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Thema: Geheimnisse um die Schach-WM 1910

  1. #1
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    Geheimnisse um die Schach-WM 1910

    Die Schachgeschichte steckt voller Geheimnisse. So ranken sich um die Weltmeisterschaft von 1910 ähnlich viele Mythen wie zwischen der Weltmeisterschaft von 1951 zwischen David Bronstein und Michail Botwinnik. Zur Situation:

    Wie in http://www.schachburg.de/threads/744...Emanuel-Lasker geschildert, hatte Emanuel Lasker in seiner 27 Jahre andauernden Hegemonie als Weltmeister des Schachs in seinen Finalkämpfen um die Weltmeisterschaft nur mit einem einzigen Gegner seine Probleme, nämlich mit dem Österreicher Carl Schlechter. Mit Rücksicht auf den Stil des Herausforderers, der, geprägt von der Wiener Schachschule, zwischen 1894 und 1918 in genau der Hälfte aller Partien Remis spielte, hatte man darauf verzichtet, eine Anzahl an gewonnenen Partien vorzugeben, die zum WM-Titel befähigen sollten, sondern das Match auf lediglich zehn Partien begrenzt - allerdings mit WM-Privileg, das bei Gleichstand der Titelverteidiger Weltmeister bleibt.

    Es war die Schach-Weltmeisterschaft 1910. Die Spielorte hatte man, der Nationalität beider Spieler gemäß, aufgeteilt, und zwar in Berlin und Wien. Carl Schlechter führte vor dem letzten entscheidenden Spiel mit 5-4 bei acht Unentschieden. Das heißt, in der letzten Partie, die er mit Schwarz führen mußte, hätte ein Remis zum WM-Titel gereicht. Doch in der Partie geschah Seltsames. Entgegen seiner Gewohnheiten eines remissichernden Sicherheitsschachs griff Schlechter fast schon kühn an und ließ klare Chancen verstreichen. So hätte ihm 35. ...Td8 glänzende Perspektiven beschert. Stattdessen ließ er sich auf ein verwegenes Qualitätsopfer ein. Und im 39. Zug hätte er sich gar mit 39. ...Dh4+ ein Dauerschach gesichert. Denn wenn der Gegner das Dauerschach ablehnt, hätte Schlechter mit Materialgewinn sogar weiter auf Sieg spielen können. Es scheint sicher zu sein, daß ein Mann von der Klasse eines Carl Schlechters solche Möglichkeiten eigentlich sehen müßte.

    [Event "World Championship 10th"]
    [Site "GER/AUT"]
    [Date "1910.02.08"]
    [Round "10"]
    [White "Lasker, Emanuel"]
    [Black "Schlechter, Carl"]
    [Result "1-0"]
    [ECO "D94"]
    [PlyCount "141"]
    [EventDate "1910.01.07"]
    [Source "ChessBase"]

    1. d4 d5 2. c4 c6 3. Nf3 Nf6 4. e3 g6 5. Nc3 Bg7 6. Bd3 O-O 7. Qc2 Na6 8. a3
    dxc4 9. Bxc4 b5 10. Bd3 b4 11. Na4 bxa3 12. bxa3 Bb7 13. Rb1 Qc7 14. Ne5 Nh5
    15. g4 Bxe5 16. gxh5 Bg7 17. hxg6 hxg6 18. Qc4 Bc8 19. Rg1 Qa5+ 20. Bd2 Qd5 21.
    Rc1 Bb7 22. Qc2 Qh5 23. Bxg6 Qxh2 24. Rf1 fxg6 25. Qb3+ Rf7 26. Qxb7 Raf8 27.
    Qb3 Kh8 28. f4 g5 29. Qd3 gxf4 30. exf4 Qh4+ 31. Ke2 Qh2+ 32. Rf2 Qh5+ 33. Rf3
    Nc7 34. Rxc6 Nb5 35. Rc4 Rxf4 36. Bxf4 Rxf4 37. Rc8+ Bf8 38. Kf2 Qh2+ 39. Ke1
    Qh1+ 40. Rf1 Qh4+ 41. Kd2 Rxf1 42. Qxf1 Qxd4+ 43. Qd3 Qf2+ 44. Kd1 Nd6 45. Rc5
    Bh6 46. Rd5 Kg8 47. Nc5 Qg1+ 48. Kc2 Qf2+ 49. Kb3 Bg7 50. Ne6 Qb2+ 51. Ka4 Kf7
    52. Nxg7 Qxg7 53. Qb3 Ke8 54. Qb8+ Kf7 55. Qxa7 Qg4+ 56. Qd4 Qd7+ 57. Kb3 Qb7+
    58. Ka2 Qc6 59. Qd3 Ke6 60. Rg5 Kd7 61. Re5 Qg2+ 62. Re2 Qg4 63. Rd2 Qa4 64.
    Qf5+ Kc7 65. Qc2+ Qxc2+ 66. Rxc2+ Kb7 67. Re2 Nc8 68. Kb3 Kc6 69. Rc2+ Kb7 70.
    Kb4 Na7 71. Kc5 1-0


