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Thema: Wieviel ist der Weißvorteil heute noch wert?

  1. #1
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    Wieviel ist der Weißvorteil heute noch wert?

    Nach der letzten WM zwischen Carlsen und Karjakin fiel der Herausforderer durch ein Zitat auf, indem dieser unterstellte, der Weißvorteil sei heute nichts mehr wert. Kern seiner Argumentation war dabei die Entwicklung des zunehmenden Gelöst-Seins von Schach durch die Computer, so daß auch die meisten Eröffnungssysteme mehr oder weniger forciert in den Remishafen münden würden. Karjakin zog daraus die Schlußfolgerung, wie der Weltmeister sich mit Weiß auf anspruchslose Eröffnungen zu beschränken, die nicht forciert Remis enden würden, sondern wo das eigentliche Spiel im Mittelspiel bei ungefähr gleichen Chancen beginnt und wo sich der bessere Spieler durchsetze. Sein Zitat hier im Wortlaut:

    Die Grundlage aller Partien ist die Eröffnung. Von Kindheit an wurde mir beigebracht, um Eröffnungsvorteil zu kämpfen, aber mit der Zeit, hat sich diese Auffassung gewandelt: zeitweise wollten die Weißspieler sogar einen großen Vorteil aus der Eröffnung herausholen, anstatt einfach nur "leicht besser" zu stehen. Ein Paar Jahre später galt "leicht besser" dann schon als Eröffnungserfolg für Weiß. Heute gilt es schon als gut, einfach eine spielbare Stellung zu erlangen, die man besser studiert hat als der Gegner. Deshalb ist es ist schier unmöglich, eine Partie in der Eröffnung zu gewinnen und es wird irgendwie ausgekämpft werden.
    Um gleich eine Entwarnung vorwegzunehmen. Meiner Meinung nach hat Karjakins These, die auch in Topkreisen nicht unumstritten sein dürfte, für Amateure erst einmal wenig Bedeutung, genauso wenig wie dies der schachliche Tag X haben dürfte, an dem das Schach endgültig gelöst sein würde - den Sieg von Deep Blue gegen Garri Kasparov 1997 hat die Schachwelt schließlich auch weggesteckt, ohne daß dies für das praktische Spiel von großer Bedeutung gewesen ist. Das menschliche Gehirn funktioniert anders als der Computer, und wir haben weder die Fähigkeit, Millionen Stellungen pro Sekunde zu berechnen, noch uns eine Fülle solcher Information zu merken.

    In den klassischen Zeiten von Steinitz und Tarrasch strebte man als Schwarzspieler Ausgleich an, während seit Botwinnik als zusätzliches Strategem aufgetreten ist, mit Schwarz den direkten Gegenangriff zu wählen. Der Weißspieler hat den Vorteil des zusätzlichen Tempos, während der Schwarzspieler den (leichten) Wissensvorteil besitzt, wobei, was auch die Statistiken belegen, nach denen Weiß in 37% und Schwarz in nur 27% der Partien gewinnt, der Tempovorteil höher wiegen dürfte als der Wissensvorteil. Vor allem dynamisch ausgerichtete Spielertypen dürften den Tempovorteil zu schätzen wissen.

    Ich denke, daß Weiß und Schwarz noch immer mit einem += nach der Eröffnungsphase zufrieden sein dürften. += bedeutet, daß die Partie ebenso leicht ins = kippen kann wie ins +/-, was bereits einen großen Vorteil bedeutet, und von hier kann wiederum die Partie ebenso leicht ins += kippen wie ins +-, was bereits bedeutet, Weiß steht auf Gewinn. Ein leichter Vorteil ist also nicht zu unterschätzen, auch wenn viele Schachspieler, wie ich in schachlichen Diskussionen mitbekommen habe, dieses += zu Unrecht als irrelevant einstufen. Von dem Tag an, wo das Schach gelöst sein wird, wird es bei entsprechend präparierten Engines nur noch die Wertungen 1:0, = und 0:1 geben. Eine solche Wertung ist aber was für Computer und nicht etwas für Menschen, denen ein solch kategorischer Wertungsmechanismus aufgrund der Komplexität des Schachspiels wenig weiterhelfen dürfte, so daß es auch von diesem Tag an Sinn machen wird, eine solche Wertung nur noch in aus menschlicher Sicht eindeutigen Fällen zu verwenden. Wegen der Diskrepanz von computerhaftem und menschlichem, v. a. amateurhaftem Denken bin ich sogar davon überzeugt, daß der Weißvorteil auf Amateurebene noch genauso viel Wert ist wie vor hundert Jahren. Und auch die Super-Großmeister sind m. E. immer noch weit davon entfernt, den Weißvorteil wie die besten Schachcomputer der Zukunft völlig zu nivellieren. Da der Mensch nicht perfekt ist, wird er es m. E. auch ohne Computerunterstützung im praktischen Spiel nie schaffen. Zur menschlichen Existenz gehört es, sich dem Ideal zwar annähern zu können, dies aber niemals zu erreichen.

