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Thema: Die Schachsucht des Jean Jacques Rousseau

  1. #1
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    Die Schachsucht des Jean Jacques Rousseau

    Jean Jacques Rousseau war in der Epoche der Aufklärung nicht nur ein großer Philosoph und Entwickler der Volonté générale. Er wurde in der Blütezeit des französischen Schachs, als sich das Bürgertum das Schachspiel erschloss, vom allgemeinen Schachfieber ergriffen und war phasenweise Stammgast im Café de la Régence in Paris. Er hatte einen großen Ehrgeiz, sich im Schach weiter zu entwickeln und schlug unter anderem seinen Philosophenkollegen Denis Diderot, der mit seiner Encyclopédie Maßstäbe in der Katalogisierung und Inventarisierung des zeitgenössischen Wissens gesetzt hatte. Dabei ging Rousseau wie viele Geistesgrößen, wozu auch der spätere Empereur Napoleon zählte, davon aus, dass das Schach eins zu eins auf die allgemeine Intelligenz zu übertragen sei, weswegen ihm auch dort alle Wege offen stünden. Lange Zeit hielt er an dem Fernziel fest, es auch mit dem unangefochtenen Schachkönig Philidor aufnehmen zu können und arbeitete unter Aufbietung aller Kräfte auf dieses Ziel hin. Dabei entwickelte er eine Schachsucht, die sich darin zeigte, dass er vom Schach nicht mehr loskam und auch dann weiter trainierte, wenn Lust und Aufnahmefähigkeiten erschöpft waren. Über diese Zeit äußerte er sich selbst in seinen "Bekenntnissen":

    Ich vergaß alles über das Schach. Ich kaufe ein Schachbrett, kaufe die Figuren, schließe mich in mein Zimmer ein, bringe Tage und Nächte damit zu, alle Züge auswendig zu lernen, sie wohl oder übel meinem Kopfe einzutrichtern und fort und fort allein zu spielen. Nach zwei oder drei Monaten dieser allerliebsten Arbeit und ganz undenkbarer Anstrengungen gehe ich abgemagert, gelb und fast stumpfsinnig nach dem Kaffeehause. Ich mache einen neuen Versuch und spiele wieder mit Herrn Bagueret; er besiegt mich einmal, zweimal, zwanzigmal; in meinem Kopfe hatten sich die vielen Berechnungen dergestalt verwirrt und meine Einbildungskraft war so erloschen, daß ich nur noch eine Wolke vor mir sah. So oft ich mich nach den Büchern Philidors oder Stamma's auf einzelne Züge habe einüben wollen, ist es mir in gleicher Weise ergangen; von Ermüdung erschöpft, fühlte ich mich schwächer als vorher. Ob ich übrigens das Schach eine Zeit lang ruhen ließ oder es mit Leidenschaft spielte, so bin ich doch seit dieser ersten Sitzung nie einen Schritt weiter gekommen, und ich habe mich stets auf demselben Punkte befunden, auf dem ich stand, als ich sie beendete. Und wenn ich mich Tausende von Jahrhunderten übte, würde ich es doch nie weiter bringen, als Bagueret einen Thurm vorgeben zu können. Das ist eine herrliche Anwendung der Zeit, wird man sagen. Ei ja, ich habe nicht wenig darauf verwendet. Ich endete diesen ersten Versuch erst, als ich nicht mehr die Kraft besaß ihn fortzusetzen. Als ich wieder aus meinem Zimmer unter die Menschen kam, hatte ich das Aussehen eines Ausgegrabenen, und hätte ich es so fortgetrieben, wäre ich nicht lange als ein Ausgegrabener umhergewandelt. Es ist, wie man zugeben wird, schwer, und zumal in der Zeit der vollsten Jugendkraft schwer, daß ein solcher Charakter den Körper stets in gesundem Zustande läßt.
    Für Rousseau schien es eine persönliche Rettung gewesen zu sein, diesen merkwürdigen Schachvirus wieder loszuwerden. Für die europäische Geisteswelt war sie ein Segen. Denn Rousseau gelang es später, das europäische Geistesleben nachhaltig zu prägen, wie es nur wenigen Menschen vergönnt war. Seine Gedanken hatten endlich ein Ziel gefunden, mit dem sie sich in gesünderer Weise beschäftigen konnten. Dieses Ziel war für ihn persönlich angemessen und für die Menschheit produktiver. Zwar wurde er im Schach kein zweiter Philidor, ein Philidor wurde aber auch kein Rousseau der Philosophie.
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  2. #2
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    AW: Die Schachsucht des Jean Jacques Rousseau

    Wenn eine Leidenschaft für etwas zur Sucht wird, kann man es vergessen. Es kann ruhig zur Gewohnheit werden, sich mit Schach zu beschäftigen, aber man soll es nicht über ein gesundes Maß übersteigern und man braucht immer auch einen Ausgleich. Das ist hier ein Negativbeispiel, wie sich einer im Schach verliert und die Zerstörung der Gesundheit droht. Zum Glück hat dieser berühmte Wissenschaftler noch den Absprung geschafft.

