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Thema: Sturm aus dem Osten - Michail Tschigorin mischt Europa auf

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    Sturm aus dem Osten - Michail Tschigorin mischt Europa auf



    Er war einer der heißesten Anwärter auf die Schachkrone während der Regentschaft von Wilhelm Steinitz; in den ersten Jahren nach Steinitz´ Entthronung durch den 26jährigen Lasker war er Teil der das Weltschach dominierenden Pentarchie; mit seiner Schachphilosophie gehörte er zu den Gegenspielern von Steinitz und dessen wissenschaftlichen Positionen, die er allerdings begründet vortrug und somit die Schachevolution, die sich wie alle Wissenschaften gerade im Meinungsstreit weiterentwickelt, auf höhere Ebenen trug; er löste in seiner Heimat Rußland ein Schachfieber aus und stand in der Sowjetunion post mortem als Pate der legendären Sowjetischen Schachschule zur Verfügung. Sein Name ist Michail Iwanowitsch Tschigorin (1850 - 1908), ein Riese in jeder Hinsicht, um den es hier gehen soll, indem seine schachliche Biographie gezeichnet wird und seine besonderen Verdienste um das Schachspiel herausgearbeitet werden.

    Sein Leben begann in einem russischen Waisenhaus in Gatschina, 50 km südlich von Sankt Petersburg und zu dem gleichnamigen Oblast gehörig, unter ungünstigen Vorzeichen. Wiewohl eine solche Örtlichkeit in Rußland abgesehen vom Schmerz aufgrund des frühen Todes der Eltern in diesen Zeiten kein Vergnügen gewesen sein kann, kam er in dem Waisenhaus aber mit dem Schachspiel in Berührung, das er mit 18 Jahren verließ. Die Quellen besagen, daß er sich erst als junger Mann rund um sein 24. oder 25. Lebensjahr mit dem Schachspiel wieder zu beschäftigen begann, das er neben der Befriedigung seiner Leidenschaft auch zum Gelderwerb nutzte, da er im Sankt Petersburger Café Domenika regelmäßig um Geldeinsätze spielte. Nach André Schulz kam der Durchbruch 1873, wo er den deutschstämmigen Schachmeister Emanuel Schiffers kennenlernte, der sein erster Schachlehrer wurde (vgl. André Schulz, Das große Buch der Schachweltmeisterschaften, New in Chess 2015, S. 22). Es ist auch eine Partie Tschigorins gegen Schiffers aus dem Jahre 1879 überliefert (Partie, siehe Anhang), wo Tschigorin ein Sieg im schönsten Stile gelang. Zudem ergab es sich, daß der Pole Szymon Winawer auf seiner Rußland-Tournee rund um das Sankt-Petersburger-Turnier von 1875 auf Tschigorin traf, dessen Begabung erkannte und fortan als dessen Förderer in Erscheinung trat. So wurde der Grundstein für die späteren Erfolge dieses Spätzünders gelegt.

    Endgültig vom Schachvirus befallen, wurde Schach in seinem Leben die alles andere dominierende Beschäftigung, dem er sich mit Leib und Seele verschrieb. Als Freund der Lukubration schätzte er bei seinen schachlichen Arbeiten, die sich entweder auf das Publizieren schachlicher Artikel z. B. für seine Schachzeitschrift Schachmatny Lystok, später der Schachmatny Vestrik (Schulz, ebd.), für Kolumnen in russischen Tageszeitungen oder auf das schachtheoretische Studium bezogen, die kontemplative Stille der Nacht. Davon zeugt das Bonmot von Jacques Mieses, Tschigorins Lebenswandel sei in Bezug auf Mahlzeiten von großer Pünktlichkeit geprägt: „Frühstück um acht, Mittagessen um zwölf, Abendessen um sieben. Und das hieß natürlich: Frühstück um acht Uhr abends, wenn er aufstand, Mittagessen um Mitternacht und Abendessen um sieben Uhr morgens.“ (Schulz f.)