    Warum er diese glänzenden Möglichkeiten dennoch verstreichen ließ, dazu gab es in der Schachwelt bereits zahlreiche Spekulationen.

    http://schachblaetter.de/ein-nobler-...er/19-11-2005/ dazu:

    Viel ist danach über diese Partie diskutiert worden. Einige meinen, Schlechter habe sich in der Anspannung schlicht verrechnet. Garri Kasparow glaubt an eine geheime Absprache, nach der Schlechter mit zwei Punkten Vorsprung gewinnen musste, um Weltmeister zu werden. Alexander Aljechin vermutete, dass der Ausgang des Wettkampfes beabsichtigt war, um die Schachöffentlichkeit zu veranlassen, einen Rückkampf mit angemessenem Preisfond zu organisieren. Doch am sympathischsten ist die Deutung, nach der es Schlechter zu unehrenhaft schien, den Titel allein durch einen Sieg aus verlorener Position in der fünften Partie zu erringen und er deshalb auf Sieg spielte.
    Die letzte Deutung erscheint plausibel, weil sie zu der Persönlichkeit des Sportsmanns Schlechter paßt, der mir persönlich sogar fairer vorkommt, als unbedingt notwendig ist. Dieselbe Quelle:

    Zum anderen war Carl Schlechter nach den Berichten seiner Zeitgenossen ein außerordentlich freundlicher und friedfertiger Mensch. Er brachte es einfach nicht übers Herz, ein Remisgebot abzuschlagen. Siegbert Tarrasch beklagte sich während eines Turniers in völlig verlorener Stellung darüber, dass er sich krank fühle. Carl Schlechter gab die Partie sofort Remis – und Tarrasch gewann das Turnier mit einem halben Punkt Vorsprung. Emanuel Lasker stellte fest, dass Schlechter „nichts von einem Teufelskerl an sich habe.“ Man könne ihn nicht „verlocken, sich etwas zu nehmen, was ein anderer begehre“. Isidor Gunsberg berichtete, dass Schlechter es abgelehnt habe, in einem Turnier um den Schönheitspreis zu spielen, was er bei seinen taktischen Fähigkeiten durchaus gekonnt hätte. „Ich habe genug gewonnen, die anderen sollen auch etwas bekommen“, habe Schlechter gesagt.
    Emanuel Lasker schien jedenfalls über diese WM-Titel-verschmähenden Gesten von Carl Schlechter so gerührt zu sein, daß er sich revanchieren wollte und dem Herausforderer anbot, auf das WM-Privileg zu verzichten und stattdessen bis zur Entscheidung das Match weiterzuspielen, was der erschöpfte Carl Schlechter allerdings abgelehnt hatte.

    Es scheint also so zu sein, als wäre ein Geheimnis der Schachgeschichte gelüftet worden. Doch sind dies alles bisher leider nur Hypothesen.
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  2. #2
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    AW: Geheimnisse um die Schach-WM 1910

    Der Fall ist aufgedeckt*. Wie Garri Kasparov in Meine großen Vorkämpfer enthüllt, war der offenbar aus gutem Grunde verheimlichte Passus der WM von 1910 der, daß der Herausforderer um zwei Punkte gewinnen mußte, um Weltmeister zu werden. Das erklärt natürlich, warum Schlechter in der letzten Partie das sichere Remis verschmäht hat und weiter, entgegen seiner sonstigen Gepflogenheiten, wild drauflosstürmt. Emanuel Lasker hat das WM-Privileg weidlich ausgenutzt, seine Forderungen waren berüchtigt. Diese ungute Linien setzten dann Jose Raul Capablanca und Alexander Aljechin fort, bis die FIDE dem endlich einen Riegel vorschob und nach dem Zweiten Weltkrieg unter einheitlich verbindlichen Bedingungen die Weltmeisterschaftskämpfe organisierte.

