Es gibt in der Schachgeschichte kaum einen faszinierenderen Protagonisten als Savielly Tartakower, der am 21. Februar 1887 in Rostow am Don als Sohn eines österreichischen Vaters und einer polnischen Mutter das Licht der Welt erblickte. Ich hatte mich im Forum mehrmals über die äußerst produktive Zeit im Weltschach in der Zeit zwischen den Weltkriegen ausgelassen, und tatsächlich gehörte Tartakower, wie auch Schonberg herausgestellt hatte, zu einer schillernden Spielergeneration, die nicht nur durch ihre Stärke, sondern auch durch ihre Verschiedenheit glänzte, so daß sich besonders in den 20er Jahren noch die unterschiedlichsten Spielphilosophien im Schach aneinander reiben und einen dialektischen Entwicklungsprozeß in Gang setzen konnten:

Nahezu alle Spieler, die im zweiten, dritten und bis weit ins vierte Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts im Schach dominierten, wurden in einem Zeitraum von nur fünfzehn Jahren geboren: Frank Marshall 1877, Ossip Bernstein, Oldrich Duras und Akiba Rubinstein 1882, Rudolf Spielmann und Eugen Snosko-Borowsky 1884, Milan Vidmar 1885, Aaron Nimzowitsch 1886, Savielly Tartakower 1887, José Raúl Capablanca 1888, Jefim Bogoljubow und Richard Réti 1889 und Alexander Aljechin 1892. Jahrelang waren sie die Seele aller internationen Turniere; keins war komplett, wenn dort nicht der rundliche Spielmann seine kombinatorischen Blitze dem listenreichen Tartakower entgegenschleuderte, wenn dort nicht Capablanca und Aljechin mit grimmer Miene die Klingen kreuzten und einander mit ihrem Haß verfolgten, wenn dort nicht Nimzowitsch, exzentrisch als Mensch und als Spieler, seine neumodischen Ideen dem heiter-romantischen Marshall ausprobierte. Sie zogen von einer Stadt zur anderen, wie eine Operntruppe auf Tournee, spielten diesen Monat in Hastings, den nächsten in Baden-Baden und den übernächsten in München. Und diese Meister bildeten eine ebenso egozentrische, temperamentvolle und bizarre Gruppe wie ein Opern-Ensemble; sie beäugten einander mit der gleichen Mißgunst wie die gefeierte Sängerin Adelina Patti ihre Rivalin Etelka Gelster; durch und durch unsolide - verbraucht - was sieht das Publikum wohl an ihr? Was kann das Publikum noch ihr sehen?
Harold C. Schonberg: Die Großmeister des Schach, Fischer-Verlag 1974, S. 146

Im Laufe seiner Karriere konnte Tartakower Turniererfolge in Nürnberg 1906, in Wien 1905/6 und 1923, in Hastings 1926/27, 1927/28 und 1945/46, in Gent 1926, in Paris 1929, 1940 und 1947, in Lüttich 1930, Nizza 1930, Lodz 1935 und Venedig 1947 erringen, zudem führten Rubinstein und er die polnische Mannschaft 1930 zum Sieg bei der Schacholympiade in Hamburg, wo Rubinstein am Spitzenbrett 15/17 und Tartakower an Brett 2 12/16 Punkte erzielten. Mit seinem Klassiker: „Die Hypermoderne Schachpartie“ verhalf er der hypermodernen Schachschule 1924 „zum Durchbruch“ (Garri Kasparov, Meine großen Vorkämpfern, Band 2, Edition Olms 2004, S. 85), womit er gleichzeitig der Namensgeber dieser neuen schachlichen Bewegung wurde; allerdings blieb er Zeit seines Lebens ein Unikum, das sich nicht eindeutig einer bestimmten schachlichen Richtung zuordnen ließ. Für Michael Negele war er stattdessen ein Meister der „Camouflage“, dessen Philosophie sich darin ausgedrückt habe, daß er für seine Gegner möglichst undurchschaubar spielte und seine wahren Absichten im Spiel verbarg. Zur Veranschaulichung zitiert Negele in einem Artikel für Karl Tartakower selbst, der sich in seinem „Werkchen“: „Führende Meister. 23 Schachindividualitäten in ihrem Wirken und Streben“ nicht auf eine bestimmte Denkrichtung festlegen wollte, sondern postulierte: „Alle Kampfstile sind gut, außer dem selbstgefälligen. – Denn die Wahrheit wird von uns nie geschaffen, sondern höchstens erkannt.“ Für Negele war für diese schwere Durchschaubarkeit Tartakowers am Schachbrett, aber nicht nur dort, seine Wesensart als Produzent dieser Spielphilosophie die Ursache insofern, als daß Tartakower sich zeit seines Lebens in einem Spannungsverhältnis zwischen bahnbrechendem Forschergeist und nihilisierendem Skeptizismus befunden und was zu seinen berühmten Paradoxa geführt habe, den Tartakowerismen.

