Der Tod von Machthaber König Friedrich Wilhelm I. am 31. Mai 1740 hatte in ganz Preußen und vornehmlich in dem zur Garnisonsstadt ausgerufenen Berlin für Erleichterung gesorgt. Zu eng lasteten Leibeigenschaft, ein betont strenges und puritanisches Regiment, der kulturelle Kahlschlag, systematisch praktizierte Folter und Angst der Männer, für das preußische Militär verpflichtet zu werden, wonach die Frauen und ihre Kinder ihren Versorger verlieren würden, auf den Untertanen. Das Bonmot aus dem Ausland, Preußen sei kein Staat mit Kasernen, sondern eine Kaserne mit Staat, traf in Preußen nirgendwo so stark zu wie in Berlin selbst. Unter dem „Soldatenkönig“ genannten Friedrich Wilhelm I. hatte sich die Zahl der Soldaten weiter drastisch erhöht. Lag vor seinem Amtsantritt 1713 in der Garnisonsstadt Berlin die Zahl der Soldaten noch bei knapp 10%, so lag sie in seinem Todesjahr schon bereits bei 21%, was auch die nichtmilitärische Bevölkerung bedrückte. In einem Staat, der alles zivile Leben dem Militärwesen unterordnete, waren in Ermangelung von Kasernen die Einwohner verpflichtet, die Soldaten bei sich zuhause einzuquartieren; 1740 lag die Durchschnittszahl an Soldaten pro Haus bereits bei 4 Soldaten (ebd.), was durch das Quartiersgeld, das jeder derart verpflichtete Haushalt erhielt, nicht ausreichend aufgewogen werden konnte. In Ermangelung an männlichen Arbeitskräften darbten die Wirtschaft, darbten die Künste und darbten die Wissenschaften.

Groß waren die Erwartungen an den beliebten Thronfolger Friedrich II., dessen Konflikte und innere Gegnerschaft zu seinem Vater vornehmlich nach der Affäre Katte in der Bevölkerung wohlbekannt war. Hans Hermann von Katte war ein älterer Jugendfreund des jungen Thronfolgers und Leutnant der preußischen Armee. Er hatte seinem Freund, der sehr unter der Knute seines unerbittlichen Vaters gelitten hatte, der ihn regelmäßig schlug, seinen Tagesablauf auf die Minute genau regelte und seinen „schöngeistigen“, „effeminierten“ und „lebensuntüchtigen“, d. h. seinen musisch-künstlerischen Interessen nicht nur kein Verständnis entgegenbrachte, sondern sie ihm schlichtweg verbot, 1730 zur Flucht verholfen, was einen europaweit bekannten Skandal ausgelöst hatte. Das Vorhaben ging schief und auch Katte war als Mitwisser verhaftet worden. Da auf Desertion, wie die Flucht ausgelegt worden war, die Todesstrafe stand, sollten beide hingerichtet werden, und erst die Vermittlung und Fürsprache des österreichischen Kaisers Karls VI., gleichzeitig Kaiser des HRRDN, brachte den Vater von der Hinrichtung seines Sohnes ab. Dieser mußte allerdings der Hinrichtung seines Freundes Katte beiwohnen und wurde zur Festungshaft in Küstrin verurteilt. Zudem wurde ihn sein Rang als Thronfolger aberkannt, diese Entscheidung aber später, wie wir wissen, rückgängig gemacht. Da der Thronfolger mit teilweise verfemten Aufklärern wie Voltaire korrespondierte, den Freimaurern angehörte und mit seinem Anti-Machiavelli hart mit dem florentinischen Staatsphilosophen Niccolo Machiavelli ins Gericht ging, dessen Schriften heute als Zeugnis einer von moralischen Bedenken und Skrupeln gereinigten Machtpolitik weitgehend verurteilt werden, hatte er seinem Ruf als Schöngeist den Ruf des Freigeists hinzugefügt. Er galt der Bevölkerung als Mann der Aufklärung und Gegenbeispiel nicht nur Machiavellis, sondern auch seines eigenen Vaters.

