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Thema: Besser als die Sowjetische Schachschule? Chinas Griff nach der schachlichen Weltmacht

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    Besser als die Sowjetische Schachschule? Chinas Griff nach der schachlichen Weltmacht



    Als bei der Schacholympiade 1978 in Buenos Aires der weithin unbekannte chinesische Vertreter Liu Wenzhe den niederländischen Großmeister Jan Hein Donner nach einem spektakulären Königsangriff (Partie, siehe Anhang) in nur 20 Zügen vom Brett fegte, begann sich in der Welt allmählich eine Vorstellung davon zu entwickeln, daß China, das Land des Xiangqi, sich dazu berufen fühlte, auch im FIDE-Schach seine Spuren zu hinterlassen. Überhaupt korrespondierte diese Öffnung gegenüber dem global so verbreiteten FIDE-Schach mit der Reformpolitik Teng Hsiao-Pings, denn der „chinesische Gorbatschow“ hatte begriffen, daß China aus Hunger, Not und Elend nur herausgeführt werden könnte, in dem es sich den Entwicklungen der übrigen Welt nicht mehr verschloß. Zwei Jahre nach Maos Tod und der Abwehr der Viererbande hatten in China marktwirtschaftliche Strukturen eingesetzt, hatten sich die Grenzen geöffnet und hatte sich die Zensurpolitik gelockert, so daß es nicht mehr als unschicklich galt, sich mit Dingen zu beschäftigen, deren Ursprung nicht das Reich der Mitte war oder die als bourgeois oder anderweitig abweichend galten. Liu Wenzhe selbst war Leidtragender der Maozeit gewesen, weil die Kulturrevolution, die das Land noch mehr verheerte als Stalins Große Säuberung die UdSSR, und die von 1966 bis zu Maos Tod 1976 wütete, in den letzten fünf Jahren allerdings mit abflachender Intensität (vgl.: "China nach dem Sturm" von Klaus Mehnert 1972), ihn daran hinderte, sich mit dem FIDE-Schach auseinanderzusetzen. Vor 1966 hatte sich Liu Wenzhe als Autodidakt mit dem FIDE-Schach auseinandergesetzt und akribisch den themengebundenen Stoff in den Universitäten Pekings verschlungen. Bereits vor seinem spektakulären Sieg gegen Jan Hein Donner hatte er für Aufsehen sorgen können, als er 1965 in Hangzhou, eine der Wiegen der chinesischen Kultur und nach Marco Polo die schönste Stadt der Welt, in einem Länderkampf gegen die Sowjetunion mit dem sowjetischen Cheftheoretiker Nikolai Krogius seinen ersten GM-Skalp erbeuten konnte (Partie siehe Anhang).

    Liu Wenzhe besaß im FIDE-Schach nicht nur eine bemerkenswerte praktische Spielstärke, sondern er hatte an allem, was das FIDE-Schach betraf, wissenschaftliches Interesse. Für Liu Wenzhe, der die symbolische Strahlkraft des FIDE-Schachs als mikrokosmische Ausdrucksform menschlichen Denkens in ihrer Tiefe spürte, war die in den 60er Jahren in seinem Land als vorbildlich verstandene Sowjetische Schachschule in ihrem Wesen defizitär, so daß er, auf der Suche nach der perfekten Schachschule, sich den Ehrgeiz setzte, mit der Chinesischen Schachschule die perfekte Schachschule zu entwickeln. In diesem Streben ist er der Michail Tschigorin des chinesischen Schachs, und so wie sich Tschigorin mit den westlichen Theoretikern rund um die damals als vollendet geltende mit wissenschaftlichen Attitüden auftretende klassische Schachschule eines Wilhelm Steinitz´ kritisch auseinandersetzte, so tat dies Liu Wenzhe mit seinen russischen Lehrmeistern. Lassen wir ihn in seinen Überlegungen selbst zu Wort kommen:

    It is my philosophy not just to learn from others but also to criticize their theories. At that time, the Russian theory that chess is a „combination of science, art and sport“ was well known in China. After studying their theories, I was very appreciative of the Russians´ contribution to the study of the game, and yet I felt that their ideas failed to grasp the inner essence of chess.
    Liu Wenzhe, Chinese School of Chess, A Batsford Chess Book, 2002, S. 12

    In seinem Bestreben, eine Schachschule zu entwickeln, die der Tiefe des Schachs näherkommt als die Ideen der Sowjetischen Schachschule, entwickelte Liu Wenzhe die bereits in der chinesischen Kunst des Denkens verankerte Chinesische Schachschule weiter, an deren Entwicklung er beständig mitwirkte, und die für ihn schließlich die entwickeltste Schachschule weltweit werden sollte. In diesem Kontext stellte er seiner Ansicht nach fünf bislang einflußreiche Schachschulen vor, deren Unterschiede er wie folgt herausschälte: als erste Schachschule habe die „Italienische Schachschule“ vom 16. bis zum 18. Jahrhundert gewirkt, deren Theorie das schachliche Kunstverständnis gewesen sei, dessen Ziel die Schönheit der Taktik und deren Beitrag offene Spiele und Endspiele gewesen sei. Darauf sei von der Mitte des 19. bis hin zum 20. Jahrhundert die „Klassische Schachschule“ gefolgt, deren Theorie die Wissenschaftlichkeit des Schachs, deren Ziele rationale Methoden und deren Beitrag geschlossene Spiele und positionelle Theorie gewesen seien. Als dritte Schachschule sei die „Hypermoderne Schachschule“ von 1910 bis 1920 gefolgt, deren Theorie „Schach ist Wettbewerb“, deren Ziel komplexe Strategie und deren Beitrag halbgeschlossene Spiele und strategische Theorie gewesen sei. Als viertes sei die „Sowjetische Schachschule“ von Mitte des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart gefolgt, deren Theorie „Schach ist die Kunst des Wettbewerbs“, deren Ziele Koordination und Perfektion und deren Beitrag halbgeschlossene Spiele und dynamische Theorie gewesen seien. Seit 1990 gebe es nun die „Chinesische Schachschule“ als Höhepunkt dieser Entwicklung. Ihre Theorie sei „Schach ist die Kunst des Denkens“, deren Ziele seien „Gedanken [´thought´] und Sensibilität“ und deren Beitrag sei die „nonlogische Sphäre“ sowie die Strategie des Wettbewerbs. (Vgl. ebd. S. 24).