    1881 begann Michail Tschigorin, nachdem er im eigenen Land zwei Jahre zuvor die erste russische Landesmeisterschaft für sich entscheiden konnte, mit dem Turnier in Berlin sein Debüt auch auf der internationalen Turnierebene, das Harold C. Schonberg lapidar damit beschrieb, Tschigorin, habe „kaum im Westen aufgetaucht, seine Gegner reihenweise um[ge]legt“ (Harold C. Schonberg, Die Großmeister des Schach, Fischer-Verlag 1974, S. 105.) Auf jeden Fall gehörte er durch sein starkes Debüt in Berlin zu den Spielern, die fast wie Pillsbury mit seinem Triumph in Hastings 1895 oder Capablanca mit seinem Triumph in San Sebastian 1911 auf einem Schlag in die etablierte Phalanx der Schachrecken eindrang. In diesem Weltklasseturnier, das „black death“ Blackburne mit drei Punkten Differenz vor Zukertort für sich entscheiden konnte, schaffte es der Gast aus dem Osten zusammen mit seinem Freund und Förderer Winawer auf Anhieb auf den geteilten dritten Platz. Eine ähnliche Plazierung erreichte er mit dem 4. Platz beim Schachturnier in London 1883, einem Turnier, dem schachhistorisch die Bedeutung zukommt, daß der ungeheure Triumph von Johannes Zukertort, der überlegen mit drei Punkten vor Wilhelm Steinitz ins Ziel gelangte, wohl in erster Linie die erste offizielle Schachweltmeisterschaft von 1886, d. h. dem erstmals offiziell als Kampf um die Weltmeisterschaft deklarierten Zweikampf in den USA, zwischen Steinitz und Zukertort ermöglichte. 1889 konnte er mit New York City, dem „sechsten Amerikanischen Schachkongreß“, endlich einen Turniersieg landen. Zwar mit dem Ungarn Max Weiss geteilt und durch zwei Niederlagen gegen Isidor Gunsberg, einem späteren Herausforderer Steinitz´ um die Weltmeisterschaft, überschattet, zeigte er in dieser Marathonveranstaltung, die mit 20 Spielern und dem doppelrundigen Modus ähnlich kräfteverzehrend war wie etwa das von Tarrasch vor Pillsbury gewonnene Kaiserjubiläumsturnier in Wien 1898, mit 29/40 Punkte seine besonderen Fähigkeiten auf konstantem, konditionell bestechendem und kontinuierlichem Niveau, was für ihn selbst ein überaus wichtiger Sieg gewesen war, da Wilhelm Steinitz, den die Schachfreunde von Havanna darum gebeten hatten, einen Weltmeisterschaftskampf in Havanna zu bestreiten, sich den Russen als Herausforderer aussuchte. Evtl. hatte sich Tschigorin durch seinen Sieg ohnehin die Berechtigung für die Herausforderung an Steinitz erspielt, ein Status des Turniers als WM-Qualifikationsturnier ist umstritten, wobei hier sogar die Bedingung vorliegen könnte, die ersten drei Spieler aus dem Turnier, d. h. Tschigorin, Weiss und Isidor Gunsberg, hätten sich das Herausforderungsrecht an Steinitz erkämpft (ebd.). Gunsberg und Tschigorin kämpften bekanntlich später gegen Steinitz um die Schachkrone, während Weiss, vielleicht, weil er sich gegenüber Steinitz als chancenlos wähnte, verzichtet habe (ebd.).

    Vielleicht waren es die beiden Niederlagen gegen Isidor Gunsberg, die Tschigorin dazu motivierten, gegen Gunsberg einen Zweikampf zu bestreiten, der, was die Länge angeht, durchaus mit einer Schachweltmeisterschaft konkurrieren konnte. Gunsberg kam dieser Zweikampf ohnehin gelegen, da er dieses Training für einen späteren Kampf gegen Wilhelm Steinitz gut gebrauchen konnte, den er noch im selben Jahre zu einem WM-Duell herausforderte. Der in London lebende Gunsberg, dem nachgesagt wurde, Wilhelm Steinitz mit dessen eigenen Waffen besiegen zu wollen (was später auch dem jungen Emanuel Lasker nachgesagt wurde), der zudem mit dem „Mephisto“ einen eigenen Schachautomaten entwickelt hatte und diesen bei Turnieren antreten ließ, wobei er diesen selbst bedient habe (Schulz, S. 25f.), war einer der stärksten Spieler in dieser Zeit, strahlte aber nie in so hellem Lichte wie der Russe Tschigorin. Dies mag an seinem nüchternen Positionsspiel gelegen haben, das effektmäßig natürlich einen scharfen Kontrast zu dem wildromantischen und ideenreichen Spiel Tschigorins bildete. Über den Zweikampf, der schließlich mit einem 9:9 bei fünf Remisen endete, urteilte Kasparov, dessen Sympathien wenig überraschend seinem mit ihm stilistisch verwandten Landsmann galten und der seiner Einschätzung ein Aljechin-Zitat über Tschigorin anhing:

    Umso mehr verwundert die Tatsache, dass das Duell insgesamt unentschieden endete. Dies mag wohl am Phänomen Tschigorin selbst gelegen haben. Sein Spiel war wesentlich interessanter, klarer und stärker als das seines Gegners. Doch seine zaghaften Einschätzungen einiger Positionen sowie zahlreiche grobe Fehler machten es ihm im Endeffekt unmöglich, von seiner Überlegenheit zu profitieren. Trotzdem galt er Ende der 80-er Jahre des 19. Jahrhundert als der stärkste Gegner des Weltmeisters. „Er lässt sich nur schwer in die Reihe der großen Schachmeister des 19. Jahrhunderts eingliedern, er war eine ganz außergewöhnliche Persönlichkeit. Tschigorin verfügte über eine große Begabung, vielleicht war er ein wahres Genie. Zeitweilig ist die Tiefe seiner Ideen den normalen Sterblichen unzugänglich“ (Aljechin)
    Garri Kasparov, Meine großen Vorkämpfer, Band 1, Edition Olms 2006, S. 84

    Drei Jahre später vereinbarten Tschigorin und Siegbert Tarrasch in Sankt Petersburg einen ähnlich anspruchsvollen Zweikampf, der abermals bei einem Spielstand von 9:9 bei vier Remisen mit einem Unentschieden endete. Doch zweimal ging es für Tschigorin direkt um die Krone. 1889 und 1892 spielte er mit Wilhelm Steinitz in Havanna um die Weltmeisterschaft. Havanna war damals eines der beliebten Schachzentren in der Neuen Welt und galt als attraktiver Spielort. Erst 1921 sollte Emanuel Lasker diesen Spielort in Umkehrung dessen Vorzüge diskreditieren, da er die Verantwortung für seine klare Niederlage gegen Capablanca der Hitze zuschob.

