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Thema: Interview mit Artur Jussupow

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    Interview mit Artur Jussupow

    Nachfolgend das vollständige Interview aus SCHACH 4/2017, das Dirk Poldauf mit Artur Jussupow geführt hat. Dabei ist ihm ein beeindruckendes Porträt dieser Persönlichkeit gelungen. Interviews dieser Intensität bekommt man nicht oft zu lesen. Leider kann ich die Fotos, die das Interview zusätzlich bereichern, hier nicht mitliefern. Aber auch die reine Beschränkung auf das geschriebene Wort, wird den geneigten Leser reich mit Fakten und Hintergründen bescheren. Von dem besonderen Verhältnis Jussupows zu Dworezki, wie bereits von Kiffing angedeutet ( https://www.schachburg.de/threads/19...light=Jussupow ), wird auch zu lesen sein.

    Interessant ist auch der Fakt, dass speziell der „Nachsatz“ am Ende des Interviews, den damaligen DSB-Präsidenten Herbert Bastian animierte, einen Leserbrief an SCHACH zu schreiben. Doch zum Inhalt dieses Briefes später mehr. Zunächst das Interview mit Nachsatz:

    „Wir sind fast am Limit“

    Artur Jussupow sieht nicht nur aus wie ein Philosoph. Er ist auch einer.
    Wir trafen uns in Ulm, in einem Café mit Blick auf das Münster. Der mehrfache WM-Kandidat und fünffache Olympiasieger kam die zwanzig Kilometer aus seinem Domizil Weißenhorn mit der Regionalbahn herüber. Karriere, Trainertätigkeit, Mark Dworezki, deutsches Schach und und und ... Die journalistische Herausforderung bestand von vornherein eher darin, das Interview im Rahmen zu halten. Da traf es sich gut, dass der 57-jährige noch einen Trainingstermin hatte und unser Treffen zeitlich begrenzt war.

    Von Dirk Poldauf


    Deutschland

    Wie kam es, dass Sie sich diese Region und hier Weißenhorn als Bleibe auserkoren haben?

    Zuerst haben wir am Tegenersee gewohnt. Eine traumhafte Gegend! Aber nach einigen Jahren wollten wir uns etwas eigenes anschaffen. Wir haben gesucht, wo man in Bayern ein Haus kaufen kann – und sind in Weißenhorn fündig geworden. Über eine Zwangsversteigerung. Dabei spielte der Zufall eine gewisse Rolle, aber ich denke, es war gut so.
    Ich hatte dreißig Jahre lang in Moskau gewohnt. Das war genug Großstadt. Ich wollte ein neues Leben anfangen, in einem kleinen, ruhigen Ort. Auch für die Kinder ist das besser. Hier passiert nichts, wir fühlen uns sehr sicher. Anders als in einer Metropole.

    Sie waren 1990 in Moskau in Ihrer eigenen Wohnung überfallen und schwer verletzt worden.

    Eine alte Geschichte, die mir in ihrer Konsequenz die Umstellung enorm erleichtert hat. Für mich war es, als hätte ich in Deutschland ein zweites Leben begonnen. Ohne nostalgische Gefühle. Ich hatte mich entschlossen, meine Heimat zu verlassen, und außerdem meine Frau kennengelernt. Wir wünschten uns ein Kind. Und die Situation in Russland war gerade ziemlich ungemütlich geworden.
    Von Beginn an, erhielt ich die Möglichkeit, für Bayern München zu spielen. Das war natürlich eine große Hilfe. Die Mannschaft wurde später aus der Bundesliga zurückgezogen, aber ich bin hier geblieben.
    Wenn man ein zweites Leben geschenkt bekommt, will man es anders als das erste gestalten. Mit Familie. Mit Kindern. Ruhiger. Ich bin sehr, sehr dankbar dafür, dass ich in Deutschland leben darf. Es ist hier wirklich nahe am Paradies. (lacht)
    Natürlich gibt es auch Schwierigkeiten. Aber es ist ein sehr schönes Land. Die großartige Kultur kannte ich schon im Vorfeld, aber die Landschaft hat mich überrascht. Flüsse. Berge. Wälder. Ja. Deutschland hat viel zu bieten.
    Ich wurde sehr gut aufgenommen. Nach einem Jahr begann ich, deutsch zu sprechen. Die Integration ist bei mir sehr gut gelaufen. Auch mit dem Deutschen Schachbund hatte ich schnell ein gutes Verhältnis. Ich wurde in die Nationalmannschaft aufgenommen und relativ schnell eingebürgert.

    Sie waren damals ein Weltklassemann und haben um die Weltmeisterschaft gekämpft. 1994 haben Sie in Moskau (!) Ihre erste Olympiade für Deutschland gespielt und in Istanbul 2000 mit unserer Mannschaft die Silbermedaille gewonnen.

    Ja, wir hatten eine sehr gute Mannschaft. Und das Klima war gut, das war sehr wichtig.

    Das Klima war ein entscheidender Faktor?

    Ja, es war entscheidend für den Erfolg. Obwohl Rustam Dautov sehr stark spielte und es auch bei mir gut lief, war die Mannschaft der Star. Wir saßen abends zusammen , tranken Tee und tauschten uns aus. Und Uwe (Bönsch, der damalige Bundestrainer, d.A.) hat uns sehr gut betreut.

    Bei der letzten Olympiade in Baku 2016 landete Deutschland nur auf Platz 37 …

    Ja, das war nicht gut. Wollen wir über die Probleme des Deutschen Schachbundes sprechen? (lacht)

    Wir können das auch aussparen.

    Nein, nein. Ich habe gar nichts dagegen. Rang 37 entspricht nicht der Position des deutschen Schachs in der Welt. Schauen wir nur auf die Eloliste, in der wir mit so vielen Spielern vertreten sind. Oder die Bundesliga, die unglaublich stark ist, wahrscheinlich die stärkste Liga der Welt. Ein Land mit solchen Voraussetzungen sollte theoretisch um Medaillen kämpfen.
    Auch in meiner Zeit waren Medaillen nicht an der Tagesordnung, aber es gab sie. Später gewannen wir bei der Manschafts-EM 2011 sensationell Gold, aber sonst? Das ist zu wenig! Wir haben diese phantastischen Kinder-Meisterschaften. Sehr gut organisiert! So viele Kinder, die Schach spielen. Aber die Erfolge sind mager und nur episodischer Natur. Deutschland müsste auch im Nachwuchsbereich mehr Medaillen holen. Hier wird der Grundstein gelegt. Vielleicht läuft etwas in der Ausbildung schief.

    Trainer

    Sie fungieren heute selbst als Trainer und haben einen guten Einblick. Inzwischen arbeiten Sie auch mit dem wahrscheinlich größten deutschen Talent, mit Vincent Keymer.

    Unsere Zusammenarbeit hat gerade erst begonnen, wir wollen sie ausbauen. Er geht ja auch zur Schule und muß noch andere Dinge tun. Normalerweise haben wir zwei, drei Einheiten pro Woche. Nicht sehr lange. Das läuft über Internet, da wir an verschiedenen Orten leben. Drei bis fünf Stunden pro Woche sind natürlich eigentlich zu wenig.
    Ein Problem für Vincent war, dass er zuvor mit sehr vielen verschiedenen Trainern gearbeitet hat. Das war wahrscheinlich zu viel für ihn, er hatte ein bisschen den Überblick verloren.
    Es gibt noch sehr viele Baustellen, an denen wir arbeiten müssen.. Er ist noch sehr jung, gerade mal zwölf Jahre. Wir müssen behutsam vorgehen. Seine Eltern legen auch wert darauf, dass er die Schule nicht vernachlässigt.

    Wie würden Sie Vincents Potenzial einschätzen? Seine Gegner, darunter Großmeister, äußern sich teils euphorisch.

    Er hat für sein Alter eine sehr gute Elozahl (aktuell 2401, d.A.). Das spricht für seine Stärke. Ich sehe jedoch auch, dass er noch viele Probleme hat. Aber trotz all der Baustellen eine so hohe Zahl – das allein zeigt schon das große Potenzial. Wenn hier vernünftige Arbeit ansetzt, kann er sehr stark werden. Allerdings muss man ihm Zeit geben. Er steckt ja mitten in seiner Entwicklung. Bis er etwa sechzehn ist, ist es schwer, verlässliche Prognosen darüber anzustellen, was er wirklich erreichen kann. Man muss ihm Zeit geben.. Ein Problem ist, dass bereits Druck auf ihn ausgeübt wird.

    Sind die Erwartungen schon so hoch?

    Sie selbst fragen mich doch gerade nach ihm! (lacht) Das ist es, was ich meine. Man muss ihm Zeit lassen, sich in Ruhe zu entwickeln. Nicht zu sehr forcieren, kein Druck, sondern Kontinuität.

    Beim >Young Masters< in Bad Ragaz hat er im April vorigen Jahres alle neun Partien verloren ...

