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Thema: Hintergründe zur Schacholympiade 1939 in Buenos Aires

  1. #1
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    Kerze Hintergründe zur Schacholympiade 1939 in Buenos Aires

    Die Schacholympiade 1939 in Buenos Aires gehört zu den schachpolitisch interessantesten Veranstaltungen. Denn während des Turniers brach der Zweite Weltkrieg aus, was das Turnier am Rande des Abbruchs brachte. Der Turnierabbruch, der für solch ein großartig organisiertes und überaus opulentes Turnier wirklich schade gewesen wäre, konnte vom immer rührigen argentinischen Veranstalter gerade noch vermieden werden, erhebliche Verwicklungen blieben aber nicht aus. Das Turnier selbst ist hierzulande auch in Erinnerung, weil es das erste und einzige Mal gewesen ist, daß Deutschland die Schacholympiade für sich entscheiden konnte. Der nächste große Titel in einem Mannschaftswettbewerb kam erst wieder 2011 bei der Mannschafts-Europameisterschaft.

    Die Schacholympiade 1939 spielte in einer Zeit, wo die Dauer der Turniere noch länger war und wo alles noch gemütlich ging. So reisten die europäischen Teilnehmer drei Wochen auf dem Schiff Piriapolis über den Atlantik. Und auch das Turnier selbst war eine wahre Mammutveranstaltung. Mit 27 Mannschaften und 133 Spielern wurde ein neuer Teilnahmerekord erzielt, und die Anzahl an gespielten Matches war mit 928 wirklich erstaunlich groß. Eigentlich hätten sogar 1012 Matches bestritten werden sollen. Das Turnier wurde in Vorrunde und Finalrunde aufgeteilt, wobei anzumerken ist, daß sich für die Finalrunde jedes Team qualifizierte, es gab nur so etwas wie eine Finalrunde A und B.

    Die Schacholympiade hat als Turnier eine lange Tradition. Denn es gibt sie schon seit 1926. Die Schacholympiade 1939 in Buenos Aires wurde dadurch entwertet, daß mit den USA und Ungarn Platz 1 und 2 der letzten Schacholympiade nicht an den Start gingen. Die Teilnahme der USA ist dabei nicht etwa der weltpolitischen Lage geschuldet, sondern den Allüren ihrer Spieler, die für ihre Frauen vergeblich Reisekosten und Unterkunft erstattet haben wollten. So fand dieses Großturnier ohne Frank Marshall, Reuben Fine, Isaac Kashdan und Samuel Reshevsky statt. Die Sowjetunion, die bislang noch an keiner Schacholympiade teilgenommen hatte, boykottierte auch dieses Turnier. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg sollte sie sich für die offiziellen internationalen Schachorganisationen öffnen. Dafür aber gaben sich Alexander Aljechin, der für Frankreich spielte, Jose Raul Capablanca für Kuba und Paul Keres für Estland die Ehre. Überhaupt war es die erste Schacholympiade, die außerhalb von Europa stattfand, und das gab zahlreichen Teams aus Südamerika die Möglichkeit zu einer Teilnahme. Noch war die Welt nicht unbedingt als globales Dorf zu verstehen.

    Deutschland selbst hatte sich am Vorabend des Zweiten Weltkriegs bereits Österreich einverleibt, und so spielten für das „Großdeutsche Reich“ auch mit Erich Eliskases und dem Delegationsleiter Albert Becker zwei Österreicher. Die übrigen Spieler waren Paul Michel, Ludwig Engels und Heinrich Reinhardt.

    Nach der Vorrunde, in der sich Deutschland für die Finalrunde qualifizierte, brach dann der Zweite Weltkrieg mit dem Überfall des Großdeutschen Reichs auf Polen aus. Das Turnier stand an dem Rande des Abbruchs. Eine Versammlung der Mannschaftsleiter hatte schon stattgefunden, und die Mannschaftsleiter hatten sich bereits mehrheitlich für den sofortigen Turnierabbruch entschieden. Der Veranstalter hatte seine Mühe und Not, die Mannschaften zum Bleiben zu bewegen, aber er hatte Erfolg, denn das weitere Turnier verlor nur die englische Mannschaft, für die sich drei Spieler gleich zu kriegswichtigen Aufgaben bereitstellten.