    * Wichtiger Nachtrag: Dr. Robert Hübner behauptet und belegt das Gegenteil, hier mehr!
    Geändert von Kiffing (11.11.2012 um 07:37 Uhr) Grund: Wichtiger Nachtrag
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  3. #3
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    AW: Geheimnisse um die Schach-WM 1910

    Als Poesie gebe ich gern noch einmal ein wunderbares Gedicht zu Carl Schlechter bekannt:

    zu lesen unter: http://schach-und-kultur.de/?p=2927

    Frank

  4. #4
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    AW: Geheimnisse um die Schach-WM 1910

    Während Lasker für jede Partie 1.000 Mark bekam, ging Schlechter leer aus. Wie später berichtet wurde verhungerte er kurz nach dem Ersten Weltkrieg.

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleto...-11295394.html

  5. #5
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    AW: Geheimnisse um die Schach-WM 1910

    Zitat Zitat von sorim Beitrag anzeigen
    Während Lasker für jede Partie 1.000 Mark bekam, ging Schlechter leer aus. Wie später berichtet wurde verhungerte er kurz nach dem Ersten Weltkrieg.

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleto...-11295394.html
    Sicher?

    Der WM-Kampf hatte, warum auch immer, Schwierigkeiten zahlungskräftige Ausrichter zu finden. Die Kürze des Matches beruhte auch auf der finanziellen Darstellbarkeit.
    Lasker selbst mußte sich um die Ausrichter kümmern.
    Den WM-Kampf analysierte Dr. Hübner ausführlich in einer Artikelserie der Zeitschrift Schach (1998 oder 1999). Er befaßte sich auch mit dem "Drumherum".
    Das Buch Robert Hübner "Der Weltmeisterschaftskampf Lasker-Steinitz 1894" (edition Marco Verlag Arno Nickel) enthält die Zugabe "Der Wettkampf Lasker-Schlechter".

  6. #6
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    AW: Geheimnisse um die Schach-WM 1910

    Die österreichischen Autoren Michael Ehn und Hugo Kastner widerlegen in ihren Schicksalsmomente[n] der Schachgeschichte ziemlich gut das hartnäckige Gerücht, Lasker hätte seinen Titel behalten, wenn Carl Schlechter „nur“ mit einem Punkt den Wettkampf gewonnen hätte, also mit 5,5-4,5.

    Wie von mir schon an anderer Stelle erläutert, gerieten Capablanca und Lasker 1911 in Streit, vor allem, weil Capablanca dieses maßlose WM-Privileg nicht akzeptieren wollte, den Titel gegen Lasker nicht zu gewinnen, auch wenn er diesen mit einem Punkt schlägt. In diesem Zusammenhang mögen die von Capablanca durchgesetzten Londoner Vereinbarungen den Titelinhaber zwar begünstigen. Aber endlich wurde das WM-Privileg, daß der Weltmeister, sofern er nicht mit zwei Punkten Unterschied besiegt wurde, seinen Titel behält, abgeschafft. Nur bei einem Gleichstand behielt der Weltmeister seinen Titel, was allerdings immer noch auf Kritik stieß und heute bekanntlich abgeschafft wurde. Heute geht es bei einem Gleichstand bei Schach-Weltmeisterschaften ins Stechen.

    Lasker selbst stand für dieses genannte maßlose WM-Privileg. Aber wie Ehn und Kastner glaubhaft begründen, konnte selbst er sich bei einem so kurzen WM-Match wie gegen Carl Schlechter nicht dahingehend durchsetzen, daß dieser Zweipunktevorsprung als Voraussetzung für den Gesamtsieg aufrechterhalten blieb. Ehn und Kastner erwähnen als Quelle die Allgemeine Sportzeitung vom 19.12.1909 (S. 102), wo die offiziellen Bedingungen für diese Weltmeisterschaften noch einmal zitiert wurden. Das Match Lasker gegen Schlechter galt als unattraktiv, so daß sich im Endeffekt keine Sponsoren fanden, die mehr als die 10 Spiele gesponsort hatten. In Berlin und Wien wurden so jeweils nur fünf Spiele ausgetragen.

    Warum Carl Schlechter trotz des wohl sicheren Remis in der letzten Partie wider seine Natur so dermaßen auf Angriff spielte, erklären sich seine späteren Landsleute damit, daß Schlechter, dem bisher mit der 5. Partie nur ein „glücklicher“ Sieg gegen Lasker gelang, der Schachwelt, die bislang über das Niveau dieser Schach-Weltmeisterschaft gestöhnt hatte und schwer enttäuscht war, mit einem überzeugenden Sieg gegen Lasker habe beweisen wollen, daß er ein „würdiger“ Weltmeister sei. Nur „glücklich“ den WM-Titel gewonnen zu haben, sei mit dessen Ehre nicht vereinbar gewesen. Und er habe sich als neuer Weltmeister nicht akzeptiert gefühlt.