    Diese „nonlogische Sphäre“ ist für das Verständnis der Chinesischen Schachschule nicht wegzudenken, denn nach Liu Wenzhe ist die logische, nach seinem Ausdruck „formale“ wissenschaftliche Herangehensweise an das Schach, das im Westen, aber auch in der Sowjetischen Schachschule sehr verbreitet gewesen sei, nur eines von zahlreichen Methoden, um auf der Suche nach der Wahrheit zum Ziel zu gelangen. Als weitere zielführende Denkmethoden stellt er „experimentelles Denken“, dialektisches Denken und intuitives (inspiratives) Denken“ vor. Dies alles „represents thinking on a higher level, and is based on the achievements of the previous four kinds of thoughts [die vier vorherigen Schachschulen] (ebd. S. 19). Zwar würde niemand behaupten wollen, daß die Rolle der Intuition in unseren modernen Lehrbüchern keine Rolle spielen würde. Doch ist das Verhältnis zwischen dem Objektiven und dem Inspirativen im chinesischen Denken ein „ausgewogeneres“ und sich somit mehr gegenseitig befruchtenderes, würde man versuchen, den Gehalt Liu Wenzhes zu verstehen. Dies wird auch dadurch deutlich, daß in unserem modernen Denken oft gegensätzlich gedacht wird, d. h. nach einer bestimmten Denkrichtung hin, während die „oppositionelle“ Denkrichtung eher verteufelt wird, während im chinesischen Denken des Yin und Yangs die Akzeptanz antagonistischer Prinzipien die Weiterentwicklung erst ermöglicht. Im übrigen schließt das holistische chinesische Denken die Überbetonung bestimmter Neben-Prinzipien aus, wie sie in modernen Lehrbüchern gang und gäbe sind. Liu Wenzhe sind daher Hauptprinzipen lieber, und er selbst hat drei Hauptprinzipien entwickelt, die im Gegensatz zum Denken der anderen Schachschulen für alle drei Spielabschnitte von überragender Bedeutung seien:

    The Chinese School has its distinctive understanding of the opening. In the past, although the various schools differed in their approach to the openings, they all insisted in two principles: fast development, and occupying the centre as soon as possible. The Chinese School criticizes the principles used by the other four schools. It thinks that their so-called „theory of the centre“, „theory of development“ and „theory of tempo“ are all based on an inadequate understanding of chess. The Chinese opening principles - strategy, structure and space - all begin with the letter „s“, so they can called the „three S“ principles.
    Für diejenigen, die sich mit der Sowjetischen Schachschule auseinandergesetzt haben, sind diese Gedanken wider die Trennung der drei Spielabschnitte oder andere „Überbetonungen“ von „Nebenprinzipien“ zwar nicht neu. So hatte etwa einer der Haupttheoretiker der Sowjetischen Schachschule, der spätere „Patriarch“ Michail Botwinnik vor Stalins Tod einen Artikel zur Sowjetischen Schachschule verfaßt, „in dem er die Vorzüge des dialektischen Materialismus in Verbindung mit dem Schachspiel anführt. Ein solcher Stil, so Botwinnik, zeichne sich durch Flexibilität aus, die auf jede nur denkbare Situation zu reagieren vermöge. Diese Flexibilität bilde den Gegensatz zu den statischen kapitalistischen Konzeptionen, die entweder die Eröffnung, den Angriff, die Verteidigung oder das Endspiel überbetone“ (Edmund Bruns, Das Schachspiel als Phänomen der Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, LIT-Verlag 2003, S. 258f.). Dieser Argumentation kann aber im Geiste Liu Wenzhes entgegenhalten werden, daß dieses von Botwinnik und der damaligen Sowjetischen Schachschule propagierte dialektische Prinzip im Schach ebenfalls eine reduzierte Interpretation des Schachspiels darstelle. Denn wie wir erfahren haben, seien die Werkzeuge der Chinesischen Schachschule vielfältiger, so daß das dialektische Denken nicht das einzige Werkzeug zum Schachverständnis sei, sondern eines von vielen.

    Die chinesische Abneigung gegen die Überbetonung von „Nebenprinzipien“ und die Subsumtion unter die genannten drei Hauptprinzipien von Strategie, Struktur und Raum in jeder Partiephase ist ein Tor zum Verständnis des holistischen Grundprinzips der chinesischen Schachschule, deren vielfältigen und sich gegenseitig befruchtenden Werkzeuge Liu Wenzhe dazu brachte, 34 Hinweise zu postulieren, die vom Stile her den Weisheiten vor allem älterer chinesischer Philosophiebücher sehr ähnlich sind. Beispiele sind: „(1) Positional intuition; in Shogi (Japanese chess) and other board games it is called the sixth sense; (2) Sense of totality: judgement applied to overall situation; (3) Opening sense: positional judgements applied to the opening of the game [...] (Wenzhe, S. 100). So hat die Intuition einen größeren Stellenwert als in den anderen Schulen und wird auch tiefer und weiter umfaßt, was gerade in komplexen Stellungen hilfreich sei. Liu Wenzhes Postulat ist gewaltig:

    What we call intuition embraces imagination, subconscious discernment, inspired guesswork, the influence of the feeling and passion, and so forth. To be sure, our common usage of intuition within the context of chess is different from the definition of the concept in a psychology textbook. We borrow the term and use it as a makeshift.

    The process of calculation is the visualizing of a series of different positions in the player´s brain. It follows an algorithm with a factor of selectivy. The player needs to „observe“ and analyse, select and continuously calculate every position envisaged. The procedure also includes the application of theory and intuition in appropriate measures.

    Where is the terminal point of your calculation? A simple position can certainly be calculated as far as a final checkmate or draw. But the calculation of a complicated position reaches only as far as a certain hypothetical position within the limits of the player´s ability. The individual´s assessment of that hypothetical position may be theoretical, experiental, technical, or based on common sense; most likely it will be a combination of these elements.
    The usual approach is to use calculation when you find that theory cannot solve your problems. And if neither theory nor calculation can solve them, you use your intuition, which compensates for the inadequacies of the other two faculties.
    In practise, the three essential elements interpenetrate and mutually influence each other (they can also contradict each other, which is a topic of itself). This is the dialectics of chess thinking. A player´s strenght depends on his ability to apply the three elements to his games in due proportiion.
    More ought to be said on the topic of intuition in chess. It has said that „the layman talks about tactics, but the expert discusses intuitions“. Experience mainly reflects the memory function of the human brain; but intuition is a reflection of the brain´s synthetical function, its faculty of discovery and innovation. In other words, imaginative thought depends on experience but surpasses it.
    Ebd. S. 98f.