Durch seinen Esprit, der sich gerne in Aphorismen und Paradoxa äußert, macht er zunächst auf jedermann einen bestechenden Eindruck. Dann pflegt man kritisch ernüchtert zu werden, da man hinter all dem glänzenden Geistesgefunkel Oberflächlichkeit wittert. Aber schließlich muß man erkennen, daß Tartakowers schwer faßbares wahres Wesen, die reale Grundlage seiner Erfolge doch in einer bewundernswerten Arbeitskraft besteht, in einem unermüdlichen Suchen nach Wahrheit, um den angeborenen und immer durchbrechenden Skeptizismus zu bekämpfen, Dieser Zwiespalt ist die Ursache seiner berühmten und berüchtigten Paradoxe.“
Ebd.

Dieser Skeptizismus Tartakowers, der von Geburt an ein Getriebener in einer unruhigen und bösen Welt gewesen war, und wovon später noch die Rede sein wird, wird deutlich in seinem Ausspruch gegenüber seinem Schüler Miguel Najdorf, dem er, da der in Polen als Mieczyslaw Najdorf geborene spätere Weltklassespieler- und Theoretiker wie er jüdischer Herkunft war, beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zur Flucht verholfen hatte:

As for me, I am unfortunate enough to posses a happy temperament like Najdorf, who views every happening in a rosy light and avoids any possibility of self-criticism. I am one of those unlucky sceptics who never overlook the dark side of even the happiest experience.
Savielly Tartakower war keiner jener lebensbejahenden Sanguiniker auf dem Schachbrett, zu denen seine Zeitgenossen Bogoljubow und Capablanca gehörten. Dazu bestand in seiner Zeit auch gar kein Anlaß, wo sich 1939 in einem fragilen Europa die Spannungen in dem Ausbruch des bis dato verheerendsten Krieg entluden, und Europa im Spannungsfeld zweier gleichermaßen totalitären wie mörderischen Regimes, die Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung zu ihrem politischen Programm erhoben und mit einer in der Weltgeschichte selten dagewesenen Konsequenz betrieben, zerrieben wurde. In dieser Zeit war der Schritt zwischen Leben und Tod nur ein sehr kleiner, und von Paul Keres, ursprünglich ein ähnlicher Typ wie Capablanca, der in diesem Krieg in den Brennpunkt des Kriegs und seiner manichäischen Auseinandersetzungen geriet und so in dem von Deutschen und Sowjets zerriebenen Estland den Odem des Teufels spürte, war schlagartig für den Rest seines Lebens jedwede Fröhlichkeit abgefallen. Allerdings hatte Tartakower bereits 1911 als 24jähriger ein schweres Trauma erlitten. Es geht um einen Vorfall, um den sich bis heute zahlreiche Mythen ranken. Fakt ist, daß im Februar dieses Jahres seine Eltern ermordet in ihrem Haus aufgefunden worden waren. Seine Eltern waren wohlhabend und hatten in der Innenstadt von Rostow einen Kaufladen betrieben.