    Was denkt ihr, wieviel der Weißvorteil heute noch Wert ist? Und welche Bedeutung hat die These Karjakins für die (aktuelle) Schachentwicklung?
    Alles wartet auf das Licht
    Oh, ihr Menschen, fürchtet euch nicht

  2. #2
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    AW: Wieviel ist der Weißvorteil heute noch wert?

    Ich denke, dass sich auf Non-GM-Ebene nicht viel ändern wird. Mag sein, dass Hochleistungsrechner nahelegen, dass es keinen Anzugsvorteil gibt oder Schach immer Remis endet - die damit verbundenen Züge sind aber vermutlich so dermaßen tief berechnet (und in strategischer Hinsicht wahrscheinlich auch sehr unintuitiv), dass sich für die meisten Normalsterblichen wohl kaum etwas ändern wird. Auf GM-Ebene kann das vielleicht anders aussehen, auf dem Level geht die Tendenz dank der Engine-Unterstützung womöglich tatsächlich in Richtung Remis.

  3. #3
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    AW: Wieviel ist der Weißvorteil heute noch wert?

    Zitat Zitat von Kiffing Beitrag anzeigen
    ....Kern seiner Argumentation war dabei die Entwicklung des zunehmenden Gelöst-Seins von Schach durch die Computer, so daß auch die meisten Eröffnungssysteme mehr oder weniger forciert in den Remishafen münden würden..
    Sehe ich auch nicht als Problem an.
    Bereits jetzt sind ja schon alle Endspiel-Stellungen mit (ich glaube) bis zu 6 Steinen komplett ausanalysiert und liegen in einer Datenbank vor. Das hat im praktischen Spiel (auch auf Weltklasse-Niveau) aber auch nur einen begrenzten Nutzen, weil der Mensch sich eben nicht alle Stellungen und die jeweils nötigen Zugfolgen merken kann. Und nie wird merken können.
    Einige bekannte Eröffnungsvarianten gibt es, die in Zugwiederholungen oder in einfach zu haltende Endspiele führen. Wesley So hat bei der US-Meisterschaft 2017 in der letzten Runde ein Remis angestrebt, mit dem er wahrscheinlich den Tie-Break erreicht. Sein Gegner war gegen einen so starken Spieler wie Wesley anscheinend auch mit nem Remis einverstanden und beide sind in ne bekannte Remis-Variante des Spaniers gegangen. Nach 14 Zügen und ich glaube weniger als 20min gabs das Händeschütteln. Aber dann müssen sich schon beide einig sein. Wenn ein Kampf gewünscht ist, gibt es immer noch unendlich viele Möglichkeiten, diesen auch weit ab von forcierten Varianten auszutragen.


    zur Amateurebene:
    Wenn ich mich an meine Spiele erinnere, bin ich mit Weiß zumindest immer einigermaßen gut aus der Eröffnung gekommen.
    Das heißt, i.d.R. konnte ich meine Figuren gesund entwickeln, relativ ungefährdet rochieren und hatte entweder angenehmen Raumvorteil oder zumindest keinen Raumnachteil. Darin liegt m.E. der Vorteil, mit den weißen Steinen zu spielen. Man bekommt normalerweise eine Mittelspielposition mit leichtem Vorteil oder zumindest nicht schlechter stehend. Von da an kann natürlich alles passieren, aber die Ausgangslage ist schon mal okay. Mit Schwarz kann das schon mal brenzlig werden. Mit Schwarz passiert es (mir) eher, dass die Entwicklung nicht vernünftig abgeschlossen werden kann, oder dass man mit etwas zusammengeschobener Stellung ins Mittelspiel geht.
    Wobei das auch wieder ein kleiner Vorteil sein kann. Ich verteidige recht gern. Wie sagte Nakamura kürzlich über seinen Gegenspieler (den ganz genauen englischen Wortlaut weiß ich nicht mehr): He likes that dry positions. Where he is maybe slightly worse, but where are no tactics.
    Da finde ich mich einigermaßen wieder. Also ich verteidige auch ganz gern mal leicht schlechtere Stellungen. Wenn man es dann schafft, auf Ausgleich zu kommen, dann ist das schon ein kleiner mentaler Sieg.

    Ich hab mir mal meine letzten 37 Spiele angesehen. Mit Weiß habe ich 55% der Puntke geholt, mit Schwarz 47% der Punkte. Ist natürlich mit Vorsicht zu genießen (Anzahl Spiele, Punktgewinn/-verlust im Endspiel etc), aber unterstreicht wohl trotzdem, dass ich mit Weiß wohl einen leichten Vorteil habe. Macht sich ja auch in meiner Vorbereitung bemerkbar. Wenn ich Eröffnungsvarianten übe, dann mit Priorität für Schwarzeröffnungen. Mit Weiß kann man schon mal 'irgendwie durchkommen', mit Schwarz kann ein Abweichen vom Pfad schneller böse enden.

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