    Die besondere Bedeutung der Intuition im Verständnis im Lichte der Chinesischen Schachschule wird auch dadurch deutlich, daß für Liu Wenzhe Intuition nicht einfach nur Intuition ist. Je bedeutsamer für eine Kultur bestimmte Entitäten sind, desto mehr Begriffe hat sie für diese. So kennen die Inuits mehr als zehn Begriffe für Schnee, moderne Gesellschaften mehr als zehn Begriffe für Geld, während im Mittelalter zahlreiche Begriffe für Gott entstanden sind. Liu Wenzhe unterteilt die Intuition in vier Aspekte und spricht von Imagination, Visualisierung und Weissagung („divination“) als Ausdrucksformen des ersten Aspekts; von Inspiration als zweiten Aspekt; als dritten Aspekt von Leidenschaft, Gefühlen und den vielfältigen Stimmungen; während der vierte Aspekt der Intuition für ihn das positionelle Gespür ("positional sense") ist. Zur Rolle der Imagination zitiert er Lenin und Einstein, wobei das Zitat von Einstein den Begriff der Imagination wohl besser erhellt: „Imagination is more important than knowledge, because knowledge is limited; but imagination includes everything in the world. It is the source of the evolution of knowledge. Strictly speaking, imagination is the true motor of scientific research.“ (Ebd. S. 99).

    Inspiration dagegen behaupte eine bedeutende Rolle in jedem Feld von Wisssenschaft, Zivilisation und Erfindungsgeist, welche die Unterbrechung der Kontinuität im Denkprozeß repräsentiere und uns zur Essenz einer Sache vorstoßen lasse, was der russische Philosoph Kopunin wie folgt ausgedrückt habe: „The new thought that fundamentally changes outdates ideas is often something other than logical deduction from previous knowledge. Nor does it come from the generalization of experience. It is the interruption of contuinity, the so-called epistemological leap [erkenntnistheoretische Sprung]. The establishment of a perfect, logical and experimential basis for the new thought can only occur after the birth of that thought and its entry into the body of science“. Liu Wenzhe schlußfolgert daraus: „Thus, inspiration is thought of as the most important factor in the activity of exploring unknown questions and creative human activities“ (ebd. S. 100). Leidenschaft bedeute wiederum den Klimax der emotionalen Macht, die eine hohe Konzentration der vitalen Stärke und Mentalität bedeute - die Fähigkeit, die eigene Aufmerksamkeit auf ein Objekt hinzuwenden und alles andere aus ihr auszuschließen. Hier wird Hegel zitiert, der gesagt habe, wo keine Leidenschaft, wäre es nie möglich, eine große Aufgabe zu bewältigen. Das positionelle Gespür sei wiederum ein schachspezifischer terminus technicus, wobei der Chinese es bedauert, daß dieser in modernen Lehrbüchern zu kurz komme und selbst von Spitzenspielern schlecht erklärt werden könne, die dieses positionelle Gespür oft genug in den Bereich des Immateriellen schöben. Wenzhe erläutert den Begriff dahingehend, daß dieser die Innensicht in die Natur der jeweiligen Position widerspiegele, ohne auf die Analyse gestützt werden zu müssen (ebd.).

    Jörg Seidel hatte in seinem schachphilosophischen Werk des Metachess´ bereits in seiner Auseinandersetzung mit dem Werk „Das Tao des Schachs“ von Zhong Acheng anklingeln lassen, daß das Verständnis des Schachs aus chinesischer Sicht dem Schach insgesamt neue Ideen bieten könnte, wie sie z. B. in den Eröffnungen mit dem Chinesischen Drachen bereits zu studieren sind. In dem Entwicklungsroman erklimmt ein bettelarmer Genossenschaftslandarbeiter vor der trostlosen Kulisse im maoistischen Peking sämtliche Hürden zum Meisterspieler und lernt durch seine Auseinandersetzung mit dem Schach auch sich selbst und die Welt kennen. Sein erster Lehrer, ein ebenfalls ärmlicher und schon alter Altpapiersammler, weist ihn noch auf seine Denkfehler hin, aber diese Zurechtweisung läßt bereits die Vorzüge der von Liu Wenzhe immer wieder betonten chinesischen Kunst des Denkens erahnen, die mit dem Schachdenken so kompatibel sei:

    Das yin und das yang durchdringen einander und wechseln sich ab. Man darf am Anfang nicht zu kräftig sein, denn zuviel Kraft verursacht Zerstörung, eine übermäßige Schwäche verursacht Zerstreuung. Dein Fehler ist es, zu viel Kraft zu haben. Wenn der Gegner aggressiv ist, so musst du ihm mit Weichheit begegnen und zugleich die Strategie ausarbeiten, die dich zum Sieg führt. Weichheit bedeutet nicht Schwäche, sie bedeutet Fassen, Empfangen, Bergen. Während du den Gegner (er)fasst (bändigst...), wirst du ihn in die Strategie, die du kreierst, hineinlocken. Und du musst sie entsprechend des Prinzips des „Nicht-Handelns“ gestalten. „Nicht-Handeln“ ist das Tao und begründet die unveränderliche Natur des Schachs. Versuche, es zu ändern und es wird das Schach nicht mehr sein. Du wirst nicht nur verlieren, sondern du wirst nicht mal mehr in der Lage sein, zu spielen. Man kann nicht gegen die Natur des Schachs handeln, sondern du musst für jede Partie deine eigene Gewinnstrategie entwerfen. Wenn du einmal die Natur des Schachs verstanden hast und wenn du in der Lage bist, deine Strategie zu verwirklichen, dann wird es nichts geben, wozu du nicht fähig wärest. All dies ist ziemlich mysteriös, aber wenn du aufmerksam darüber nachdenkst, dann wirst du dir klar darüber werden, dass es wahr ist
    Jörg Seidel, Metachess, Charalatan-Verlag 2009, S. 337f.