Der bis heute kursierende Mythos ist der, daß Tartakowers Eltern das Opfer eines antisemitischen Pogroms gewesen seien, wie es sie im zaristischen Rußland viele gegeben hatte. So schrieb Schonberg über den Todesfall seiner Eltern: „Seine Eltern und Geschwister wurden 1911 in Rostow bei einem Pogrom ermordet“, und „seit dem Massaker, dem seine Familie zum Opfer fiel, war er bitter und sarkastisch und ließ niemanden an sich herankommen“ (Schonberg, S. 158). Ebenso sprach Frank Grosse in einem Chessbase-Artikel 2009 von einem „Pogrom“, was auch Mario Tal 2006 in der „Junge Welt“ als Tatsache hingestellt hatte, der die Geschichte sogar dermaßen verfremdete, als daß Tartakower als 12jähriges (!) Kind bereits diesen Schicksalsschlag erlitten habe und der dann selbständig in die Schweiz geflohen sei. Die Schachhistoriker Dr. Ralph Binnewirtz und Dr. Michael Negele stellen in ihrer Rezension zu Luca d´Ambrosius Turnierbuch zu Meran 1924 und 1926 jedenfalls dar, daß dieser „Pogrom 1911, der unaufhörlich durch die Schachliteratur geistert“, „historisch nicht belegbar“ sei, und man so „wohl von einem Verbrechen ausgehen“ sollte, „dem die Eltern Tartakowers in Rostow am Don zum Opfer gefallen sind“. So steht es auch in der Wikipedia aktuell, der Forschung nicht der letzte Schluß, aber durch ihren enzyklopädischen Status als Universalwerk überaus einflußreich, daß Tartakowers Eltern „in ihrer eigenen Wohnung bei einem Raubüberfall ermordet“ worden seien. Übrigens verlor Tartakower drei Jahre später im ersten Weltkrieg noch seinen Bruder Arthur, wie er Schachspieler, der im ersten Kriegsjahr auf Seiten Österreichs an der galizischen Front gefallen war. Er selbst kämpfte in diesem Kriege als Infanterieleutnant ebenfalls auf Seiten Österreichs an der galizischen Front - nach Schonberg habe er dabei „unglaublich verwegene Taten vollbracht“ (Schonberg S. 158) - und überstand das Soldatenleben. Savielly Tartakower, der bereits in Österreich seine schulische und akademische Ausbildung erhalten hatte, hielt sich in dieser Zeit längst nicht mehr im zaristischen Rußland auf. Zwar verlor er 1918 nach dem Zerfall der Donaumonarchie die österreichische Staatsbürgerschaft, als Polyglott und Kosmopolit fiel ihm die Integration in anderen europäischen Ländern aber nicht schwer. Er erhielt die ukrainische und polnische Staatsbürgerschaft und vertrat Polen daraufhin in zahlreichen Schach-Olympiaden. Sein Lebensmittelpunkt seit 1924 wurde die französische Hauptstadt Paris, und bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hatte er noch eine lange Zeit, seine Schachkunst zu entfalten. Er war ein ungemein gebildeter und vielseitig interessierter Mann von Welt, der in seinem Leben nicht nur zahlreiche Schachbücher verfaßt hatte, sondern sich für alle Art von literarischen, künstlerischen, philosophischen und politischen Themen interessierte. Diese geistigen Errungenschaften führten in Kombination zu seinem Wesen zu seinem mit zahlreichen Querverbindungen bereichertem tiefen und ganz und gar eigentümlichen Blick auf die Schachphilosophie und seinem originellen Spielansatz.

Es wurde bereits gesagt, daß Tartakower nicht zuletzt aufgrund seines Klassikers „Die hypermoderne Schachpartie“ von 1924 zu den Hypermodernen gerechnet wurde. Hierbei sei angemerkt, daß die Hypermodernen kein monolythischer Block gewesen waren, sondern Anhänger einer Denkrichtung, die den „naturgemäßen Klassizismus“ im Schach als Ausgangspunkt des durch den Weltkrieg diskreditierten Alten *1 ablehnten und damit Teil der damals florierenden avantgardistischen Bewegung weltweit gewesen waren, die in Kunst, Musik, Literatur, Architektur und den Geisteswissenschaften nach neuen Wegen suchten*2. So gab es bei den Hypermodernen bei diesen „neuen Wegen“ durchaus unterschiedliche Ansätze, so etwa, wenn sich die beiden Hauptpropagandisten der Hypermodernen, Reti und Nimzowitsch, dadurch unterschieden, daß Reti seinen Kampf gegen die Stärken des Gegners richtete, um die Grundlage des gegnerischen Spiels zu erschüttern, während Nimzowitsch sein Spiel gegen die gegnerischen Schwächen richtete. Und auch Tartakower selbst war nicht mit allen neuen Ideen der Hypermodernen einverstanden. So äußerte er sich kritisch über Nimzowitschs Idee der Blockade, die dieser in „Mein System“ vorgestellt hatte, und der von seiner Idee so begeistert war, daß er mit „Die Blockade“ noch ein Werk veröffentlichte, das sich ausschließlich diesem Strategem widmete. Tartakower: „Man muss sehr vorsichtig sein mit der Blockade. Seine Umsetzung auf dem Brett verursacht manchmal eine äusserste Passivität, wobei dann sogar die Harmonie der eigenen Figuren unter einer schrecklichen Untätigkeit leidet.“