Tatsächlich begann mit dem Amtsantritt Friedrichs II. in Preußen das Zeitalter der Aufklärung. Friedrichs Aussprüche: „Der König ist der erste Diener des Volks“ und „ein jeder soll nach seiner Facon selig werden“ wurden zu geflügelten Worten. Der Thronfolger schaffte die Folter ab und beschränkte die Leibeigenschaft. Er diversifizierte die Wirtschaft und sorgte mit seiner Städtereform dafür, daß die Städte sich von der staatlichen Kuratel ein Stück weit lösen konnten und was bürgerliches und wirtschaftliches Engagement förderte. Der Willkür des Staats setzte er als Vertreter des sogenannten Aufgeklärten Absolutismus erste Maßnahmen entgegen, die in Richtung eines allseits verankerten Rechtssystems gingen. Als erster absolutistischer Staat setzte er eine, wenn auch eingeschränkte Pressefreiheit durch, und hatte damit europaweit eine Vorreiterrolle inne. Die Etablierung von Wahlmöglichkeiten zumindest für den vermögenden Teil der männlichen Bevölkerung waren zwar weit von heutigen freien und demokratischen Wahlen entfernt, aber zumindest Anfänge. Die Erwartungen als Förderer von Wissenschaft, Kunst und Kultur setzte der Thronfolger um, was sich allein an den prachtvollen neuen Bauwerken in Berlin unter seiner Ägide bis 1749 niederschlug, zu denen sein Schloß Sanssouci (lat.: ohne Sorgen), die Staatsoper Unter den Linden oder der Gendarmenmarkt gehörte. Der Bauboom unter Friedrich II. und vor allem der Hang des Königs zu besonders prunkvollen staatlichen und öffentlichen Gebäuden, Tempeln von Königstum, Kultur und Wissenschaft, führte dazu, daß der bereits 1706 von Erdmann Wircker für Berlin gefundene Ausdruck des Spree-Athens zutreffender und etablierter wurde. Zudem veranlaßte Friedrich II. durch Schulreform und Bau zahlreicher Landschulen, daß auch Bauernkinder zunehmend die Möglichkeit zum Schulbesuch bekamen.

Die Epoche der Aufklärung, in die Friedrich II. nun auch Preußen hineinführte, sorgte im Land für das Entstehen der für diese Epoche charakteristischen Debattierclubs, in denen sich die nun selbstbewußtere bürgerliche Elite, vornehmlich aus dem Bildungsbürgertum, einfand und in Diskussionen um Lösungen dafür rang, wie eine bessere, eine ideale Gesellschaft am besten aufzubauen ist. Die Aufklärung brach mit den nun mittelalterlich verschrieenen Ritualen, den „Vorurteilen“ der Kirche, wandte sich aber ebenso scharf an den Adel und seine Privilegien, der dem gesellschaftlichen Fortschritt im Wege stünde und ohne Legitimation und Qualifikation die exponierten Plätze in Staat und Gesellschaft blockiere. Was das Schachspiel betrifft, so fanden in der Epoche der Aufklärung zwei wichtige Prozesse statt. Zum einen wurde das Schach durch die Verbreitung in öffentlichen Kaffeehäusern, Salons und den Clubs, den Vorläufern sowohl der Parteien als auch der Vereine, dem exklusiven Vorrecht des Adels entzogen und gewann zahlreiche Anhänger aus dem Bürgertum. Zum anderen wurde das Schachspiel von den Aufklärern selbst als Experimentierfeld geistiger Prozesse angesehen, in dessen Mikrokosmos sich rationale und logische Gedanken erproben ließen. Als Propotyp des nach den Idealen der Aufklärung spielenden Schachmeisters gilt der Franzose Philidor, der seine Kunst im berühmten Café de la Régence zum Besten gab. Das englische Pendant zu diesem in Schachkreisen so populären Café war das Londoner Old Slaughter´s Coffee House. Beide Kaffeehäuser lieferten sich legendäre Wettkämpfe, aber auch Auseinandersetzungen zweier Schachmeister, wie das Duell Stamma gegen Philidor in London 1747 (Philidor gewann 8:1), wurden bevorzugt in diesen Mekkazentren der Schachwelt ausgetragen. Der 1749 in Berlin gegründete „Der Klubb“ war nicht ganz mit diesen Kaffeehäusern in London und Paris zu vergleichen, ist aber für die Schachentwicklung in Preußen, aber auch in deutschen Landen nicht uninteressant.