    Die Kämpfe zwischen Steinitz und Tschigorin waren für die Schachwelt zum einen als Zweikampf an sich, aber auch als eine Art Kampf der Schachschulen interessant. Wilhelm Steinitz´ diesbezügliche Bedeutung als Begründer des modernen Schachs, der diesem die Wissenschaftlichkeit gegeben hatte, ist klar. Durch Untersuchungen und der langjährigen Verbindung von Theorie und Praxis hatte Steinitz das Schach auf eine wissenschaftliche Basis gestellt und eine Reihe an Stellungsmerkmalen in Form der sieben Steinitzschen Elemente sowie an „objektiven“ Kriterien herausgearbeitet, wie das Schachspiel angelegt und wie in konkreten Stellungen zu spielen sei. Wie sehr diese neue Wissenschaftlichkeit gegenüber dem Schach Not tat, zeigt ein zeitgenössischer Artikel der New York Times während der WM zwischen Steinitz und Zukertort nur drei Jahre zuvor, in dem der Redakteur versuchte, beim Leser mit den nunmehr veralteten Methoden Interesse zu wecken:

    ... dann floß das erste Blut: Steinitz eroberte den weißen Königsbauern mit seinem Springer und sagte nochmals Schach. Doch schon wurde das mutige schwarze Pferd von einem simplen weißen Bauern hinweggemetzelt, und dieser wiederum erhielt den Todesstoß von einem Läufer im schwarzen Gewande, welcher dem Befehl Steinitz´ unterstand, den nun seine schwere Artillerie auf dem Flügel verstärkte.
    Schonberg, S. 103

    Über die Bedeutung von Tschigorin freilich irrte sich Steinitz, der nach seinem ersten Sieg 1889 gegen Tschigorin bei einem Ergebnis von 10:6 bei nur einem Remis geäußert hatte: „Es war das Match zwischen dem alten Meister der jungen Schule und dem jungen Meister der alten Schule, und die junge Schule setzte sich schließlich durch. Das Alter des Spielers war dabei nicht von Bedeutung. [...]“ (Kasparov, S. 85) Denn Tschigorin war nicht ein Vertreter der alten wildromantischen Schule, sondern der spätere Pate der Sowjetischen Schachschule gewesen, der die wissenschaftlichen Prinzipien von Steinitz nicht per se leugnete, sondern lediglich deren Absolutheit anzweifelte und der Ansicht war, es gäbe noch wesentlich mehr Ausnahmen, die durch das enge Steinitzsche Korsett dem Zugriff des Spielers verborgen blieben, hielte er sich streng an Steinitz´ System. Man könnte hier auch von einem Exponenten des Dritten Weges sprechen. Tschigorin war selbst ein tiefgründiger bewußter Theoretiker, wobei auch bei ihm die Theorie weit über einzelne Eröffnungssysteme hinausging. Er wußte, was er tat, und er verfaßte Grundsätze, die der Form nach wie bei Steinitz an ein Manifest erinnerten:

    Nicht irgendeiner Schule mich angehörig fühlend, ließ ich mich nicht von abstrakten theoretischen Überlegungen über die relative Stärke der Figuren leiten, vielmehr einzig und allein von jenen Merkmalen, die sich mit in der einen oder anderen Partiestellung, die mir als Gegenstand einer eingehenden und möglichst genauen Analyse diente, zeigten. Jede meiner Züge [in seinem Telegraphenduell gegen Steinitz] stellte einen abgeleiteten Schluss in seiner Reihe von Varianten dar, in denen die theoretischen Spielprinzipien [...] nur eine äußerst begrenzte Bedeutung besitzen konnten.
    Isaak Lipnitzky, Fragen der modernen Schachtheorie, Quality Chess 2008, S. 77

    Und in einer Kritik an blindem Autoritätsglauben hinsichtlich als etabliert geltender Eröffnungssysteme äußerte sich Tschigorin:

    In Schachbüchern und -memoiren, wie auch in Gesprächen, begegnen wir andauernd Phrasen wie ´theoretisch´, ´dies und das wäre mehr im Einklang mit der Theorie´ usw. In diesen Fällen bezieht sich der Begriff theoretisch im allgemeinen auf Züge, die weithin anerkannt und wiederholt gespielt werden, Züge, von denen ich zu sagen wage, dass sich ihre Überprüfung mehr lohnt als andere.

