922. Es war allerdings gleichzeitig sein vorläufig letztes großes Turnier. Noch viel früher als Paul Morphy verschwand der Junge von der Bildfläche der Schachöffentlichkeit, die Leute vermißten ihn, viele fragten sich in einer Zeit, in der es noch kein Internet gab, was aus ihm geworden war, und irgendwann wurde er vergessen. Wie kam es dazu?

Nach Garri Kasparov war der „Handelsmagnat und Philantrop“ Julius Rosenwald für diesen Wendepunkt in Reshevskis Leben verantwortlich, der die Familie während einer der typischen Simultanveranstaltungen des Sohnes zu sich eingeladen habe:

Der Hausherr, begeistert von dem Talent des Jungen, sagte ihm jede nur denkbare Unterstützung zu unter der Bedingung, dass er bereit sein müsse, an seiner Bildung zu arbeiten. Er bot Reshevsky an, sich in Detroit, im Hause des bekannten Geschäftsmannes Morris Steinberg niederzulassen, der gleichzeitig Vorsitzender des örtlichen Schach- und Damevereins war. Reshevskys Eltern nahmen dieses Angebot dankbar an, und damit war das Ende des Umherziehens gekommen.
Ebd. S. 16



Dieses an Morphy erinnernde jähe Verlassen der Schachszene war jedoch nicht von Endgültigkeit geprägt. Nach acht Jahren, nun als Student des Wirtschaftswesens und junger Mann, kehrte er auf die Turnierbühne zurück. 1932 bestritt er im kalifornischen Pasadena sein erstes Turnier, das ihm ermöglichte, mit Weltmeister Aljechin die Klingen zu kreuzen. Diesem leistete er eine zähe Abwehrschlacht, erlag diesem aber dann doch in 96 Zügen (Partie siehe Anhang). Sein Abschneiden in dem Turnier insgesamt war dennoch gemessen an seiner langen Pause vielversprechend. Zusammen mit Arthur William Dake und Herman Steiner bekleidete er in dem zwölfköpfigen Turnier mit 6 Punkten Platz 3. Sieger wurde der aus Bern am weitesten angereiste Aljechin, der das Turnier mit 8,5 Punkten und einem Punkt Vorsprung vor Isaac Kashdan gewann. Aljechin war übrigens von der Spielweise Reshevskys alles andere als angetan. In einem Zeitungsartikel stellte er zunächst das unglaubliche Talent Reshevskys als Kind heraus, so wie er selbst dies wahrgenommen hatte, um diesem dann Reshevskys Spielweise in Pasadena gegenüberzustellen:

Und jetzt, nach so langer Zeit - letztes Jahr in Pasadena - habe ich Reshevsky als einen meiner Turniergegner kennengelernt. Zuerst möchte ich sagen, dass der Eindruck, den ich von dem Menschen Reshevsky hatte, höchst vorteilhaft war. Er war überhaupt nicht arrogant, was man doch von einem Wunderkind - selbst einem ehemaligen - durchaus hätte erwarten können; er strahlte ruhige Würde und schachliche „Zurückhaltung“ aus, die übrigens für die jüngere Meistergeneration sehr typisch ist. Aber gleichzeitig hatte ich von dem Schachspieler Reshevsky einen sehr merkwürdigen Eindruck. Nicht, dass dieser Student aus Chicago, der kein Berufsspieler war, schlecht spielte; nein, er gewann sogar einen Preis zu diesem Turnier, und seine Spielstärke war durchaus mit der eines durchschnittlichen amerikanischen Meisters vergleichbar. Aber sein Stil strömt eine solche Erzlangeweile und einen solchen Mangel an schöpferischer Kraft aus, dass ich - wenn wir es nicht mit einem anfänglich so begabten Wesen zu tun hätten - sogar von fehlendem Talent sprechen würde. Alle anderen Teilnehmer konnten kaum ihren Augen trauen...
Ebd. S. 17

