Als im Anschluß an das internationale Schachturnier in San Remo 1930, bei dem Weltmeister Alexander Aljechin sich selbst übertraf, eben jener Aljechin sowie Tartakower und Bogoljubow danach gefragt wurden, was für sie das Besondere im Schach ausmache, überraschten die getätigten Antworten jener drei Meister dahingehend, daß nicht schachliche, sondern mentale Probleme des Schachspiels in den Vordergrund gerückt wurden. Alle drei Schachmeister benannten im Zeitalter der Neurasthenie die Rolle der Nerven als wesentlich.

Auch heute zählt mentale Stärke zu den wesentlichen Voraussetzungen für den Erfolg von Spitzensportlern, die sich teilweise dafür Mentaltrainer leisten. In Mannschaftssportarten stiftet dieser ohnehin der Verein. Ein solcher Mentalcoach ist der Österreicher Werner Schweitzer, der Spitzensportler ebenso trainiert wie Wirtschaftsbosse. Und zu seinen Kunden gehören auch Schachmeister. Insofern sind seine Analysen auch unter dem Gesichtspunkt interessant, daß hier einer von seinen Erfahrungen berichten kann, der Vergleichsmöglichkeiten hat, der also Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Schachspielern und körperbetonten Sportlern benennen kann, denn da Schach eine körperlos praktizierte Sportart ist, besitzt es im Sport natürlich eine gewisse Sonderrolle.

Um es vorweg zu sagen, mir hat das Interview mit Hartmut Metz in Chessbase, in dem Werner Schweitzer seine Überlegungen tätigt, sehr gut gefallen. Hier spricht einer, der Ahnung hat von dem, was er sagt, der über analythische Fähigkeiten verfügt und der den universellen Blick besitzt, der dafür nötig ist, einer komplexen Wahrheit auch nahe zu kommen. Das Interview ist unter vielen Gesichtspunkten lesenswert. Ich möchte jetzt nicht davon sprechen, daß Schweitzer dazu rät, um besser zu werden, sollte man viel trainieren. Das weiß jeder, doch bekanntlich ist der Geist willig, aber das Fleisch schwach.

Werner Schweitzer verläßt schnell das Allgemeine, um zu mehreren besonderen Aspekten zu gelangen. Und so ist das Wichtigste, was ich persönlich aus dem Interview genommen habe, daß diejenigen Sportler, also auch Schachspieler, gerade dann langfristig erfolgreich sind, wenn sie über genügend Selbstvertrauen verfügen und einen gewissen Killerinstinkt mitbringen, denn gerade im Schach werde man langfristig für seinen Mut belohnt. Hier unterscheidet Schweitzer zwischen Erfolgsorientierten, also jenen, die in erster Linie gewinnen wollen, und Mißerfolgsorientierten, also denen, die in erster Linie spielen, um nicht zu verlieren. Seine Angst zu besiegen ist also ein wichtiger Faktor für Erfolg.

Darüberhinaus bietet Schweitzer, der sich gerade in Schachwelt und Schachgeschichte sehr gut auskennt, weitere interessante Einblicke. Wir erfahren z. B., warum Vishy Anand trotz seines ruhigen Wesens und seiner Freundlichkeit im Schach so dominant werden konnte, was evtl. die Ursache dafür ist, daß Magnus Carlsen nicht mehr so erfolgreich spielt wie in den Jahren zuvor und warum selbst nervöse und unsichere Menschen im Schach furchtlos und abenteuerlustig spielen können.

Überdies hat Schweitzer auch zu bis heute kontrovers diskutierte Fragen in der Schachwelt eine klare Meinung. Er begründet, warum sich trotzdem im Schach die eigene Persönlichkeit widerspiegelt, und daß Emanuel Lasker wahrscheinlich doch Vorreiter im psychologischen Spiel gewesen ist. Dies wurde zwar lange Zeit nach Lasker kaum in Zweifel gestellt, doch geriet diese Auffassung nach einem Artikel von Dr. Robert Hübner zu dieser Frage ins Wanken.

Dabei kann Hübners Einwand leicht begegnet werden, der ausgeführt hatte:

Das bekannteste Beispiel dafür ist wohl Hübners Kritik an der These von Laskers angeblicher psychologischer Spielweise: „[Sie] wurde in der Hauptsache von Tarrasch und Réti aufgebracht. Sie beruht auf Unterschätzung von Laskers schachlichem Können, zeugt von Unverständnis für die Güte seiner strukturellen Erfassung von Stellungsproblemen und ist aus einer uneingestandenen Geringschätzung geboren. Sie hat bewirkt, daß dem Schachkönnen Laskers bis heute nicht die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet worden ist. Man hatte nun ein bequemes Etikett, das man der Person Lasker aufkleben konnte; es enthebt den Forscher der Notwendigkeit, feinere Beobachtungen durchzuführen.“ (Robert Hübner, Laskers „psychologische Spielweise“, Emanuel Lasker: Homo ludens - homo politicus. Beiträge über sein Leben und Werk, herausgegeben von E. Vera-Kotowski, S. Poldauf, Paul Werner Wagner, Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 2003, S. 160).
Denn es geht nicht um das Aufkleben eines bestimmten Etiketts, sondern um eine Fähigkeit unter vielen, die Lasker für seinen Erfolg nutzen konnte, und die damals als wichtige Kampfmethode im Schach selbst den Meistern wie Steinitz oder Tarrasch verborgen blieb oder die sie selbst allenfalls unbewußt in ihren Partien anwandten. Insofern hat Lasker in dieser Hinsicht schachhistorisch eine wichtige Pionierfunktion.

Zwar werden sich auch nach Lesen dieses Artikels die wenigsten Schachamateure einen Mentaltrainer leisten wollen, da Schach nicht ihr Beruf und ihre Berufung ist, dem sie alles unterordnen. Doch hilft es einem Schachspieler schon allein, sich der Rolle des Mentalen im Schach bewußt zu machen und einige Tips von Schweitzer dazu zu beherzigen, um seine Erfolgsquote im Schach zu steigern. Denn für uns Amateure gilt genauso wie für Profis: gewinnen ist schöner als zu verlieren.