Al-Adli, der erste Weltmeister der Schachgeschichte
Bis zum 15. Jahrhundert waren die Araber führend im Schach, das sie damals Schatrandsch nannten (und dies bis heute tun). Nach der Eroberung Persiens Mitte des 7. Jahrhunderts hatten sie schnell Gefallen an dem Spiel gefunden, das weitgehend den Regeln des aus Indien stammenden Ur-Schachs Chaturanga folgte.
Einer der ersten herausragenden und berühmten Spieler war der in Bagdad lebende Al-Adli (voller Name Al-Ádlí Ar-Rúmí, wobei der letzte Teil ein Beiname ist, den er wahrscheinlich seiner Abstammung aus dem Byzantinischen Reich verdankt). Dieser erste große Schachmeister lebte in der Zeit zwischen 800 bis 870. Mit viel Klugheit und Fantasie bereicherte er das sich im arabischen Raum zunehmend verbreitende Spiel. Seine ausgefeilten Gedanken veröffentlichte er in theoretischen Werken über Taktik und Strategie des Schatrandsch.

Schachbrett als Rechenbrett
Zentral war für ihn die Berührung des Spiels mit der Mathematik. Die Araber hatten auch das dem römischen Ziffernalphabet überlegene indische Zahlensystem übernommen und damit eine mathematische Errungenschaft: die Zahl Null. Das Schachspiel, das schon damals 64 Felder hatte, wurde von Al-Adli parallel wie ein Abakus genutzt. Notizen darüber und auch eine Zeichnung des Schachbretts als Rechenhilfe fanden sich in seinem häufig zitierten, allerdings verschollenen schriftlichen Schachwerk. Die von ihm gestartete parallele Nutzung und Entwicklung von Schach- und Rechenbrett setzte sich noch über viele Jahrhunderte in unterschiedlichen Kulturen fort.

Figuren, Gangarten und Regeln
Die Gangarten der Figuren beim Schatrandsch unterscheiden sich noch erheblich vom modernen Schachspiel, das sich erst im Europa des späten 15. Jahrhunderts aus dem Schatrandsch entwickelte. Mit Ausnahme des auf der Läuferposition eingesetzten Alfil (Elefant) entsprachen die Regeln noch denen des Ende des sechsten Jahrhunderts in Indien entstandenen Chaturanga. Bei Ausgrabungen in Afrasiab wurden folgende Figuren entdeckt, die später auch im arabischen Raum genutzt wurden: König, Berater (Dame), Streitwagen (Turm), Elefanten (Läufer), Pferd (Springer), Soldat (Bauer).

Übereinstimmungen mit heute gibt es bei den Gangarten von König, Turm, Springer und Bauer. Dagegen fehlte der Doppelschritt beim Bauern, was die Eröffnungen langwieriger werden ließ und auch das Schlagen en passant verhinderte. Auch die Rochade gab es noch nicht. Stattdessen war es möglich, mit dem König einmal pro Partie einen Springerzug zu machen. Der Elefant als „Urahn“ des Läufers wiederum zog zwei Felder, konnte dabei allerdings eine Figur überspringen. Der Berater (Dame) zog bloß ein Feld diagonal, war also deutlich schwächer als die heutige Dame. Soldaten, die die letzte Reihe erreichten, wurden ausschließlich zu Beratern.

Schatrandsch kennt einige Regeln, die das Spiel schneller machen: So kann wegen des fehlenden Bauerndoppelschritts mit oder ohne sogenannte Tabijen gespielt werden, das Spiel beschleunigende, festgelegte Eröffnungszüge. Die Spiele enden auch schneller als heute, da sowohl ein Pattsetzen zum Sieg führte, als auch das „Entblößen“ des gegnerischen Königs durch Schlagen aller anderen Figuren.