    Endgültig brechen sich die Vorzüge dieses chinesischen Denkens Bahnen, als der Protagonist am Ende seines langen Marsches bei einem prestigeträchtigen Schachturnier alle Herausforderer schlägt inklusive eines alten Weisen, der ihn nach seinem Sieg mit folgender Eloge entläßt:

    Trotz deines jungen Alters, so konnte ich feststellen, besitzt du eine große Meisterschaft im Schachspiel. Du hast verschmolzen die Methoden des Taoismus (Dauismus) und des Zen und du bist sehr begabt im Planen deiner Züge. Wie die großen Generäle der Vergangenheit und der Gegenwart, weißt du, wie man die Initiative übernimmt, dabei deine Kräfte entfaltend, und weißt, wie wichtig es ist, deinen Gegner zuerst angreifen zu lassen. Dir gelingt es, den Drachen zu jagen und die Wasser zu bändigen, dein Lebenshauch ist im Einklang mit den Prinzipien des yin und yang. Dieser leidende Alte ist glücklich, dich getroffen zu haben. Es bewegt mich zu wissen, dass die Kunst des Schachspiels in China nicht sterben wird.
    Ebd. S. 335

    Es sei darauf verwiesen, daß hier nicht vom FIDE-Schach, sondern vom Xiangqi, dem Chinesischen Schach, die Rede ist, was aber nicht weiter schlimm ist, weil sich zum einen die gedanklichen Ideen ebenso gut auf das FIDE-Schach anwenden lassen, und zum anderen Liu Wenzhe selbst aus dem Xiangqi (und dem Go) kommt und selbst immer wieder betont hat, wie sehr die Einflüsse des Xiangqi in China auf die Art der Chinesen abfärben, das FIDE-Schach zu behandeln. Nachdem China nach der Öffnungspolitik von Teng Hsiao-Ping in zahlreichen Sportarten an führender Stelle gerückt ist, ist es sowohl bei den Damen als auch bei den Herren auch im Schach eine Weltmacht geworden. Weltklassespieler wie Wang Hao, Ding Liren, Wei Yi, Wang Yue und Hou Yifan lassen uns alle an der chinesischen Art und Weise teilnehmen, ihre Meisterpartien zu behandeln, und so fällt ein raffinierter, vorurteilsfreier in komplexen Strukturen stark agierender taktisch-strategischer Stil auf, dessen Technik sich, wie Liu Wenzhe selbst als Vorzug der holistischen chinesischen Schachauffassung angibt, nicht nur auf das Endspiel erstreckt, sondern bereits im Mittelspiel zur höchsten Meisterschaft gelangt. Zu dem Zeitpunkt, als Liu Wenzhe sein Werk verfaßte (2001), waren die Chinesen im Frauenschach bereits führend - nach Liu Wenzhe habe das chinesische Phänomen das georgische Phänomen abgelöst -, und er bedauerte sehr, daß dies im Westen nicht angemessen gewürdigt worden sei („Yet in Europe and North America where there is a strong tendency to regard men as superior to women´ [...]. In the chess world, people are apt to think that only the men´s performance represents a nation´s chess level“ Wenzhe, S. 13). Ein weiterer kultureller Vorteil Chinas, der am Schachbrett bestätigt wird, ist der bekannte Hang der Chinesen, in sehr langen Zeiträumen zu denken, und der mehr ist als nur ein Klischee. So ermittelte der niederländische Kulturforscher Geert Hofstede in den 80er Jahren in einer vergleichenden Kulturstudie, mit der er die unterschiedlichen Nationen in sechs kulturellen Dimensionen Machtdistanz, Individualismus versus Kollektivismus, Maskulinität versus Femininität, Risikovermeidung, Langzeitorientierung und Nachgiebigkeit versus Beherrschung (was am ehesten durch den Zustand der Gelassenheit erklärt werden kann, inwiefern die Bürger alles dem eigenen Vorwärtskommen unterordnen oder sich ein ausgeprägtes Freizeitleben erlauben) untersuchte, daß die Chinesen in puncto Langzeitorientierung von den 74 untersuchten Staaten den höchsten Rang einnehmen. Dies ist auch in der großen Weltpolitik wahrnehmbar, wenn man bedenkt, mit welcher Systematik die Chinesen ihr Programm des Wirtschaftswachstums seit der Reformpolitik Teng Hsiao-Ping aufgezogen haben und sich zum Erreichen des langfristigen Ziels, eine starke und wohlhabende Nation zu werden, niemals wirklich durch vermeintliche Kleinigkeiten haben ablenken lassen. So schafften es die Chinesen binnen dreißig Jahren, von einem elenden Entwicklungsland zu einer prosperierenden und wirtschaftlich dynamischen Nation aufzusteigen, in der die Skylines in den Großstädten in jeder Hinsicht beeindruckender sind als die der Großstädte in den gesättigten Volkswirtschaften des Westens. Natürlich unterstützt auch die Masse an Einwohnern des bevölkerungsreichsten Staats der Erde ein Reüssieren Chinas auf jedem Gebiet wie auf den Gebieten einer beliebigen Sportart wie dem Schach. Während vor der Reformpolitik Teng Hsiao-Pings die Chinesen international nur auf dem Gebiet des Tischtennis´ zu brillieren verstanden, so gehören die Chinesen heute zu den Anwärtern auf den ersten Platz in den Olympischen Spielen, zumindest was die Olympischen Sommerspiele anbelangt. Längst ist der schlafende Riese erwacht.

    Seit jeher hat die chinesische Kultur den Westen fasziniert. Es ist bekannt, daß die Chinesen das Papier, das Schießpulver und das Münzwesen als erstes erfunden haben, und die Realität im chinesischen Raum in der Antike weist viele Parallelen zu der Geschichte des Imperiums Romanum auf. Die Aufklärer haben die chinesische Kultur für sich entdeckt, weil sie in der Harmonie des gesellschaftlichen Zusammenlebens einen Vorbildcharakter für die Verfaßtheit der eigenen Staatssysteme wahrnahmen. Aus der Epoche der Aufklärung stammt eine Vielzahl an chinesischen Gärten, die überall in Europa angelegt wurden. Viele im Westen sind geradezu verzaubert von der Vorstellung, welche Mystik und welche Kraft in der chinesischen Kultur stecke, und zahlreiche Entitäten aus dem Fernen Osten wie die Achtsamkeitslehre (Meditation), Feng Shui, die Pflanzenheilkunde, Akupunktur oder die Lehren des Konfuzius sind bei uns Modeerscheinungen. Die Frage, ob in dieser Bewegung mehr Projektion, eine aus einer inneren Lehre gespeiste Idealisierung, als Wirklichkeit steckt, ist eine Frage, die ganze Lehrbücher füllen könnte, und soll an dieser Stelle offengelassen werden. Relativierend soll hier lediglich angeführt werden, daß diese mittlerweile immer mehr Menschen als Vorbild dienende Kultur einen Mao Tse-Tung hat hervorbringen und Jahrzehnte hat herrschen lassen und natürlich die Verfaßtheit eines immer noch autoritären Staatswesens, dessen Wirtschaftsleistung nicht nur auf einer geballten Anstrengung von Volk und Regierung beruht, sondern auch auf einen in seinen Dimensionen erschreckenden Klau an fremden Ideen.