    Ja, das ist eine Geschichte, in deren Vorfeld viele Fehler passiert waren. Er war damals wohl noch nicht bereit, für ein Turnier dieser Qualität (Elodurchschnitt 2475, d.A.). Diese Sache war dann aber auch der Beginn unserer Zusammenarbeit.
    Hans-Walter Schmitt hatte mich kontaktiert und meinen Rat gesucht. Bis dahin glaubte ich den Jungen gut aufgehoben, aber das war vielleicht doch nicht der Fall. Er hatte zu viele Trainer gleichzeitig, das führte zu gewissen Problemen. Und dann kam dieses Turnier dabei heraus. Aber das war kein Beinbruch, er hat die verlorenen Elopunkte schnell wieder zurückgewonnen (lacht), hat den Misserfolg also gut weggesteckt. Das zeugt von Charakter. Aber, wie gesagt, wir müssen ihm Zeit geben und vor allem die Erwartungen nicht zu hoch schrauben.

    Haben Sie weitere Schüler?

    Ja, ich trainiere einige Junioren unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Stärke.

    Die Trainertätigkeit steht bei Ihnen heute also an erster Stelle?

    So kann man es sagen. Alle Schüler sind mir wichtig. Wenn Vincent zum Beispiel ein Turnier spielt, versuche ich, Kontakt zu ihm zu halten. Im Moment spielt er in Cannes und es läuft nicht gut. Wir versuchen trotzdem, jeden Tag über Skype miteinander zu sprechen. Manchmal fahre ich auch mit zu den Turnieren, mit den Schweizern war ich bei Welt- und Europameisterschaften. Nun werde ich versuchen, Vincent zu ein paar Turnieren zu begleiten. Das ist sehr wichtig für junge Spieler. Wahrscheinlich werde ich Vincent bei der Deutschen Meisterschaft im Juni in Apolda betreuen.

    Wenn man sich die Ergebnislisten der Kinder- und Jugendweltmeisterschaften anschaut, scheint es so, dass die großen Talente heute vorwiegend aus Ländern wie den USA, Indien oder den Iran kommen.

    Die Inder sind sehr stark. Dort gibt es sehr, sehr viele gute Spieler. Auch die USA, ja. Dort hatte und habe ich auch einige Schüler.. Junge Spieler. Man spürt das Interesse. Sie sind sehr gut geworden und arbeiten sehr viel. Die meisten sind chinesischer oder indischer Abstammung.

    Können Sie Namen Ihrer Schüler nennen?

    Muss ich? (lacht) Das ist nicht so wichtig. Einer hat gerade eine Medaille bei der WM gewonnen. Ich bin aber nicht sein einziger Trainer, sondern einer von vier oder fünf. Das zeigt die Intensität. Sie haben Organisationen, wie etwa die Kasparov Foundation, die helfen. So können die Talente früh mit Großmeistern arbeiten. Diese Professionalität in jungen Jahren ist eine gute Entwicklung. Ich weiß, dass dort sehr viel gearbeitet wird.

    Mark Dworezki

    Haben Sie eine eigene, eine >Jussupow-Methode<?

    Nein, die gibt es nicht. Ich habe sehr viel von meinem Trainer gelernt., meinem Schachlehrer. Mark Dworezki. Grundsätzlich verwende ich seine Methodik. Ich habe sie auch in einer Reihe von Büchern dargestellt. Im Vergleich zu anderen Lehren lag das besondere Augenmerk bei Mark auf der >Stärken-Schwächen-Analyse<. Er versuchte in erster Linie, die Schwächen seiner Schüler zu beseitigen. Mit intensivem, gezieltem Training.
    Ich arbeite vorwiegend mit Beispielen aus der Praxis, aber auch mit Studien. Ich habe Marks Methode ein wenig mit eigenen Erfahrungen angereichert.

    Unterscheidet sich diese Methode von denen anderer Trainer?

    Einige arbeiten auch in diese Richtung, andere gehen andere Wege, denke ich. Wesentlich ist, dass man erkannt hat, dass neben dem Ansammeln von Wissen auch der Entscheidungsprozess trainiert werden muss.. Die Technik, eine Lösung zu finden. Alles ist publiziert, es existieren keine Geheimnisse. Natürlich gibt es immer noch viele Schrottbücher, aber auch sehr viel gute Literatur. Man kann die Bücher von Mark nehmen – und die Methode ist da. Ich empfehle alle seine Bücher, sie sind einfach klasse. Die >Endspieluniversität< zum Beispiel ist phantastisch. Oder die Testreihen für stärkere Spieler.

    Welcher Art war Ihr Verhältnis zu Dworezki?

    Er war nicht nur mein Schachlehrer, sondern mehr. Er war auch mein Freund. Wir konnten über alles reden. Er war zum Beispiel sehr kritisch gegenüber dem sowjetischen System. Er war vielleicht zu extrem, zu kompromisslos. Aber er konnte seine Überzeugungen auch gut verteidigen. Als ich jung war, habe ich mich bis zu einem gewissen Grad an ihm orientiert. Zum Beispiel war er nie Mitglied des >Komsomol< (der kommunistischen Jugendorganisation der UdSSR, d.A.). Das hat er abgelehnt. Dass das überhaupt ging … (lacht) Ich wurde auch kein Mitglied der Partei. Komsomol ja, aber Partei nein.

    Das war bestimmt nicht einfach als Weltklassespieler in der damaligen Sowjetunion?!

    Natürlich nicht, zumal die Mitgliedschaft ja auch Vorteile mit sich brachte. Wirklich Druck gab es auf mich deswegen aber nicht, eher ein sanftes Drängen. Kasparow zum Beispiel war Mitglied der Kommunistischen Partei. Kortschnoj auch! (lacht) Für mich kam das nicht in Frage.

    Auch unter dem Einfluss Dworezkis?

    Ja, schon, aber ich hatte viele Sachen gelesen und sowieso keine Lust dazu. Wenn man gewisse Spielregeln nicht verletzte, konnte man leben.

    Im September letzten Jahres ist Mark Dworezki verstorben.

    Er hatte seit einigen Jahren Krebs. Zwischenzeitlich bestand wieder Hoffnung, aber dann ging alles sehr schnell. Die tückische Krankheit war zurückgekehrt.

    Sie waren eigens noch nach Moskau geflogen …

    Ja, aber es war leider schon zu spät. Ich hatte gerade mein Ticket gekauft und das Visum erhalten, da kam die Nachricht von seinem Tod. Ich wollte ihn unbedingt noch einmal sehen und mir war vollauf bewusst, dass es um Tage ging.
    Wenigstens war ich zu seiner Ehrung im >Zentralen Haus des Schachspielers< dabei. Es war sehr bewegend! Viele Spieler sind vom gerade laufenden >Tal-Memorial< herüber gekommen. Jeder, der wollte, sagte einige Worte zum Abschied.
    In den letzten Jahren hatten wir nicht mehr diesen intensiven Kontakt, aber wir haben uns viel im Internet ausgetauscht. Er hat immer noch unglaublich viel gearbeitet und nach hochwertigem Material gesucht. Ich vermisse das sehr. Manchmal konnte ich ihm etwas Schönes zeigen (lacht), aber viel häufiger präsentierte er mir seine neuesten Entdeckungen. Es war beeindruckend! Und er hat immer noch geschrieben. Wir sind aktuell am Übersetzen, um sein Vermächtnis zu vervollständigen.
    Ich vermisse ihn unglaublich. Mit ihm konnte ich über alles reden, alles diskutieren. Was ich als Spieler und als Trainer geworden bin, verdanke ich im Prinzip alles Mark. Ich glaube nicht, dass ich es ohne ihn so weit gebracht hätte.

    Karriere

    Apropos. Sie standen mehrere Male kurz vor einem Match um die Weltmeisterschaft!

    Ja, ich war nahe dran. Und das war eine gute Sache, denn es gab damals einige Spieler, die mehr Talent als ich hatten. In der Retrospektive sehe ich, dass Kasparow und Karpow eine eigene Kategorie bildeten. Gegen diese beiden war ich im Grunde chancenlos. Vom Talent und Schachverständnis her waren sie eine andere Klasse. Sie waren Genies. Das ist qualitativ noch mal etwas anderes.

    Ich habe Ihnen 1986 im Kandidaten-Halbfinale gegen Andrej Sokolow die Daumen gedrückt!

    Ich war vielleicht etwas reifer als Andrej. Aber er befand sich gerade im Aufwind …

    War das damals Ihre größte Chance, ein WM-Match gegen einen der beiden ganz Großen zu spielen?