Gründungsmitglieder des "Klubbs" waren u. a. der Dichter Karl Wilhelm Ramler, der Musiker Johann Joachim Quantz, der Verlagbuchhändler Christian Friedrich Voss, der schweizer Theologe Hans Georg Schulthess (der die Idee zu diesem Club aus seiner Heimat mitgebracht haben soll) sowie der schweizer Philosoph und Theologe Johann Georg Sulzer. "Der Klubb", der sich bald, nach dem Versammlungstag, in „Berliner Montagsklub“ umbenannte und ursprünglich die Gelegenheit einer „freien, heiteren Conversation“ geisterverwandter Männer bieten sollte, avancierte spätestens mit dem Beitritt Lessings und Nicolais zu einem der Zentren der Berliner Aufklärung. Lessing selbst galt übrigens als ein Liebhaber des Schachs, der das Schach auch in seiner Literatur verewigte (mehr zur Beziehung Lessings mit dem Schachspiel in Joachim Petzold: Das Schachspiel als Toleranzsymbol in Lessings „Nathan der Weise“ in Homo Ludens, der spielende Mensch IV, München u. Salzburg 1994 S. 137-157). Auch der Philosoph Moses Mendelssohn, der Wegbereiter der Haskala, der jüdischen Aufklärung, hatte in den 50er Jahren Beziehungen zu diesem Club, wurde aber, weil er auf das Bestehen seiner jüdischen Verzehrvorschriften bestand, nicht als Mitglied aufgenommen.

Im Prinzip trifft das Bonmot, in Frankreich habe sich die Aufklärung überwiegend politisch, in England wirtschaftlich und in Deutschland im privaten Raum abgespielt, auch auf den Berliner Montagsklub zu. So erläutern Klaus Garber, Heinz Wismann und Winfried Siebers in ihrem Momumentalwerk: „Europäische Sozietätsbewegung und demokratische Tradition - Die europäischen Akademien der frühen Neuzeit zwischen Frührenaissance und Spätaufklärung“, daß dieser „elitären, geselligen Abendgesellschaft“ (S. 1488) jedes rebellische Moment abging und einen eher staatstragenden Charakter aufwies. Denn „der Montags-Klub war eine Honoratiorengeselligkeit unter der Fahne aufgeklärter Toleranz, die allerdings politisch kontroverse Themen ausschloß. Er war charakteristisch für die neu entstehenden sozialen Gruppierungen, die das Bedürfnis der Bürger nach geselliger Kommunikation außerhalb der Familie zu befriedigen suchten.“ Ein ähnliches Zeugnis stellt Gerhild H. M. Komander dem Club in einem Artikel für das Magazin „Die Geschichte Berlins“ in der Ausgabe 7/2003 aus, der sich auf die Aufklärung bezog. Komander urteilt, der Berliner Montagsklub habe sich zwar [wahrscheinlich wegen der Haltung des aufklärungsaffirmativen Königs] „als Zentrum der Aufklärung“ etabliert, sei aber auch „eine der Keimzellen für die Verbindung der bürgerlichen Kräfte mit dem preußischen Patriotismus“ gewesen, „die mit Beginn des Siebenjährigen Krieges durch literarische und künstlerische Tätigkeit für den Staat zu wirken begannen.“ So habe der langjährige Vorsitzende Christoph Friedrich Nicolai „sich an literarisch und wissenschaftlich interessierte Bürger, die sich den Aufklärungsidealen und den Gedanken der bürgerlichen Emanzipation gegenüber aufgeschlossen zeigten, zugleich aber die monarchische Verfassung Brandenburg-Preußens akzeptierten und ihrem König mit patriotischen Gefühlen entgegentraten. Darüberhinaus versuchte er, durch seine verlegerische Arbeit auch diejenigen zu erreichen, belehren und ´aufzuklären, die diesen neuen Ideen noch mit Skepsis begegneten oder sie überhaupt nicht kannten´.“ Insofern war das Streben des Klubs danach ausgerichtet, Emanzipation und Freiheit mit dem Staat und im Staat und nicht gegen den Staat zu erzielen.

