„Der neue Weltmeister - ein Teenie“, so titelte die „Europa Rochade“ in ihrer Februarausgabe von 2002 anläßlich des Sieges des erst 18jährigen Ruslan Ponomarjow, der sich im innerukrainischen Duell gegen Wassili Iwantschuk im FIDE-WM-Finale von Moskau mit 4,5 - 2,5 durchgesetzt hatte. Er wurde damit jüngster Weltmeister der Schachgeschichte - ein weiterer Rekord: sein Landsmann Sergei Karjakin war mit erst 11 Jahren der jüngste Sekundant bei einem WM-Duell. Er war Ponomarjow vor allem in Taktikfragen behilflich und sollte wenig später mit 12 Jahren und sieben Monaten jüngster Großmeister aller Zeiten werden - ein Rekord, den er bis heute behauptet. Ponomarjow, der selbst als schachliches Wunderkind galt, war damit auf dem Höhepunkt seiner Karriere, nachdem er bereits mit 12 Jahren die Europameisterschaft der U18 und ein Jahr später den Weltmeistertitel, ebenfalls der U18, gewinnen konnte. Mit 14 Jahren erreichte er bereits den Großmeistertitel als damals jüngster Spieler, der diesen Titel erringen konnte. Vor seinem Finale gegen Iwantschuk hatte der Jugendliche solche Schwergewichte wie Adams, Anand und Schirow aus dem Wege räumen können.

Trotz all dieser mit der Schach-WM verbundenen Rekorde hat dieses Ereignis in der Schachwelt bis heute einen schlechten Ruf. Zum einen war 2001/2002 die Spaltung der Schachwelt noch präsent, so daß es zwei Weltmeisterschaftskämpfe gab, die der FIDE und die von Garri Kasparov unter wechselnden Unternehmen organisiert wurden. Zum anderen, und dieser Punkt hat eine Wechselwirkung mit dem vorher Genannten, wurden die FIDE-Weltmeisterschaften seit 1999 im KO-System und unter drastisch reduzierter Bedenkzeit ausgetragen, was auf Kritik zahlreicher Spieler stieß, die von einem Weltmeisterroulette sprachen und den von der FIDE ausgetragenen WM-Formaten die Legitimität absprachen, durch diese WM-Kämpfe wirklich den stärksten Spieler der Welt zu ermitteln. FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow versprach sich von den Formaten eine Steigerung der Attraktivität, diese waren aber in der Schachwelt derart unpopulär, daß die Vereinigung von Kasparovs PCA, die ihre WM-Kämpfe nach wie vor in einem klassischen Format veranstaltete, und FIDE erschwert wurden, und die PCA-Weltmeisterschaften als Gegenpol zu den Entwicklungen der FIDE unter Schachspielern und Schachfreunden an Popularität gewannen. Die Bedenkzeitkürzungen der FIDE hatten 2001/2002 einen Höhepunkt erreicht, bei der Schach-WM in Moskau galten 75 Minuten für die ersten 40 Züge, 15 Minuten für den Rest der Partie sowie ein Aufschlag von 30 Sekunden pro Zug. Es war ein Format, das bedenkzeitmäßig irgendwo zwischen Schnellschach und klassischem Schach angesiedelt war. Standesgemäß für eine Schach-Weltmeisterschaft war nur der Spielort, der Staatliche Kremlpalast in Moskau.

Der Versuch Iljumschinows, mit den neuen WM-Formaten weitere Schachfreunde zu gewinnen, war eine Anpassung an den Zeitgeist des ständigen Höher-Schneller-Weiter. Einer der Kritiker dieser Maßnahmen aus dem "Zeitalter der Fernbedienung" war Ernst Strouhal, der in der „Karl“-Ausgabe 02/2001 in einem Memorandum dargelegt hatte, warum dieser Plan zum Scheitern verurteilt sei. Kern seiner Argumentation war dabei, daß das Schach durch diese Reformen keine neuen Interessenten gewönne, da diese, wenn sie sich Ereignisse wünschten, die mit Schnelligkeit und Effekthascherei verbunden sind, dafür wesentlich bessere Alternativen wie „Poker, Black Jack oder Roulette“ vorfänden. Stattdessen würde der Schachsport gerade diejenigen verlieren, die das besondere Wesen des Schachs schätzen bzw., um es mit den Worten Strouhals auszudrücken, ein „Expertenpublikum“, das „obsessiv an seiner Ästhetik und seiner unzeitgemäßen Langsamkeit hängt“.