Samuel Reshevsky hatte sich durch seine hohe Bildung offenbar eine Art wissenschaftlichen Perfektionismus angeeignet, so daß er nicht mehr einfach nur seiner Intuition vertraute, so wie er dies als Kind getan hatte, sondern gezielt gelernt hatte, seine Eingebungen zu überprüfen. Wie er selbst sagte, müsse in einer richtigen Schachpartie jeder Zug in Beziehung zu den übrigen Figuren und einem allgemeinen Plan stehen, was auch seinen hohen Zeitverbrauch gerade in der Eröffnungsphase erklärt. Beides, sein nun komplizierter Stil mit der Neigung zu verschachtelten Strukturen und sein hoher Bedenkzeitverbrauch, machten Reshevsky zu einem sehr speziellen Wunderkind. Diesen Gedanken führt Schonberg aus, der erläutert:

Als einziges Exwunderkind neigte er nicht zu einer offenen, klassischen Spielweise. Statt dessen bevorzugte er verschachtelte, komplizierte Stellungen, und auf viele Zuschauer wirkten seine Partien farblos. Reshevsky kämpfte um minimale Stellungsvorteile; er versuchte notfalls, seine Gegner durch schiere Ausdauer zu zermürben, und wenn die Partie sich über mehr als hundert Züge hinschleppte. Auch in einem anderen Punkt unterschied er sich von den anderen berühmten Wunderkindern: Er spielte unendlich langsam. Morphy, Capablanca und Fischer sind für ihr flottes Spiel bekannt. Reshevsky erwies sich als der bedächtigste der großen Meister und geriet ständig in Zeitnot. Typisch seine Partie gegen Aljechin im AVRO-Turnier 1938. Nach dem achten Zug hatte Reshevsky achtundfünfzig Minuten verbraucht, Aljechin lediglich zwei. Derart selbstmörderischer Bedenkzeit-Verbrauch führte zwangsläufig dazu, daß fast jede Reshevsky-Partie an einem Haar hing. Jedesmal fragte man sich: Wird er es schaffen oder durch Zeitüberschreitung verlieren?
Schonberg, S. 206f.

Hierzu sei noch erwähnt, daß sich später herausstellte, daß Reshevsky auch von der Zeit her seine Partien zwar auf der Klippe führte, es aber meistens er war, der sich aus dieser Situation hinauslavieren konnte. Offensichtlich benutzte er seine Zeitnot auch als psychologische Waffe gegen seine Gegner, die bei voller Zeit wesentlich unruhiger wurden als er mit fast leerem Zeitbudget und mehr Fehler machten als er. Er war der Prototyp des Zeitnotspezialisten, wie sie später in den Turniersaalen öfters auftraten, und diese Tatsache spricht auch für sein starkes Nervenkostüm. Garri Kasparov erinnerte Reshevsky an Emanuel Lasker, und auch was ihre Eröffnungsbehandlung angeht, gibt es Parallelen, sie gehörte bei beiden Meistern nicht zu ihren Stärken. Die Stärke der beiden lag in der verwegenen Verteidigung.

Überhaupt fehlte Reshevsky auch die Zeit, in der Eröffnungstheorie immer auf dem Laufenden zu sein. Nachdem er sein Studium abgeschlossen hatte, übte er bis zu seiner Pensionierung den Beruf des Buchhalters aus, zudem gründete er eine Familie. Er wurde kein Profi, sondern blieb Amateur. Sein Durchbruch kam trotzdem 1935 beim Turnier im englischen Margate, das er mit 7,5/9 vor Capablanca gewann und die kubanische Schachlegende in einer legendären Partie (siehe Anhang) bezwang, die schachhistorisch zu den Kleinoden gehört. Garri Kasparov:

In der Tat verlor Capablanca nur selten, aber noch seltener wurde er in einer solchen Art und Weise überspielt, wie Reshevsky dies fertig brachte. Er überflügelte das kubanische Genie in seinem Verständnis der klassischen Stellungen des Damengambits und zeigte, dass in einer Zeit, in der das Schachverständnis einen großen Sprung vorwärts machte, „Capa“ den alten Vorstellungen des Spiels treu blieb. Der Exweltmeister überschätzte sowohl die Bedeutung seines gedeckten Freibauern auf c4, der in Wirklichkeit die weiße Schlüsselfigur, den Springer auf c3, gegen frontale Angriffe schützte, als auch die aus dem Abtausch seines Damenläufers entstehenden Schwierigkeiten und den gegnerischen Druck gegen den ausreichend verteidigt scheinenden Bauern d5. Diese Partie ist eine dieser fundamentalen, also eine derjenigen, auf denen das Gebäude der modernen Schachstrategie errichtet ist. Ihretwegen mussten neue Methoden in dieser Art Stellung gefunden werden. Es wurde klar, dass der Bauer d5 im Damengambit nicht nur schwach werden kann, wenn er als Einzelbauer daherkommt.
Kasparov, S. 19