    Schwer zu sagen. Ich hatte danach ja noch zwei andere Halbfinals (1989 gg. Karpow und 1992 gg. Timmann, d.A.). Aber obwohl ich immer meine Chancen hatte, konnte ich diese Hürde nie nehmen. Ich wäre dann im Kandidaten-Finale gewesen. Ob es dann noch weiter nach oben gegangen wäre, weiß man natürlich nicht. Mit meinem heutigen Wissen hätte ich es damals vielleicht geschafft, um die Weltmeisterschaft zu spielen. Dann hätte ich gewusst, woran ich noch arbeiten muss! (lacht)
    Oft bekommt man ja diese unsinnige Frage gestellt, was man anders machen würde, wenn man nochmal leben könnte. Einige sagen, sie würden genau das gleiche wieder machen. (lacht) Das ist natürlich totaler Schwachsinn. Wenn man bestimmte Dinge von vornherein weiß, kann man das Leben viel besser meistern. Aber um Karpow oder Kasparow besiegen zu können, hätte ich schon das Fünffache tun müssen. Wenn nicht das Zehnfache. Und ich habe ohnehin schon viel gearbeitet.

    Lag es an der Intensität der Arbeit?

    Irgendwo Talent kaufen zu können, wäre natürlich auch gut gewesen! (lacht) So muss man Defizite durch unglaublich viel Arbeit auszugleichen versuchen.

    Ist die Rolle des Trainers nicht mitunter überbewertet, speziell in der >Russischen Schachschule<? Entwickelt sich das Genie nicht in der Selbständigkeit? Durch eigenständige Arbeit?

    Natürlich muss man sehr viel allein machen. Ich werde meine Arbeit als Trainer auch nicht überbewerten. Aber man kann helfen.
    Vielleicht hätte ich mehr auf das hören sollen, was Mark mir gesagt hat. (lacht) Aber ich war ein bisschen eigensinnig. Als ich ihn traf, war ich im Juniorenbereich bereits ein starker Spieler. Aber ich war nicht besser als fünf oder zehn andere. Erst die Arbeit mit Mark hat mich nach oben katapultiert.
    Ein guter Trainer kann die Richtung der Arbeit vorgeben und mit Material und gezieltem Training helfen. Der Spieler gewinnt so einfach Zeit. Natürlich kann man nichts >gegen den Willen< des Spielers durchsetzen. Ich weiß, dass Mark dieses Problem mit ein paar Schülern hatte, die andere Schwerpunkte setzen wollten. Sie sind seinem Rat nicht gefolgt und haben damit einfach nur Zeit verloren.
    Einer meiner Konkurrenten im Juniorenbereich war damals Lew Psachis. Ein unglaublich talentierter Spieler! Aber er hatte gegen mich und meinen Freund Sergej Dolmatow keine Chance, da wir durch das Training mit Mark einen Schub bekommen hatten. Später hat Psachis aufgeholt und die Sowjetische Meisterschaft gewonnen. Er hat sich also auch entwickelt. Nur langsamer.

    Alexej Yermolinski schilderte einst, wie er als Kind von einem bekannten Schachlehrer vor der versammelten Klasse für seinen Eröffnungszug 1. b3 'runtergeputzt wurde. Gab es diesen Dogmatismus unter den Trainern der >Sowjetischen Schachschule<?

    Es gab alles! Sie verwenden den Begriff >Sowjetische Schachschule<. Die ist schwierig zu definieren, denn es gab viele Richtungen. Es handelte sich dabei eher um einen Raum, in dem sich Talente entwickeln konnten. Es war nicht so, dass man so, so oder so trainieren sollte. Man kann also nicht streng definieren, was für diese >Schule< typisch war. Michail Botwinnik gab viele Empfehlungen. Denen konnte man folgen, musste es aber nicht. Die ukrainischen Spieler unterschieden sich von denen aus Leningrad oder Moskau. Diese Vielfalt war nicht schlecht.
    Man sollte besser über >Schulen< bestimmter Trainer sprechen. Es gab einige große Trainer mit bestimmten Besonderheiten. Dieser legte Wert auf eine Sache, der andere auf eine andere. Man kann mit unterschiedlichen Methoden zum Ziel gelangen. Mark hat die jungen Spieler wunderbar auf Großmeisterniveau gebracht. Vom Meister zum Großmeister funktionierte sein System sehr gut. Weiter oben wurde es schwieriger. Nach >Großmeister< blieb dann ja nur noch >Weltmeister<. (lacht)
    Ich habe eine Theorie entwickelt. Wenn du Schachspielen lernst und dich eine Stunde damit beschäftigst, machst du einen großen Schritt vorwärts. Um einen zweiten großen Schritt zu machen, brauchst du zehn weitere Stunden. Dann sitzen die Regeln. Für den dritten Schritt brauchst du etwa hundert Stunden usw. Bei jedem Schritt wird der zeitliche Umfang größer. Irgendwann kommt der Punkt, an dem du dir sagst: >Das schaffe ich nicht!< Wenn du dann aufgibst, bist du als Spieler quasi tot. Dann hast du deine Grenze erreicht. Vielleicht hätte es eine Chance gegeben, weiter zu kommen, aber dafür hättest du zehnmal mehr als zuvor investieren müssen. Das ist einfach extrem schwer.

    Carlsen & Co

    Damit sind wir ganz oben angelangt. Wie hat Ihnen das Weltmeisterschaftsmatch zwischen Carlsen und Karjakin in New York gefallen?

    Ich hätte von der Qualität der Partien her mehr erwartet. Carlsen konnte sein Ptential nicht ausschöpfen. Er satnd unter Druck und Karjakin war sehr zäh, es lief für ihn. Er hatte gute Chancen, das Match zu gewinnen.
    Interessant war die psychologische Seite des Kampfes, die Strategie von Karjakin, die er im Vorfeld in einem Interview verriet: >Um mich zu schlagen, muss Carlsen sein bestes Schach spielen.<, sagte er einer russischen Zeitung. Das fand ich eigenartig. Denn normalerweise denkt ein Herausforderer: >Wie kann ich den Weltmeister schlagen?<. Hier lief es andersherum: >Er ist ein Supertalent. Ich akzeptiere das. Aber ich spiele so, dass er große Schwierigkeiten haben wird, mich zu schlagen<. Das hat funktioniert. Karjakin hat praktisch akzeptiert, dass der andere besser ist, aber er hat sich als Kämpfer erwiesen und mehr erreicht, als die meisten im Vorfeld ihm zugetraut hatten.

    Der russische Verbandspräsident Andrej Filatow hat nach dem Match die Namen Karjakin, Kramnik, Grischuk, Njepomnjaschtschi als mögliche kommende russische Herausforderer für Carlsen genannt. Geben Sie diesen Spielern ebenfalls Chancen oder sehen Sie aussichtsreichere Akteure?

    Ich kenne nicht alle jungen Russen. Aber noch fehlt ihnen dieser letzte Schritt, den ich beschrieben habe.. Ohnehin werden Spieler wie Caruana, So oder Giri dazu ihre eigene Meinung haben. (lacht) Auch Nakamura. Die alte Garde darf man auch nicht vergessen. Ich durfte einige Jahre mit Anand arbeiten und freue mich, dass er immer noch so stark spielt.. Und da ist auch noch Aronjan. Die Konkurrenz ist groß, es ist schwer, sich auf einen Herausforderer festzulegen.

    Aber gibt es einen Spieler, der Sie besonders beeindruckt? Eine Art persönlicher Favorit?

    Gut, Anand und Kramnik, aber die waren schon Weltmeister. Sie sind nicht mehr die Jüngsten und vielleicht fehlt ihnen die nötige Kraft und Energie – was nicht heißt, dass sie nicht jederzeit ein großes Turnier gewinnen können.
    Episodisch ist So gerade sehr stark, vorher war es Caruana. Wenn man so spielt wie Topalow 2005 beim Turnier in St. Louis oder Caruana 2014 in St. Louis, kannst du natürlich auch Weltmeister werden. Aber du musst das konstant zeigen und das ist schwierig.
    Ich habe nichts gegen Karjakin, aber ich hatte gehofft, dass Aronjan Herausforderer werden würde. Er ist ein Spieler mit ungeheurem Potenzial. Aber er schafft es irgendwie nicht, es abzurufen. Zumindest nicht konstant über vier, fünf Turniere am Stück.

    Was gefällt Ihnen an seinem Spiel?

    Er hat dieses Gefühl für Initiative. Er findet Überraschendes. Die Spitzenspieler machen alle wenig Fehler. Aber dieses spezielle Moment, etwas Überraschendes zu machen, ist besonders bei Aronjan stark ausgeprägt. Diese Orginalität.
    Die jüngeren Spieler kenne ich weniger gut. Von ihnen habe ich mir nur Carlsen näher angesehen. Faszinierend! Vielleicht sollte ich mich auch mit So befassen. Es wäre interessant, herauszufinden, was ihn gerade jetzt so stark macht. Die jungen Spieler haben unglaublich viel Energie. Aber wir haben vorhin über Andrej Sokolow gesprochen. Der ist damals wie eine Rakete emporgeschossen. Nach der Niederlage im Kandidatenfinale gegen Karpow war die Luft jedoch raus. Durch einen Energieschub nach oben kommen, ist eine Sache, auf diesem Niveau zu bleiben eine andere. Dann ist Substanz gefragt. Stellen Sie sich vor, Sie laufen einen Berg hoch. Irgendwann können Sie nicht mehr laufen und müssen klettern. Klettern Sie weiter oder fehlt Ihnen irgendwann die Kraft und Sie fallen `runter.