    Schlechter fehlte eben eine gewisse „Skrupellosigkeit“, die für viele große Schachmeister für den eigenen Erfolg immer dazugehört hat. Andere hatten mit diesem „win ugly“ weniger Probleme. Im Fußball fallen mir der Europatitel der Griechen 2004 und der CL-Titel von Chelsea London 2012 ein. Denen war egal, ob andere ihren Titel für „verdient“ hielten. Sie hatten den Titel, und das war es, was zählte.
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  7. #7
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    AW: Geheimnisse um die Schach-WM 1910

    Zitat Zitat von zugzwang Beitrag anzeigen
    Den WM-Kampf analysierte Dr. Hübner ausführlich in einer Artikelserie der Zeitschrift Schach (1998 oder 1999). Er befaßte sich auch mit dem "Drumherum".
    Das Buch Robert Hübner "Der Weltmeisterschaftskampf Lasker-Steinitz 1894" (edition Marco Verlag Arno Nickel) enthält die Zugabe "Der Wettkampf Lasker-Schlechter".
    Auf dieses Buch, das 2008 erschien, beziehe ich mich.
    Hübner hat diesen Wettkampf, dessen Vorgeschichte und Organisation genau untersucht und mit seiner typischen Gründlichkeit und strengen, wissenschaftlichen Quellenkritik zahlreiche zeitgenössische Dokumente herangezogen.

    Ursprünglich war das Match auf 30 Partien angelegt, wobei für den Sieg 2 Punkte Vorsprung erforderlich waren; diese „2-Punkte-Klausel“ galt für beide Spieler, also auch für Lasker (das wird gerne übersehen). Bei unentschiedenem Ausgang war ein Stichkampf vorgesehen.
    Die Idee mit der 2-Punkte-Klausel stammte noch aus Steinitz' Zeiten. Ein Sieg mit nur einem Punkt Vorsprung hätte glücklich/zufällig erfolgen können und man wünschte sich einen überzeugenden Weltmeister.

    Ich will Lasker nicht besser darstellen, als er war; er hatte mit Sicherheit seine Ecken und Kanten. Doch Hübner lobt ihn: „Laskers Verhalten nötigt Bewunderung ab.“ (S. 186) Besonders seine aktiven Bemühungen, Sponsoren zu finden, d.h. das Match auch stattfinden zu lassen, stehen im deutlichen Kontrast zu dem Verhalten seines Nachfolgers Capablanca, der sich 1922 hinter dem Londoner Abkommen verschanzte und dem Herausforderer die Herkulesarbeit überließ, den Preisfonds (in diesem Fall 10.000 Dollar) zusammenzukratzen.
    Der Sieger des Wettkampfs sollte 1.000 Dollar erhalten, wie in dem Wettkampf Lasker-Marshall 1907.

    Das Problem war ganz einfach: mangelndes Sponsoreninteresse. Dieses Problem war nicht neu. Lasker war sehr wahrscheinlich der dominanteste Spieler der Schachgeschichte (zumindest über einen längeren Zeitraum) und wer wollte schon Geld für einen „uninteressanten“ Wettkampf hinlegen, wenn man nicht wie Dawid Janowski in der Person des Millionärs Leonardus Nardus einen sehr großzügigen „Privatsponsoren“ hatte? Erst mit den viel jüngeren Rubinstein und Capablanca sind Spieler erschienen, die Lasker gefährden konnten und somit auch spannende Wettkämpfe in Aussicht stellten.

    Nachdem Laskers Bemühungen, Sponsoren in den USA zu finden, gescheitert waren, versuchte er es mit einem Spendenaufruf „an die Schachwelt“, der in deutschsprachigen Schachzeitungen 1909/10 erschien und von beiden Spielern unterzeichnet worden war.
    Auch dieser Aufruf war nicht von Erfolg gekrönt, ebensowenig Verhandlungen mit Vertretern von St. Petersburg über die Organisation der Schlussphase des Matchs, obwohl beide Spieler ihr Honorar pro Partie von 1.000 auf 800 Mark herabgesetzt hatten (also sollte auch Schlechter ein Honorar erhalten).

    Nach langem Hin und Her kamen gerade einmal 10 Partien zustande, die erste Hälfte in Wien, die zweite in Berlin. Der Wiener Schachklub gab 3.000 Kronen, die Berliner Schachgesellschaft 2.000 Mark. Dazu waren Spenden in Höhe von 900 Mark eingegangen, von denen jeder Spieler am Ende des Wettkampfs die Hälfte erhielt.