Mindestens ebenso enthusiastisch äußerte sich Pjotr Romanowski:

Diese Partie [...] ist ein wundervolles Werk der Schachkunst. Reshevsky scheint alles, was das moderne Schach in den letzten Jahren hervorgebracht hat, in sie eingebracht zu haben. Unschablonenhafte Frische, Verwegenheit, subtile Fantasie, tiefe Berechnung und präzises realistisches Denken - daraus ist der Komplex gewoben, der Reshevskys Spiel charakterisiert. Die Art Niederlage, die Capablanca in dieser Partie erlitt, hat er seit seinem Zweikampf gegen Aljechin nicht mehr hinnehmen müssen. Unserer Meinung nach hat Capablanca in diesem höchst kritischen Aufeinandertreffen mit Reshevsky alles ihm Mögliche getan - und trotzdem verloren. In Reshevsky hat die Schachwelt unzweifelhaft einen großen Schachdenker gefunden, der in der Zukunft alle Chancen haben wird, die Weltmeisterschaft zu gewinnen.
Ebd. S. 23f.

Was das Behandeln von Stellungen mit dem d-Isolani angeht, so machte die Schachtheorie gerade in dieser Zeit rapide Fortschritte. Deshalb ist es gut möglich, daß der sowjetische Vorzeigespieler Michail Botwinnik diese Partie intensiv studiert und die richtigen Schlüsse daraus gezogen hatte. Denn schon im nächsten Jahr kreierte er in Nottingham gegen Milan Vidmar eine Musterpartie, was Kampfmethoden mit dem d-Isolani angeht. Bis zur Neuordnung des Schachlebens nach der Zäsur des Zweiten Weltkriegs und der neuen Epoche der sowjetischen Dominanz war die Zeit zwischen den Kriegen überhaupt eine schachlich äußerst produktive Zeit gewesen. Samuel Reshevsky, der nach Margate 1935 gleich noch The Great Yarmouth Chess Congress und nach einer furiosen Aufholjagd mit 10/11 Punkten in den letzten Partien die erste im Turniersystem ausgetragene US-Meisterschaft (die er insgesamt acht mal für sich entscheiden sollte) gewann, war nach den Worten von Garri Kasparov ein Bindeglied zwischen der Schachwelt vor und der Schachwelt nach dem so verheerenden Zweiten Weltkrieg. Weltweit Aufsehen erregte er vor allem durch seinen Sieg beim hochkarätig besetzten Turnier in Hastings 1937/38. Dort ließ er solche Schachgrößen wie Conel Hugh O´Donel Alexander, den möglichen Kronprinzen Paul Keres und seine starken Landsleute Fine und Flohr hinter sich. Nach den vielen auch schachlichen Verlusten gab er dem Weltschach nach dem Zweiten Weltkrieg ein Stück der so schmerzlich vermißten Kontinuität. Durch seine Erfolge wurde er zu einem der aussichtsreichsten Kandidaten für den WM-Titel und geriet damit spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg ins Visier der Sowjetunion, die sich auch schachlich zu einer Führungsnation aufschwingen wollte.

Die Sowjetunion nahm Samuel Reshevsky als möglichen Rivalen des von ihr als Schachweltmeister auserkorenen Michail Botwinniks sehr ernst. Nach den schweren Prüfungen im „Großen Vaterländischen Krieg“ war die Sowjetunion ein zwar erschöpfter, aber auch strahlender Sieger. Sie konnte durch ihren Marsch nach Berlin die bereits im Hitler-Stalin-Pakt anvisierten Gebietsgewinne erheblich erweitern; durch ihre erworbenen Satelliten in Osteuropa war ein gewaltiges kommunistisches Weltreich entstanden. Zur Neuordnung der Welt nach der Niederwerfung der deutsch-japanischen Eroberer gehörte nun die Existenz zweier Machtblöcke. Der vergleichsweise freien Welt im Westen, deren Führungsnation die USA wurden, stand im Kalten Krieg das von Moskau aus beherrschte Bollwerk im Osten gegenüber; der Wettkampf der Systeme fand nicht nur auf militärischem Gebiet statt, sondern auch auf sportlich-kulturellem. Besonders der Sowjetunion war die Hegemonie im Weltschach als Zeichen der Überlegenheit des eigenen Systems ganz wichtig.