    Risiko & Intuition

    Bei einigen Spielern der aktuellen Weltelite stört mich der Hang zum Pragamatismus. Kann man heute auf diesem Level keine Risiken mehr eingehen?

    Du kannst dir nicht alle Freiheiten erlauben und gegen alle Topspieler hohes Risiko gehen. Dann gibt’s auf die Nase.. Du musst wissen, wann der richtige Moment gekommen ist! Du muss diese gewissen Momente >spüren<. Dann nimmst du das Risiko!

    Können Sie einige dieser Momente aus Ihrer Karriere beschreiben?

    Diese gab es zum Beispiel in gleich zwei Partien in meinem Match 1991 gegen Wassili Iwantschuk. Ich hatte bereits die achte Partie ziemlich befreit gespielt. Ich musste gewinnen. Ich fand diese achte Partie qualitativ sogar besser als die neunte Partie, die viel bekannter geworden ist. Mit Schwarz war ich plötzlich in einem Königsinder gelandet, was ich normalerweise nicht spiele. Ich hatte das Gefühl, ich muss jetzt sehr aggressiv spielen und alles wird klappen. Irgendwie. Ich dachte, ich darf hier einfach nicht mehr nachdenken. Ich habe dann zwar doch gedacht und auch etwas berechnet, aber es war sehr viel Intuition dabei. Ich hatte verstanden: >Heute geht es. Heute kann ich so spielen.< Und es funktionierte! Diese Sternstunden gab es in meiner Karriere aber zu selten. Das ist nicht mein Spiel.
    Einen weiteren dieser Momente hatte ich in einer wichtigen Partie bei der Deutschen Meisterschaft 2005 gegen Thomas Luther. Er hatte die Eröffnung sehr gut behandelt und bequem ausgeglichen. Mir war klar, dass ich keinen Vorteil habe. Ich gucke auf die Stellung und denke und denke und denke. Und dann plötzlich: >Worüber denke ich eigentlich nach? Mischa hätte hier die Figur geopfert!< Ich hatte an Michail Tal gedacht! Er hätteohne nachzudenken auf h6 genommen. Und genau das tat ich nun auch. Ich imitierte Tal! Das Risiko wurde belohnt. Thomas fand sich in Zeitnot nicht zurecht. Die Partie hätte remis ausgehen sollen, das heißt, ich hatte die Grenze des vertretbaren Risikos nicht überschritten.
    Diese Situationen sind sehr wichtig, Die richtig großen Spieler können das. Ich habe gegen viele von ihnen gespielt und mich hat es immer gewundert, dass sie kaum einmal die Grenze des zulässigen Risikos überschritten haben. Sie wussten fast immer, wie weit sie gehen konnten. Daher war es auch so schwer, sie zu besiegen.

    Gibt es auch Weltklassespieler, die dieses Risiko bewusst überschreiten?

    Früher war es Tal. Aus der heutigen Generation Alexej Schirow. Vielleicht auch Hikaru Nakamura, der inzwischen aber solider spielt. Gelegentlich sogar Fabiano Caruana. Manchmal muss man etwas Außergewöhnliches tun, um eine Partie zu gewinnen. Nur Carlsen kann den Gegner mit normalen Mitteln besiegen! (lacht)

    Computer

    Haben die heutigen Spitzenspieler eine andere Einstellung zum Schach als ihre Generation früher?

    Sie trainieren schon sehr früh mit Großmeistern und kennen die Eröffnungen wahrscheinlich in jungen Jahren schon besser als ich in fortgeschrittenem Alter. Sie arbeiten viel früher professionell als wir früher.
    Der Einfluss der Computer ist ein sehr komplexes Thema. Es gibt dabei Positives, aber auch sehr viel Negatives. Bestimmte Arbeiten, für die wir früher einen Monat brauchten, erledigen sie heute in einer Stunde. Ein gutes Gedächtnis hat noch einmal an Bedeutung gewonnen. Es ist bekannt, dass Karpow ein überdurchschnittlich gutes Gedächtnis hat. Aber man kann ihn trotzdem nicht mit Kasparow vergleichen, auf dieser Ebene hatte er klare Nachteile.
    Es gibt einen zweiten Aspekt, den die FIDE geschaffen hat, bewusst oder unbewusst. Es gibt heute die vielen Altersklassen-Weltmeisterschaften: U8, U10, U12 usw. Zu unserer Zeit hatten wir nur die U20. Dann kam die U16, glaube ich, und dann wurden es immer mehr. Dadurch gibt es heute einen Anreiz für viele junge Spieler, sich professionell vorzubereiten. Damals nahm nur ein Spieler pro Land an der WM teil. Ich hatte einmal Glück, qualifizierte mich und wurde 1977 Weltmeister. Das war sehr wichtig und ein großer Schub für meine Karriere, denn ich erhielt dann staatliche Unterstützung. Die heutige frühe Professionalisierung führte dazu, dass die Masse der starken Spieler enorm gestiegen ist. Heute sind sie, mit sagen wir sechzehn, viel weiter als wir damals. Wenn du heute mit sechzehn noch kein Großmeister bist, wirst du fast schon als talentlos eingestuft. Früher war es phantastisch, mit zwabzig Großmeister zu sein. Heute brauchst du ein sehr gutes Gedächtnis. Denn wer findet heute die Neuerungen? Stockfish, Houdini oder Rybka!

    Mir ist jetzt in Wijk aan Zee wieder aufgefallen, dass die jungen Spieler ihre Partien nicht mehr gemeinsam analysieren. Sie unterhalten sich nur kurz, gehen dann ins Hotel und schalten den Computer ein, der ihnen die Wahrheit auswirft.

    Ja, hier sehen wir eine negative Auswirkung der Computerrevolution. Ich sah kürzlich in einem Schachklub ein Foto von einem Turnier. Bei dem Karpow und Kasparow ihre Partie analysierten. Viele Spieler, Journalisten und Zuschauer standen drumherum. Sie gucken ehrfürchtig auf diese Analyse und erleben eine Art Schachwunder! Und jetzt, wenn, sagen wir einmal Karjakin und Carlsen miteinander analysiert hätten, wäre ein Journalist gekommen und hätte Carlsen gefragt: >Warum hast du nicht Springer e5 gespielt? Das hätte gewonnen!< Den Zug hätte ihm irgendein Schachprogramm gezeigt.
    Das führt auch dazu, das die Laien nicht mehr beurteilen können, was die Leute am Brett leisten. Heute sagt ein Amateur mit Computer: >Naja, der macht nur den drittbesten Zug. Schwache Technik!< Ihnen wird häufig gar nicht bewusst, wie weit sie von diesem Niveau entfernt sind. Dadurch fehlt die Ehrfurcht und der Respekt vor der Leistung. Jeder hat heute einen >Spieler< auf einem Level von Elo 3200 zu Hause. Das ist übel.

    Es gibt auch Leute, die sagen, die Spieler vergangener Epochen waren am Brett stärker als die heutige Generation. Wie schätzen Sie das ein?

    Das ist schwierig. Man kann alles behaupten. Andere wiederum sagen, dass Capablanca heute in einem Open keine fünfzig Prozent schaffen würde. (lacht) Das Wissen ist enorm gestiegen. Besonders in den Eröffnungen. Im Endspiel würde ich das nicht unbedingt so sehen. Gut, es gibt heute die Tablebases, aber wenn man sich eine alte Analyse von Polugajewski anschaut, findet man auch mit dem Computer kaum Fehler. So gut hat er gerechnet und analysiert.
    Überhaupt, die Partieanalyse … Heute zeigt der Computer den richtigen Zug sofort an. Man spart Zeit und es fehlt der Trainingseffekt und der Weg zur Entscheidungsfindung. Es könnte sein, dass einige Fähigkeiten dadurch nicht genügend geschult werden. Als Ersatz dafür könnte man zum Beispiel Studien lösen. Besonders für junge Spieler ist eine Art Balance wichtig. Der Computer ist einerseits eine mächtige Waffe, du kannst schnell etwas vorbereiten. Aber wenn du nicht mehr deine eigenen Wege suchst, hast du ein Problem: Unter Wettkampfbedingungen, also am Brett, bist du allein!
    Der Prozess der Entscheidungsfindung muss trainiert werden, das ist sehr wichtig. Eine Methode ist das Ausspielen von Stellungen mit Sparringspartnern, so wie ich es früher auf Geheiß von Mark häufig mit Sergej Dolmatow praktiziert habe.
    Wenn ich mir aber andererseits meine alten Partien heute mit dem Computer anschaue, stelle ich viele Fehler fest. Wenn ich diese Fehler früher entdeckt hätte, hätte mir das vielleicht geholfen, sie abzustellen. Es hat alles seine Vor- und Nachteile. Aber ganz allgemein ist es so, dass man nicht zuviel auf den Computer setzen, sondern immer erst den Versuch unternehmen sollte, ein Problem selbst zu lösen. Was du selbst gelöst hast, vergisst du nie mehr!