    Liu Wenzhe hat immer wieder in seinem Band betont, daß er selbst Patriot sei, und daß ein Teil seines Antriebs, sich so vehement für die Verbreitung und Entwicklung des FIDE-Schachs in China einzusetzen, auf seinen Dienst am Vaterland beruht. So äußerte er sich etwa zu seinem Sieg gegen Nikolai Krogius von 1965: „Relations between China and the USSR were strained. As a patriot I was itching to beat the Soviet grandmaster and thereby vent my feelings on behalf of the Chinese people“ (Wenzhe, S. 30). Der 1940 in Harbin geborene und 2011 in Peking gestorbene Liu Wenzhe war seit 1986 der Cheftrainer des chinesischen Instituts für Schach und der chinesischen Nationalmannschaften und hat in seinem Werk über die Erfolge seiner meist weiblichen Schüler berichtet und deren in der Tat beeindruckenden Partien vorgestellt. Der bekannte Schachjournalist Johannes Fischer hat sich ebenfalls seinem in unseren Schachkreisen leider viel zu unbekannten Werk gewidmet (wie unbekannt waren uns doch ebenso die teilweise sehr starken Schachwerke in der frühen Sowjetunion?) und die Lobpreisungen des chinesischen Cheftrainers gegenüber der chinesischen Schachauffassung pointiert zusammengefaßt:

    Nachdem er seine aktive Laufbahn beendet hatte, wurde er Anfang der achtziger Jahre Trainer. 2002 veröffentlichte er unter dem Titel Chinese School of Chess ein Buch, in dem er versucht zu erklären, was China als Schachnation auszeichnet und warum China Russland als führende Schachnation der Welt ablösen wird. Er behauptet, bereits 672 vor Christus seien in China Urformen des Schachs aufgetaucht, die auf das noch viel ältere I Ging, das berühmte chinesische Buch der Wandlungen, zurückgehen. Das I Ging, so Liu weiter, präge das Denken der Chinesen von Geburt an und deshalb, so Liu, sei es kein Wunder, dass sich das „Denken der Chinesen in natürlicher Harmonie mit der inneren Logik des Schachs befinden würde“. Mit anderen Worten: Schachtalent gehört einfach zum Wesen der Chinesen.
    Unterstützt wird die These Liu Wenzhes, wobei der ursprüngliche Bezug des I Gings sich natürlich auf das Xiangqi erstreckt, der nun nach der chinesischen Begeisterung für das FIDE-Schach (umgekehrt ist von Dr. Robert Hübner bekannt, daß er sich wiederum für das Xiangqi begeisterte) auf das FIDE-Schach übergeht, durch die Tatsache, daß das Denken der Chinesen bis heute prägende I Ging aus 64 Elementen besteht und damit aus exakt so vielen Elementen wie ein Schachbrett Felder hat. Zudem wird die überragende Verflechtung des Xiangqi mit der chinesischen Kultur dadurch deutlich, daß, wie der Schachhistoriker Dr. René Gralla betont, das Xiangqi bereits vor 2200 Jahren entstanden sei (und damit weit vor dem indischen Tschaturanga) und eine für die chinesische Kultur bedeutsame „Entscheidungsschlacht“ spielerisch simuliert habe. Gralla:

    Als Vorbild diente wohl die Entscheidungsschlacht von Gaixia, bei der im Januar 202 vor Christus der Teilstaat Han die Streitkräfte seines Erzrivalen Chu vernichtend schlug und zur dominierenden Macht im Reich der Mitte aufstieg. Entsprechend versuchen die Gegner im Szenario des XiangQi, ihre Truppen über einen Grenzstrom zu führen und den gegnerischen Palast zu stürmen, hinter dessen virtuellen Mauern sich der feindliche Herrscher verschanzt.


    Zwar ist damit noch nicht gesagt, daß das Xiangqi und damit nicht das Tschaturanga die Urform des Schachs sei, denn die These des gemeinsamen Ursprungs aller Schachabarten, zu denen das Xiangqi ebenso gehört wie das Tschaturanga, aber auch das Janggi (koreanisches Schach), das Shatar (mongolisches Schach) und das Shogi (japanisches Schach), ist umstritten. So kann es auch möglich sein, daß die genannten Kulturen ihre Schachformen unabhängig voneinander entwickelt haben, so wie auch die Griechen mit ihrem Polis (Pengeia) ebenfalls aus sich selbst heraus ein Spiel entwickelten, dessen Grundprinzip einer spielerischen Simulation einer Schlacht das Grundprinzip einer jeden Schachabart ist, und das die Römer als ludus latrunculorum (latrunculi) weiterentwickelten.

    Um den Geheimnissen der besonderen chinesischen Interpretation für das FIDE-Schach aber auf die Spur zu kommen, so ist es unverzichtbar, sich bewußt zu machen, daß die chinesische Kultur nicht nur aus Konfuzius besteht. Andere kulturelle Einflußfaktoren wie der Taoismus, das I Ging (Buch der Wandlungen), die chinesische Kunst zu denken und natürlich die chinesische Dialektik in Form des Yin und Yangs wurden bereits genannt. Zur Kultur der Chinesen gehören auch die 36 Strategeme des Generals Tan Daoji (gestorben 436), die sich wegen ihres militärischen Bezugs sehr gut auf das Schachspiel, ob Xiangqi oder FIDE-Schach, adaptieren lassen. Johannes Fischer hat herausgearbeitet, wie Chinesen in Befolgung der 36 Strategeme ihre Siege errungen haben, wobei er als Beispiel die prominente Partie von Liu Wenzhe gegen Jan Hein Donner gewählt hat, der sich in seiner Partie dem Strategem Nr. 10 („hinter dem Lächeln den Dolch verbergen) bedient habe.