Nach der Vereinheitlichung der Schachweltmeisterschaften unter dem Schirm der FIDE und der Ausrufung allgemein gültiger Regeln für die Weltmeisterschaftskämpfe gelang es der Sowjetunion für die Gruppen-WM 1948, die nach dem Tode von Titelverteidiger Aljechin beschlossen worden war, den hochgehandelten Miguel Najdorf, der als Ersatzmann für den verzichtenden Reuben Fine in Frage kam, aus dem Turnier und einen Ersatzmann für Fine überhaupt aus dem Turnier herauszuhalten. Dies führte dazu, daß sich bei dieser ersten einheitlichen Schachweltmeisterschaft mit Max Euwe und Samuel Reshevsky eine nichtsowjetische Minderheit einer aus Smyslow, Keres und Botwinnik bestehenden sowjetischen Mehrheit gegenüberstand. Lange vor Fischer 1962 in Curacao hatte Reshevsky Absprachen der sowjetischen Spieler untereinander befürchtet, um einen der ihren zum Weltmeistertitel zu verhelfen, und er war mit schweren Bedenken zur WM nach Den Haag und Moskau angetreten. Tatsächlich war es bei diesem Turnier zu Vorfällen gekommen. So nahmen Grenzpolizisten Max Euwe bei seiner Einreise nach Moskau seine Schachaufzeichnungen weg (vgl. Kasparov, Band 3, S. 67), und Michail Botwinnik wurde in den Kreml zitiert, wo hochrangige sowjetische Politiker wie der Armeegeneral Woroschilow, der Sekretär des ZK der KPdSU Michail Suslow oder der Chefideologe und unermüdlicher Kämpfer gegen den Formalismus Andrei Shdanow Botwinnik absichtliche Niederlagen der beiden anderen sowjetischen Spieler anboten. Zwar ließ Botwinnik nach eigenen Angaben diese Frage offen, André Schulz gibt aber zu bedenken, daß die beiden anderen sowjetischen Teilnehmer in solch einer Situation nicht so kaltblütig gewesen sein könnten: „Das Ergebnis aber war so, wie es sich der Sowjet-Diktator [Stalin - Kiffing] gewünscht hatte“. Vor allem die vier Niederlagen von Paul Keres gegen Botwinnik, der erst im letzten Durchgang gegen Botwinnik gewinnen konnte, als dieser als Turniersieger und damit Weltmeister bereits feststand, hatte auch wegen Keres´ unsicherer Position in der UdSSR den Argwohn vieler Schachfreunde geweckt. Im übrigen wurde Samuel Reshevsky auch 1953 beim WM-Kandidatenturnier in Zürich Opfer von Intrigen von Seiten der Sowjetunion. Denn wie von Bronstein längst enthüllt zwangen die „sowjetischen Apparatschiks“ ihre Teilnehmer untereinander zur Herbeiführung von nützlichen Ergebnissen, so daß sie u. a. dadurch mit Wassili Smyslow einen eigenen Herausforderer zum WM-Titelkampf gegen Botwinnik aufbieten konnten.