    In Wirklichkeit ist es möglich, in beinahe allen Eröffnungen Züge zu finden, die nicht schlechter als die theoretischen sind, wenn ein starker und erfahrener Spieler in der Lage ist, sie als Ausgangspunkt einer vollständigen taktischen Unternehmung zu machen, Schach ist, allgemein ausgedrückt, viel reichhaltiger, als man auf Grundlage der existierenden Theorie annehmen sollte, die es nur in bestimmte enge Formen zu pressen versucht!
    Ebd. S. 190f.

    Vertreter der Sowjetischen Schachschule, zu denen auch Lipnitzky selbst gehörte, der Steinitz´ Auffassungen im Kern als „scholastisch“ (ebd. S. 77) auslegte, haben sich immer wieder auf das Erbe Tschigorins berufen, deren eigene Richtlinien tatsächlich an das Schaffen Tschigorins erinnerten. Dies wird deutlich an einem Ausspruch von Pjotr Romanowski:

    Ausgesprochen konkret in Planung, Klarheit und Umsetzung der Ziele; präzise und weit reichende Berechnung; ein hohes technisches Niveau und mutiger Einfallsreichtum; Abkehr von routinemäßigem und stereotypen Spiel - dies sind die Charakteristiken des kreativen Stils der Vertreter der Sowjetischen Schachschule
    Ebd. S. 82

    Da die Sowjetische Schachschule mit der Zeit den nach seiner Flucht aus Sowjetrußland 1921 lange Zeit als Verräter gebrandmarkten Alexander Aljechin aufnahm, was mit Stalins Hinwendung zum im Vergleich zum Sowjetsozialismus wesentlich mobilitätswirksameren russischen Patriotismus korrespondierte, kann in diesem Zusammenhang auch von der Russischen Schachschule gesprochen werden. So haben sich seit der Aufnahme Aljechins ins sowjetische Schacherbe die Begrifflichkeiten verwischt, schachstilistisch und -theoretisch bedeuten beide Begriffe aber dasselbe. Für die Tiefe seiner schachlichen Überlegungen steht die Tschigorin-Verteidigung 1. d4 d5 2. c4 Sc6, deren Ideen sich erst auf dem zweiten Blick offenbaren. Einen Ansatz leistete Valeri Bronznik, der die Vorzüge von Tschigorins Strategie wie folgt herausarbeitete:

    Schwarz entwickelt seinen Springer und greift zugleich den Bd4 an. Außerdem unterstützt der Sc6 die Zentrumsaktion ...e7-e5. Der Damenläufer bleibt frei und ist bereit, im Falle von Sg1-f3 nach g4 zu kommen, um den Druck auf d4 zu erhöhen. Und schon jetzt, nach nur zwei Eröffnungszügen, hat Schwarz Entwicklungsvorteil.

    Und was die zweite Möglichkeit von 1. d4 d5 2. c4 Sc6!? betrifft, so kann Schwarz im nächsten Zug mit ...Lg4 einen aktiven Kampf ums Zentrum beginnen.

    Die schwarze Spielweise ist so aggressiv, daß ich, ehrlich gesagt, nicht verstehe, warum man diese Eröffnung als „Verteidigung“ bezeichnet, und deswegen würde ich vorschlagen, sie als Gegenangriff zu betrachten.
    Darüberhinaus ist er der Kreator einer der in der Spanischen Partie bis heute beliebten Variante, der Tschigorin-Variante, die auf dem schwarzen Strategem basiert, nach 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. La4 Sf6 5. 0-0 Le7 6. Te1 b5 7. Lb3 0-0 8. c3 d6 9. h3 Sa5 a tempo den Lb3 „anzugreifen“, um gleichzeitig die Situation auf der c-Linie zügig zu klären. Auch die Tschigorin-Variante in der Französischen Partie 1. e4 e6 2. De2 geht auf seine Urheberschaft zurück, wobei mit diesem System zumeist in den Königsindischen Angriff, d. i. Königsindisch im Anzug, übergegangen wird. Was Tschigorins Außenwirkung im Schachleben Rußlands anging, so erzeugte vor allem sein Sieg im Telegraphenmatch gegen Steinitz in seinem Land ein sprichwörtliches Schachfieber, was Tschigorin selbst durch allerlei Vorträge und Schachveranstaltungen am Leben hielt. 1895/96 organisierte er diesbezüglich mit St. Petersburg ein bedeutendes Schachturnier mit geladener Pentarchie (Lasker, Steinitz, Tarrasch, Pillsbury und ihm selbst), das nach der Absage Tarraschs als Viermeisterturnier sechsrundig ausgetragen und von Lasker gewonnen wurde.

