Der derzeitige WM-Kampf zwischen Magnus Carlsen und Sergei Karjakin ist die logische Folge der Entwicklung, welche die schachlichen 0er Jahre begleitet hatte. Beide waren die Wunderkinder und Jahrhunderttalente schlechthin, mit 12 Jahren und sieben Monaten übertraf Sergei Karjakin Magnus Carlsen, der zwischen seinem 6. und 9. Lebensjahr das Interesse an Schach verloren hatte, um neun Monate. In die Schachgeschichte geht Karjakin auch als jüngster WM-Sekundant der Geschichte ein, der 2002 den 18jährigen Ruslam Ponomariov als „Taktikcoach“ unterstützte. Ponomariov gewann die von der FIDE ausgerichtete Weltmeisterschaft schließlich im Finale gegen Wassili Iwantschuk, der damit seinerseits als jüngster Weltmeister in die Schachgeschichte eingehen konnte.

In den 0er Jahren schien der Schachöffentlichkeit vorgezeichnet, welches die Schachweltmeister der Zukunft sind. Beide kongenialen Wunderkinder lieferten sich packende Fern- und direkte Duelle, und es war immer spannend, wer von den beiden sich schneller entwickelte. Natürlich verfolgte man im Westen die Entwicklung von Carlsen interessierter, während im Osten Karjakin auf erhöhtes Interesse stieß. Irgendwann in den 0er Jahren konnte Magnus Carlsen Karjakin schließlich dauerhaft auf Distanz halten, seine Entwicklung verlief fortan etwas flotter als die des „Carlsens des Ostens“, was allerdings auch etwas mit der Herkunft Karjakins zu tun haben könnte.

Während der Aufstieg Carlsens aus dem kleinen Norwegen nach westlichem Verständnis eher als Wunder gilt als der Aufstieg Karjakins in einer Region, die vor allem im 20. Jahrhundert starke Großmeister wie am Fließband produziert hatte, gestaltet sich die Wirklichkeit differenzierter. Zum einen ist Skandinavien eine traditionelle Hochburg des Schachs, und Carlsen erhielt dort alle gewünschte Förderung. Zum anderen mutierte gerade die Ukraine nach dem Zerfall der Sowjetunion zu einem Armenhaus Europas, wo der Lebensstandard der Bevölkerung nur etwa die Hälfte seines auch nicht gerade von Reichtum übersähten großen Nachbars betrug. Insofern hatte die schon damals krisengeschüttelte Ukraine andere Herausforderungen zu bewältigen als sich um „Luxusangelegenheiten“ wie der Schachförderung zu kümmern. So nahm Sergei Karjakin 2009 die russische Staatsbürgerschaft an und begründete seinen Schritt mit der vermißten Schachförderung in seinem Heimatland. Seinem Ziel, den Abstand zu Carlsen wieder zu verringern, kommt er in diesen Tagen bei der Weltmeisterschaft in New York City nahe.

Insofern ist es ein guter Schritt, nach den Filmen über Magnus Carlsen auch seinem kongenialen Rivalen aus seinen Jugendzeiten einen Film zu widmen. Dabei ist interessant, daß der Macher des Films nicht aus dem Osten kommt, sondern aus dem Westen und sogar aus Skandinavien. Zu verdanken haben wir dies dem jungen Filmemacher Alexander Turpin, einem gebürtigen Schweden, der seit 2013 in Norwegen lebt. Turpin, der auch ein starker Schachspieler ist und eine Elozahl von 2127 besitzt, ist sowohl in der Filmproduktion als auch im Schach zu Hause, und so lag es nahe, seine beiden Steckenpferde miteinander zu verknüpfen. Herausgekommen ist mit "Sergey - The Chess Prodigy" ("Sergei - das Schachwunderkind") ein Film, der derzeit nur über eine Leihgebühr von 1,83 Euro oder eine Kaufgebühr von 3,48 Euro im Internet zu verfolgen ist, und der auch brisante Fragen im Zeitalter von Kalter Krieg Reloaded rund um die russische Annexion der Krim und Karjakins bekannter Haltung dazu nicht ausspart.

Weitere Informationen: http://de.chessbase.com/post/sergey-karjakin-der-film