Insofern darf es nicht überraschen, daß das Niveau und die Qualität der gespielten Partien einschließlich des Finales von vielen Schachfreunden als einer WM unwürdig angesehen wurden. Zu diesen Kritikern gehörte auch Garri Kasparov, der die in Moskau geltende Bedenkzeitregelung dafür verantwortlich machte, daß sich mit Ponomarjow am Ende nicht der bessere Schachspieler durchgesetzt habe. So habe Ponomarjow sich darauf beschränken können, die Aktionen des für sein tiefgründiges Spiel bekannten Iwantschuks in Vertrauen auf seine Intuition und schnelle Auffassungsgabe abzublocken, für die Iwantschuk wiederum die Zeit gefehlt habe, so daß dieser bei seinen Aktionen entweder Fehler gemacht oder diese sich gar nicht erst zu spielen getraut habe: „We can only feel sorry for the great ideas that never got a chance to be realised“ (zit. nach Jörg Seidel, Metachess, zur Philosophie, Psychologie und Literatur des Schachs, Charlatan-Verlag Rostock 2009, S. 179). Insgesamt habe Moskau 2001/2002 gezeigt, daß eine solch drastische Bedenkzeitkürzung dazu führe, daß „nicht der an sich bessere Spieler gewinn[t], sondern derjenige verlier[t], der die meisten oder signifikantesten Fehler begeht“, und es habe „gemessen an den tradierten Werten“ eine „Wettbewerbsverzerrung“ stattgefunden. Diesen Gedanken führt Seidel in Interpretation der Kritik Kasparovs aus:

Junge und talentierte Spieler, deren Konditionierung noch nicht abgeschlossen und also flexibler ist, von der jugendlich rascheren Auffassungsgabe ganz abgesehen, verinnerlichen die neuen Regeln und werden ihnen schneller gerecht, spielen folglich, wenn schon nicht besser, so doch erfolgreicher. Man könnte darin auch eine apriorische und prozessuale Diskriminierung des Alters sehen, ein Prozess, ganz nebenbei, der sich gesamtgesellschaftlich längst etabliert zu haben scheint. Erfolg ist also auch kein Kriterium für Qualität! So geschehen - folgt man den kasparowschen Ausführungen - mit Ponomarjow, der scheinbar unbeeindruckt von der Autorität seines legendären Landsmannes, die Partie solange aussitzt, bis dieser den entscheidenden Fehler macht. Mit dieser außer- und antischachlichen Strategie, so intendiert Kasparow, kann man sich Kreativität ersparen, denn sie ist wesentlich destruktiv.
Seidel, S. 180f.

So despektierlich diese Kritik gegenüber dem jungen Weltmeister auch sein mag, der schließlich einen schönen Kurzsieg sowie einen schönen im Endspiel errungenen Kampfsieg gegen Iwantschuk erreicht hatte, und der durchaus nicht nur reagierte, sondern auch zu Bauernopfern und eigenen Aktionen bereit war, so ist es trotzdem richtig, daß diese WM-Formate, die zwischen 1999 und 2004 existierten, nicht immer den stärksten Spieler zum Titel beförderten, und was gerade im Schachsport, bei dem der WM-Titel eine traditionell so überragende Bedeutung innehat, besonders verwerflich gewesen war. Spieler wie Alexander Khalifmann oder Rustam Kasimjanov, die sich in dieser Zeit einen FIDE-WM-Titel sichern konnten, waren trotz ihres Titelgewinns weit davon entfernt, von der Schachwelt als Weltmeister im Wortsinne anerkannt zu werden. Und auch Ruslam Ponomarjow selbst hatte es trotz seines überragenden Talents schwer, sich überhaupt in den Top-Ten in der Weltrangliste zu behaupten. Heute hat er mit seinen 2709 Elopunkten jeden Anschluß an die absolute Weltspitze verloren. Kritiker munkeln, die Gründe, die Ponomarjow angab, warum er ein Jahr später zu dem Vereinigungskampf gegen Kasparow nicht bereit war, seien nur vorgeschoben. In Wirklichkeit habe der Ukrainer dem Match gegen Kasparov aus dem Weg gehen wollen. Die FIDE wiederum rückte 2005 von ihren Neuerungen ab, bis zum WM-Vereinigungskampf in Elista, der das Schisma in der Schachwelt überwand, sollte es noch ein weiteres Jahr dauern. KO-System und kurze Bedenkzeiten blieben zum Glück für die meisten Schachfreunde nur eine Episode in der Schachgeschichte.