    Auch Chessbase ist sich dieser kulturellen Dimensionen durchaus bewußt. Wie auch Liu Wenzhe immer wieder betont hat, liegt ein Schlüssel des Erfolgs chinesischer Meister im Schach in dieser spirituellen Denkweise, die tiefer in die Geheimnisse der Stellungen einzudringen vermag, als die zu wissenschaftlichem Formalismus tendierende westliche Denkweise, oder, wie der Autor des Chessbase-Artikels aus dem Jahre 2003 es ausgedrückt- hat: „Die Siegesformel, der die Zukunft gehört - das ist, daran besteht kein Zweifel mehr,**der Special Fighting Spirit aus Fernost. Dazu gehören Intuition, Inspiration, Berechnung, Positionsgefühl, vor allem aber Leidenschaft zum Spiel - und überdies ein besonderer Approach, der vor allem solche Pseudo-Mathematiker, die Schach am liebsten mechanistisch begreifen wollen, mit unendlichem Schauder erfüllen muss: die gerade** n i c h t** streng logische Herangehensweise an konkrete Stellungsprobleme.“

    Bei allem Überschwang gegenüber der chinesischen Kunst zu denken, so sollte auf ein nüchternes Abwägen der Vor- und Nachteile des chinesischen Modells nicht verzichtet werden, sonst geht man bei allem Überschwang schließlich so weit wie der chinesische Patriot Liu Wenzhe, der schließlich behauptet hat, die Chinesen seien indirekt die Erfinder des Computers gewesen, weil der Universalgelehrte Wilhelm Leibniz im I Ging schließlich das Binärsystem entdeckt habe, auf das schließlich die moderne Computertechnologie basiere (Wenzhe, S. 22). Wer fühlt sich da nicht an die sowjetische Neigung erinnert, sich die Wahrheit so zurechtzubiegen, daß am Ende immer ein Russe der Erfinder von wichtigen Errungenschaften gewesen sei? Trotzdem lohnt eine Auseinandersetzung mit der chinesischen Schachphilosophie allemal, weil bei aller begründeten Kritikfähigkeit durchaus zahlreiche Anregungen gegeben werden, die das eigene Denken bereichern und somit bei dem Ziele helfen, in jeder Situation auf dem Schachbrett die besten Züge zu finden. War die Sowjetische Schachschule damals eine wichtige Inspirationsquelle gewesen, so ist es heute die Chinesische Schachschule, und so tut es not, daß ein Interesse dafür entwickelt wird, das schließlich dazu beiträgt, daß wichtige Schachbuchverlage dazu motiviert werden, wichtige Lehrbücher aus China in Deutschland zum Verkauf anzubieten und diese in deutscher Sprache zu übersetzen. Wir haben in Deutschland nicht mehr die DDR, in der gleiches bezogen auf sowjetische Lehrbücher trotz "Leistungssportbeschluß" selbstverständlich gewesen war. Als es mit Michail Botwinnik 1948 dem ersten sowjetischen Spieler gelang, den Weltmeistertitel zu erringen, so wurde die Führungsrolle der Sowjetischen Schachschule allerorten anerkannt. China gewann bei der Schacholympiade 2014 in Tromsö endlich auch bei der Herrenkonkurrenz den ersten Platz und mit Wei Yi steht der Kronprinz in China schon in den Startlöchern; sein WM-Titel, der in nur wenigen Jahren erfolgen könnte, sollte für den Status der Chinesischen Schachschule ähnliches bedeuten wie Botwinniks erster WM-Titel für das Schach in der UdSSR.

    [Event "Olympiad"]
    [Site "Buenos Aires ARG"]
    [Date "1978.11.??"]
    [EventDate "?"]
    [Round "8"]
    [Result "1-0"]
    [White "Liu Wenzhe"]
    [Black "Jan Hein Donner"]
    [ECO "B07"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "39"]

    1. e4 d6 2. d4 Nf6 3. Nc3 g6 4. Be2 Bg7 5. g4 h6 6. h3 c5
    7. d5 O-O 8. h4 e6 9. g5 hxg5 10. hxg5 Ne8 11. Qd3 exd5
    12. Nxd5 Nc6 13. Qg3 Be6 14. Qh4 f5 15. Qh7+ Kf7 16. Qxg6+
    Kxg6 17. Bh5+ Kh7 18. Bf7+ Bh6 19. g6+ Kg7 20. Bxh6+ 1-0

    [Event "China vs USSR Match"]
    [Site "Hangzhou, China"]
    [Date "1965.??.??"]
    [EventDate "?"]
    [Round "3"]
    [Result "1-0"]
    [White "Liu Wenzhe"]
    [Black "Nikolai V Krogius"]
    [ECO "C54"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "79"]

    1.e4 e5 2.Nf3 Nc6 3.Bc4 Bc5 4.c3 Nf6 5.d4 exd4 6.cxd4 Bb4+
    7.Bd2 Bxd2+ 8.Nbxd2 d5 9.exd5 Nxd5 10.Qb3 O-O 11.Bxd5 Na5
    12.Bxf7+ Rxf7 13.Qc3 Re7+ 14.Ne5 Nc6 15.N2f3 Nxd4 16.Qc4+ Ne6
    17.O-O Kh8 18.Rad1 Qe8 19.Qh4 Kg8 20.Qc4 Kh8 21.Rfe1 Nf8
    22.Ng5 Be6 23.Nxe6 Nxe6 24.Rd3 b5 25.Qh4 Kg8 26.Nc6 Rf7 27.Qe4
    Rf6 28.Qd5 Qf7 29.Ne7+ Qxe7 30.Qxa8+ Kf7 31.Qd5 a6 32.Rf3 c5
    33.Rxf6+ Qxf6 34.Qb7+ Qe7 35.Qxa6 Qd7 36.Qb6 Nf4 37.Qxc5 Qg4
    38.Qc7+ Kg6 39.Qc6+ Kh5 40.Qf3 1-0

    [Event "Ubeda, Spain"]
    [Site "Ubeda, Spain"]
    [Date "1998.??.??"]
    [EventDate "?"]
    [Round "?"]
    [Result "1-0"]
    [White "Zhu Chen"]
    [Black "Sergei Tiviakov"]
    [ECO "A15"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "87"]

    1.Nf3 Nf6 2.c4 b6 3.g3 Bb7 4.Bg2 g6 5.d4 Bg7 6.O-O O-O 7.Re1
    e6 8.Bg5 h6 9.Bf4 Nh5 10.Bc1 d6 11.Nc3 c5 12.e4 Nc6 13.Be3 e5
    14.dxe5 dxe5 15.Nd5 Nf6 16.Nd2 Nd4 17.a3 Nxd5 18.exd5 Rc8
    19.Rb1 b5 20.b3 a6 21.f4 Re8 22.fxe5 Rxe5 23.Kh1 Qe7 24.Bf2
    Re8 25.Rxe5 Qxe5 26.Ne4 Rc8 27.Qd3 f5 28.Nd2 a5 29.Re1 Qf6
    30.cxb5 Qd8 31.Qc4 Kh8 32.a4 g5 33.Bxd4 cxd4 34.Qd3 f4 35.Qf5
    fxg3 36.d6 Qxd6 37.Bxb7 Rf8 38.Qd3 gxh2 39.Nc4 Qb4 40.Rd1 Rf2
    41.b6 g4 42.Qg3 Rf8 43.Bg2 h5 44.Qxh2 1-0