An dieser Stelle ist es gut möglich, daß Tartakower mit seiner eigenen Kampfführung der Camouflage die durchaus idiosynkratischen Stile sowohl von Reti als auch von Nimzowitsch ablehnte, weil diese für deren Gegner zu durchsichtig gewesen seien. Tartakower wollte in erster Linie undurchsichtig spielen, damit der Gegner vor und während der Partie unfähig dazu sei, sich auf ihn unter den Bedingungen des Kampfes einzustellen. In der hypermodernen Bewegung war er somit ein wichtiger Bestandteil, der den Hypermodernen durch seine Strategie der Tarnung ein strategisches Instrumentarium zur Hand gab, so daß er gleichermaßen, natürlich nicht „nur“ deswegen, die Schachentwicklung mitbeeinflußte. In der Postmoderne des sowohl als auch, aber auch schon in der Zeit des entwickelten Industriezeitalters in den 70er und 80er Jahren, in dem der einflußreiche Schachlehrer Alexei Suetin aus der Sowjetunion im Rahmen der damals populären Konvergenztheorie eine „Nivellierung“ der großen Meinungskämpfe festgestellt hatte, die sich nicht mehr um das große Ganze, sondern nur noch um Details drehen würden, war es üblich geworden, die Widersprüche zwischen Modernen und Hypermodernen zu synthetisieren und so die Hypermodernen nicht mehr als Gegner der seit Steinitz gültigen und von Tarrasch propagierten klassischen Ideen, sondern als Bereicherung aufzufassen. So ist es für Schachspieler heute normal geworden, sich je nach persönlichem Geschmack und Stand der Partiestellung für eine „moderne“ oder „hypermoderne“ Strategie zu entscheiden. Durch diese Harmonisierung der Schachschulen gerät allerdings das Rebellenhafte der Hypermodernen in einer Zeit rund um den Ersten Weltkrieg, in der Raum und Zeit aus den Fugen geraten waren, aus dem Blickfeld. Denn nicht zuletzt war die Rolle des Zentrums als klassischer hierarchischer Raum das Hauptspielfeld der Hypermodernen, die um eine neue Nutzbarmachung dieses hierarchischen Raums rangen, der nicht mehr einfach nur besetzt, sondern auch sehr gut unterminiert werden könne. Und nicht nur das, Dr. Serjoscha Wiemer stellt in einem Beitrag für die HBK (Hochschule für bildende Künste) in Braunschweig den auf generellen Grundlagen beruhenden Antagonismus zwischen Hypermodernen und Modernen in einer Deutlichkeit dar, wie er in dieser Form in modernen Lehrbüchern nicht mehr vorkommt:

Die Betonung des Zentrums impliziert eine hierarchische Gliederung des Raumes, eine Ordnung von Rändern und Zentrum. Im Anschluss an Deleuze ließe sich entlang dieser strategischen Setzungen auch auf die innere Form des Staatsapparates schließen, auf zentralisierte Verwaltung oder auf die Organisation des preußischen Staates. Tatsächlich gilt Tarrasch als glühender Anhänger der wilhelminischen Ära.

Der logische Aufbau einer geordneten Welt – daran hatten die Hypermodernen offenbar
Zweifel, zumindest waren sie mit der modernen Lehre des Schachs nicht einverstanden.
Aaron Nimzowitsch bricht darüber 1913 eine Kontroverse mit Tarrasch vom Zaun um die
„Kunst der rechten Spielführung“. In der Wiener Schachzeitung veröffentlicht Nimzowitschs einen 12-seitigen Aufsatz unter dem Titel: „Entspricht Dr. Tarraschs „Die moderne Schachpartie“ wirklich moderner Auffassung?“, in dem er Tarrasch angriff und seine Strategeme in Frage stellt.

