In seinem Werk "Das große Buch der Schachweltmeisterschaften" berichtet André Schulz darüber, daß Wassili Smyslow in der Zeit zwischen seinem WM-Titelgewinn 1957 gegen Michail Botwinnik bis zu der Revanche ein Jahr später den Freitod seines Stiefsohns Wladimir Selimanow erleiden mußte. Wladimir Selimanow war selbst ein begnadeter und begeisterter junger Schachmeister gewesen, in dessen Förderung Smyslow seine ganzen Energien hineinsteckte, wenn er sich gerade nicht um sein eigenes Schach kümmerte. Womöglich haben die verantwortlichen sowjetischen Stellen Selimanow bei der Juniorenweltmeisterschaft U20 1957 in Toronto den Titel zugetraut. Der Druck von Seiten des sowjetischen Staates auf seine Spitzenspieler ist bekannt, man erinnere sich z. B. an die Repressalien gegen Mark Taimanow, Tigran Petrosjan und Boris Spasski nach ihren klaren Niederlagen gegen Robert Fischer im WM-Kandidatenzyklus oder bei der Schach-WM 1972 in Reykjavik selbst. Und natürlich wirkt dieser Druck bei jüngeren Menschen tendenziell schwerwiegender. Jedenfalls kehrte Selimanow "nur" mit einem 4. Platz aus der kanadischen Metropole in seine Heimat zurück. Schulz gibt an, daß das Ehepaar Smyslow über den tragischen Freitod ihres Stiefsohns niemals gesprochen habe, daß aber Andrew Soltis als "Ursache" für den Freitod Selimanows "Mobbing als Reaktion auf das schlechte Ergebnis" vermutete. Schulz gibt als Quelle einen auch im Internet verfügbaren Artikel von Soltis in der New York Post an: http://nypost.com/2010/04/04/champs-tragedy/

In dieser Quelle erfahren wir zudem, daß der junge Wladimir Selimanow, Sohn seiner späteren Ehefrau Nadeschda, die er 27jährig heiratete, bereits seinen Vater verloren hatte, weil dieser ein Opfer der Stalinschen Säuberungen gewesen war. Es wird gesagt, daß jede sowjetische Familie in dieser Zeit habe Opfer beklagen müssen, während der Historiker Karl Schlögel in seinem Werk "Terror und Traum. Moskau 1937" die mit den Säuberungen verbundenen Bevölkerungsverluste mit den Bevölkerungsverlusten in einem regulären Krieg vergleicht. Insofern waren die Stalinschen Säuberungen das Trauma einer ganzen Generation, die bis heute im kollektiven Gedächtnis Rußlands nachwirken.