Darf man hier auch (sehr) Trauriges posten? Ich habe kein dementsprechendes Unterforum gefunden...

1908 war es soweit: Der lang ersehnte WM-Wettkampf Lasker-Tarrasch (Düsseldorf/München) fand endlich statt.
Hier standen sich nicht nur die beiden erfolgreichsten Spieler der letzten eineinhalb Jahrzehnte gegenüber, sie waren auβerdem auch noch schachideologische Erzfeinde: In der roten Ecke der Weltmeister Emanuel Lasker, “Weltbürger” und pragmatisch/undogmatischer Spieler, in der blauen Ecke der Herausforderer Siegbert Tarrasch, der strenge Praeceptor Germaniae, der wie ein Papst seine schachlichen Bullen verkündete.
Nicht nur Schach-Deutschland war in zwei Lager gespalten: die “Laskerianer” auf der einen Seite, die “Tarraschisten” auf der anderen.

Meine Hauptquellen:
Siegbert Tarrasch: Der Schachwettkampf Lasker-Tarrasch um die Weltmeisterschaft im August-September 1908 (1908)
Dr. Jacques Hannak: Emanuel Lasker Biographie eines Schachweltmeisters (1952)
Forster/Negele/Tischbierek: Emanuel Lasker Volume1 (2018), wobei ich mich auf Kapitel 8 The Battle Lasker vs. Tarrasch von GM Raj Tischbierek beziehe.

Hannaks Lasker-Biographie gilt zwar als “heroisierend”, aber immer noch als lesenswert und hat über Jahrzehnte hinweg das Bild Laskers in der öffentlichen Meinung geprägt.

Sehr zum Verdruss seines Erzfeindes zog Lasker schnell davon und führte nach sieben Partien bereits mit 5,5-1,5, doch dann trat eine “Krise” des Weltmeisters ein; in den Partien 8-10 holte er nur einen Punkt (+0, =2, -1).

Und jetzt wird die Angelegenheit herzerweichend:
Es gab in Laskers Leben eine groβe Liebe: Martha Kohn (geborene Bamberger) und was die Sache gerade damals besonders delikat machte... sie war verheiratet, wobei ihr Mann schwer erkrankt war und frühzeitig verstarb. Gemäβ Tischbierek war dies wahrscheinlich bis 1908 eine platonische Beziehung gewesen, doch aufgrund der “schrecklichen Krise”, in der sich Lasker nach der siebten Partie befand, überschlugen sich (vielleicht) die Ereignisse:
Hannak: “Ein Brief nach dem anderen eilte von München nach Berlin und beschwor Martha Marco (ihr Künstlername, unter welchem sie literarische Artikel veröffentlichte): “Kommen Sie sofort als mein Schutzengel, sonst verliere ich noch das ganze Match!” Martha hatte Hausfrauenpflichten, hatte einen schwer kranken Mann, und so gerne sie dem sich offenbar in einer Seelenkrise befindenden Lasker (?, der Einschub stammt von mir, schlieβlich führte Lasker nach der 10. Partie immer noch mit 6,5:3,5 Punkten) geholfen hätte, sah sie doch keine Möglichkeit, dem Hilferufe Folge zu leisten. Da mischte sich der kranke Gatte selbst in die Sache: “Wir dürfen ihn nicht in dieser seelischen Not lassen. Martha, Du setzt Dich jetzt auf die Bahn und fährst mit seinem Bruder Berthold nach München. Du wirst sehen, das bringt ihm Glück.” Und Martha gab nach. Am nächsten Tag war sie in München und Emanuel erwartete sie am Bahnhof. “Nun muss sich alles, alles wenden”, jubelte es in ihm.
...und Martha, die ihr ganzes Leben lang keine Schachpartie gespielt hat, hat dennoch die Geschichte des Schachs augenscheinlich sehr wesentlich mitbestimmt.
”(S.117)

Ist das nicht zum “Steine erweichen”? Warum ist diese Geschichte in Hollywood noch nicht verfilmt worden?

Leider hat Tischbierek, mit einem Akt, den man - je nach Standpunkt – historische Genauigkeit oder seelische Grausamkeit nennen kann, dieser wunderschönen Legende den Garaus bereitet: Er zitiert auf Seite 309 einen Brief Laskers an Martha, den dieser erst nach der 11. Partie (die er gewonnen hatte) an sie geschickt hat und der ihre erwartete Ankunft beschreibt. Lasker spielte Partie 11 und 12 alleine; dann nahm er nach der Ankunft seiner Angebeteten einen viertägige Auszeit (+ den sowieso eingeplanten Ruhetag [Samstag]).

P.S.: Nach dem Tod ihres Mannes haben Martha und Emanuel geheiratet und bis zu seinem Tod eine sehr glückliche Ehe geführt.