    [Event "Chess Olympiad"]
    [Site "Novi Sad YUG"]
    [Date "1990.11.21"]
    [EventDate "?"]
    [Round "5"]
    [Result "0-1"]
    [White "Viktor Korchnoi"]
    [Black "Ye Jiangchuan"]
    [ECO "E99"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "104"]

    1. d4 Nf6 2. c4 g6 3. Nc3 Bg7 4. e4 d6 5. Be2 O-O 6. Nf3 e5
    7. O-O Nc6 8. d5 Ne7 9. Ne1 Nd7 10. Be3 f5 11. f3 f4 12. Bf2
    g5 13. Nb5 b6 14. b4 a6 15. Nc3 h5 16. Kh1 Nf6 17. c5 g4
    18. cxd6 cxd6 19. Rc1 g3 20. Bg1 gxh2 21. Bf2 h4 22. Na4 Rb8
    23. b5 axb5 24. Bxb5 Nh5 25. Kxh2 Ng3 26. Rg1 Ng6 27. Nd3 Kh7
    28. Nb4 h3 29. Rxc8 Rxc8 30. gxh3 Rh8 31. Bxb6 Qe7 32. Nd3 Rb8
    33. Bc6 Kg8 34. Nf2 Nh4 35. Qd3 Kf7 36. Rc1 Rxb6 37. Nxb6 Qa7
    38. Qb3 Rb8 39. Rb1 Bf6 40. Qb4 Nxf3+ 41. Kg2 Nh4+ 42. Kg1 Bd8
    43. Qxd6 Rxb6 44. Qe6+ Kg7 45. Rxb6 Qxb6 46. Qd7+ Kh6 47. Qe6+
    Ng6 48. Kg2 Kg7 49. Qd7+ Be7 50. d6 Nh4+ 51. Kg1 Qb1+ 52. Kh2
    Nf1+ 0-1

    [Event "FIDE Grand Prix Beijing"]
    [Site "Beijing CHN"]
    [Date "2013.07.10"]
    [EventDate "2013.07.04"]
    [Round "6"]
    [Result "1-0"]
    [White "Wang Hao"]
    [Black "Anish Giri"]
    [ECO "C41"]
    [WhiteElo "2752"]
    [BlackElo "2734"]
    [PlyCount "43"]

    1. d4 d6 2. e4 Nf6 3. Nc3 e5 4. Nf3 Nbd7 5. Bc4 exd4 6. Qxd4
    Be7 7. Bxf7+ Kxf7 8. Ng5+ Ke8 9. Ne6 c5 10. Qd1 Qb6 11. Nxg7+
    Kf7 12. Nf5 Bf8 13. O-O d5 14. Nxd5 Nxd5 15. Qxd5+ Ke8 16. Bg5
    Qg6 17. Rad1 Rg8 18. f4 a5 19. e5 Qxf5 20. Qxg8 Ra6 21. Rfe1
    Rg6 22. e6 1-0

    [Event "6th Hainan Danzhou"]
    [Site "Danzhou CHN"]
    [Date "2015.07.03"]
    [Round "2.4"]
    [White "Wei Yi"]
    [Black "Lazaro Bruzon Batista"]
    [Result "1-0"]
    [ECO "B40"]
    [WhiteElo "2724"]
    [BlackElo "2669"]
    [PlyCount "71"]
    [EventDate "2015.07.02"]

    1. e4 c5 2. Nf3 e6 3. Nc3 a6 4. Be2 Nc6 5. d4 cxd4 6. Nxd4 Qc7 7. O-O Nf6 8.
    Be3 Be7 9. f4 d6 10. Kh1 O-O 11. Qe1 Nxd4 12. Bxd4 b5 13. Qg3 Bb7 14. a3 Rad8
    15. Rae1 Rd7 16. Bd3 Qd8 17. Qh3 g6 18. f5 e5 19. Be3 Re8 20. fxg6 hxg6 21. Nd5
    Nxd5 22. Rxf7 Kxf7 23. Qh7+ Ke6 24. exd5+ Kxd5 25. Be4+ Kxe4 26. Qf7 Bf6 27.
    Bd2+ Kd4 28. Be3+ Ke4 29. Qb3 Kf5 30. Rf1+ Kg4 31. Qd3 Bxg2+ 32. Kxg2 Qa8+ 33.
    Kg1 Bg5 34. Qe2+ Kh4 35. Bf2+ Kh3 36. Be1 1-0

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  2. #2
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    AW: Besser als die Sowjetische Schachschule? Chinas Griff nach der schachlichen Weltm

    Da fügt sich der neuerliche Gewinn (nach dem Gewinn der Mannschaftsweltmeisterschaft 2015 in Armenien) der Chinesen bei der Mannschaftsweltmeisterschaft (mit nahezu derselben Mannschaft wie bei dem enttäuschenden 13. Platz bei der Olympiade 2016 in Baku) in Khanty-Mansijsk nahtlos ein:

    https://chess24.com/de/lesen/news/ma...bt-weltmeister

    Für die Russen reichte es, trotz stark veränderter und verjüngter Mannschaft, „nur“ zu Rang zwei bei den Herren. Was aber, angesichts der starken Konkurrenz, aber auch der souveränen Leistung der chinesischen Herren (keine einzige Verlustpartie!), keinesfalls als Enttäuschung gewertet wurde. Zumal die Frauen der russischen Mannschaft nicht nur die gesamte Konkurrenz, sondern auch die Chinesinnen klar dominierten.

    Wieder in Moskau, wurden beide russische Teams wie Nationalhelden empfangen. Eigentlich müsste es Heldinnen heißen, aber der Stolz der Herren war so groß über den erreichten zweiten Platz (und nach dem enttäuschenden 4. Platz 2015 in Armenien) und die Brust so breit, daß manche Zeitschrift für das gemeinsame Foto der russischen Frauen- und Herrenmannschaft die Männlichkeitsform wählte: „Empfangen wie Helden!“ Sei's drum, Frauenschach ist und bleibt nur ein Anhängsel des Männerschachs.