Zu den Hypermodernen werden unter anderem, neben Nimzowitsch, Richard Réti, Guyla Breyer, Savielly Tartakower und Marcel Duchamp gezählt. Sie entwickeln eigene Eröffnungssysteme und stellen sich in Opposition zu dem wohlgeordeten Raum, wie ihn Steinitz und Tarrasch propagiert hatten. Berühmt geworden ist insbesondere Nimzowitsch, der darauf verweist, dass die Kontrolle des Zentrums wichtiger sei als dessen
Besetzung. Entscheidend, so die Hypermodernen, ist nicht allein das Zentrum des Spielfeldes, sondern die Entfaltung der einzelnen Figuren als Kraftfelder und -linien, eine Kontrolle aus der Distanz. Die Hypermodernen, so meine These, setzen nicht nur auf andere Strategien räumlicher Kontrolle, sondern zielen auf eine neue Denkweise, die dem strategischen Kalkül des Notwendigen, geordneten und zentralisierten Raumes eine gleichsam „luzide“ Rationalität, zuweilen auch Irrationalität entgegensetzt. Es geht ihnen um ein Aufbrechen hierarchischer Denkmuster, um ein Freisetzen der Phantasie. Und zwar vor dem Hintergrund eines sich seit Mitte des 19. Jahrhundert zunehmend professionalisierenden Schachspiels, das dem Ernst des Sports sich annäherte und sich in
dieser Bewegung der „Kunst“ des Spiels, der Kreativität und dem überraschenden Einfall entfernte. Es ging ihnen um die Befreiung des Schachspiels als Möglichkeitsraum, im Kampf gegen die vermeintlichen „Richtigkeit“ konventionell erfolgreicher Strategeme.
Kurz: Die Hypermodernen versuchten, den gekerbten Raum des Schachspiels in einen glatten Raum zu verwandeln, einen nomadischen Raum, der dem geordneten Raum des modernen rationalen Staates, insbesondere des Nationalstaates entgegenzusetzen wäre.
Der von Wiemer ausgemachte „Guerillakrieg“ (ebd.), den Zeitgenossen in der hypermodernen Kampfführung rund um Unterminierung und Beschuß des Zentrums sahen, wird bspw. in den vormals unpopulären indischen Systemen deutlich, die sich nur in Indien entfalten konnten, weil das Schach in Indien sich dadurch vom modernen Schach unterschied, daß der zweifeldrige Anfangszug des Bauern unbekannt gewesen war. Es war in erster Linie Savielly Tartakower, der die indischen Systeme außerhalb Indiens popularisiert hatte. Tartakower, der den indischen Eröffnungskomplexen rund um deren Erkennungszeichen des Fianchettos, auf dem sich deren Strategie gründete, mit großer Sympathie gegenüberstand, unterschied die alt- und neuindische Systemen dahingehend, ob Schwarz im 2. Zug ...d6 oder ...e6 spielte. Die indischen Systeme fügten sich ideal in die hypermoderne Spielführung ein, die der Beherrschung des Zentrums einen ebenso hohen Wert beimaß wie dessen Besetzung, so daß die Kontrolle über das Zentrum durch die Fernwirkung des Fianchettoläufers zustande kam. Überhaupt hatte Tartakower, der in der klassisch russischen Unterscheidung der Spielertypen in Spieler und Forscher ein Forscher gewesen war, zahlreiche Varianten zum Leben erweckt, so etwa im Damengambit, im Caro-Kann, in der Französischen Verteidigung oder in der Aljechin-Verteidigung, der hypermodernsten aller Schacheröffnungssysteme. Seine Erfindung der Orang-Utan-Eröffnung geht auf einen Besuch im New Yorker Zoo rund um das Weltklasseturnier 1924 zurück, wo der phantasievolle Tartakower sich an einen Orang-Utan erinnerte, den er im b-Bauern wiedererkannte, da dieser in diesem System wie ein Affe den Baum emporklettere. Er sollte diese Eröffnung mehrmals bei diesem Turnier anwenden. Beim Schachturnier Barcelona 1929 baten die Veranstalter Tartakower, eine Eröffnung zu entwickeln, die nach der Region Kataloniens benannt werden sollte, was dieser mit der Katalanischen Eröffnung dann auch tat, wobei Tartakower zwar nicht der Erfinder dieser Zugfolge gewesen war, die er allerdings systematisch untersucht und weiterentwickelt hatte. Seine Begeisterung für die „Eröffnung der Zukunft“, das Reti-Zukertort-System, korrespondierte ebenfalls mit seiner Begeisterung für die neuen hypermodernen Regeln, so äußerte sich Tartakower zu der grundsätzlich neuen Art der Spielstrategie:

Wir wohnen eben der Geburt einer neuen Eröffnungsstrategie bei: die Flügel werden mobilisiert, die Mitte bleibt nach Möglichkeit intakt, um jedoch beim geringsten Nachlassen des Gegners loszubrechen. Je verzwickter und befremdender für die unschuldsvollen Schachgemüter der Eröffnungsverlauf aussieht, umso schöner und geistreicher pflegen dann die Entspannungen des Mittelspieles zu wirken und den nachträglichen Eindruck streng harmonischer Partieführung zurückzulassen. Der hypermoderne Gedanke siegt!
Was sein Schach anging, so schrieb Schonberg, habe Tartakower eine „Brücke zwischen der romantischen Schule - der Zeit Anderssens - und der hypermodernen Schule um Réti und Breyer“ geschlagen, der zudem „um der Schönheit Willen“ (Schonberg, S. 159) gespielt habe. Tartakower empfand einen tiefen ästhetischen Reiz für das Schachspiel, so daß damals das geflügelte Wort umherging, Tartakower liebe das Schachspiel zu sehr um Weltmeister zu werden. Die Schachwelt hatte offenbar von Tartakower und dessen Liebe zum Paradoxen gelernt, so daß sie nun in der Lage dazu war, augenzwinkernd ein Paradoxon gegen den Kultivator jener Paradoxa, die als Tartakowerismen in die Schachgeschichte eingingen, anzuwenden. Tartakower hatte in seinem Schachleben unzählige jener Paradoxa entwickelt, mit denen er die Realität auf dem Schachbrett beschrieb und der Schachwelt neue Interpretationen schenkte. Beispiele seiner originellen Paradoxa sind: „Es ist stets besser, die Steine des Gegners zu opfern“, „moralische Siege zählen nicht“, „eine Drohung ist stärker als die Ausführung“, „ein Isolani verdüstert die Stimmung auf dem ganzen Brett“, „nur ein starker Spieler weiß, wie schwach er wirklich spielt“, „die unerbittlichsten Regeln im Schach sind die Ausnahmen“ oder „der Taktiker muß wissen, was er zu tun hat, wenn es etwas zu tun gibt; der Stratege muß wissen, was er zu tun hat, wenn es nichts zu tun gibt“.

Dieser letztgenannte Tartakowerismus rekurriert auf den ursprünglich militärischen Grundgedanken des Schachs, das spielerisch eine Schlacht zwischen zwei gegnerischen Armeen symbolisiert und in dem der Spieler in die Rolle des Feldherren schlüpft. Der schon durch seinen Artikel in der „Junge Welt“ erwähnte Mario Tal sieht Tartakower durch die „Kombination aus schachlicher Spitzenklasse und aktivem antifaschistischen Widerstand“ in einer Reihe mit dem serbischen GM Svetozar Gligoric, Partisan unter Tito, der ebenso wie Gligoric die Kriegsbedingungen auf dem Schach- und dem realen Schlachtfeld wechselseitig übertragen habe. Tartakower nahm als Soldat auch im Zweiten Weltkrieg wieder teil, als die Nazis sein Exilland Frankreich in einem Blitzkrieg durch das überraschende Ardennen-Manöver eroberten, und wo er in der Résistance den antisemitischen Besatzern Widerstand leistete. So leistete Tartakower, der im Laufe des Kriegs zum Leutnant befördert wurde, im Zweiten Weltkrieg einen Beitrag dazu, daß die deutschen Eroberer wieder aus Frankreich vertrieben werden konnten. Als die FIDE 1950 den Großmeistertitel auch offiziell einführte, gehörte Tartakower zu den 27 Spielern, die dieser Ehre als würdig empfunden wurden. Sechs Jahre später starb er in seiner Wahlstadt Paris unter großer Anteilnahme der Schachwelt.

*1 siehe Edmund Bruns, Das Schachspiel als Phänomen der Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, LIT-Verlag 2003, S. 85:

Die Betrachtungsweise, daß nach dem Ersten Weltkrieg eine Welt zu Ende sei und die Zeit radikale Lösungen fordere, war weit verbreitet. Man sah sich einem zerfallendem Weltbild gegenüber. Die Kulturkatastrophe des technisierten Ersten Weltkriegs führte in vielen künstlerischen Bereichen zu neuen Darstellungsformen, neuen Werten und neuen Überlegungen. Es zeigte sich, daß der militärischen Auseinandersetzung eine gesellschaftliche Auflösung folgte. Viele Werte gerieten ins Trudeln und Maßstäbe gingen verloren, auch im Schachspiel: „Jahrhunderte alte Staaten zerfielen, Kronen stürzten, Wirtschaftsgemeinschaften lösten sich auf, Geld verlor seinen Kurswert, Reichtum ging in Trümmer, neuer Reichtum entstand, zügellos, kulturlos, ungebärdig. Warum sollte es nicht auch im Schach so sein?“ (J. Hannak, Wilhelm Steinitz, S. 106)
*2 vgl. dazu Richard Reti in seinen „Neue[n] Ideen des Schachspiels“:
Die Kulturgeschichte lehrt uns, daß fruchtbare neue Ideen meist im gleichen Zeitraum auf allen möglichen Kulturgebieten Eingang finden. In der Kunst stehen wir heute im Expressionismus. [...] Die neuen Ideen im Schach haben mit dem Expressionismus manche Ähnlichkeit. Unser Ideal ist nicht mehr das, was man „gesundes Spiel“, „naturgemäße Entwicklung“ nannte –naturgemäß im wörtlichen Sinne, denn diese ältere Art der Entwicklung war der Entwicklung, wie wir sie in der Natur sehen, direkt abgelauscht; wir glauben, daß in der Ausführung menschlicher Ideen tiefere Möglichkeiten verborgen liegen als in den Werken der Natur, oder richtiger gesagt, daß – wenigstens für uns Menschen – der menschliche Geist das höchste darstellt, was die Natur geschaffen hat. Und daher wollen wir nicht die Natur nachahmen, sondern wir wollen unserer Idee Wirklichkeit geben. [...] Die Künstler, die allem Spott und allen Anfeindungen derer, die zwar vor dem Forum des Geistes wenig zählen, aber leider die große Überzahl bilden, zum Trotz, statt Nachbildner der Natur zu sein, ihre eigenen Ideen zur Wirklichkeit machen, mögen in Stunden des Zweifels, von denen kein schöpferischer Mensch frei ist, wissen und daraus Hoffnung schöpfen, daß auf dem engen Gebiete des Schachs diese neuen Ideen im Kampf mit den alten siegreich sind.
[Event "Baden-Baden"]
[Site "Baden-Baden GER"]
[Date "1925.04.24"]
[EventDate "1925.04.16"]
[Round "7"]
[Result "1-0"]
[White "Savielly Tartakower"]
[Black "Jacques Mieses"]
[ECO "A82"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "29"]