    Natürlich hatte Tschigorin auch Schwächen, so etwa trotz aller Tiefe seiner Ideen eine unfreiwillige Neigung zu unnötigen Fehlern und eine gewisse Nervenschwäche, so etwa, als er beim Rematch gegen den alternden Steinitz 1892 durchaus hätte gewinnen können, beim Stand von 8:8 aber die letzten beiden Partien verlor, wobei vor allem die letzte Partie, als Tschigorin in Gewinnstellung in ein zweizügiges Matt lief und damit den Bock seines Lebens schoß, bei seinen Anhängern für lähmendes Entsetzen sorgte. Als es nach der Entthronung von Steinitz durch Lasker 1894 neben den beiden Duellanten noch Tarrasch und Tschigorin gab, die in den Augen der Schachwelt als mögliche Weltmeister in Frage kamen und die praktisch veranlagten Engländer im Badeort Hastings 1895 ein Turnier mit geladenem Führungsquartett aus dem Boden stampften, brach Tschigorin als Führender in den letzten beiden Runden erneut ein, wobei vor allem die Partie gegen David Janowski jenseits jeder Kritik war. Somit blieb Tschigorin, der sich den Turniersieg so kurz vor Schluß von dem jungen Überraschungssieger Harry Nelson Pillsbury aus den Vereinigten Staaten noch entreißen ließ, und der bislang durch hervorragendste Siege nur positiv aufgefallen war, auch hier nur die Rolle des Meisters der Herzen, während Pillsburys Überraschungssieg wiederum schachhistorisch das Zeitalter der Pentarchie markierte. Doch um die Weltmeisterschaft sollte Tschigorin nicht mehr mitspielen, der seit seinem mit dem Schachkometen Rudolf Charousek gemeinsam errungenen Sieg in Budapest 1896 „zweifellos bereits auf der absteigenden Lebenslinie“ (Milan Vidmar, Goldene Schachzeiten, Gruyter & Co, Berlin 1961, S. 54) gewesen war. Dazu paßt, daß ihm mit der Zeit ein Krebsleiden überfiel und dem er 1908 im bereits fortgeschrittenem Stadium erliegen sollte.

    Um diesen Artikel mit einer etwas metaphysischeren Sicht auf Michail Tschigorin zu beschließen, so sollte Milan Vidmar zu Wort kommen gelassen werden, der seine eigenen Eindrücke schildert, wie das Auftreten des Gastes aus dem Osten auf der internationalen Schachbühne auf ihn persönlich gewirkt hat:

    Der große russische Meister hatte für meine Augen etwas Unheimliches in seinem Spiel. Ich stelle ihn, wenn ich Schach und Musik nebeneinander einherlaufen lasse, was ich in meinen Gedanken oft und gern tue, neben Tschaikowsky, dessen Symphonien für mich auch etwas Unheimliches enthalten.
    Ebd.

    [Event "Chigorin - Schiffers Third Match"]
    [Site "St. Petersburg RUS"]
    [Date "1879.04.24"]
    [EventDate "1879.03.06"]
    [Round "9"]
    [Result "1-0"]
    [White "Mikhail Chigorin"]
    [Black "Emmanuel Schiffers"]
    [ECO "C68"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "65"]

    1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bb5 a6 4. Bxc6 dxc6 5. d3 Bc5 6. Nc3
    Bg4 7. h3 Bxf3 8. Qxf3 Ne7 9. Ne2 O-O 10. g4 Qd7 11. Be3 Bb4+
    12. Kf1 Rad8 13. Ng3 Qe6 14. h4 a5 15. Rg1 Kh8 16. Nf5 g6
    17. a3 Bd6 18. Ke2 gxf5 19. gxf5 Qd7 20. Bh6 Rg8 21. Bg5 Rxg5
    22. hxg5 c5 23. Rh1 Ng8 24. f6 Bf8 25. Rh3 c4 26. Rah1 cxd3+
    27. cxd3 h6 28. g6 fxg6 29. f7 Ne7 30. Rxh6+ Bxh6 31. f8=Q+
    Rxf8 32. Qxf8+ Ng8 33. Rxh6+ 1-0

    [Event "USA-06.Congress New York (23-2)"]
    [Site "New York, NY USA"]
    [Date "1889.04.25"]
    [EventDate "?"]
    [Round "23.1"]
    [Result "1-0"]
    [White "Mikhail Chigorin"]
    [Black "William Henry Krause Pollock"]
    [ECO "C51"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "73"]

    1.e4 e5 2.Nf3 Nc6 3.Bc4 Bc5 4.b4 Bxb4 5.c3 Bc5 6.O-O d6 7.d4
    exd4 8.cxd4 Bb6 9.Nc3 Na5 10.Bg5 f6 11.Bf4 Nxc4 12.Qa4+ Kf7
    13.Qxc4+ Be6 14.d5 Bd7 15.Ne2 Qe8 16.a4 Ne7 17.Be3 Ng6 18.Bxb6
    cxb6 19.Qb4 Qe7 20.Ng3 Rhc8 21.Nd4 Rc5 22.f4 Rac8 23.Qd2 Rc4
    24.Ne6 Nh4 25.Qd1 Bxe6 26.dxe6 Kg8 27.Qg4 Ng6 28.Nf5 Qc7 29.e7
    Kf7 30.Rad1 Qc5+ 31.Kh1 Rc6 32.e5 fxe5 33.Nxd6+ Rxd6 34.fxe5
    Rf6 35.e8=Q+ Kxe8 36.Qd7+ Kf8 37.exf6 1-0