    Haben Sie Ambitionen, wieder als Sekundant tätig zu werden?

    Das wäre ziemlich schwierig, denn dann müssen viele Sachen stimmen. Die Chemie müsste stimmen. Aber das ist nur eine Seite. Ich bin, ehrlich gesagt, nicht sicher, dass ich als Sekundant gut wäre. Das verlangt sehr viel eröffnungstechnische Arbeit.
    Ich habe eine Geschichte gehört, von der ich allerdings nicht weiß, ob sie stimmt. Magnus Carlsen kommt zum Frühstück. Auch seine drei Sekundanten sind da. Alle mit roten Augen, weil sie die ganze Nacht durchgearbeitet haben. Er fragt den einen, was er für einen Vorschlag hat. Danach fragt er den anderen. Dann den dritten. Und bei dem sagt er: >Ja, das ist interessant, was du gefunden hast!< Die anderen zwei haben umsonst gearbeitet! (lacht)
    Das ist eine andere Welt. Mich interessiert mehr die Trainingsarbeit, bei der ich wirklich helfen kann. Das ist interessanter für mich.

    Könnten Sie auch ältere Spieler trainieren?

    Im Moment habe ich mehr mit jungen Spielern zu tun. Ich hatte ab und zu auch Kontakt mit Weltklassespielern, aber ich trainiere niemanden davon auf konstanter Basis. Im Moment habe ich keinen Spieler auf Weltklasseniveau. Ich weiß nicht, wie sich das entwickelt. Vieles ist möglich. Ich mag das. Ich bin glücklich, dass ich mich mein ganzes Leben lang mit Schach beschäftigen kann. Ich liebe das Schach. Ich kann damit wunderbar meinen Lebensunterhalt bestreiten und ich habe das große Glück, mir die Sachen aussuchen zu können, die ich tun will. Ich kann Bücher schreiben oder trainieren. Mit jungen Spielern ist es interessanter, weil man direkt sieht, wenn man etwas bewirkt. Das ist ein gutes Gefühl.

    Mystik

    Was machen Sie in Ihrer Freizeit, wenn Sie sich nicht mit Schach beschäftigen?

    Ich habe natürlich noch andere Interessen. Ich besuche beispielsweise gern klassische Konzerte. Gerade jetzt war ich einige Male in der >Münchner Philharmonie<. Mich kann auch Malerei begeistern oder eine interessante Stadt., die ich mir anschaue. Es kann auch mal ein guter Film sein. Aber es bleibt nicht so viel Zeit. Schach ist sehr zeitintensiv. Ich lese auch gern, wenn auch in letzter Zeit keine ernsthafte Literatur. Aber das kann sich wieder ändern. Ich möchte mich als Mensch noch weiterentwickeln. Es gibt so viel zu lernen in dieser Welt. Ich werde vielleicht nicht in der Lage sein, in anderen Bereichen tätig zu werden. Aber anschauen und bewundern, was es alles Schönes gibt auf diesem Planeten – das ist auch`was! (lacht)

    Holen Sie sich auf anderen Gebieten Inspiration für das Schach?

    Ja, das kann passieren. Schach ist ja eine Art Kriegsspiel. Aber es hat noch mehr. Es gibt sogar mystische Züge. Man lernt eine Menge auf psychologischem Gebiet. Schach ist auch Kampf. Man kann auch von anderen Sportarten etwas lernen.

    Können Sie das Mystische etwas genauer beschreiben?

    Das Mystische oder auch das Zauberhafte. Es fängt schon mit den Regeln an. Einen Bauern, die schwächste Einheit, kannst du umwandeln in die stärkste Einheit. Das hat fast eine philosophische Dimension. Der Schwächste kann zum entscheidenden Faktor werden. Genial! Oder die >en-passant-Regel<. Wie kann man das erklären? Was ist das? Das greift irgenwie in die Vergangenheit und mutet für mich geradezu mystisch an. Es gibt sehr viele Dinge am Schachbrett, die schwer zu erklären sind. Das Spiel ist schon sehr, sehr genial!
    Seit einiger Zeit haben wir Probleme mit der Einstufung von Schach als Sport, um aus diesen Töpfen gefördert zu werden. Man versucht, das Schach als Sport zu definieren. Dabei gibt es ein Problem, denn Schach ist kein physischer Sport. Man kann es als intellektuellen Sport klassifizieren, wenn man will. Aber das ist etwas anderes. Was ist Schach? Es passt nicht in Schubladen. Es beinhaltet Elemente des Lebens, beinahe philosophische Elemente, Kriegselemente. Viele außergewöhnliche Sachen. Das sprengt alle Dimensionen. Schach ist zu groß. Es passt nirgendwo rein.

    Wie sehen Sie die Zukunft des Schachs?

    Nicht so rosig. Einiges geht durch diese >Superentwicklung< kaputt. Das ist nicht nur im Schach so. Überentwicklung ist schlecht. Wir verbrennen in der Welt einfach sorglos alle Ressourcen. Und auch im Schach wird durch Computer, die wir eigentlich nicht gebraucht hätten, einiges zerstört. Auch ohne diese Maschinen wäre es ein wunderbares Spiel mit vielen Möglichkeiten, den Geist noch weiter zu entwickeln. Wir nähern uns allmählich den Grenzen.
    Auch die Entwicklungen in den Eröffnungen sind bedenklich. Karjakin sagte nach dem letzten WM-Kampf, dass er seine häusliche Vorbereitung am Brett leider nicht abrufen konnte. Vielleicht war seine Defensivstrategie gar nicht so genial, sondern er hatte einfach nur die Varianten vergessen und es war ein Unfall? (lacht) Dann macht er mit Weiß remis, aber es war gar keine Absicht, weil er ursprünglich etwas anderes gewollt hatte und sich nur nicht mehr daran erinnern konnte. Wir nähern uns dieser Grenze. Das ist schade.
    Okay, wir können dann immer noch >Fischer-Random-Schach< spielen. Das macht schon Spaß, aber es ist etwas anderes. Die klassische Ausgangsstellung ist so viel harmonischer! Viele Varianten sind heute ausanalysiert, viele Eröffnungen sind quasi tot. Ich bin ziemlich pessimistisch. Wir sind fast am Limit. Die Goldenen Zeiten sind vorbei. (lacht)

    Sie haben Sie noch mitgemacht und hatten dort Ihre beste Phase. Es war auch die Zeit von Anatoli Karpow und Garri Kasparow.

    Ja, ich danke den Goldenen Zeiten. (lacht) Vielleicht haben sie ja mit Fischer angefangen. Nehmen wir noch Botwinnik und Tal dazu. Auch die 50iger Jahre waren grandios. Dann ging es weiter über Fischer bis zu Karpow und Kasparow. Danach fing es an zu bröckeln.

    Goldene Zeiten – bis die Computer kamen?

    Ja, richtig, bis die Computer kamen. (lacht)

    Nachsatz

    Dirk Poldauf: Die geplanten Fragen waren gestellt. Ich schaltete das Diktiergerät aus und bedankte mich für das Gespräch. Artur musste zum Zug – den er aber verpassen sollte. Denn: „Ich wollte noch etwas sagen, was mir am Herzen liegt“, ließ sich mein Gegenüber vernehmen. Klick, das Aufnahmegerät lief wieder!

