Die Schachgöttin Caissa ist den Schachspielern heute vertraut und geläufig. Doch bei der Frage, seit wann diese ihre schützende Hand über die Schachwelt hält, dürften die meisten passen. Tatsächlich wurde sie in einem Gedicht des englischen Sprachforschers, Orientalisten und Juristen William Jones 1763 geboren, das dieser in seiner Jugendzeit verfaßte. In seinem Gedicht, das Anlehnungen an das wohl erste neuzeitliche Schachgedicht Scachs d´Amor um 1485 hat, ist Caissa eine Nymphe, in die sich der Kriegsgott Mars verliebt. Nachdem diese aber Mars´ Liebe verschmäht, begibt sich Mars zu Aiphron, dem Gott der Spiele, der für ihn das Schachspiel erfindet, um Caissa doch noch für sich zu gewinnen:

Caissa / or / the game at chess; / a poem. / Written in the year 1763, / by Sir William Jones /
Of armies on the chequer'd field array'd, / and guiltless war in pleasing form display'd; / when two bold kings contend with vain alarms, / in ivory this, and that in ebon arms / ... /
and fair Caissa was the damsel nam'd. / Mars saw the maid; with deep surprise he gaz'd, / admir'd her shape, and every gesture prais'd: / His golden bow the child of Venus bent, / and through his breast a piercing arrow sent. / ... /
Meantime the god, elate with heart-felt joy, / had reach'd the temple of the sportful boy; / he told Caissa's charms, his kindled fire, / the naiad's counsel, and his warm desire. / “Be swift”, he added, “give my passion aid; / a god requests.” – He spake, and Sport obey'd. / ...
Hier findet sich der Caissa-Poem in voller Länge: http://www.caissa-wf.de/seitenr/CaissaPoem.pdf

1763 war Caissa also geboren, doch brauchte es noch fast 100 Jahre, um diese in der Schachwelt auch auf dem Festland bekannt zu machen. Der Ausgangspunkt für diese Verbreitung war das legendäre Café de la Regence in Paris, als der für seine ausgefallene Schachsammlung berühmte Fréderic Alliey um 1850 herum Jones´ Gedicht auf französisch übersetzte und diese im Café verbreitete. Das Café de la Regence war einer der beliebtesten Treffpunkte für Schachspieler, das auch für Schachfreunde aus aller Welt ein beliebtes Reiseziel gewesen war, wo sie sich mit anderen starken Spielern messen und gemeinsam dem Schachspiel frönen konnten. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie Caissa in dem Schachcafé in den mal ernsthaft und mal heiteren Unterhaltungen präsent war und von den Reisenden als bleibende Erinnerung mitgetragen und in ihre Heimat, in ihre eigenen Schachzirkel transportiert wurde. Wenn einer eine Reise tut, dann hat er was zu erzählen. Die Lawine war endgültig ins Rollen gebracht worden. Daß sich bislang niemand ein Bild von ihr machen kann, ist dabei in Erinnerung an die Zehn biblischen Gebote durchaus standesgemäß.