    [Event "Chigorin - Gunsberg"]
    [Site "Havana CUB"]
    [Date "1890.01.03"]
    [EventDate "1890.01.01"]
    [Round "2"]
    [Result "0-1"]
    [White "Isidor Gunsberg"]
    [Black "Mikhail Chigorin"]
    [ECO "C77"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "84"]

    1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bb5 a6 4. Ba4 Nf6 5. d3 d6 6. c3 g6
    7. Nbd2 Bg7 8. Nf1 O-O 9. h3 d5 10. Qe2 b5 11. Bc2 d4 12. g4
    Qd6 13. N1d2 Be6 14. cxd4 Nxd4 15. Nxd4 Qxd4 16. Nf3 Qb4+
    17. Kf1 Qd6 18. b3 c5 19. Bb2 Nd7 20. Ng5 Nb8 21. Nxe6 fxe6
    22. Kg2 Ra7 23. Rhf1 Raf7 24. f3 Nc6 25. Qd2 Rf4 26. Rad1 Qe7
    27. Qe1 Bf6 28. Qe2 Bh4 29. Bb1 h5 30. a3 hxg4 31. hxg4 Qg5
    32. Kh3 R8f7 33. Rc1 Qh6 34. Kg2 Rh7 35. Rh1 Rxf3 36. Qxf3
    Qd2+ 37. Kg1 Bf2+ 38. Kf1 Nd4 39. Bxd4 Qxc1+ 40. Ke2 Rxh1
    41. Bxf2 Qxb1 42. g5 Qf1+ 0-1

    [Event "Hastings"]
    [Site "Hastings ENG"]
    [Date "1895.08.05"]
    [EventDate "1895.08.05"]
    [Round "1"]
    [Result "1-0"]
    [White "Mikhail Chigorin"]
    [Black "Harry Nelson Pillsbury"]
    [ECO "C30"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "101"]

    1. e4 e5 2. f4 Bc5 3. Nf3 d6 4. Bc4 Nc6 5. Nc3 Nf6 6. d3 Bg4
    7. h3 Bxf3 8. Qxf3 Nd4 9. Qg3 Nxc2+ 10. Kd1 Nxa1 11. Qxg7 Kd7
    12. fxe5 dxe5 13. Rf1 Be7 14. Qxf7 Kc8 15. Bg5 Rf8 16. Qe6+
    Kb8 17. Bh6 Re8 18. Qxe5 Nd7 19. Qh5 Nb6 20. Bd5 a6 21. Kd2
    Nxd5 22. Nxd5 Rg8 23. g4 Bb4+ 24. Nxb4 Qd4 25. Nc2 Nxc2
    26. Kxc2 Rg6 27. Bd2 Rd6 28. Rf3 Qa4+ 29. Kc1 Qxa2 30. Bc3 Rc6
    31. Qxh7 b5 32. Qe7 Qb3 33. Kd2 a5 34. Rf5 Kb7 35. Rc5 Raa6
    36. g5 Rxc5 37. Qxc5 Rc6 38. Qd5 Qa4 39. g6 b4 40. g7 bxc3+
    41. bxc3 Qa3 42. g8=Q Qxc3+ 43. Ke2 Qc2+ 44. Kf3 Qd1+ 45. Kg3
    Qg1+ 46. Kh4 Qf2+ 47. Kh5 Qf3+ 48. Qg4 Qf6 49. Qgf5 Qh6+
    50. Kg4 Qg7+ 51. Qg5 1-0

    [Event "Vienna"]
    [Site "Vienna AUT"]
    [Date "1898.06.14"]
    [EventDate "1898.??.??"]
    [Round "10"]
    [Result "1-0"]
    [White "Mikhail Chigorin"]
    [Black "Horatio Caro"]
    [ECO "C29"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "71"]

    1. e4 e5 2. Nc3 Nf6 3. f4 d5 4. d3 Bb4 5. fxe5 Nxe4 6. dxe4
    Qh4+ 7. Ke2 Bxc3 8. bxc3 Bg4+ 9. Nf3 dxe4 10. Qd4 Bh5 11. Ke3
    Bxf3 12. Bb5+ c6 13. gxf3 Qh6+ 14. Kxe4 Qg6+ 15. Ke3 cxb5
    16. Ba3 Nc6 17. Qd5 Qxc2 18. Rac1 Qf5 19. Rhe1 Rd8 20. Qxb5 a6
    21. Qb1 Qg5+ 22. f4 Qg2 23. Bd6 Qh3+ 24. Ke4 f5+ 25. Kd5 Qg2+
    26. Kc4 b5+ 27. Kd3 Qf3+ 28. Kc2 Qf2+ 29. Kb3 Rc8 30. Rc2 Qxf4
    31. Kb2 Na5 32. Ka1 Qc4 33. e6 Nc6 34. Qd1 h5 35. Rg1 Rh7
    36. Rxg7 1-0