    China und Russland bleiben das Maß aller Dinge. Auch wenn die Konkurrenz immer stärker wird und die Endergebnisse unvorhersehbarer. Aber seit Tromsö ist auch klar geworden, China hat in den Mannschaftswettbewerben den Russen inzwischen den Rang abgelaufen (der enttäuschende 13. Platz der Chinesen bei der Olympiade 2016 in Baku scheint nur ein Ausrutscher gewesen zu sein): Dem Olympiasieg und den zwei Weltmeistertiteln in den letzten Jahren, haben die russischen Männer keinen eigenen Titel mehr entgegensetzen können. Wohlgemerkt bei den Männern. Aber auch das kann sich wieder ändern, da die Leistungsdichte enorm ist.

    Freilich bleibt es auch ein chinesisches Geheimnis, warum ausgerechnet in den Herrenmannschaftswettbewerben die Russen keinen Titel mehr gewinnen können. Kiffings Einblicke führen uns tiefer in diese Materie, den Schleier dieses Geheimnisses einer uns fremden Kultur etwas zu lüften.

    Eine chinesische Weisheit des Lebens, könnte vielleicht auch eine chinesische Weisheit des Schachs sein:


    Weisheit des Lebens

    Neben der edlen Kunst,
    Dinge zu verrichten,
    gibt es die edle Kunst,
    Dinge unverrichtet zu lassen.
    Die Weisheit des Lebens
    besteht im Erkennen des Unwesentlichen.

    Lin Yu-Tang


    Aber damit sind wir auch schon wieder beim Mysterium, das sich fremden, äußeren Einblicken so oft und nur allzu gern entzieht. Und wahr ist auch: Russland ist nicht mehr die Sowjetunion. Nach dem Zerfall dieser, hat China, fußend auf den Wurzeln der eigenen Kultur, die von Kiffing beschriebene enorme Entwicklung vollzogen. Während Russland, nach dem Zerfall der Sowjetunion, auch den Preis zu zahlen hatte, trotz der gigantischen russischen Schachtraditionen, sich seinen Weg im Weltenschach neu suchen zu müssen. Denn trotz Traditionen und eigener Kultur - was zerbrochen ist, ist zerbrochen und muss erst mühsam wieder neu strukturiert und aufgebaut werden. Dieser Prozess scheint in Russland noch voll im Gange und nicht abgeschlossen. Anders kann ich mir die neue Vorherrschaft der Chinesen nicht erklären. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ (Gorbatschow). Oder auch: Wer zu spät kommt, den bestrafen die Chinesen.
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  3. #3
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    AW: Besser als die Sowjetische Schachschule? Chinas Griff nach der schachlichen Weltm

    Zitat Zitat von Birliban
    Aber damit sind wir auch schon wieder beim Mysterium, das sich fremden, äußeren Einblicken so oft und nur allzu gern entzieht. Und wahr ist auch: Russland ist nicht mehr die Sowjetunion. Nach dem Zerfall dieser, hat China, fußend auf den Wurzeln der eigenen Kultur, die von Kiffing beschriebene enorme Entwicklung vollzogen. Während Russland, nach dem Zerfall der Sowjetunion, auch den Preis zu zahlen hatte, trotz der gigantischen russischen Schachtraditionen, sich seinen Weg im Weltenschach neu suchen zu müssen. Denn trotz Traditionen und eigener Kultur - was zerbrochen ist, ist zerbrochen und muss erst mühsam wieder neu strukturiert und aufgebaut werden. Dieser Prozess scheint in Russland noch voll im Gange und nicht abgeschlossen. Anders kann ich mir die neue Vorherrschaft der Chinesen nicht erklären. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ (Gorbatschow). Oder auch: Wer zu spät kommt, den bestrafen die Chinesen.
    So ähnlich argumentierte auch Liu Wenzhe, der in seinem Buch davon gesprochen hatte, daß die Sowjetische Schachschule auf ihrem Zenit Großartiges geleistet und für die Schachwelt Vorbildcharakter gehabt habe, daß aber nun der Ablösungsprozeß durch die Chinesen gekommen sei, wie in allen anderen Bereichen von Kunst, Kultur, aber auch Wirtschaft und globaler Einfluß, und wo nun die Chinesen im Schach diese Führungsposition erreichen würden. Schach ist und bleibt eben ein Gradmesser der eigenen kulturellen Entwicklung. Im Verhältnis zwischen Rußland und China hat sich in der Tat, und das nicht nur im Schach, ein Umkehrungsprozeß eingestellt. Nach dem Zerwürfnis Chinas mit der Sowjetunion, als es mit Moskau und Peking zwei Zentralen des Weltkommunismus gegeben hatte, die nunmehr als Konkurrenten um den Einfluß in der kommunistischen Welt rangen, war die UdSSR China, ein bettelarmes Entwicklungsland mit merkwürdigen Prozessen im Inneren, deutlich überlegen. Doch stagnierte das sowjetische Modell bereits hoffnungslos, erwies sich als nicht mehr reformfähig und endete in einem Zusammenbruch, während der chinesische Wandlungsprozeß wesentlich flexibler und erfolgreicher gestaltet werden konnte. Heute schaut China in allen Belangen auf das wirtschaftlich krisengeschüttelte Rußland herab, dessen Zeiten auf Abstieg stehen, während China seit mehr als 30 Jahren konsequent den Aufstieg anpeilt und das Zeitalter der unipolaren Weltordnung nach dem Zerfall des Ostblocks beendet hat, da es global längst mit den USA auf Augenhöhe auf dem Weltmarkt, aber auch außenpolitisch um Macht und Einfluß ringt und den Abstand zu den USA von Jahr zu Jahr verringert. Wer fühlt sich da nicht an Oswald Spenglers Kulturtheorie erinnert, nach der jede Hochkultur die Phasen der Frühzeit, Reifung, Alterung und Zerfall erlebe, ganz so wie ein einzelner Mensch? Die USA selbst sind zwar beständig und gerade auch in heutigen Zeiten eine große Schachnation, die in der Lage dazu ist, hervorragende Talente auf Weltniveau zu fördern. Doch könnte sich der chinesische Spiritualismus gegenüber dem amerikanischen Pragmatismus als überlegen erweisen, weil so tiefer in die Materie eingedrungen werden kann. Natürlich zeigen die besten Spieler der USA nicht nur Pragmatismus, solche Stereotype sollten mit Vorbehalt aufgenommen werden. Doch bleiben dies kulturelle Traditionen, aber auch Realitäten, die sich durchaus als prägend gegenüber den einzelnen Spielern erweisen. Niemals würde es in China z. B. Lehrbücher geben, die wie die von Jeremy Silman das Schach "ganz pragmatisch" in grobe Hauptthemen aufspalten.
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