[Event "FIDE WCh KO Final"]
[Site "Moscow RUS"]
[Date "2002.01.16"]
[EventDate "2002.01.16"]
[Round "1"]
[Result "1-0"]
[White "Ruslan Ponomariov"]
[Black "Vassily Ivanchuk"]
[ECO "C11"]
[WhiteElo "2727"]
[BlackElo "2717"]
[PlyCount "45"]

1. e4 e6 2. d4 d5 3. Nc3 Nf6 4. Bg5 dxe4 5. Nxe4 Be7 6. Bxf6
Bxf6 7. Nf3 O-O 8. Qd2 Be7 9. O-O-O Qd5 10. Nc3 Qa5 11. a3 Nd7
12. Kb1 Qb6 13. Qe3 Nf6 14. Ne5 Rd8 15. Bc4 Bd7 16. Bb3 Be8
17. Rhe1 Bf8 18. g4 Nd5 19. Qf3 c6 20. Ne4 Qc7 21. c4 Ne7
22. Ng5 Nc8 23. c5 1-0

[Event "FIDE WCh KO Final"]
[Site "Moscow RUS"]
[Date "2002.01.21"]
[EventDate "2002.01.16"]
[Round "5"]
[Result "1-0"]
[White "Ruslan Ponomariov"]
[Black "Vassily Ivanchuk"]
[ECO "C84"]
[WhiteElo "2727"]
[BlackElo "2717"]
[PlyCount "127"]

1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bb5 a6 4. Ba4 Nf6 5. O-O Be7 6. Re1 b5
7. Bb3 O-O 8. h3 Bb7 9. d3 d6 10. a3 Nb8 11. Nbd2 Nbd7 12. Nf1
Re8 13. Ng3 c6 14. Nh2 d5 15. Qf3 g6 16. Ba2 Bf8 17. Bg5 h6
18. Bd2 Bg7 19. Ng4 Nxg4 20. hxg4 Nc5 21. Rad1 Rc8 22. Nf1 Ne6
23. Qg3 Kh7 24. Nh2 f6 25. Nf3 c5 26. Qh2 Nd4 27. Nxd4 cxd4
28. c3 dxc3 29. bxc3 dxe4 30. dxe4 Qe7 31. a4 bxa4 32. Qh3
Red8 33. Qf3 Rc7 34. Bc1 Rcd7 35. Bb1 Qe6 36. Rxd7 Rxd7
37. Bc2 Bc6 38. Rd1 Qa2 39. Rxd7 Bxd7 40. Qd1 Bb5 41. Be3 Qc4
42. Kh2 Bc6 43. Qa1 Bf8 44. Bb1 a3 45. f3 Qb3 46. Qa2 Ba4
47. Kg3 Kg7 48. Qd2 g5 49. Ba2 Qb7 50. Qd3 Be8 51. Qd5 Qxd5
52. exd5 a5 53. c4 Bb4 54. c5 Kf8 55. Kf2 Bb5 56. c6 Ke7
57. Ba7 Kd8 58. Bb6+ Kc8 59. Ke3 a4 60. Ke4 Be2 61. Kf5 e4
62. Ke6 exf3 63. d6 Bxd6 64. Kxd6 1-0