    [Event "London"]
    [Site "London ENG"]
    [Date "1899.07.01"]
    [EventDate "1899.05.30"]
    [Round "24"]
    [Result "1-0"]
    [White "Mikhail Chigorin"]
    [Black "Carl Schlechter"]
    [ECO "C33"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "33"]

    1. e4 e5 2. f4 exf4 3. Bc4 Nf6 4. Nc3 Nc6 5. Nf3 Bb4 6. O-O
    O-O 7. e5 Ng4 8. d4 d6 9. h3 Ne3 10. Bxe3 fxe3 11. Nd5 Ba5
    12. exd6 Qxd6 13. Ng5 Qg6 14. Nxf7 Rxf7 15. Ne7+ Nxe7
    16. Bxf7+ Qxf7 17. Rxf7 1-0

    [Event "Kiev"]
    [Site "Kiev"]
    [Date "1903.??.??"]
    [EventDate "?"]
    [Round "?"]
    [Result "1-0"]
    [White "Mikhail Chigorin"]
    [Black "Eugene Aleksandrovich Znosko-Borovsky"]
    [ECO "C31"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "61"]

    1. e4 e5 2. f4 d5 3. exd5 e4 4. Bb5+ c6 5. dxc6 Nxc6 6. d4
    Qa5+ 7. Nc3 Bb4 8. Bd2 Nf6 9. a3 Bxc3 10. Bxc6+ bxc6 11. Bxc3
    Qc7 12. Ne2 Ba6 13. Qd2 O-O 14. Ba5 Qd7 15. O-O-O e3 16. Qe1
    Ne4 17. Nc3 Nf2 18. Qxe3 Nxh1 19. Rxh1 Rfe8 20. Qf2 Qf5
    21. Bb4 Re6 22. Qf3 Rae8 23. g4 Qf6 24. Qf2 Re3 25. d5 cxd5
    26. Nxd5 Qc6 27. Rd1 Re2 28. Qc5 Qg6 29. Ne7+ R8xe7 30. Rd8+
    Re8 31. Qf8+ 1-0
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  2. #2
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    AW: Sturm aus dem Osten - Michail Tschigorin mischt Europa auf

    Zuerst einmal Glückwunsch zu dem Thread. Da ich mich sehr für Schachgeschichte interessiere, habe ich den Beitrag mit gröβter Aufmerksamkeit gelesen.

    Allerdings ist Dir ein Fehler bei der Auswahl des Fotos unterlaufen: es zeigt nicht Tschigorin, sondern Rasputin.

    Eine weitere Schwäche Tschigorins, die ihm besonders in den beiden WM-Wettkämpfen gegen Steinitz zum Verhängnis wurde, war seine Einseitigkeit:

    Tschigorin war ein begnadeter Angriffsspieler, der in offenen Stellungen glänzte, in denen er die Initiative hatte, z.B. Partien, die mit dem Evans-Gambit (mit Weiβ) oder dem Zweispringerspiel im Nachzug (mit Schwarz) begannen.
    Seine Behandlung der geschlossenen Stellungen gegen Steinitz kann man - für einen Spieler seines Niveaus - nur als katastrophal bezeichnen:

    In dem ersten Wettkampf (1889) eröffnete Steinitz seine 8 Weiβpartien mit 1.Sf3 mit Übergang ins Damengambit und erzielte +7, =0, -1. Dies war entscheidend; Steinitz gewann nicht nur nahezu alle Partien, er siegte auch sehr leicht.

    Den 2. Wettkampf (1892) machte Steinitz, der immer für seine Prinzipien eintrat, spannend: Nachdem er zuerst mit Spanisch sehr erfolgreich war (insgesamt +3, =1, -0), lieβ er sich viermal mit Weiβ auf das Zweispringerspiel im Nachzug ein und erzielte nur +1, =0, -3. In diesen Stellungen war er Tschigorin einfach nicht gewachsen.
    Erst als der Verlust seines Weltmeistertitels drohte (Sieger wurde der Spieler, der zuerst 10 Partien gewann), stieg Steinitz auf geschlossene Eröffnungen um (die Partien 18, 20 und 22) und siegte erneut mit einer geradezu erschreckenden Leichtigkeit; Tschigorin wirkte in diesen Stellungen regelrecht hilflos. Dagegen war er mit Weiβ sehr erfolgreich (Evans-Gambit +4, =3, -1).

    Ich glaube, dass Steinitz auch 1892 sicherer gewonnen hätte, wenn er von Anfang an geschlossen eröffnet hätte oder bei Spanisch geblieben wäre.

    Es ist erstaunlich, dass Tschigorin 3 Jahre nach seinem Schwarz-Fiasko 1889 immer noch Steinitz im Damengambit so unterlegen war. In den Jahren danach arbeitete Tschigorin an dieser Schwäche und verbesserte sein Spiel, aber wirklich überzeugend war er in geschlossenen Stellungen nie.

