1988 machte die lebende Legende Michail Tal durch einen spektakulären Sieg bei den erstmals ausgetragenen Blitzschach-Weltmeisterschaften in Saint John (Kanada) unter Beteiligung von Kasparov und Karpov, die damals im Schach das Maß aller Dinge waren, noch einmal auf sich aufmerksam. Schach hatte in diesen Jahren eine Blütezeit, dafür sorgten neben dem auch politisch bedeutsamen Dualismus zwischen Karpov und Kasparov der Worldcup, womit eine Turnierserie 1988/89 gemeint ist, die ins Leben gerufen wurde, um die im Vergleich zu den zwischen 1984 und 1987 jährlich ausgetragenen Schachweltmeisterschaften lange Zwischenperiode von drei Jahren bis zur nächsten Schachweltmeisterschaft zu überbrücken, zahlreiche erstklassig besetzte Turniere sowie die Aktivitäten der GMA, eine Spielervereinigung, die sich, kurz zuvor ins Leben gerufen, für die Rechte der Spieler einsetzte, und in der Bessel Kok der Vorsitzende, Garri Kasparov Präsident und Anatoli Karpov Mitglied war. Übrigens hatte die GMA die als Worldcup firmierende Turnierserie ins Leben gerufen. Auf dieser Idee basiert der Grand-Prix der FIDE, die heute eine Möglichkeit zur Qualifikation für das WM-Kandidatenturnier ist.

1988 wurde der frischgebackene Blitzschach-Weltmeister ins Ostankino-Konzertstudio zu einer Fernsehshow nach Moskau geladen und hatte im sowjetischen Fernsehen einen starken Auftritt. Er äußerte sich gleichwohl offen wie humorvoll auch zu heiklen Themen wie Viktor Kortschnoi, was passiert wäre, wenn Kortschnoi die WM in Baguio 1978 gegen Karpov gewonnen hätte (Tal halb im Spaß und halb im Ernst: „Dann wäre Schach zum volksfeindlichen Spiel [„false game“] erklärt worden), den Kalten Krieg oder Kasparovs umstrittenes Buch „Politische Partie“, erstveröffentlicht in England unter dem Titel „child of changes“. Auch zeitgenössische und zeitlose Themen wie der wachsende Einfluß der Computer aufs Schach, der Zukunft des Schachs, was es mit dem Parapsychologen Tofik Dadaschew auf sich hat, werden in der Sendung behandelt. In der Fernsehshow gibt es zudem zahlreiche Einspielungen von historischen Aufnahmen rund um Tals Schachkarriere. Die Sendung ist natürlich auf russisch, hier helfen aber englische Untertitel weiter.

Michail Tal schafft es, die Herzen der Zuschauer für sich zu gewinnen und ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. Er erweist sich als kultiviert, gebildet, in Zusammenhängen denkend und fähig, komplexe Sachverhalte im besten Kabarettstil abzuhandeln, was die Zuschauer immer wieder zum Lachen bringt. Die Atmosphäre von Glasnost und Perestroika bringt es zudem mit sich, daß Tal seine Glossen frank und frei abfeuern darf, was er bei der Gelegenheit reichlich tut, aber niemals so weitgehend, als daß er die Verbindungen zu seinem Staat gänzlich abreißt. Dies ist vielleicht auch gar nicht sein Wille, denn Tal wirkt auf mich so, als sei er auch dem sowjetischen Staat trotz aller Kritik, die Vergangenheit betreffend, aufgrund des Aufbaus des so reichhaltigen Schachlebens in gewisser Weise verbunden. In dem Konflikt zwischen Kasparov und Karpov, der auch in der UdSSR als Kampf zwischen Perestroika und Reaktion wahrgenommen wurde, nimmt er eine vermittelnde Haltung ein. Seine mit allen rhetorischen und humoristischen Mitteln gewürzte Vortragskunst wird paradigmatisch bei dem Thema Boris Spasski deutlich, als Tal sich über die Art und die Folgen der sowjetischen Behandlung Boris Spasskis ausläßt. Der Weltmeister von 1969 - 1972 war nach seiner Niederlage gegen Fischer in seiner Heimat in Ungnade gefallen und 1975 nach Frankreich übergesiedelt, wo er 1976 die französische Staatsbürgerschaft angenommen hatte.

Boris Wassiljewitsch Spasski ist ein außergewöhnlicher sowjetischer Großmeister. Er ist mit einer Französin mit russischen Wurzeln verheiratat und spielt Schach heute weniger. Es ist schade, daß er die Sowjetunion nur noch so wenig besucht, aber andererseits haben die Mitglieder des UdSSR-Sportkomitees und der UdSSR-Schachföderation alles getan, um Boris Wassiljewitsch davon abzubringen. Er wollte bei der Spartakiade, bei den UdSSR-Einzelmeisterschaften spielen, aber ihm wurde gesagt, es sei nicht nötig, daß er spiele. Und das alles kulminierte vor dem Match des Jahrhunderts, das war nicht nur ein Turnier, das war ein Festival des Schachs, eine Leistungsshow des Sowjetschachs. Der Ex-Weltmeister, ein brillianter Schachspieler wurde nicht eingeladen zu spielen, ist das nicht irrwitzig? Ja, ist es. Ist das absurd? Ja, ist es. Ist das traurig? Ja, ist es. Es ist sehr traurig. Folglich ist Spasski heute der Kopf des französischen Nationalteams. Seine Erfahrung und Autorität ließen das schlafende französische Schachleben erwachen. Die Franzosen waren nie so aktiv seit den Zeiten Napoleons. Nun performen sie großartig bei den Schach-Olympiaden, haben sich für den Weltcup qualifiziert, und das alles aufgrund der Aktivität eines Mannes. Nun sind wir deprimiert, daß Boris Spasski zum zweitgrößten französischen Schachspieler wurde - hinter Alexander Aljechin.