1.d4 f5 2.e4 fxe4 3.Nc3 Nf6 4.g4 d5 5.g5 Ng8 6.f3 exf3 7.Qxf3
e6 8.Bd3 g6 9.Nge2 Qe7 10.Bf4 c6 11.Be5 Bg7 12.Qg3 Na6 13.O-O
Bd7 14.Bd6 Qd8 15.Qf4 1-0

[Event "Budapest"]
[Site "Budapest HUN"]
[Date "1929.09.06"]
[EventDate "1929.09.01"]
[Round "5"]
[Result "1-0"]
[White "Savielly Tartakower"]
[Black "David Przepiorka"]
[ECO "B12"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "31"]

1. e4 c6 2. d4 d5 3. f3 dxe4 4. fxe4 e5 5. Nf3 exd4 6. Bc4 Be6
7. Bxe6 fxe6 8. O-O Be7 9. Nxd4 Qd7 10. Qh5+ Kd8 11. Be3 c5
12. Rd1 cxd4 13. Rxd4 Bd6 14. e5 Nf6 15. exf6 gxf6 16. Nc3 1-0

[Event "Teplitz-Schönau"]
[Site "Teplice-Sanov CSR"]
[Date "1922.10.05"]
[EventDate "1922.10.02"]
[Round "4"]
[Result "0-1"]
[White "Geza Maroczy"]
[Black "Savielly Tartakower"]
[ECO "A84"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "70"]

1. d4 e6 2. c4 f5 3. Nc3 Nf6 4. a3 Be7 5. e3 O-O 6. Bd3 d5
7. Nf3 c6 8. O-O Ne4 9. Qc2 Bd6 10. b3 Nd7 11. Bb2 Rf6
12. Rfe1 Rh6 13. g3 Qf6 14. Bf1 g5 15. Rad1 g4 16. Nxe4 fxe4
17. Nd2 Rxh2 18. Kxh2 Qxf2+ 19. Kh1 Nf6 20. Re2 Qxg3 21. Nb1
Nh5 22. Qd2 Bd7 23. Rf2 Qh4+ 24. Kg1 Bg3 25. Bc3 Bxf2+
26. Qxf2 g3 27. Qg2 Rf8 28. Be1 Rxf1+ 29. Kxf1 e5 30. Kg1 Bg4
31. Bxg3 Nxg3 32. Re1 Nf5 33. Qf2 Qg5 34. dxe5 Bf3+ 35. Kf1
Ng3+ 0-1

[Event "Semmering"]
[Site "Semmering AUT"]
[Date "1926.03.18"]
[EventDate "1926.03.07"]
[Round "9"]
[Result "1-0"]
[White "Savielly Tartakower"]
[Black "Siegbert Tarrasch"]
[ECO "A52"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "67"]