Obwohl Samuel Reshevsky, der erst mit 80 Jahren an den Folgen eines Herzanfalls verstarb, im Laufe seiner Karriere weder den Weltmeistertitel erringen noch den Weltmeister herausfordern konnte, gehörte er doch zu den spielstärksten Großmeistern, der lange Zeit auf Augenhöhe mit den Größen des Weltschachs mitspielen konnte. Die Maßnahme seiner Eltern, ihn 1924 zugunsten seiner schulischen und beruflichen Entwicklung aus dem Schachcircuit herauszunehmen, wird vielfach gelobt. Übrigens mußten sich seine Eltern zuvor bereits vor einem Gericht in Manhattan dafür verantworten, daß sie ihren Sohn konsequent vom Schulunterricht fernhielten. Gewiß wird nur schwerlich etwas gegen eine schulische bzw. akademische Bildung einzuwenden sein. Ich gebe aber zu bedenken, daß eine so rigorose Abschirmung vom Weltschach dafür nicht zwingend notwendig gewesen wäre, zumal Schach die Fähigkeit war, die der junge Reshevsky nicht nur persönlich am besten konnte, sondern auch vermutlich in der Relation am besten, wenn man damals alle Gleichaltrigen von ihm weltweit und vielleicht auch alle Gleichaltrigen aller Zeiten zusammengenommen hätte. Kurz nachdem der junge Reshevsky nach seinem Auftritt beim Wiener Schach-Club als 6jähriger auch noch beim Warschauer Schachclub vorbeischaute und dort auf den genialen Akiba Rubinstein traf, hatte dieser ihm nach Begutachtung seines außergewöhnlichen Talents den Weltmeistertitel prophezeit (Kasparov, Band 6, S. 11). Gewiß hatte dieser in seiner Prognose nicht diesen Bruch in Reshevskys schachlichen Entwicklung in den besten Jahren auf der Rechnung gehabt, und es ist nicht schwer einzuschätzen, daß dieser Bruch ihm schachlich geschadet hatte. Bei diesem außergewöhnlichen Talent wäre bei einer Kontinuität seiner schachlichen Förderung auch unter Aufnahme schulischer Bildung diese Investition kaum eine unsichere gewesen, denn die Einschätzung Rubinsteins erscheint in Anbetracht des Talents Reshevskys geradezu logisch.

Aber auch so blieb dieser „kleine, zähe Mann mit den brillanten Ideen“ (Smyslow) eine feste Größe der Schachgeschichte. Seine höchste historische Elozahl von 2785 weist seine imponierende Stellung im Weltschach nach, kann aber auch ein wenig Wehmut hervorrufen, was hätte geschehen können, wenn...

[Event "Pasadena"]
[Site "Pasadena, CA USA"]
[Date "1932.08.21"]
[EventDate "?"]
[Round "5"]
[Result "1-0"]
[White "Alexander Alekhine"]
[Black "Samuel Reshevsky"]
[ECO "D35"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "191"]

1. Nf3 Nf6 2. c4 e6 3. Nc3 d5 4. d4 Nbd7 5. cxd5 exd5 6. Bf4
c6 7. e3 Be7 8. Bd3 O-O 9. Qc2 Re8 10. h3 Nf8 11. O-O-O b5
12. Ne5 Bb7 13. Kb1 N6d7 14. Nxd7 Qxd7 15. Rc1 Bd6 16. Ne2
Bxf4 17. Nxf4 Qd6 18. h4 a5 19. Bf5 Re7 20. Qc5 Qd8 21. h5 Re8
22. g4 Nd7 23. Qc2 Nf8 24. Nd3 g6 25. Nc5 Bc8 26. Bxc8 Rxc8
27. Nd3 Qf6 28. Qd2 a4 29. hxg6 fxg6 30. f4 Nd7 31. Ne5 Nxe5
32. dxe5 Qe6 33. Qd4 Re7 34. g5 Rf7 35. Rh2 Rd7 36. Rd2 Rcd8
37. Rdc2 Rc8 38. a3 Rf7 39. Ka1 Kh8 40. Rc5 Kg8 41. Qc3 Rfc7
42. Rd1 Qf7 43. Qd4 Qf5 44. Rc3 Qf7 45. Qc5 Rd7 46. Qb4 Qe6
47. Rdc1 Rdd8 48. Rc5 Qd7 49. Qd4 Rc7 50. R5c3 Rdc8 51. e4 Rd8
52. exd5 Qxd5 53. Qxd5+ Rxd5 54. Rxc6 Rxc6 55. Rxc6 Rd1+
56. Ka2 Rf1 57.Rf6 Kg7 58.b4 Rf2+ 59.Kb1 Rf3 60.Rb6 Rxf4
61.Rxb5 Rf5 62.Rb7+ Kf8 63.Rxh7 Rxe5 64.Ra7 Rxg5 65.Rxa4 Ke7
66.Kb2 Kd7 67.Ra6 Rg3 68.b5 Kc7 69.Rc6+ Kb7 70.a4 Ka7 71.Rc3
Rg2+ 72.Ka3 Rg4 73.Kb3 Kb7 74.Rc4 Rg3+ 75.Kb4 Rf3 76.Rc6 Rf7
77.Rxg6 Rh7 78.Rc6 Rg7 79.a5 Rg4+ 80.Rc4 Rg7 81.a6+ Ka7 82.Ka5
Rg5 83.Rc7+ Kb8 84.Rb7+ Ka8 85.Rd7 Kb8 86.Kb6 Rg8 87.Kc6 Rc8+
88.Kd6 Rc1 89.Rb7+ Kc8 90.Rf7 Kb8 91.b6 Rd1+ 92.Kc5 Rc1+
93.Kd4 Rd1+ 94.Kc3 Rd8 95.Kc4 Rh8 96.Rf5 1-0