    Babylonia

  3. #3
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    AW: Die Schachsucht des Jean Jacques Rousseau

    Andererseits war es ja gerade die Obsession, Besessenheit, Manie, Sucht, die Dr. Basil, in der >Schachnovelle< von Stefan Zweig, vor dem Schlimmsten bewahrte und ihm sogar das Leben rettete. Das Schachspielen als Rettung und Fluch zugleich:

    Eigentlich ist Dr. Basil Treuhänder und Buchhalter der Kirchen, sowie mit den besseren Kreisen Österreichs bekannt. Das lenkte die Aufmerksamkeit der 1938 einmarschierten Nationalsozialisten auf ihn, die sich Informationen über Vermögenswerte von ihm erhofften. Da Dr. Basil diese Informationen verweigert, wird er unter Hausarrest gestellt, dann isoliert über Monate in Einzelhaft gehalten, unterbrochen von Verhören, die, anfangs regelmäßig, später erst nach tagelanger Isolation fortgesetzt werden, um das Schweigen von Dr. Basil zu brechen.

    Kurz bevor Dr. Basil, vollkommen zermürbt und dem Wahnsinn nahe, sich zu einem Geständnis bereit erklärt, stiehlt er ein kleines Buch, das er in einer Manteltasche vor dem Verhörzimmer entdeckt. Dieses Buch rettet ihn für einige Zeit vor dem Wahnsinn, der Folge der Isolationshaft.

    Zunächst ist der Häftling Dr. Basil zwar ziemlich enttäuscht, weil es sich „nur“ um ein Schachbuch handelt, aber dann beginnt er, sich intensiv mit den Partien und Zügen in dem kleinen Schachbuch zu beschäftigen. So gelingt es ihm, die Isolation und die Verhöre der Nazis zu überstehen und dabei noch das gesamte Buch auswendig zu lernen. Am Ende bietet das Schachbuch keinerlei Reiz mehr, alle Züge sind gelernt und daher macht sich der Gefangene daran, die in dem Buch beschriebenen Partien gedanklich nachzuspielen. Er wird gleichzeitig zum Spieler und zum Gegner in einer Person, was im Verlauf der weiteren Isolationshaft zu erheblichen psychischen Störungen seiner Persönlichkeit führt. Der einstige Vermögensverwalter wird zum »Ich-Weiß« und »Ich-Schwarz« und liegt von da an permanent mit sich selbst in Streit, weil er immer gewinnt, aber auch immer verliert. Bereits dem Wahnsinn nahe und dem völligen psychischen Zusammenbruch, unternimmt er einen Ausbruchsversuch, wird dabei verletzt und trifft im Krankenhaus auf einen einsichtigen Arzt, der ihn für unzurechnungsfähig erklärt. Diese Diagnose beendet schließlich die lange Isolationshaft des Dr. Basil.

    Ein Extremfall, den Stefan Zweig in seiner „Schachnovelle“ schilderte. Das Schachspielen als Rettung und Fluch zugleich: Einerseits bewahrte es vor den Folgen der Isolationshaft, dem psychischen Zusammenbruch und letztlich dem Wahnsinn. Andererseits führte es aber eben jenen Zusammenbruch letztlich endgültig herbei.

    Bei Rousseau liegt der Fall etwas anders. Bei ihm entpuppt sich das Schachspielen nicht als Rettung und Fluch zugleich, sondern nur als Fluch, da Rousseau das Schachspielen von vornherein als Selbstzerstörung betreibt (im Gegensatz zu Dr. Basil, der es zur Selbsterhaltung nutzt): Er will temporär, kurzfristig seine Spielstärke auf ein Level hieven, was eigentlich über Monate und Jahre wachsen muß. So bewirkt seine Obsession, Besessenheit, Manie, Sucht das genaue Gegenteil: Nicht das Level seiner Spielstärke wird gesteigert, sondern das Level seiner Selbstzerstörung.

    „Ein Blick ins (Schach-)Buch und zwei ins Leben /
    das wird das rechte Maß dir geben.“ - Richtig, Goethe, der weise Lebensberater, hat es mal wieder auf des Wortes goldenen Punkt gebracht.