    Warum bekommen wir in Deutschland eigentlich keine Topspieler? Was ist los? Wir haben so eine riesige Masse von Spielern! Ich möchte auf einige Hauptprobleme hinweisen.
    Ich denke, dass die Arbeit und Rolle des Trainers in Deutschland nicht wirklich akzeptiert wird. Die Situation hat sich in letzter Zeit gebessert, aber es besteht immer noch Nachholebedarf. Ein einfaches Beispiel: Wenn man sich die Struktur des deutschen Schachs anschaut, findet man dort zum Beispiel eine Schiedsrichterkommission. Natürlich, Schiedsrichter sind sehr wichtig. Aber es gibt keine Trainerkommission! In Russland und auch bei der FIDE gibt es eine Trainerkommission, bei uns jedoch nicht. Es ist seltsam, das Deutschland ausgerechnet auf diesem Gebie eine Organisationsschwäche aufweist.. Ein Problem, auf das ich schon vor vielen Jahren hingewiesen habe. Aber wenn beim Schachbund Probleme diskutiert wurden, stand das Trainerthema nie zur Debatte. Es wurde hartnäckig ignoriert.
    Ich habe schließlich angefangen, Bücher für Amateure zu schreiben. Ich dachte eigentlich, dass eine entsprechende Initiative vom Deutschen Schachbund kommen müsse. Nein. Also habe ich es selbst angepackt.. Aber eigentlich ist es nicht Aufgabe von Spitzengroßmeistern, Bücher für Amateure zu verfassen, ja, vielleicht sind sie auch gar nicht geeignet dafür. Vielleicht war ich nicht geeignet dafür.
    Ich würde es sehr begrüßen bzw. es ist ein Traum von mir, dass Schach von der UNESCO als Kulturphänomen anerkannt wird. Diese Prädikat wird ja auch alten Tänzen verliehen, warum dann also nicht auch dem Schach? Schach hat eine unglaublich reiche Geschichte, die mit der Entwicklung der Menschheit verknüpft ist. Es taucht seit mehreren hundert Jahren überall in der Literatur und in der Malerei auf. Das Phänomen >Schach< ist weit mehr als ein Spiel oder meinetwegen Sport! Wir stehen im Wettbewerb mit anderen Tätigkeiten. Es gibt Sportarten, in denen gute Arbeit geleistet wird. Sagen wir Skispringen. Wie viele Menschen betreiben diesen Sport?
    Zufällig habe ich gerade auf der Webseite des Deutschen Schachbundes die Diskussion darüber verfolgt, was mit dem Format der Deutschen Meisterschaft geschehen soll. Wir schreiben das Jahr 2017. Aber schon 2006 – vor elf Jahren! - handelte es sich bei dieser Frage um ein akutes Problem. Damals wollte man eine Kommission bilden. Das verlief im Sande und nun wird die gleiche Frage elf Jahre später wieder gestellt. Das ist lächerlich! Wir haben Strukturen, die mit Leistungssport schwer zu verbinden sind. Die Verbandsstrukturen sind gut für den Amateurbereich, aber im Leistungsbereich muss man anders arbeiten. Effektiver und professioneller – nicht nur ehrenamtlich! Für den Amateursport brauchst du Übungsleiter, keine Trainer. Aber nicht im Leistungssport! Wann wird diesem Punkt endlich die nötige Aufmerksamkeit gewidmet?
    Es gibt dies Diskrepanz zwischen Funktionären und Spielern. Und dann gibt es noch irgendwo die Trainer! Wir sitzen nicht alle in einem Boot. Ich erinnere mich, wie ich vor vielen Jahren, als ich noch ein starker Spieler war, zum damaligen DSB-Geschäftsführer Horst Metzing sagte: >Ich würde dem Deutschen Schachbund gern helfen. Aber ich weiß nicht, wie. Ich kenne es nicht, aber vielleicht gibt es ja ein Programm. Egal wie, ich würde gern helfen. Wenn Sie mir sagen, wir brauchen mehr Mitglieder, bin ich gern bereit, irgendwo simultan zu spielen, um Mitglieder zu werben. Oder wenn Sie Unterstützung im Jugendbereich brauchen, trainiere ich gern unsere Talente. Irgendwas!< Nichts ist passiert. Es gibt kein Programm., kein Konzept, keine Visionen. Nichts! Und das seit zwanzig Jahren. Kritik muss erlaubt sein.
    Natürlich passieren auch viele gute Sachen. Aber diese werden häufig nicht vermittelt! Man erfährt nichts davon. Wir sind im Wettbewerb mit anderen Tätigkeiten. Mit Computerspielen, ja, mit Smartphones! Wir sind aber etwas anderes. Wir sind etwas Besonderes! Aber wir zeigen es nicht. Wir könnten viel kreativer sein. Wir haben das intellektuelle Potenzial, jedes Ziel zu erreichen. Auch wenn wir nicht in einem Boot sitzen, müssen wir in eine Richtung rudern! Dann erreichen wir unser Ziel.

    Ende des Interviews


    Im Folgeheft, in SCHACH 5/2017, wurde folgender Leserbrief veröffentlicht, geschrieben von Herbert Bastian, damals noch DSB-Präsident:

    „Interview mit Artur Jussupow

    Besonders den „Nachsatz“ im Gespräch mit Artur Jussupow habe ich mit großem Interesse gelesen, weil ich viele Berührungspunkte zu eigenen Überlegungen sehe. Der Vorschlag, eine Trainerkommission zu bilden, wurde in ähnlicher Form auch von mir schon gemacht, so dass ich ihn uneingeschränkt unterstütze. An anderer Stelle habe ich bereits die Meinung vertreten, dass unsere Talentförderung neue Impulse benötigt. Unsere Talente holen im Jugendbereich zwar regelmäßig Medaillen, aber sie verlieren dann in einem Alter den Anschluss zur Weltspitze, in dem sie noch Entwicklungsfähig sind. Zudem fällt auf, dass unsere jungen Spieler gegen ihresgleichen international tendenziell Elopunkte verlieren.
    Wenn Jussupow sagt: „Es gibt kein Programm, kein Konzept, keine Visionen“, dann kann ich das in dieser Schärfe zwar nicht unterstützen – erinnert sei nur an das Projekt der >Schachprinzen< -, aber auch nicht in den Wind schlagen. So ist der Versuch, gemeinsam mit den Landesverbänden ein Verbandsprogramm zu beschließen, kläglich gescheitert.
    Das Lasker-Jahr 2018 mit seinen zahlreichen Jubiläen sollte Anlass zum Nachdenken darüber sein, wie wir die Förderung unserer Talente systematisch verbessern können. Gerne werde ich (im Falle meiner Wiederwahl) das Gespräch mir Artur Jussupow suchen, zum Beispiel während der Deutschen Meisterschaft 2017 in Apolda, und seine Vorschläge bei den anschließenden Diskussionen über Reformen im Deutschen Schachbund einbringen.

    Herbert Bastian/DSB-Präsident"


    Wie wir inzwischen wissen ( https://www.schachburg.de/threads/23...Pr%C3%A4sident ), ist Herbert Bastian nicht wieder gewählt worden. Aus seinem Vorschlag, das Gespräch, im Falle seiner Wiederwahl, mit Artur Jussupow zu suchen, wird also nichts. Und also auch nichts damit, Jussupows Vorschläge bei den anschließenden Diskussionen, über Reformen im Deutschen Schachbund, einzubringen.

    Es sei denn, der neue DSB-Präsident Ullrich Krause knüpft an dieser Schnittstelle nahtlos an. Das wäre nicht nur wünschenswert, sondern eine Notwendigkeit. Sowohl der „Nachsatz“ im Interview mit Artur Jussupow belegen diese Notwendigkeit, als auch der Antwortbrief von Herbert Bastian.
    Geändert von Birliban (31.05.2017 um 21:19 Uhr)
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  2. #2
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    AW: Interview mit Artur Jussupow

    Interessantes, vielseitiges Interview mit einer lebenden Legende, die viele Punkte aufgreift, die für die Schachwelt und das deutsche Schach wichtig sind. Daß der DSB ein eher träger bürokratischer (und zudem in sich zerstrittener) Apparat ist, der nicht in der Lage ist, so wichtige Projekte wie die Etablierung einer Trainerkommission zu realisieren, die im Ausland oft selbstverständlich ist, ist auch mein Eindruck, so daß es nicht verwundert, warum sich kaum ein Schachfreund für diese Art von bürokratischer Arbeit interessiert, und was natürlich schade ist, weil jeder Schachbund auch diejenigen braucht, die sich in Sitzungen als Basis dessen engagieren, wo Einflußnahme möglich ist. Herbert Bastian wirkte auf mich durchaus wie ein visionärer Präsident, der in der Lage gewesen wäre, etwas im DSB zum positiven hin zu verändern. Warum ihm dies nicht vergönnt war, dazu gibt es viele Theorien, es bleibt zu hoffen, daß es seinem Nachfolger Ulrich Krause gelingt. Ich denke nicht, daß dieser, wie von Bastian unterstellt, sich nahezu ausschließlich um die weitere Verbreitung des Schachs an Schulen kümmern wird, was zwar zur Etablierung einer gewissen Massenbasis ein wichtiges Projekt ist, aber selbstverständlich nicht das einzige, was für den Schachsport in Deutschland von Belang ist. Wir werden sehen.