    Da der Wettkampf so kurz war, fiel die 2-Punkte-Klausel weg. Die Regeln:
    „Wer die Mehrzahl der Partien gewinnt, ist Sieger und hat den Titel Weltmeister errungen. Bei gleichem Schlußstande hat der Schiedsrichter in bezug auf die Titelfrage die Entscheidung zu treffen.“ (S. 187, wobei Hübner sich auf drei Schachzeitungen bezieht)

    Einige Punkte zu dem sportlichen Inhalt:

    • Hübner bezeichnet Laskers „psychologische Kriegsführung im Schach“ als „Märchen“. Die Großmeister Nunn, Marin und Tischbierek haben Laskers Schach genau untersucht und betonen ebenfalls, dass sie keinerlei Anzeichen einer „psychologischen Spielweise“ bei Lasker feststellen konnten.
    • Lasker war eigentlich der stärkere Spieler, doch in schlechter Form, u.a. verlor er die fünfte Partie, obwohl er fast auf Gewinn stand und konnte auch in der neunten Partie eine eindeutige Gewinnstellung nicht verwerten.
    • Hübner hält Lasker, der sich vor dem Match schriftlich über Schlechters Schach geäußert hatte, sogar für einen sehr schlechten „Psychologen“: „Der Hauptgrund für sein verhältnismäßiges Versagen in dem Zweikampf mit Schlechter liegt meines Erachtens in seiner auffallenden Unfähigkeit, zutreffende Beobachtungen über die schachlichen Stärken und Schwächen seines Gegners durchzuführen. In seinen Äußerungen ist der Mangel an Differenzierung ganz erstaunlich; er versteht nicht, daß Schlechter nur in Bedrängnis „kühn“ wird, daß er „einfach“ und „direkt“ in Hinblick auf die Bauernstruktur spielt, „kompliziert“ und „fallenreich“ dagegen in taktischen Scharmützeln. So läßt sich Lasker in seinen ersten vier Weißpartien auf den „Offenen Spanier“ ein, ohne zu begreifen, daß die in dieser Eröffnung entstehenden Strukturen Schlechters Fähigkeiten entgegenkommen.“ (S. 227)


    In seiner letzen Weißpartie (10.), die Lasker beim Stande von 4:5 unbedingt gewinnen muss, greift er endlich zum Damenbauern und erzielt bereits in der Eröffnung Gewinnstellung. Lasker war eigentlich für sein Kaltblütigkeit bekannt, doch war er während des Matchs immer nervöser geworden und hat in dieser Situation den Kopf verloren; anstatt ruhig seinen entscheidenden Vorteil zu verwerten, setzt er erst mit 15.g4?! das „Brett in Flammen“, um dann mit 16.gxh5? erst nur noch Vorteil zu haben und nach 18. Dc4?! eine wilde, chaotische Partie mit echten Gegenchancen für Schwarz zuzulassen.
    Hübner analysiert diese Partie mit seiner typischen Gründlichkeit und beschreibt sie dann verbal: „Schlechter mißglückt der Partieaufbau vollkommen; nach wenigen Zügen steht er auf Verlust. Lasker bemerkt dies in seiner Erregung überhaupt nicht. Er fährt fort, die Stellung unzweckmäßig zu verschärfen, bis sein Gegner ausreichende Gegenchancen erhält. Die Position bleibt nun eine Zeitlang im Gleichgewicht, ohne ihre Zweischneidigkeit zu verlieren. Schließlich hält Schlechter die Spannung nicht mehr aus und versucht, durch ein Qualitätsopfer ein sofortiges Remis zu erzwingen. In der Folge verhaspelt er sich jedoch und gerät in ein nachteiliges Endspiel, das er verliert, nachdem beide Seiten ungenau gespielt haben.“ (S. 230)

    Dann geht Hübner ausführlich auf Kommentare von G. Marco, J. Mieses, R. Spielmann und F. Reinfeld ein.
    Es ist erstaunlich – und alarmierend – wie die Spekulationen immer mehr ins Kraut schießen, z. B. „..., aber Schlechters noble Natur - so Marco – wollte offenbar die Weltmeisterschaft nicht bloß dem Zufallssiege in der fünften Partie verdanken...“ (s. 229, ursprünglich WSZ 1910, S. 92)

    Hübner:„Es wird verkannt, daß Schlechter nach der Eröffnung völlig verloren war, daß er zu keinem Zeitpunkt auf Gewinn stand und daß er nie auf einfache Weise remis erzwingen konnte.“ (S. 231)

    Hübners Artikel erschienen 1999 und wurden für das Buch überarbeitet; ich erwarte mit Spannung den 2. Band der neuen Lasker-Biographie, der auf dieses Match eingehen wird. Da die Engines immer stärker werden, wird die neue Analyse sehr interessant sein.

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