    Grüße auch an die Moderne, an das Heer der anonymen Workaholiker, der anonymen Arbeitssüchtigen. Mit der Folge Burnout, dieses neue Wort für Selbstzerstörung. Keine Zivilisation ohne Sucht!
    „Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen auch Zwerge lange Schatten.“ Karl Kraus

  4. #4
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    AW: Die Schachsucht des Jean Jacques Rousseau

    Super Beitrag, ich hatte die Schachnovelle 2001 gelesen und fand sie stark geschrieben. Nach meinen Erfahrungen führt eher das Onlinespiel am Computer zur Sucht als das vergleichsweise trockene Schachtraining. Ich spiele deshalb online schon lange nur noch gemütliche Fernschachspiele auf Chessmail und nicht diverse Blitzschachpartien auf einschlägigen Schachservern, wo man leicht 50 Spiele am Stück spielen kann und der Lerneffekt am Ende gegen Null tendiert. Außerdem meine ich, dass überhaupt das Computerspielen leichter zur Sucht führt als die "analoge" Beschäftigung. Das war in meiner Generation mit dem Fernseher und dem Computer schon ein Thema und hat sich durch das Internet und seine mobile Form beschleunigt. Das heißt, wer Schach "analog" trainiert und spielt, der ist viel weniger suchtgefährdet als der, der dies auf Computern und im Internet betreibt. Natürlich hängt das aber auch von der persönlichen Veranlagung ab.
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    AW: Die Schachsucht des Jean Jacques Rousseau

    Ich spiele seit 2014 Online-Korrespondenzschach auf einem niederländischen Schachserver und mir war von Anfang an bewusst, dass beim Online-Schach Suchtgefahr lauert. Für mich persönlich habe ich das so geregelt, dass ich max. 3 Korrespondenzpartien simultan spiele. Das ist sehr wenig für jemand, der für ein Schachteam spielt. Ich weiß von Leuten, die 20 - 50 Partien simultan spielen.

    Die Computersucht funktioniert so, dass man ständig meint, man müsste ständig etwas checken, posten oder kommunizieren.
    Das gilt auch für das Online-Schach oder Online-Spiele allgemein.

    Bei einer normalen aktiven Mitgliedschaft im Schachclub sind die Schachaktivitäten dosierter, die Vereinsveranstaltungen sind ja zeitlich festgelegt. Auch das analoge Studieren von Schachliteratur führt nach einer Lerneinheit zur Ermüdung. Bei diesen beiden Dingen lässt sich Sucht schwerer auslösen.

    Babylonia

  6. #6
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    AW: Die Schachsucht des Jean Jacques Rousseau

    Das sind gute Gedanken hinsichtlich der Suchtgefahr durch die vollständig technisierte Onlinewelt. Ich würde da eher von einer immanenten Suchtentwicklung ausgehen. Denn es ist keine Krankheit, die nur Randgruppen überfällt, sondern eine Seuche, welche die ganze Gesellschaft gefangenhält. Ich erinnere mich, wie wir in den 80er Jahren diejenigen verspottet haben, die vor einem zu großen Einfluss der Technisierung warnten. Diese wollten zurück zur Natur und damit zurück zur Steinzeit, so lautete das Verdikt. Mittlerweile ist uns das Lachen im Halse steckengeblieben. Ein Unterschied zu den 80er Jahren ist auch, dass damals die Zukunft als Science Fiction überwiegend positiv besetzt war. Ein optimistischer Fortschrittsglaube war kennzeichnend. Technik und Mentalität würden durch ihre vernünftige Entwicklung in ein Zeitalter führen, in dem schrittweise alles leichter fällt, die Maschinen uns den Großteil der Arbeit abnehmen und wir uns dem Wesentlichen zuwenden würden, bei dem wir uns in dem nun reiferen Zustand nicht mehr gegenseitig das Leben schwer, sondern uns gegenseitig unterstützen würden. Wir stünden quasi vor den Toren, das endlos scheinende Jammertal auf Erden zu überwinden. Aufgrund dessen, was danach folgte, ist es kein Wunder, dass heute die Zukunft überwiegend nur noch negativ besetzt wird. Der Glaube an eine gute Zukunft ist seitdem trotz der Euphorie in den 90er Jahren verlorengegangen. Viele halten die Zukunft mittlerweile für eine Dystopie, und andere meinen, wir sind schon drin. Was mit Dystopie gemeint ist und wie diese sich konkret äußert, da kann ich nur auf eine zeitgenössische Kurzgeschichte von einem begabten Autoren verweisen, der uns leider seinen Namen nicht genannt hat. Er hat aber seine Geschichte allen anderen zur Verfügung gestellt: http://www.datenfeger.de/vom-nerd-zum-zombie/
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