    Um in der Spitze anzukommen, d. h. daß Deutschland seinen Magnus Carlsen bekommt, ist es wichtig, daß Schach aus seiner Nische des Randsports kommt, was natürlich in Zeiten umso schwieriger wird, in denen der Charakter des Schachs als Sports grundsätzlich in Frage gestellt wird. Herbert Bastian hatte dies bereits problematisiert und in dieser Frage harte Verhandlungen mit dem DSB und dem Innenministerium geführt, die dem Schach in Deutschland seinen Status als Sport streichen wollten. Abgesehen von den finanziellen Problemen, die aus der möglichen Streichung des Schachs als Sportart entstehen würden, würden dann erst Recht Bedingungen erschwert werden, in denen Schachtalente früh gefördert werden würden. Die Unterschiede zwischen Deutschland und Ländern wie Indien, China oder aus Osteuropa sind eklatant. So berichtete Sergei Karjakin, er habe als Kind 6-8 Stunden am Tag Schach trainiert, während Vincent Keymer nur drei bis fünf Stunden die Woche trainiere. Zwar ist dies kein Plädoyer für ein einseitiges Training des Schachs als eine Art Lebensaufgabe von klein auf, denn schließlich gibt es neben Schach noch Schule, die Pflege von persönlichen Freundschaften, weitere persönliche Interessen und Ambitionen und vieles mehr, und der Tag hat nun einmal nur 24 Stunden, von denen nur der Tag genutzt werden kann bzw. sollte. Außerdem gilt Magnus Carlsen auch nicht als Trainingsweltmeister, der unter Bedingungen seine Karriere antrat, dessen einzigartige Erfolge nur als Anomalie aufgefaßt werden können. Aber wer wäre in Deutschland bereit, für eine Entität wie das Schach ein ähnliches Ausmaß an Energien, Einsatz und Leistung hineinzustecken, wenn diese Entität noch nicht einmal den Status als Sport hätte, geschweige denn, daß sich irgendwo in diesem Land Strukturen auftäten würden, die diesen Prozeß unterstützen würden? Schach gelte denn nunmehr wie früher als brotlose Kunst, so daß eine Begeisterung dafür von Kindesbeinen an vom Elternhaus als unvernünftig angesehen und entsprechend gebremst werden würde. Die Zeiten sind vorbei, in denen man erst in den 20er Jahren seine Liebe zum Schach entdecken und immer noch eine steile Karriere antreten könnte, wie dies bei Michail Tschigorin oder Savielly Tartakower der Fall gewesen war. Die Luft in der Weltspitze ist im Schach unglaublich dünn geworden, so daß neben dem Talent eine frühe und intensive Beschäftigung mit dem Schach bereits eine notwendige Bedingung dafür zu sein scheint, in der Weltspitze anzukommen, während unter hinreichenden Bedingungen zahlreiche Detailfragen firmieren.

    Insofern ist in Zeiten, in denen man sich weder auf den eigenen Schachbund noch auf die Strukturen im Land verlassen kann, Eigeninitiative wichtiger denn je, auch international Bündnisse mit denen zu schließen, welche die eigene Förderung unterstützen und internationale Kontakte zu knüpfen, so daß ein Netzwerk entstehen kann, das einem Wege für die eigene Karriere öffnet, so wie dies etwa bei der Herstellung des Kontaktes zwisches Vincent Keymer und Garri Kasparov oder seinem neuen Trainer Artur Jussupov der Fall gewesen ist. Überhaupt sind Weltmeister im Schach ganz besondere Persönlichkeiten, die nicht nach Schema F gearbeitet haben, sondern die sich von Problemen in ihrem Umfeld nicht haben unterkriegen lassen und sich die Wege freigekämpft haben, die ihnen den Weg nach ganz oben bahnten, gegen alle Widerstände hinweg. Wo ein Wille ist auch ein Weg. Insofern sollte ein Weltmeistertitel nicht wegen, sondern trotz DSB und landesweitem Status als Noch-nicht-einmal-Randsportart möglich sein, wie etwa der märchenhafte U16-Weltmeistertitel von Roven Vogel aus dem Jahre 2015 beweist.
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  3. #3
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    AW: Interview mit Artur Jussupow

    Zitat Zitat von Kiffing Beitrag anzeigen
    Die Zeiten sind vorbei, in denen man erst in den 20er Jahren seine Liebe zum Schach entdecken und immer noch eine steile Karriere antreten könnte, wie dies bei Michail Tschigorin oder Savielly Tartakower der Fall gewesen war. Die Luft in der Weltspitze ist im Schach unglaublich dünn geworden, so daß neben dem Talent eine frühe und intensive Beschäftigung mit dem Schach bereits eine notwendige Bedingung dafür zu sein scheint, in der Weltspitze anzukommen,
    Gute Nachrichten hat in diesem Sinne Raymund Stolze gestern verkündet:

    http://www.chess-international.de/Ar...3#comment-2808

    Auf der DSJ-Seite ist zur "Workshopreihe Leistungssport und Training" Konkreteres zu finden:

    https://www.deutsche-schachjugend.de...-und-training/
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  4. #4
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    AW: Interview mit Artur Jussupow

    Jedenfalls macht der DSB in Zusammenarbeit mit der DSJ jetzt Nägel mit Köpfen und realisiert allmählich, welche Chancen sich mit der so engagierten Persönlichkeit von Artur Jussupov verbinden. Frühkindliche Förderung ist der Schlüssel zur Entdeckung und Entfaltung von Talenten, und so hat der DSB mit der Jussupov-Schachakademie nun ein Projekt realisiert, in dem besonders begabte Kinder in den Altersbereichen U8 und U10 gezielt für eine Schachkarriere gefördert werden. Bis 10 Jahre sollen Jungen mindestens eine DWZ von 2000 und Mädchen eine DWZ von 1800 erreichen. Die Jussupov-Schachschule sieht sich in der Tradition der Schachschulen von Botwinnik und natürlich von Mark Dworetzki, in der Artur Jussupov als Co-Trainer aktiv war: http://www.deutsche-schachjugend.de/...tzenSchach.pdf

    Da das Projekt leistungsbezogen ist, werden nur diejenigen genommen, die einen besonders talentierten Eindruck machen. Bewerbungen werden hier vorgenommen, der Kontakt erfolgt erst einmal über Artur Jussupovs Tochter Nadja: http://www.deutsche-schachjugend.de/...eistungssport/
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  5. #5
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    AW: Interview mit Artur Jussupow

    Zitat Zitat von Kiffing Beitrag anzeigen
    Jedenfalls macht der DSB in Zusammenarbeit mit der DSJ jetzt Nägel mit Köpfen und realisiert allmählich, welche Chancen sich mit der so engagierten Persönlichkeit von Artur Jussupov verbinden. Frühkindliche Förderung ist der Schlüssel zur Entdeckung und Entfaltung von Talenten, und so hat der DSB mit der Jussupov-Schachakademie nun ein Projekt realisiert, in dem besonders begabte Kinder in den Altersbereichen U8 und U10 gezielt für eine Schachkarriere gefördert werden. Bis 10 Jahre sollen Jungen mindestens eine DWZ von 2000 und Mädchen eine DWZ von 1800 erreichen. Die Jussupov-Schachschule sieht sich in der Tradition der Schachschulen von Botwinnik und natürlich von Mark Dworetzki, in der Artur Jussupov als Co-Trainer aktiv war: http://www.deutsche-schachjugend.de/...tzenSchach.pdf

    Da das Projekt leistungsbezogen ist, werden nur diejenigen genommen, die einen besonders talentierten Eindruck machen. Bewerbungen werden hier vorgenommen, der Kontakt erfolgt erst einmal über Artur Jussupovs Tochter Nadja: http://www.deutsche-schachjugend.de/...eistungssport/
    Meine Korrektur: Nadja Jussupow ist die Frau von Artur Jussupow! Sie macht die Büroarbeiten für ihn und arbeitet auch als Trainerin mit. Seine Tochter Katja liest seine deutschsprachigen Schachbücher Korrektur, bevor sie veröffentlicht werden. (Quelle: Vorwort der "Tigersprung" Bücher).

  6. #6
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    AW: Interview mit Artur Jussupow

    Ein Porträt der FIDE-Meisterin (und, richtig Babylonia, seit 1991 Angetraute, Ehegattin, Frau von Artur Jussupow) Nadja Jussupow:

    http://www.skkrumbach.de/index.php/4...nadja-jussupow
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  7. #7
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    AW: Interview mit Artur Jussupow

    Zitat Zitat von Birliban Beitrag anzeigen
    Ein Porträt der FIDE-Meisterin (und, richtig Babylonia, seit 1991 Angetraute, Ehegattin, Frau von Artur Jussupow) Nadja Jussupow:

    http://www.skkrumbach.de/index.php/4...nadja-jussupow
    Ein tolles Interview mit Frau Nadja Jussupow, das hatte ich noch nicht gesehen. Ganz herzlichen Dank für den Link!
    Bei Nadja Jussupow persönlich kann man auch die "Tigersprung" - Lehrbücher auf Deutsch oder Französisch ("Le bond du tigre") bestellen, sie bearbeitet auch den Versand.