    Trotzdem war der Krieg natürlich das alles beherrschende Thema bei diesem Turnier, und daß er das Turnier überschattete, war unübersehbar. Deutschland befand sich mit Frankreich und Polen bereits im Krieg, und der Veranstalter konnte wenigstens erreichen, daß die Spiele Deutschland gegen Frankreich und Deutschland gegen Polen ebenso wie die Spiele des deutschen Protektorats Böhmen und Mähren (das 1938 annektierte Tschechien) gegen dieselben Gegner mit einem kampflosen 2:2 gewertet wurden. Auch Palästina wollte wegen der Verfolgungen der Juden in Deutschland unter keinen Umständen gegen das Großdeutsche Reich und ihr Protektorat antreten, Deutschland wollte hier ein kampfloses 2:2 nicht mehr zulassen, wahrscheinlich, weil man sich diesem Gegner als hochüberlegen wähnte. Aber die Drohung der Palästinenser, man würde andernfalls die Partie mit 0:4 kampflos werten lassen, gab dann den letztendlichen Ausschlag. Vergleicht dazu aus dem Brief von Delegationsleiter Albert Becker an Max Blümich:

    Ansonsten "drohte" Palästina, uns alle 4 Punkte zu schenken, und der eventuelle Endsieg Deutschlands sei dann durch das Geschenk und die Gnade der Juden erfolgt, für uns also wertlos! Jetzt blieb uns nichts anderes übrig, als zuzustimmen; 2:2 also in den Kämpfen Palästina-Argentinien und Palästina-Deutschland. Punkteschacher in Reinkultur. Und trotzdem haben wir gesiegt!...
    Alexander Aljechin, der später zu einer Gallionsfigur des Großdeutschen Reichs werden sollte und seinen Ruf durch seine Auslassungen zum „jüdischen Schach“ ruinierte, verzichtete hier auf seine Teilnahme an den Spielen Frankreich gegen Polen und Argentinien, um diesen Mannschaften im Titelkampf gegen Deutschland bessere Chancen zu verleihen. Solche Manöver waren aber nicht nach dem Geschmack aller nichtdeutschen Beteiligten bei diesem Turnier. So vereinbarte auch Argentinien ein kampfloses 2:2 gegen Palästina, um eine Wettbewerbsverzerrung zu vermeiden. Deutschland setzte sich am Ende durch.

    Es wäre übrigens falsch anzunehmen, daß sich in der deutschen Mannschaft nur lupenreine Nazis befanden. Das wird diesen Spielern auch nicht gerecht. Vielleicht wollten sie auch einfach nur Schach spielen. Fakt ist jedenfalls, daß sämtliche deutschen Spieler nach der Schacholympiade in Argentinien blieben. Bemerkenswert auch die Aktion der großen Deutschen Sonja Graf, die bei der parallel zur Schacholympiade in Buenos Aires stattfindenden Frauen-Weltmeisterschaft nicht unter deutscher Flagge antreten wollte, sondern unter der Flagge des Phantasiestaats „Liebe“ antrat. Auch sie kehrte nicht mehr nach Deutschland zurück. Überhaupt wollten viele europäischen Spieler nicht nach Europa und damit in die Hölle des Krieges zurück. Auch hier schaffte der Veranstalter Abhilfe, der den Spielern anbot, in Argentinien zu bleiben und dort das Schach zu unterstützen. Das führte zu einem Schachboom in Argentinien, das in der Folge fünf Medaillen bei Schacholympiaden gewinnen konnte:

    Nach dem Turnier fand eine gewaltige Verschiebung der Stärkeverhältnisse unter den großen Schachnationen statt. So verlor Polen Savielly Tartakover, Miguel Najdorf und Paulino Friedmann und fand nie wieder zur alten Stärke zurück. Der Turnierdritte Estland wurde von anderer Seite einverleibt, nämlich von der stalinistischen Sowjetunion.
    Geändert von ToBeFree (11.05.2018 um 23:40 Uhr) Grund: "Phantasiestaats „Liebe“": Defekten Link entfernt
    Alles wartet auf das Licht
    Oh, ihr Menschen, fürchtet euch nicht

  2. #2
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    AW: Hintergründe zur Schacholympiade 1939 in Buenos Aires

    Zitat Zitat von Kiffing Beitrag anzeigen
    Es wäre übrigens falsch anzunehmen, daß sich in der deutschen Mannschaft nur lupenreine Nazis befanden. Das wird diesen Spielern auch nicht gerecht. Vielleicht wollten sie auch einfach nur Schach spielen. Fakt ist jedenfalls, daß sämtliche deutschen Spieler nach der Schacholympiade in Argentinien blieben.
    Erich Eliskases, Albert Becker, Paul Michel, Ludwig Engels und Heinrich Reinhardt waren jüdischer Abstammung, eine Rückkehr ins "Großdeutsche Reich" kam für diese Spieler deshalb nicht in Frage.
    „Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen auch Zwerge lange Schatten.“ Karl Kraus

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