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Thema: Organisationsmodell der Sowjetischen Schachschule

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    Organisationsmodell der Sowjetischen Schachschule

    In diesem Thread soll ein differenziertes Bild über die Erfolge der Sowjetischen Schachschule geboten werden, die vielen Staaten ein Vorbild war. In diesem Thread soll darüber diskutiert werden, was von der Sowjetischen Schachschule vielleicht übernommen werden könnte, was wirklich nicht in Frage kommt und was man vielleicht verbessern könnte. Diese Fragen sind nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt zu klären, was das Organisationsprinzip der Sowjetischen Schachschule konkret für die sowjetischen Spitzenspieler bedeutete. In diesem Sinne bin ich selbst noch ein Lernender, der sich über zusätzliche Information von anderen Diskussionsteilnehmern freuen würde. Mein Informationsarsenal in dieser Frage ist aber genug, um darüber schon eine (vorläufige) Meinung abbilden und dieses Thema zur Diskussion stellen zu können.

    Die Sowjetunion baute sicherlich ihr Schach trotz des Verlusts des flüchtenden Alexander Aljechins auf fruchtbarem Boden auf. Alexander Petrow etwa war ein großartiger Schachspieler und glänzender Schachkomponist, Simon Alapin war ein wegweisender Theoretiker und Michail Tschigorin war, auch was seine undogmatische Schachauffassung betraf, für viele ein Vorbild. Zusätzlich zu dem Erfolg der Sowjetischen Schachschule beigetragen hat sicherlich die Tatsache, daß der Staat sehr viel Geld in das Schach steckte, so daß der finanzielle Rahmen folglich groß war, aus dem sich die Förderung des Schachs entwickeln konnte. Das ist sicherlich ein Punkt, der nicht unbedingt eins zu eins auf die Verhältnisse anderer Länder übertragen werden kann, auch wenn dies uns Schachspieler vielleicht freuen würde. Denn wenn viel Geld in das Schach gesteckt wird, dann fehlt das Geld natürlich an anderer Stelle, wo vielleicht zusätzliche Gelder wichtiger wären. Ein Staat hat sich um unglaublich viele Projekte zu kümmern, in die er das begrenzte Gut Geld hineinsteckt. Und wenn wir versuchen wollen, diese Frage unter einem ganzheitlichen Blick zu lösen, muß man wahrscheinlich zu dem Schluß kommen, daß da ganz einfach die Balance stimmen muß. Zusätzlich gebe ich zu bedenken, daß seit Tschigorin Schach in den Ländern der Sowjetunion Volkssport gewesen ist. In anderen Ländern ist das nicht der Fall, da ist Schach größtenteils Randsportart, und eine so üppige finanzielle Zuwendung für das Schach von seiten des Staates wie in der Sowjetunion geschehen, wäre gesellschaftspolitisch wohl nicht zu vermitteln.

    Es gab aber auch Punkte, wo der sowjetische Ansatz meiner Meinung nach tatsächlich vorbildlich gewesen ist. Zu nennen wäre die frühkindliche Förderung, das Anerkennen der für einen Schachspieler so wichtigen Bedeutung des eigenen Trainers (in diesem Sinne kritisierte Valeri Beim, nachzulesen in der Einleitung seines Schachbuchs Wie man dynamisches Schach spielt, den im Westen weit verbreiteten Glauben, man könne auch autodidaktisch im Schach sehr weit kommen), das Spezialschulmodell und natürlich der von Tschigorin übernommene konkret-schöpferische Ansatz der Sowjetischen Schachschule.

    Was allerdings meiner Ansicht nach überhaupt nicht übernommen werden sollte, und was natürlich weniger mit dem Schach an sich als vielmehr mit den politischen Bedingungen des Sowjetsystems zu tun gehabt hatte, ist die vollständige Unterwerfung der Spitzenspieler unter die Kuratel des Staates. Es war der Staat, der als erstes Land der Welt seine Spitzenspieler bezahlte und ihnen damit das Profitum ermöglichte. Die Kehrseite der Medaille war dagegen eine nicht nur finanzielle Abhängigkeit der Spieler vom Staat, der den Spielern dafür ein loyales und „korrektes“ Verhalten abverlangte und nicht nur eine eigene Meinung, wenn sie dem System nicht willkommen war, sanktionierte, sondern auch schwache Leistungen im Turnier. So wurden Mark Taimanov nach seiner 0:6 Niederlage gegen Robert Fischer im Kandidatenturnier zur Schachweltmeisterschaft 1972 alle nationalen Titel entzogen, und er durfte zwei Jahre nicht mehr im Ausland spielen http://de.wikipedia.org/wiki/Mark_Je...itsch_Taimanow (erst als andere sowjetische Spitzenspieler ebenso klar gegen Fischer verloren, wurden die Sanktionen schrittweise wieder aufgehoben (ebd.)). Überhaupt war der Entzug der Privilegien der Auslandsreisen ein beliebtes Druckmittel des Sowjetischen Staats gegen seine Spitzenspieler. Dies alles paßt nicht zu dem Freigeistcharakter des Schachspiels und ist nicht das, was ich mir für das Schach und die Spieler wünsche.
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  2. #2
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    AW: Organisationsmodell der Sowjetischen Schachschule

    In diesem zeitgenössischen und hervorragend recherchierten Artikel im Spiegel von 1958, der dem Schach immer einen breiten Raum gegeben hatte, wird ein ausführlicher und tiefer Einblick in die Sowjetische Schachschule gegeben. Was damals für ein Aufwand für das Schach betrieben wurde, darüber kann man heute nur noch staunen. Aber, wie Yermolinski einmal meinte, für die Russen war das Schach mehr als nur ein Spiel.