[Event "Margate"]
[Site "Margate ENG"]
[Date "1935.04.27"]
[EventDate "1935.04.24"]
[Round "4"]
[Result "1-0"]
[White "Samuel Reshevsky"]
[Black "Jose Raul Capablanca"]
[ECO "D51"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "111"]

1. d4 Nf6 2. c4 e6 3. Nc3 d5 4. Bg5 Nbd7 5. cxd5 exd5 6. e3
Be7 7. Bd3 O-O 8. Qc2 c5 9. Nf3 c4 10. Bf5 Re8 11. O-O g6
12. Bh3 Nf8 13. Bxc8 Rxc8 14. Bxf6 Bxf6 15. b3 Qa5 16. b4 Qd8
17. Qa4 a6 18. b5 Re6 19. Rab1 Rb8 20. Rb2 Be7 21. bxa6 Rxa6
22. Qc2 Ne6 23. Rfb1 Ra7 24. a4 Nc7 25. Ne5 Qe8 26. f4 f6
27. Ng4 Qd7 28. h3 Kg7 29. Nf2 Ba3 30. Ra2 Bd6 31. Nfd1 f5
32. Nb5 Ra5 33. Nxc7 Bxc7 34. Nc3 Qd6 35. Qf2 b6 36. Qf3 Rd8
37. Rab2 Qe7 38. Rb4 Rd7 39. Kh1 Bd8 40. g4 fxg4 41. hxg4 Qd6
42. Kg1 Bc7 43. Kf2 Rf7 44. g5 Bd8 45. Ke2 Bxg5 46. Rxb6 Qa3
47. Kd2 Be7 48. Rb7 Rxa4 49. Qxd5 Ra5 50. Qxc4 Rh5 51. Kd3 Qa8
52. Qe6 Qa3 53. Rd7 Rhf5 54. Rb3 Qa1 55. Rxe7 Qf1+ 56. Kd2 1-0

[Event "Match"]
[Site "Match"]
[Date "1955.06.29"]
[EventDate "?"]
[Round "1"]
[Result "1-0"]
[White "Samuel Reshevsky"]
[Black "Mikhail Botvinnik"]
[ECO "D49"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "82"]

1.d4 d5 2.c4 e6 3.Nc3 c6 4.Nf3 Nf6 5.e3 Nbd7 6.Bd3 dxc4 7.Bxc4
b5 8.Bd3 a6 9.e4 c5 10.e5 cxd4 11.Nxb5 Nxe5 12.Nxe5 axb5
13.Qf3 Qa5+ 14.Ke2 Bd6 15.Qc6+ Ke7 16.Bd2 b4 17.Qxd6+ Kxd6
18.Nc4+ Kd7 19.Nxa5 Rxa5 20.Rhc1 Ba6 21.Bxa6 Rxa6 22.Rc4 Nd5
23.Rxd4 Rb8 24.Kd3 h5 25.Kc4 b3 26.a4 Rc6+ 27.Kd3 Rc2 28.Rb1
Rbc8 29.a5 R8c6 30.Ke2 Rd6 31.Ke1 Nc7 32.Rxd6+ Kxd6 33.Bc3 f6
34.Ra1 Na6 35.Ra3 Kc7 36.Rxb3 Nc5 37.Rb5 Na4 38.Bd4+ e5 39.Kd1
Rc4 40.Be3 Kc6 41.Rb8 Kc7 1-0