Dem Schach um hundert Jahre vorausgewesen zu sein, ist ein besonderes Werturteil. Es bedeutet letztendlich das, was Goethe in seinem Prometheus - der bereits das im Voraus Denkende in seinem Namen trug - folgendermaßen beschrieben hatte, als Geist, der aus sich selbst heraus Neues schafft, der den Menschen Feuer bringt in einer Zeit, als es noch kein Feuer gab. Er brachte Licht in die Dunkelheit.

Wer dem Schach im Laufe der Schachgeschichte um rund hundert Jahre voraus war, muß also aus sich selbst heraus in der Lage gewesen sein, das vorauszudenken, was weitaus spätere Spielergenerationen erst nach und nach unter Einsatz größter Kräfte herausfanden. Es ist dabei selbsterklärend, daß sie in der Epoche, in der sie gewissermaßen als Halbgötter, als Heroen gewirkt haben, frei waren von jeder Konkurrenz, die ihnen im Spiel gefährlich werden konnte. Um ihre Siege nicht zu leicht werden zu lassen, gaben sie mitunter Vorgabepartien - oder sie erfreuten sich ihrer leichten Siege und fuhren ohne Vorgabe Sieg um Sieg ein.

Dem Schach hundert Jahre voraus zu sein, ist also praktisch das Höchste, was ein Mensch im Schach zu tun vermag, es ist schwer, sich etwas noch höheres vorzustellen. In der gesamten Schachgeschichte seit den Zugreformen in Europa kurz vor Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, also ungefähr seit Ende des Mittelalters, sehe ich nur genau drei Meisterspieler, die dieses Husarenstück vollbracht haben. Wer also waren diese Feuerbringer?

Gioacchino Greco (1600 - 1634): Seine Ausarbeitungen im Italienisch und Königsgambit sind bis heute hochaktuell. Dabei steckte die Schachtheorie in seinen Zeiten noch in den Kinderschuhen, und in vielen Gegenden Europas hatte sich noch nicht einmal die heutige Rochade durchgesetzt. Er schuf aus dem Nichts heraus die Theorie von offenen Spielen auf ein Level, das bis heute wegweisend ist. Sein Spielwitz, seine Ideen, seine schnellen Königsangriffe, seine Kombinationen sind so gut, daß sie auch einem heutigen Meister zur Ehre gereichen. Seine Mittelspielführung mutet modern an und übertraf nach dem Schachhistoriker Michail Marin an Korrektheit sogar die von Philidor.

Philidor (1726-1795): Das erste bekannte Wunderkind im Schach war mehr als fünfzig Jahre seines Lebens konkurrenzlos und seinen Zeitgenossen so überlegen, so daß er fast ausnahmslos, sehr zum Leidwesen der Entwicklung der Schachtheorie, Partien mit materieller Vorgabe spielte. Bereits mit 23 Jahren veröffentlichte er mit seiner Analyse des Schachspiels sein erstes Schachbuch. Seine Positionslehre geschah nach den wissenschaftlich-aufklärerischen Prinzipien der damaligen Zeit und nahm die Steinitzschen Reformen um mehr als hundert Jahre vorweg. Als erstes Spieler erkannte er die Funktion der Bauern als eine dem Spiel gebende Gestalt. Seine Zeitgenossen konnten mit seinen Lehren nichts anfangen, erst hundert Jahre später sollten sie ihn zu würdigen wissen.

Paul Morphy (1837-1884): Das amerikanische Wunderkind beseitigte durch sein Schaffen den Gegensatz der positionellen und kombinatorischen Schule und formte die nur vermeintlichen Gegensätze zur Einheit, was den Spitzenspielern erst lange nach Steinitz gelang. Sein Spiel war rein, kristallklar und logisch wie eine Sinfonie. Weil er in seinem Heimatland USA keine Gegner mehr vorfand, reiste er nach Europa und degradierte jeden anerkannten Meister, den er habhaft werden konnte, zum Statisten. Selbst der damals als bester Spieler der Welt geltende Adolf Anderssen unterlag ihm, der das Duell zumeist vom Krankenbett aus führte, mit einem klaren 8:3. Sein Wirken war nur kurz, aber das Erdbeben, das er in Europa hinterließ, war so gewaltig, daß er noch für Jahrzehnte zu einer Legende wurde. In den USA sorgte er nach Harold C. Schonberg für einen Schachboom, der keinen Vergleich mit dem durch Robert Fischer mehr als hundert Jahre später zu scheuen bräuchte.

Können solche Menschen auch heute noch geboren werden?

[Event "Miscellaneous Game"]
[Site "?"]
[Date "1620.??.??"]
[EventDate "?"]
[Round "75"]
[Result "1-0"]
[White "Gioachino Greco"]
[Black "NN"]
[ECO "D20"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "11"]

1.d4 d5 2.c4 dxc4 3.e3 b5 4.a4 c6 5.axb5 cxb5 6.Qf3 1-0

[Event "London, England"]
[Site "London ENG"]
[Date "1790.??.??"]
[EventDate "?"]
[Round "6"]
[Result "0-1"]
[White "Smith"]
[Black "François André Philidor"]
[ECO "C24"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "66"]

1.e4 e5 2.Bc4 Nf6 3.d3 c6 4.Bg5 h6 5.Bxf6 Qxf6 6.Nc3 b5 7.Bb3
a5 8.a3 Bc5 9.Nf3 d6 10.Qd2 Be6 11.Bxe6 fxe6 12.O-O g5 13.h3
Nd7 14.Nh2 h5 15.g3 Ke7 16.Kg2 d5 17.f3 Nf8 18.Ne2 Ng6 19.c3
Rag8 20.d4 Bb6 21.dxe5 Qxe5 22.Nd4 Kd7 23.Rae1 h4 24.Qf2 Bc7
25.Ne2 hxg3 26.Qxg3 Qxg3+ 27.Nxg3 Nf4+ 28.Kh1 Rxh3 29.Rg1
Rxh2+ 30.Kxh2 Rh8+ 31.Nh5 Rxh5+ 32.Kg3 Nh3+ 33.Kg4 Rh4# 0-1

[Event "Paris"]
[Site "Paris FRA"]
[Date "1858.??.??"]
[EventDate "?"]
[Round "?"]
[Result "1-0"]
[White "Paul Morphy"]
[Black "Duke Karl / Count Isouard"]
[ECO "C41"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "33"]

1.e4 e5 2.Nf3 d6 3.d4 Bg4 {This is a weak move
already.--Fischer} 4.dxe5 Bxf3 5.Qxf3 dxe5 6.Bc4 Nf6 7.Qb3 Qe7
8.Nc3 c6 9.Bg5 {Black is in what's like a zugzwang position
here. He can't develop the [Queen's] knight because the pawn
is hanging, the bishop is blocked because of the
Queen.--Fischer} b5 10.Nxb5 cxb5 11.Bxb5+ Nbd7 12.O-O-O Rd8
13.Rxd7 Rxd7 14.Rd1 Qe6 15.Bxd7+ Nxd7 16.Qb8+ Nxb8 17.Rd8# 1-0