1. d4 Nf6 2. c4 e5 3. dxe5 Ng4 4. e4 Nxe5 5. Nc3 Bb4 6. Nf3
Bxc3+ 7. bxc3 Qe7 8. Be2 O-O 9. Nd4 d6 10. O-O Na6 11. f4 Nc6
12. Re1 Nxd4 13. cxd4 Qxe4 14. Bf3 Qg6 15. Ba3 Qf6 16. Qd2 c6
17. d5 c5 18. Bb2 Qd8 19. Qc3 f6 20. Re3 Bd7 21. Rae1 Rf7
22. g4 Nc7 23. g5 Ne8 24. f5 fxg5 25. Bh5 Nf6 26. Bxf7+ Kxf7
27. Qd2 Ng8 28. Qe2 Bxf5 29. Rf3 Nh6 30. Rxf5+ Nxf5 31. Qe6+
Kf8 32. Qxf5+ Kg8 33. Qe6+ Kh8 34. Rf1 1-0

[Event "POL-ch"]
[Site "Jurata POL"]
[Date "1937.??.??"]
[EventDate "?"]
[Round "10"]
[Result "0-1"]
[White "Moishe Leopoldowicz Lowcki"]
[Black "Savielly Tartakower"]
[ECO "C41"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "78"]

1.e4 e5 2.Nf3 d6 3.Bc4 Be6 4.Bxe6 fxe6 5.c3 Nc6 6.Qb3 Qc8
7.Ng5 Nd8 8.O-O Be7 9.d4 Bxg5 10.Bxg5 Nf7 11.Bh4 c6 12.Nd2 Qd7
13.Rad1 exd4 14.cxd4 Ne7 15.f4 O-O 16.Bxe7 Qxe7 17.f5 Nd8
18.Rde1 Kh8 19.d5 cxd5 20.exd5 e5 21.Ne4 Nf7 22.Qe3 Qh4 23.Rf3
Rac8 24.Rh3 Qf4 25.Qxa7 Rc1 26.Qe3 Rxe1+ 27.Qxe1 Ng5 28.Rh4
Qxf5 29.Nxd6 Qg6 30.Rg4 Qxd6 31.Rxg5 Qb6+ 32.Kh1 Qb5 33.Kg1
Qc5+ 34.Kh1 Qc4 35.Kg1 Qd4+ 36.Kh1 Qe4 37.Qc1 Qd3 38.Kg1 Qd4+
39.Kh1 Qd2 0-1

[Event "St. Petersburg"]
[Site "St. Petersburg RUS"]
[Date "1909.03.09"]
[EventDate "1909.02.15"]
[Round "17"]
[Result "1-0"]
[White "Savielly Tartakower"]
[Black "Carl Schlechter"]
[ECO "C30"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "65"]

1. e4 {Notes by Lasker.} e5 2. f4 Bc5 3. Nf3 d6 4. fxe5 dxe5
5. c3 Nf6 {The sacrifice of the e-pawn is quite justified.}
6. Nxe5 O-O 7. d4 Bd6 8. Nf3 {Should White defend the Pawn by
8.Nd2, Black would play Bxe5, and the resulting doubled Pawn
would be defenceless.} Nxe4 9. Bd3 Re8 10. O-O h6 {White's
threat of Bxe4 followed by Ng5 and Qh5, was only apparent,
hence the defensive move of h6 was not necessary. The right
play was 10...Nd7, followed by Ndf6 in reply to any developing
moves of White. If then, however, 11.Bxe4 Rxe4 12.Ng5 Re7
13.Qh5 h6 14.Nxf7? Qe8, winning a piece for three pawns, with
a good position for attack.} 11. Nbd2 Nf6 12. Nc4 c5 13. Nfe5
cxd4 {He could not play 13...Be6 as 14.Nxd6 Qxd6 15.Bxh6 would
have broken up his King's wing.} 14. Nxf7 {A pretty and
accurately calculated sacrifice, which, with one stroke, lays
bare the damage done by Black's tenth move.} Kxf7 15. Qh5+ Kg8
16. Rxf6 Re1+ 17. Rf1 Rxf1+ 18. Bxf1 Bf8 19. Bxh6 Qf6 {If
19...gxf6 20.Qg6+ Bg7 21.Re1 Bd7 22.Nd6 b5 23.Bd3, threatening
Rf1; if now 23...Qg5, White mates in four, commencing Re8+.}
20. Bg5 Qf5 21. Nd6 Bxd6 22. Bc4+ Be6 23. Rf1 Qxf1+ 24. Bxf1
Nd7 25. Bd3 Nf8 26. cxd4 Bf7 27. Qf3 Ne6 28. Be3 Rb8 29. g4 g5
30. Qf6 Bf8 31. Bh7+ Kxh7 32. Qxf7+ Ng7 33. Bxg5 1-0