    Einige Kritikpunkte erscheinen mir freilich ein bißchen ungerecht:

    Die allrussische Meisterschaft gewann 1957 ein 21jähriger Lette namens Michail Tal. In diesem Frühjahr schaffte es Tal zum zweiten Male und qualifizierte sich als Sowjet-Meister. Daraufhin wurde ein Lebenslauf ausgearbeitet, in dem der Lette als "Student" fungiert. Tal sieht aus wie ein Hilfsarbeiter in einer Gärtnerei; es wird - mehr oder minder ernsthaft - bezweifelt, daß er des Schreibens mächtig ist.


    Von anderen dagegen kann Garri Kasparov, dem bei seinem Aufstieg zum Weltmeister genügend Steine in den Weg gelegt wurden, nur ein Lied von singen

    Sicher ist, daß die Sowjet-Elite auf einen energischen Angriff des Auslandes, falls er einmal erfolgen sollte, sehr gut trainiert sein wird: durch das stürmische Drängen junger sowjetischer Spieler, von denen sich jährlich eine beträchtliche Anzahl für die Meisterschafts-Turniere qualifiziert. Es ist aber ein Faktum, daß viele der jungen Spieler auf kaltem Wege abgewürgt werden. Offenbar haben die saturierten. Großmeister wenig Interesse daran, ihre Futterkrippen - vor allem die Turniere im Ausland - mit anderen zu teilen. Sogar innerhalb der Großmeister-Kaste gibt es Cliquen: Juden gegen Nichtjuden, Russen gegen Ukrainer und andere Nationalitäten, Botwinnik-Freunde gegen Botwinnik-Neider.

    Es ist verbürgt, daß vor einigen Jahren bei einem internationalen Turnier ein Amerikaner, dessen Partie gegen einen Sowjetspieler in den Abendstunden abgebrochen worden war und am nächsten Tag fortgesetzt werden sollte, nacheinander von vier Russen in seinem Hotelzimmer angerufen wurde. Die Anrufer erboten sich, auf einen Sprung hinüberzukommen, um die Stellung des Amerikaners zu analysieren. Die vier Sowjetspieler erschienen auch, ohne einander davon unterrichtet zu haben, lachten verlegen über ihr Zusammentreffen und machten sich gemeinsam an das Studium der Stellung. Ihr Landsmann verlor am nächsten Tag prompt; er hat nie erfahren, warum.

    Ein junger Sowjetspieler, der Schachtalent zeigt und auf Meister-Ehren ausgeht, muß zunächst die Stadtmeisterschaft gewinnen, wozu es mehrerer Qualifikationsturniere bedarf. Es folgen: die Republikmeisterschaft, die Zonenmeisterschaft (eine Zone besteht jeweils aus drei bis vier Republiken), das Halbfinale (das in drei bis vier Gruppen gespielt wird) und das Finale mit 20 Teilnehmern.

    Alle diese Etappen können theoretisch in einem Jahr absolviert werden, in der Praxis hat das allerdings noch niemand erreicht. So kommt es, daß der Ruf einer wirklichen Begabung bereits nach Moskau gedrungen ist, bevor das Halbfinale begonnen hat. Schon dort wird gegen den Neuling erbittert auf Sieg gespielt; steht eine Partie auf Remis, erklärt sich der Gegner noch lange nicht mit Unentschieden einverstanden. Der Junge muß weiterspielen, obwohl es sinnlos ist; die endlosen Partien zehren an seinen Kräften.

    Erreicht er, erschöpft und abgekämpft, trotzdem das Finale, mahlen ihn die Großmeister durch ihre Mühle. Sie lassen - alle internen Streitigkeiten sind vergessen - keine Gelegenheit aus, ihn zu plagen, und setzen es nur zu oft durch, daß eine solche Nachwuchskraft, enttäuscht und verbittert über das Erlebte, es überhaupt aufgibt, Schach zu spielen. Trotz derart rigoroser Methoden passiert es, daß ein Provinztalent jäh alle Großmeister hinter sich läßt.
    Was muß das für eine Überraschung für Garri Kasparov gewesen sein, als Nikolai Krogius, der höchste Schachfunktionär des Landes, Kasparov eröffnete: "Wir haben schon einen Weltmeister und brauchen keinen anderen."

    Robert Fischer kommt übrigens auch schon in dem Artikel vor in ganz bekannter Manier:

    Möglicherweise war der Blick des Dichters [gemeint ist Stefan Zweig im Kontext seiner "Schachnovelle"] wirklich prophetisch. Einige der jungen Sowjetspieler sehen aus wie Hafenarbeiter. Die große Hoffnung der Vereinigten Staaten, ein 15jähriger Knabe namens Robert ("Bobby") J. Fischer, erklärte unlängst in einem Interview, er habe an der Schule wenig Freude, weil sie ihn nur vom Schachspiel abhalte. Auf die Frage, ob er sich als bester Schachspieler Amerikas fühle, antwortete der Knabe nach einer kurzen Pause voller Demut: "Vielleicht ist Reshevsky besser."
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