[Event "FIDE WCh KO Final"]
[Site "Moscow RUS"]
[Date "2002.01.17"]
[EventDate "2002.01.16"]
[Round "2"]
[Result "1/2-1/2"]
[White "Vassily Ivanchuk"]
[Black "Ruslan Ponomariov"]
[ECO "D20"]
[WhiteElo "2717"]
[BlackElo "2727"]
[PlyCount "116"]

1. d4 d5 2. c4 dxc4 3. e4 Nf6 4. e5 Nd5 5. Bxc4 Nb6 6. Bd3 Nc6
7. Ne2 Bg4 8. f3 Be6 9. Nbc3 Bc4 10. Bxc4 Nxc4 11. O-O e6
12. a3 Qd7 13. Kh1 Be7 14. Qb3 Nb6 15. Be3 O-O 16. Rac1 a5
17. Rfd1 a4 18. Qc2 Rfd8 19. Nf4 Ra5 20. Qe4 g6 21. Qc2 Qe8
22. Qe2 Rd7 23. Rc2 Nd5 24. Ncxd5 exd5 25. Rdc1 f6 26. Nd3
fxe5 27. dxe5 d4 28. Bh6 g5 29. Rxc6 bxc6 30. Rxc6 Bd6 31. f4
Rf7 32. Rc1 Rxf4 33. Nxf4 Rxe5 34. Qc4+ Qf7 35. Nd3 Rf5
36. Qxf7+ Kxf7 37. h4 gxh4 38. Kg1 Ke6 39. Rc4 h3 40. gxh3 Kd5
41. Rxa4 Ke4 42. Nf2+ Kf3 43. Rxd4 Bc5 44. Rd2 Rf6 45. Bg5 Rg6
46. Kf1 Rxg5 47. Rd3+ Kf4 48. Rc3 Bb6 49. b4 Rd5 50. Rd3 Rf5
51. Nd1 c5 52. Nc3 cxb4 53. axb4 Ke5+ 54. Ke1 Rf4 55. Rd5+ Ke6
56. Rb5 Bc7 57. Nd5 Re4+ 58. Kf2 Bd6 1/2-1/2

[Event "FIDE WCh KO Final"]
[Site "Moscow RUS"]
[Date "2002.01.19"]
[EventDate "2002.01.16"]
[Round "4"]
[Result "1/2-1/2"]
[White "Vassily Ivanchuk"]
[Black "Ruslan Ponomariov"]
[ECO "D20"]
[WhiteElo "2717"]
[BlackElo "2727"]
[PlyCount "100"]

1. d4 d5 2. c4 dxc4 3. e4 Nf6 4. e5 Nd5 5. Bxc4 Nb6 6. Bb3 Nc6
7. Ne2 Bf5 8. Nbc3 e6 9. O-O Qd7 10. Be3 O-O-O 11. Qc1 Nb4
12. Rd1 Kb8 13. Nf4 c6 14. Qd2 h5 15. Qe2 h4 16. Rac1 Be7
17. a3 N4d5 18. Nd3 f6 19. Bd2 Bxd3 20. Qxd3 f5 21. Ne2 g5
22. Bc2 g4 23. b4 Rdf8 24. Rf1 Qd8 25. f4 gxf3 26. gxf3 Rfg8+
27. Kh1 h3 28. f4 Rg2 29. Rf3 Qg8 30. Rg3 Rxg3 31. hxg3 h2
32. Rf1 Qg4 33. Rf2 Qh5 34. Bb3 Nc7 35. Qf3 Qh3 36. Rg2 Nbd5
37. Qf2 Nb5 38. Bxd5 cxd5 39. a4 Na3 40. Rxh2 Qxh2+ 41. Qxh2
Rxh2+ 42. Kxh2 Nc4 43. Bc3 Kc7 44. Kh3 b5 45. axb5 Kb6 46. Be1
Ne3 47. Bd2 Nc4 48. Be1 Ne3 49. Bd2 Nc4 50. Be1 Ne3 1/2-1/2