Ungefähr seit den Erfolgen von Anderssen, Steinitz, Lasker und Tarrasch war der deutschsprachige Raum auf der Welt zwar nicht so führend, wie viel später die Sowjetunion, aber für Schachfreunde aus aller Welt ein gutes Pflaster. Es stimmte alles, Deutschland und Österreich hatten Spieler, die zu den stärksten der Welt gehörten, es stimmte auch, was die „zweite Garde“ angeht, bis hinein in die Breite, wo das Schachspiel längst popularisiert worden war. Deutschland und Österreich trugen regelmäßig internationale Spitzenturniere aus, und die Anzahl und Qualität an Publikationen in Büchern und Periodika war international anerkannt. Die Aufklärung hatte das Schachspiel von der Kunst zu einer Wissenschaft erhoben und machte es damit zum Gegenstand eines ausgiebigen Forschergeistes, der entweder direkt auf das Spiel bezogen war, oder geradezu holistisch die Lehre am Schachspiel mit anderen Wissenschaften in Beziehung setzte. Emanuel Lasker war es gar gewesen, der vielleicht als Erstes das Schach in den Rang der Spieltheorie erhob, später war Schach für Forschungen am menschlichen Geist, aber auch als Prüfstein von künstlicher Intelligenz das beliebteste Spiel.

Der Zweite Weltkrieg hatte natürlich auch in den Ländern der Aggressoren für ungeheure Verwerfungen gesorgt. Im Zuge der materiellen und moralischen Verwüstungen verlor Deutschland u. a. mit Klaus Junge seinen hoffnungsvollsten Schachspieler, seinen seit Lasker und bis Vincent Keymer talentiertesten Schachspieler, auch wenn Großmeister wie Unzicker, Uhlmann und Dr. Hübner nicht vernachlässigt werden sollten. Neben Wolfgang Unzicker und Wolfgang Uhlmann überlebte ein weiterer deutscher Schachspieler das Inferno, um den es hier gehen soll; gebracht wurde ich auf ihn durch ein Gespräch mit einem ebenso bekannten wie produktiven Schachhistoriker, bei dem ich mich auch hier gern öffentlich bedanken möchte.

Das Schach ist trotz seiner Begrenztheit ein weites Feld. Das Schach bedeutet nicht „nur“ den sportlichen Wettstreit durch künstlerische, wissenschaftliche, psychologische und kämpferische Methoden. Eine Unterart stellt das Problemwesen dar, und auch wenn es vielen Schachfreunden nicht bewußt ist, aber genau wie im Schach selbst haben hier die unterschiedlichsten Schulen wie die „altdeutsche Schule“ „neudeutsche Schule“ oder die „böhmische Schule“ miteinander gerungen; das Ziel ist nicht der volle Punkt in einer sportlichen Partie, sondern eine Komposition möglichst tiefschürfend und eindrucksvoll, oder, um es auf ein Wort zu bringen, schön erscheinen zu lassen. Doch ist diese Schönheit der Schachprobleme nicht nur eine Schönheit an sich, Schachtrainer wie Dworetzki, Karpov und Müller haben der Lösung der Studien auch aus schachdidaktischen Gründen einen breiten Raum gegeben, weil es die Phantasie, die gedankliche Klarheit und die Rechenkunst im Schach schult.

