Für die Schachgeschichte ist es interessant, daß mit „Ruodlieb“ um 1050 herum ein literarisches Werk verfaßt wurde, das einen deutlichen Schachbezug aufweist. Der Verfasser dieses Werkes war ein Mönch aus dem im 8. Jahrhundert entstandenen Benediktinerkloster am Tegernsee im Lande der Bayerischen. Es ist eine romanhafte Erzählung in Versform, genauer in Leoninischen Hexametern, deren Held der Ritter Ruodlieb ist. Leider konnten bislang noch nicht alle Seiten des Buchs gefunden oder rekonstruiert werden. Wahrscheinlich werden sie es niemals werden. Gesichert ist aber, daß es sich um eine Art mit märchen- und sagenhaften Elementen gespickten Entwicklungsroman des Ritters Ruodlieb handelt, der durch äußere Umstände gezwungen ist, in die große, weite Welt zu ziehen und dort sein Glück zu suchen. Begleitet wird er dabei von seinem treuen Knappen. Im Ausland gelingt es ihm, sich mit dem Jäger des hiesigen Königs anzufreunden, der ihn bei seinem König einführt und wo er durch sein einnehmendes Wesen und seine Jagdkunst die Gunst des Königs zu gewinnen vermag. Alsbald steht seine erste Bewährung an, denn ihm wird die Aufgabe zugewiesen, einen Markgrafen, der für einen anderen, feindlichen König arbeitet und mit seinen Truppen das Grenzgebiet plündert, in die Schranken zu verweisen. Mit 900 Mann gelingt Ritter Ruodlieb die Gefangennahme des Markgrafen, was zu Verhandlungen zwischen den beiden verfeindeten Königen führt und was Ruodlieb an den Hof nun auch des feindlichen Potentaten verschlägt. Nun wird der Schachbezug in dem Versepos eingeführt, denn durch seine Meisterschaft im Schach erregt Ruodlieb das Interesse des gegnerischen Königs, und da er sich dazu bereit erklärt, den König in die Kunst des Schachs einzuführen und Partien gegen ihn zu spielen, kann er den gegnerischen König, der sich vormals noch so aggressiv gegen Ruodliebs König verhalten hatte, milde stimmen und zu einem Freundschafts-, Friedens- und Handelsvertrag zu gegenseitigem Nutzen zu bewegen. Damit ist der durchaus packende, spannende und ereignisreiche Versroman zwar noch nicht vorbei, wohl aber der Schachbezug. Wir lernen daraus, daß der Ritter seine Bewährungsproben aufgrund seiner ritterlichen Tugenden und seiner ritterlichen Fähigkeiten meisterte. Denn im Hochmittelalter, das 1050 gerade erst in seinen Anfangszügen lag, zählten zu den ritterlichen Tugenden Klugheit, Mäßigung, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Selbstbewußtsein, Fleiß, Schönheit, Vorbildlichkeit, Beständigkeit, Ehre, Treue, Milde, Höflichkeit, Verantwortungsbewußtsein, positives Denken und Demut, während zu den sieben ritterlichen Fertigkeiten neben dem Schwimmen, Reiten, Bogenschießen, Fechten und die Poesie auch die Kunst des Jagens und die für unser Thema interessante Fähigkeit im Schachspiel gehörten (ebd.), dem sich zunehmend auch die Könige annahmen und die Schachkunst an ihrem Hofe förderten, wie wir am Hof des vormals feindlichen Königs gesehen haben. Entsprechend kunstvoll (standesgemäß) waren damals auch Schachbretter und Schachfiguren hergestellt. In diesem Zusammenhang weiß der Schachhistoriker Stefan Nehrkorn zu berichten, daß eine bereits im besprochenen Versroman anklingende „Schachmoral“ zu einem Sinneswandel der christlichen Kirche führte, das Schach nicht mehr zu verdammen, sondern als gottgefälliges Spiel anzunehmen. Auch geistliche Poeten besangen die im Schachspiel angeblich verborgene göttliche Ordnung, in der jede einzelne Figur - ganz wie im wirklichen Leben - seinen Teil zum Ganzen, zum harmonischen Einheitsbild der christlichen Gemeinschaft, beitrage. Ein besonders ausführliches Beispiel dafür findet sich in der "Gesta Romanorum", Exempel 166. Der frühe Versroman, nach Meinung von Kritikern das erste romanhafte Werk im Mittelalter überhaupt, gilt heute als Vorläufer der im Hochmittelalter florierenden höfischen Romane rund um Themen des Minnesangs. In deutschen Landen gilt es bei Experten als erste Quelle des Schachspiels überhaupt. Ruodlieb wird auch wegen seiner Qualität geschätzt, bei dem es dem Literaten gelang, mehrere Genren in seinem Werk zu vereinigen.