    Ich glaube auch nicht, dass die Tschigorin-Variante im geschlossenen Spanier von ihm erfunden/entwickelt wurde:
    Die älteste Partie mit dieser Variante, die in groβen Datenbanken zu finden ist, ist Tarrasch-Schlechter, Monte Carlo 1902. Möglicherweise hat - gemäβ GM Mihail Marin - Schlechters Niederlage dazu geführt, dass die Variante nicht seinen Namen trägt. Es sind nur 2 Partien Tschigorins mit diesem Abspiel erhalten (+1, -1), wobei die ältere der beiden aus dem Jahr 1906 stammt.
    Meiner Ansicht nach wurde der Variante Tschigorins Name in der Sowjetunion verliehen, als eine enorme Entwicklung der Schachtheorie einsetzte und Tschigorin als Vorvater der russisch-sowjetischen Schachschule verehrt wurde.

    Meine Hauptquelle über Tschigorin ist seine Biographie von Jimmy Adams, die Partien der beiden WM-Wettkämpfe mit Steinitz habe ich mir vor ca. eineinhalb Jahren genau angeschaut, nachdem ich dieses Buch erworben hatte.

  3. #3
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    AW: Sturm aus dem Osten - Michail Tschigorin mischt Europa auf

    Vielen Dank für deine Ergänzungen, mit denen ich übereinstimme. Ich denke, dass mit Steinitz und Tschigorin zwei sehr eigenwillige Persönlichkeiten aufeinander getreten sind und in einem Ausmaß ihre persönlichen Vorlieben in ihr Spiel eingebracht haben, die sich heutige Matadore in WM-Kämpfen nicht mehr leisten können. Wie sagte doch Magnus Carlsen so schön: einen Stil zu haben, bedeutet eine Schwäche zu haben. Wegen Rasputin, so hatte ich mich bewusst für das Bild entschieden, weil dieses ganz gut zur gewählten Überschrift passt. Das Bild ist sozusagen eine künstlerische Freiheit gewesen, die ich mir für den Artikel herausgenommen habe.
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  4. #4
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    AW: Sturm aus dem Osten - Michail Tschigorin mischt Europa auf

    Das mit der künstlerischen Freiheit hatte ich mir schon gedacht; Du hast zu gute schachhistorische Kenntnisse, um ein solchen Bock zu schieβen.
    Allerdings tust Du dem armen Tschigorin schon etwas Unrecht, der als gut aussehender Mann galt.

    Interessant ist auch das Thema Magnus Carlsen und Stil. Auch er hat natürlich einen Schachstil, und zwar den besten, den man haben kann: er ist universell.

  5. #5
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    AW: Sturm aus dem Osten - Michail Tschigorin mischt Europa auf

    Einen weiteren Zusatz möchte ich hinzufügen, der mir im Nachhinein eingefallen ist.
    Zitat Zitat von Kiffing Beitrag anzeigen
    Über die Bedeutung von Tschigorin freilich irrte sich Steinitz, der nach seinem ersten Sieg 1889 gegen Tschigorin bei einem Ergebnis von 10:6 bei nur einem Remis geäußert hatte: „Es war das Match zwischen dem alten Meister der jungen Schule und dem jungen Meister der alten Schule, und die junge Schule setzte sich schließlich durch. Das Alter des Spielers war dabei nicht von Bedeutung. [...]“ (Kasparov, S. 85) Denn Tschigorin war nicht ein Vertreter der alten wildromantischen Schule,...
    Damit bin ich nicht ganz einverstanden und ich glaube, dass Steinitz zumindest nicht vollkommen Unrecht hatte:

    Wie schon erwähnt, Tschigorin glänzte in offenen Stellungen, wies aber groβe Schwächen in geschlossenen Positionen auf. Er hasste das Damengambit, obwohl er die Stärke dieser Eröffnung eingestand. Es spricht Bände, dass er so gut wie nie Spanisch (1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5) mit Weiβ spielte, obwohl die Spanische Partie bereits damals die unbestrittene Königin der offenen Spiele (1.e4 e5) war. Ich glaube, dass man Spanisch durchaus als die “geschlossenste offene Eröffnung” bezeichnen kann; deswegen vermied Tschigorin, der theoretisch – wie Du erwähnst - sehr beschlagen war, sie mit Weiβ.

    Tschigorin war ein groβartiger Gambit-Spieler (s. z.B. sein überlegener Sieg in dem Thema-Turnier Wien 1903, bei welchem das Königsgambit vorgeschrieben war.) Dies und seine Unsicherheit in geschlossenen Stellungen lassen ihn schon – zumindest teilweise - als “Meister der alten Schule" erscheinen.
    Zitat Zitat von Kiffing Beitrag anzeigen
    Für die Tiefe seiner schachlichen Überlegungen steht die Tschigorin-Verteidigung 1. d4 d5 2. c4 Sc6, deren Ideen sich erst auf dem zweiten Blick offenbaren
    Ich denke, dass man diese Verteidigung als Versuch bezeichnen kann, eine geschlossene Eröffnung (1.d4 d5) möglichst offen zu gestalten (ein schnelles ...e5, was sich meines Wissens allerdings erst nach Tschigorins Tod einbürgerte).

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