Mansubat
Al-Adli tüftelte zahlreiche trickreiche Probleme aus: die sogenannten Mansubat.
In seinen Manuskripten (und denen von Ali Ibn Mani) finden sich erstmals für seine Zeit und seinen geographischen Raum rösselsprungartige Aufzeichnungen (die als erstes auf ca. 2.200 vor Christus in China datiert worden sind). Es handelt sich hier um ein kombinatorisch zu lösendes Springerproblem: Für einen Springer soll auf dem 64-Felder-Brett eine Route gefunden werden, auf der er jedes Feld exakt nur einmal besucht. Al-Adli erfand zudem das erste System zur Notation von Schachpartien. So klassifizierte er Eröffnungen, und dies gern mit blumigen Bezeichnungen wie „die reich Umkränzte", „der reißende Strom" oder „die Steine des Pharao".

Der Schachmeister erdachte darüber hinaus Endspielstellungen mit mehrzügigem Matt und stellte entsprechende Aufgaben. Überliefert ist zum Beispiel ein Endspiel König und Turm gegen König und Springer, in der der Springer nach und nach abgedrängt und dann erobert wird. Da Turm und Springer ihre Gangart im europäischen Schach auch nach der Regelreform im 15. Jahrhundert beibehalten haben, ist die überlieferte Analyse des großen arabischen Schachmeisters bis heute von unverändertem Wert. Einige der taktischen Themen und Mansubat aus Al-Adlis 842 geschriebenen Kitab ash-shatranj (Buch des Schatrandsch) schafften es bis in die mittelalterliche Schachliteratur, insbesondere in das Libro del Acedrex Alfons´ des Weisen.

Tauschwerte
In seinem Buch des Schatrandsch war Al-Adli auch der erste, der den Figuren einen relativen Tauschwert beimaß. Dieser bezog sich auf die Währung Dirhem, die damals in vielen arabischen Ländern verbreitet war. Der Streitwagen (Turm) ergab einen Dirhem und war damit die wertvollste Figur. Im Wert folgten das Pferd (2/3) und erst an dritter Stelle der Berater (1/3), die heutige Dame. Der einfache Soldat war nur 1/8 Dirhem wert.

Spielstärken
Auch Spieler wurden von Al-Adli nach Spielstärken eingeordnet. Die stärkste von fünf Klassen war Aliyat und selbstverständlich gehörte der Schachmeister dieser Klasse an, nachweislich im Jahr 842 sogar als einziger. Wer in eine der unteren Klassen eingruppiert war, bekam im Spiel einen Vorteil, um sich hocharbeiten zu können: In der zweiten Klasse war dies ein Soldat. In der dritten Klasse musste der Aliyat einen Berater vorgegeben. Die vierte Klasse erhielt ein Pferd als Vorteil und die fünfte Klasse einen Streitwagen (Turm). Die Spieler konnten in die jeweils nächsthöhere Klasse aufsteigen, wenn sie sieben von zehn Spielen gewannen.

WM im Kalifat
Als stärkster Spieler beherrschte Al-Adli lange seine Gegner. Seine Vorherrschaft wurde erstmals ernsthaft im Jahr 847 auf die Probe gestellt, als er von Ar-Razi (ca. 825-860) herausgefordert wurde. Es war gewissermaßen das erste Spiel um die Schachweltmeisterschaft, direkt am Hofe des Kalifen Al-Mutawakkil und direkt überwacht von diesem. Der erfahrene Al-Adli musste sich dem jüngeren Ar-Razi klar geschlagen geben und so den Titel des besten Schachspielers weitergeben. Aufgrund des Fortbestands seiner überlieferten Theorien konnte die große historische Bedeutung dieses ersten Schachmeisters durch diese Niederlage jedoch nicht geschmälert werden.



Quellen und weiterführende Informationen:
http://www.reocities.com/siliconvall...378/aladli.htm (Bill Wall betreibt eine Schachseite unter http://billwall.phpwebhosting.com/ )
https://de.wikipedia.org/wiki/Al-Adli

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