Dieser Thread soll nicht die Geschichte der Schachkomposition zusammenfassen. Wer dazu nähere Informationen wünscht, dem empfehle ich die Ausgabe des kulturellen Schachmagazins Karl 1/2014, das der Schachkomposition seit den ersten Meistern der neuen Regeln, und die strenggenommen durch die Kultur der Mansuben im alten Arabien noch weiter zurückreicht, einen Schwerpunkt gewidmet hat. In diesem Feld am wohlsten fühlte sich der deutsche Schachmeister, um den es hier geht, Hans Klüver, geboren 1901 in Leipzig und gestorben 1989 in Hamburg, er fühlte sich dort wie zu Hause. Im übrigen war er laut dem Schachhistoriker einer der bedeutendsten deutschen Schachkomponisten, der in der Nachkriegszeit für sechzehn Schachecken, u. a. für die „Welt“ und den „Stern“ die Verantwortung trug und dort die Kenner mit immer neuen Schachstudien entzückte. Sein Kürzel „H. K.“ wurde zu seinem Markenzeichen. Er organisierte Wettkämpfe des Problemwesens und beteiligte sich selbst an diesen Wettkämpfen, aus denen er sechsmal als Sieger hervorgehen konnte. Er hat in Deutschland und weltweit unzählige Schachspieler für das Problemwesen begeistert. Dieser Hans Klüver soll nun vorgestellt werden, und gleichzeitig wird anhand seines Paradigmas ein Ausschnitt in die faszinierende Welt des Problemwesens geöffnet. Hans Klüver konnte nicht nur schöne Studien komponieren, er war auch ihr Theoretiker, der gleich mehrere Schulen im Problemwesen begründet hat. Und er war der Erfinder einiger Schachabarten.

Auf Wikipedia erfahren wir, daß er für „Schnittpunktprobleme“, die auch aus praktischen Kombinationen bekannt sind, und diejenigen Kombinationen, die auf diesem Prinzip aufbauen, zu den schönsten zählen, den Begriff des „Metakritischen Zuges“ entwickelt hatte und die Schachabarten des „Doppelzugschachs“ und des „Dynamoschachs“ entwickelt hatte. Zur Erklärung sei angemerkt, daß das Doppelzugschach, auch das "Marseiller Schach genannt", das Recht des Spielers, der am Zuge ist, beinhaltet, zwei Züge auf einmal zu ziehen, hier zu sehen in der Praxis. Das Dynamoschach wiederum bedeutet, daß Figuren nicht geschlagen, sondern verschoben werden; fallen sie vom Spielbrett, sind sie endlich „aus dem Spiel“. Womöglich war er auch der Erfinder des heute wesentlich bekannteren Märchenschachs. Sein unorthodoxes, am Besonderen interessierte Denken, das mich ein wenig an den ebenfalls experimentierfreudigen Emanuel Lasker erinnert, zeigt sich in einer Buchauswahl des Schachversands Niggemann, bei dem Hans Klüver als Autor solcher spektakulär anmutender Werke wie „Das Brunnerbuch“, „Die Stern-Schachprobleme“ oder „Faschingsschach der Welt“ in Erscheinung trat. Er wirkte so nachhaltig, daß zahlreiche Thementurniere sich mit seinem Namen schmückten, und daß die FIDE ihm für sein Lebenswerk den Titel „Honorary Master of Chess Compositions“ verlieh. Seine Artikel auch zur aktuellen Situation im Weltschach, wie sein Artikel in der Zeit zum Phänomen Botwinniks, weisen ihn auch als interessierten und fachkundigen Beobachter der "allgemeinen" Schachszene aus, der auch dem "allgemeinen" Schach in einer Zeit des allgemeinen Katzenjammers in seinem Land seine Aufmerksamkeit schenkte. Um zum Schluß den Blick für die unerschöpflichen Ideen im Problemschach zu öffnen, an deren Entwicklung ganze Spielergenerationen beteiligt waren, hier eine Liste allein der Fachbegriffe des Problemwesens, das die Zahl an Fachbegriffen aus der "normalen" Schachtaktik um Längen schlägt: http://www.schachklub-ludwigshafen.d...10-26-21-49-17. Übrigens sollen gleich "zehn Themen" des Problemwesens den Namen dieses unermüdlichen und erfolgreichen Schachforschers tragen.

Lassen wir uns als Löser auf Klüvers Spuren treten:

Studie von 1934, Weiß am Zug, Matt in 2:



Studie von 1985, Weiß am Zug, Matt in 3:



Studie von 1981, Weiß am Zug, Matt in 6, schwer: