1970 gab es in Belgrad ein vielbeachtetes Match der UdSSR gegen den Rest der Welt, das an zehn Brettern mit jeweils vier Begegnungen stattfand. Dieses Kräftemessen hatte die jugoslawische Schachföderation vorgeschlagen, und tatsächlich schien Jugoslawien als führendes Land der damals einflußreichen Blockfreienbewegung als Gastgeber dafür prädestiniert. Jugoslawien war zudem ein schachbegeistertes Land und stellte für das Gipfeltreffen neben ihrer Galionsfigur Svetozar Gligoric noch Milan Matulovic und Borislav Ivkov. Beim „Rest der Welt“ nahm Robert Fischer teil, aber er spielte nicht, wie von vielen erwartet, an Brett 1, sondern nur an Brett 2. Zudem verweigerte er ganz gegen sein Naturell einen langen Widerstand gegen diese Entscheidung und überließ seinem Konkurrenten und „Mannschaftskameraden“ Bent Larsen de facto kampflos das so prestigeträchtige Spitzenbrett. Warum verhielt sich Fischer so ungewohnt konziliant?

Dazu muß man wissen, daß Robert Fischer in der Zeit vor diesem Gipfeltreffen mit der FIDE wieder über Kreuz lag. Jeweils als Teenager hatte er 1959 und 1962 an den WM-Kandidatenturnieren von Jugoslawien (Spielorte: Belgrad, Zagreb und Bled) und Curacao teilgenommen. 1959 war der 16jährige Fischer noch nicht gut genug für die absolute Spitze, 1962 wohl auch nicht, aber sein Protest gegen die schnelle Remisabsprachen der drei sowjetischen Spieler Geller, Keres und Petrosjan, der in seinem Ausspruch kulminierte: die Russen manipulieren das Schach, führte trotz entsprechender Reformen der FIDE, die eine solche Absprachenpolitik der Sowjetunion unmöglich machen sollten, zu einem Rücktritt Fischers für den Qualifikationszyklus zur Schach-WM von 1966. Bei dem Qualifikationszyklus zur Schach-WM 1969 schließlich, hier dem Interzonenturnier in Sousse (Tunesien) 1967, hatte es schließlich einen Vorgeschmack auf den Nervenkrieg von Reykjavik gegeben und die in der Schachwelt einmalige Situation, daß der in Führung liegende Spieler disqualifiziert wurde. Tatsächlich war Fischer in Sousse nicht an den Gegnern, sondern an sich selbst gescheitert. Während er schon damals alles schlug, was sich ihm in den Weg stellte, hatte er aufgrund von Protesten zweimal die Partie verweigert und damit kampflos verloren. Beim dritten Protest hatte Fischer, der nun doch wieder zur Partie bereit war, den Bogen überspannt. Denn er hätte nur noch rechtzeitig zur Partie antreten können, wenn diese um zwei Stunden verschoben worden wäre. Das Turnierkomitee, das sein Zugpferd halten wollte, wäre dazu bereit gewesen, aber sein Gegner war Bent Larsen, und der war es nicht, und angesichts der dritten kampflosen Null wurde Fischer regelkonform disqualifiziert. Bent Larsen gewann wie schon 1964 in Amsterdam das Interzonenturnier, schied aber bei den Kandidatenausscheidungskämpfen im Halbfinale gegen den späteren Weltmeister Boris Spasski mit 2,5 - 5,5 aus dem Rennen. Damit war erneut im Halbfinale für ihn Endstation. Drei Jahre zuvor hatte er im Kandidatenhalbfinale gegen Michail Tal mit 4,5 - 5,5 knapp das Nachsehen gehabt.

Insofern darf es nach dem Gesagten nicht verwundern, daß die Aktien der beiden erwähnten Meister Fischer und Larsen vor dem Gipfeltreffen UdSSR gegen den Rest der Welt sich höchst unterschiedlich verhielten. Bent Larsen befand sich damals auf dem Zenit seines Könnens und galt neben Fischer als stärkster Spieler der nichtsowjetischen Welt. Seine Siege bei den Interzonenturnieren 1964 und 1967 wurden durch Turniersiege in Havanna 1967, Winnipeg (Kanada) 1967, Palma de Mallorca 1967 und Monaco 1968 flankiert. Robert Fischer dagegen hatte zu diesem Zeitpunkt lange Zeit nicht mehr gespielt oder sich, wie es der Schach- (und Musik-) Historiker Harold C. Schonberg ausdrückte, „untätig in seinem kalifornischen Schmollwinkel“ gehockt. Insofern dürfte Fischer genug Realismus bewahrt haben, um zu erkennen, daß für einen Kampf um das Spitzenbrett in Belgrad gegen Larsen jeder Anspruch dafür gefehlt haben dürfte, und vielleicht stimmt es ja auch tatsächlich, daß Fischer, wie er selbst sagte, Petrosjan lieber war als sein bisheriger Angstgegner Boris Spasski. Es sei an dieser Stelle erwähnt, daß Spasski vor dem WM-Kampf der beiden in Reykjavik gegen Fischer ungeschlagen war und eine Bilanz von drei Siegen und zwei Remisen gegen den US-Amerikaner vorzuweisen hatte. Das Spektakulum, das Fischer vor allem in den Zeiten vor Reykjavik und in der Startphase dieser WM angezettelt hatte, deutete so für Garri Kasparov auf eine Nervosität Fischers hin, der Angst vor Boris Spasski gehabt habe, aber lieber gestorben wäre, als diese Weltmeisterschaft zu verlieren.

Beide, Fischer und Spasski, erlangten bei dem Kräftemessen UdSSR gegen den Rest der Welt positive Resultate. Fischer gewann die ersten beiden Spiele gegen Petrosjan und remisierte die letzten beiden, während Bent Larsen in einer der bekanntesten Spiele der Schachgeschichte zwar mit „seiner“ Eröffnung in nur 17 Zügen böse unter die Räder kam, aber insgesamt gegen Spasski mit einem 1,5 - 1,5 aus dem Duell hervorging und nach seinem Sieg in der letzten Runde gegen Ersatzmann Leonid Stein sein Ergebnis am Spitzenbrett auf 2,5/4 schraubte. Das sowjetische Kollektiv erwies sich aber als ausgeglichener, so daß die UdSSR trotz der Pleiten an den Spitzenbrettern das Duell insgesamt mit 20,5 - 19,5 für sich entschied. 1984 gab es in London einen Fortsetzungskampf unter denselben Bedingungen, und erneut gelang der Sowjetunion, diesmal mit 21 - 19, ein knapper Sieg.