    Babylonia

  8. #8
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    AW: Interview mit Artur Jussupow

    Einige Tigersprünge (und andere Kostbarkeiten aus der Feder von Artur Jussupow) gibt es sehr günstig auch noch hier :

    https://www.medimops.de/buecher-C018...Artur+Jussupow
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  9. #9
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    AW: Interview mit Artur Jussupow

    Zitat Zitat von Birliban Beitrag anzeigen
    Einige Tigersprünge (und andere Kostbarkeiten aus der Feder von Artur Jussupow) gibt es sehr günstig auch noch hier :

    https://www.medimops.de/buecher-C018...Artur+Jussupow
    Ja, das sind die deutschen Buchausgaben von Artur Jussupow. Ich habe schon einen "Le bond du tigre" auf Französisch und würde mir im Zweifelsfall noch einen Band auf Französisch bestellen. Jetzt bin ich bis auf die weitere Zukunft mit der Stappenmethode beschäftigt, brauche also keine Werke von Artur Jussupow.

    Babylonia

  10. #10
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    AW: Interview mit Artur Jussupow

    Ich las das Jussupow-Interview in Schach 4/2017 (im Ausgangsposting voll zitiert) erst gestern. Wie immer bei Jussupow enthält es sehr gute Gedanken und Ideen. Etwas schwammig scheint mir seine Stufentheorie der schachlichen Entwicklung zu sein (am Ende des Abschnitts "Karriere"). Sie liest sich gut doch leider wird nicht erklärt was die Stufen sind.
    In der Trainerausbildung hörte ich bei Roman Vidonyak (oder war es Prusikin?) eine ähnliche Stufentheorie (sind ja spätestens seit Piaget in der Psychologie beliebt), die sich aber mehr auf die Entwicklung der Kinder beim Schach lernen bezog.
    Wer kann zu Jussupows Stufentheorie was zur Klärung der Stufen beitragen?

  11. #11
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    AW: Interview mit Artur Jussupow

    Zitat Zitat von Jussupow Beitrag anzeigen
    Ich habe eine Theorie entwickelt. Wenn du Schachspielen lernst und dich eine Stunde damit beschäftigst, machst du einen großen Schritt vorwärts. Um einen zweiten großen Schritt zu machen, brauchst du zehn weitere Stunden. Dann sitzen die Regeln. Für den dritten Schritt brauchst du etwa hundert Stunden usw. Bei jedem Schritt wird der zeitliche Umfang größer. Irgendwann kommt der Punkt, an dem du dir sagst: >Das schaffe ich nicht!< Wenn du dann aufgibst, bist du als Spieler quasi tot. Dann hast du deine Grenze erreicht. Vielleicht hätte es eine Chance gegeben, weiter zu kommen, aber dafür hättest du zehnmal mehr als zuvor investieren müssen. Das ist einfach extrem schwer.
    Ich glaube, Jussupow hat mit seiner Theorie die Erfahrung seiner eigenen Schachkarriere zugrunde gelegt, bis eben zu dem Punkt, wo das Ende der Fahnenstange erreicht scheint. Für jeden weiteren Schritt, um schachlich voran zu kommen, müsste man nun schon das Zehnfache an Zeit und Energie investieren. Und womöglich reicht das noch immer nicht, um, wie im Falle Jussupows, dem Weltmeistertitel greifbar näher zu kommen. Weil dann noch immer zwei, drei oder vier letzte Schritte fehlen ...

    Das deckt sich auch gut mit Kramniks Einschätzungen:

    https://chess24.com/de/lesen/news/vl...n-ein-bohemien

    Um seine Spielstärke wenigstens zu halten, muß Kramnik heute mehr Zeit und Energie investieren, als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Und um gar noch stärker zu werden, wäre ein zeitlicher Aufwand nötig, der einfach unmenschlich ist. Und kontraproduktiv, wenn man Familie und heranwachsende Kinder hat. Wenn man zehn und mehr Stunden am Tag an seinem Schach arbeiten muß, um noch voranzukommen, mag das vielleicht noch nicht selbstzerstörerisch sein. Aber die Familie, die eigentliche Kraftquelle, zerstört es auf Dauer bestimmt.

    Ich glaube, jeder kommt irgendwann an diesen Punkt, noch der kleinste Vereinsspieler, wo es abzuwägen gilt, was (noch) machbar ist und sinnvoll für die eigene schachliche Entwicklung.

    Konkrete Schritte für eine "Stufentheorie", @gavagai, wollte Jussupow meiner Ansicht nach nicht entwickeln oder vorstellen. Vielmehr trifft seine Theorie bzw. Erfahrung, meiner Meinung nach, mehr oder weniger auf alle Schachspieler zu. Von sich ausgehend, hat es Jussupow verallgemeinernd in Worte gefasst. Also die menschliche Erfahrung eines Schachspielers, mit der sich auch andere Schachspieler durchaus identifizieren werden, weil sie sich als richtig erweist. Jussupow hat es "Theorie" genannt. Man könnte es auch einfach Erfahrung nennen.
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  12. #12
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    AW: Interview mit Artur Jussupow

    Es ist im Grunde eine Gesetzmäßigkeit, die für alle möglichen Fähigkeiten gilt: Um im höheren Leistungsbereich sich deutlich vom anderen abzusetzen, benötige ich exponentiell mehr Können als im unteren. Das gilt auch beim Klavierspielen oder Programmieren.

    Man muss sich auch mal überlegen, was 400 Elo- oder DWZ-Differenz bedeutet: Es bedeutet, dass ich 9 aus 10 gegen den Schwächeren hole! Das Wissen und Können, um sich von einem 800er auf 1200 abzusetzen, ist recht überschaubar, um sich hingegen von einem 2400er so abzusetzen, muss man schon Magnus heißen und diese Differenz ist in der Tat locker das mehrere Hundertfache gegenüber des anderen Intervalls!

  13. #13
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    AW: Interview mit Artur Jussupow

    Zitat: "Wer kann zu Jussupows Stufentheorie was zur Klärung der Stufen beitragen? "

    Zur mathematischen Verdeutlichung:

    Es dürfte jedem einleuchten, dass die absolute Informationsmenge, welche mich zu einem schwächeren Spieler in einer Weise absetzt, dass ich ihn mit 90% Wahrscheinlichkeit schlage, nicht fix ist. Zwischen 800 und 1200 DWZ sind es wenige Eröffnungsgrundsätze, ein paar Elementartaktiken wie "Gabel", "Spieß" und "Fesselung" sowie ein paar "Overkillmatts" mit 2 Türmen bzw. König und Dame. Möglicherweise noch ein paar End- und Mittelspielgrundsätze. Diese zusätzliche äquivalente Informationsmenge macht hingegen aus einem IM noch lange keinen WM, da ein IM sich das Bisschen an „Mehr“ dann an wenigen Abenden auch noch reingeknallt hätte.

    Nehmen wir an, um die Schachregeln soweit zu verstehen, dass es für Elo 600 ausreicht, benötige man 30 Stunden. Um einen solchen Anfänger hingegen in 3 von 4 Runden zu Schlagen (also wäre man eine Klasse besser = 200 Punkte Differenz = 800 Elo) benötige man hingegen das 1,8-Fache des Wissens und Könnens eines solchen Anfängers. Da sind wir dann schon bei 54 Stunden Training. Um unseren 800er nun in 3 von 4 Fällen zu schlagen, sei wiederum das 1,8-Fache SEINES Wissens und Könnens erforderlich, was dann schon 97 Stunden Schachtraining erforderlich mache.
    Das geht nun immer so weiter, immer bei jeder Klasse das jeweils 1,8-Fache des Wissens und Könnens der niedrigeren Stufe. Dann sind wir bei 1600 Elo bei etwa 567 Stunden oder 71 8h-Tagen Training.

    Beim 2000er sind es hingegen schon 1836 Stunden oder 230 8-h-Tage.

    Die berühmte "10.000 h - Regel", um eine Sache wirklich perfekt zu beherrschen, wäre dann bei knapp 2600 Elopunkten erreicht, was bei einem Großmeister ja auch zutrifft (wobei "perfekt beherrschen" wohl auch schon beim 2000er erfüllt ist, aber das ist ja auch nur ein frei parametrisiertes Beispiel).

    Bei 2800 sind es dann übrigens 19280 h oder 6.6 Jahre ununterbrochenem Schachtraining mit 8h pro Tag.

    Hinzu kommen im Vergleich mit anderen Spielern zusätzlich unterschiedliche psychologische Hürden, wie sie in „Schach für Zebras“ beschrieben werden und die Tatsache, dass es unterschiedliche Talente gibt, sodass 100 Stunden Training von irgend einem anderen Spieler deutlich unfruchtbarer sind als 100 Stunden Training von Magnus. Man kann daher ab einer bestimmten Talentdifferenz diese nicht mehr mit Fleiß kompensieren und jeder läuft daher aus diesen und den beschriebenen exponentiellen Aufwandsgründen gegen seine persönliche Spielstärkemauer.

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