Der Berliner Montagsklub hatte als geschlossene Debattierversammlung zwangsläufig andere Charakterzüge als das Café de la Régence in Paris oder das Old Slaughter´s Coffee House in London. Doch das Schachspiel hatte auch hier eine besondere Bedeutung. Denn das Schachspiel war - anders als z. B. die so gern im Régence gespielten Karten- oder Billardspiele - als einziges Spiel in den Clubräumen zugelassen, das von den Mitgliedern gern im aufgeklärten Sinne gespielt bzw. erforscht wurde. Zu den späteren Mitgliedern im Club gehörte u. a. Johann Gottfried Schadow, der 1803 als Begründer des ersten deutschen Schachclubs, den wegen seiner prominenten Rolle im Volksmund „Schadows Schachklub“ genannten Berliner Schachclub, die Weichen für das schachliche Clubleben in deutschen Landen stellte. Gerade um die Wende zum 19. Jahrhundert war der Berliner Montagsklub fest in das "gesellige Berliner Netzwerk" eingebunden, wo es eher die Regel als die Ausnahme war, daß Mitglieder eines Clubs gleichzeitig Mitglieder eines oder mehrerer anderer Clubs waren. So gab es Verflechtungen mit der „Geheimen Mittwochsgesellschaft der Aufklärer“, der „Gesellschaft der Freunde der Humanität“, der „Philomatischen Gesellschaft, der „Gesetzlosen Gesellschaft“ (der im Titel anklingende Anspruch bezog sich rein auf das Clubleben, das ohne Statuten auskommen sollte), der „Gesetzlosen Gesellschaft Nr. 2“ (s. o.), der „Gesellschaft naturforschender Freunde“, der „Christlich-deutschen Tischgesellschaft“, dem „Berliner Schachclub“, der „Preußischen Haupt-Bibelgesellschaft“ oder den Freimaurerlogen. (ebd.)

Wie das Schach in das Leben des Berliner Montagsklubs eingebaut wurde, davon zeugt ein Artikel des jüngst leider verstorbenen Kunst- und Schachhistorikers Hans Holländers in einem Beitrag im Werk „Urbanität als Aufklärung. Karl Wilhelm Ramler [ein wichtiges Gründungsmitglied des Montags-Klubs] und die Kultur des 18. Jahrhunderts. Holländer führt aus, wie Ramler vier Jahre damit vergeblich verbracht hatte, das lateinische Frühwerk „Schacchia ludus“ aus dem 16. Jahrhundert von Marcus Hieronymus Vida kunstgerecht ins Deutsche zu übersetzen und in seinem „heroischen Scheitern an den Grenzen des Möglichen“ „nicht zu den berühmten Fällen“ gehört habe. Darüberhinaus erklärt sich der Schachhistoriker die Affinität der Aufklärer gegenüber dem Schachspiel damit, daß das Schachspiel den Aufklärern „allerhand Metaphern [und] moralische Schlußfolgerungen“ lieferte. „Es war wohl ein unerläßlicher Bestandteil intellektuellen Lebens“ (S. 40).

Insgesamt gab es im bürgerlichen Leben im Zeitalter der Aufklärung des 18. Jahrhunderts mit den Kaffeehäusern, den Salons und den Clubs drei Repräsentationsorte bürgerlichen Lebens, in denen das Schachspiel als Forschungsobjekt und Zeitvertreib zugleich weiterentwickelt wurde. Alle drei Wege führten allmählich zu einer immer stärkeren Verbreitung des Schachs in den europäischen Gesellschaften. Es ist ein Prozeß, der in die Popularisierung des Schachspiels in immer weitere Bereiche der Gesellschaften führte. Heute, wo wir auf diesem Weg Meilensteine weitergekommen sind, wissen wir, daß zum Verständnis des Schachs ein gehobenes gesellschaftliches und im Sinne des Bildungsbürgertums intellektuelles Prestige zwar durchaus nützlich sein kann, vor allem, was die Abstraktionsfähigkeiten gegenüber dem Schachspiel anbelangt, aber schon nicht mehr als dafür notwendige Bedingung bezeichnet werden kann. Längst wissen wir aus zahlreichen Beispielen, daß ein Arbeiter einem Intellektuellen im Schach den Rang ablaufen kann. Zudem entsteht das früher einflußreiche Bildungsbürgertum heute nur noch in Rudimenten.