Liebe Schachfreunde,

ich möchte den Fokus des Interesses heute auf ein Drama lenken, das 1989 in Rotterdam stattgefunden hat. Das Turnier in Rotterdam war eingebettet in den Weltcup 1988/89, eine Serie von sechs Topturnieren mit Grandprix-Wertung. Jeder teilnehmende Spitzenspieler durfte an vier von sechs Turnieren teilnehmen und besaß ein Streichresultat. In das komplizierte Wertungsverfahren kamen sowohl die im Turnier erzielten Punkte als auch die Plazierung in der jeweiligen Turniertabelle. Der Weltcup wurde eingerichtet, um die dreijährige Pause zwischen der WM 1987 und der WM 1990 auszufüllen und wurde von der mit der FIDE konkurrierenden GMA, dem Vorläufer der PCA, ausgerichtet, dessen Vorsitzender Garri Kasparov war. Er tönte schon damals, als Weltmeister wolle er die FIDE „killen“ (Lew Gutman/Gerd Treppner, Schachweltmeisterschaft ´90, Thomas Beyer Verlags GmbH, S. 13).

Die Summen für das ambitionierte Turnierprojekt waren sehr hoch. Sie waren so hoch wie noch bei keiner Schachveranstaltung neben der Weltmeisterschaft ausgeschüttet wurden. 100.000 Dollar Preisfond pro Turnier, davon 20.000 Dollar für den Sieger und immerhin noch 2000 Dollar für die Letzten, sind Summen, die sich damals sehen lassen konnten.

Der Weltcup stieß auch auf ein großes Interesse der Öffentlichkeit, lieferten sich doch K&K ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen an der Spitze. Garri Kasparov führte knapp vor Anatoli Karpov, doch dieser hatte im erwähnten Rotterdam nun alle Chancen in der Hand, Kasparov einzuholen und sogar zu überholen. Entgegen seiner Gewohnheit, bei Weltcup-Turnieren nur schlecht aus den Startlöchern zu kommen, präsentierte sich Karpov in Rotterdam in blendender Verfassung und hatte mit 9,5/12 drei Runden vor Schluß eine schier unglaubliche Quote vorzuweisen. Statistiker hatten bereits berechnet, daß Karpov nun drei Remis in den Schlußrunden genügten, um Kasparov in der Gesamtwertung einzuholen. Hier ein spielerisches Highlight, wo Karpov Jan Timman in einer spannenden Eröffnungsdiskussion besiegte:


[Event "Rotterdam 47/571 Zaitsev,I"]
[Site "Rotterdam 47/571 Zaitsev,I"]
[Date "1989.??.??"]
[Round "?"]
[White "Anatoli Karpov"]
[Black "Jan Timman"]
[Result "1-0"]
[ECO "D87"]
[PlyCount "67"]
[EventDate "1989.??.??"]

1. d4 Nf6 2. c4 g6 3. Nc3 d5 4. cxd5 Nxd5 5. e4 Nxc3 6. bxc3 Bg7 7. Bc4 O-O 8.
Ne2 c5 9. O-O Nc6 10. Be3 Bg4 11. f3 Na5 12. Bxf7+ Rxf7 13. fxg4 Rxf1+ 14. Kxf1
Qd6 15. e5 Qd5 16. Bf2 Rd8 17. Qc2 Qc4 18. Qb2 Bh6 19. h4 Rf8 20. g5 Qd3 21.
Qb1 Qe3 22. Qe1 Bg7 23. Kg1 Qe4 24. Ng3 Qxh4 25. Ne4 Rxf2 26. Nxf2 cxd4 27. Rd1 d3 28. Qe3 Nc6 29. Nxd3 Qa4 30. Qf3 Qa5 31. e6 Nd8 32. Nf4 Be5 33. Nd5 Qc5+ 34. Kh1 1-0


Timman war der erste, der von der Theorie 19. ...Sf7 abwich und mit der Neuerung 19. ...Tf8 eine Verstärkung suchte. Der Zug basiert auf einen taktischen Trick, den Karpov aber positionell abblocken (21. Db1!) und damit den Lg7 kaltstellen konnte. Timmans Qualitätsopfer danach war der Verzweiflung geschuldet und änderte am Partieverlauf nichts mehr. Er wurde sauber überspielt.

Doch dann kam das „Drama von Rotterdam“ (ebd.). Karpov wollte mehr, als das super Turnier mit drei Remis sauber ausklingen zu lassen. Eine sportlich einwandfreie Entscheidung, die aber leider nicht belohnt wurde. In der nächsten Partie, die Karpov mit Weiß führte, stand Waleri Salow auf dem Programm. Karpov ging diese Partie wie erwähnt auf Sieg an, was sich darin zeigte, daß er eine ambitionierte Variante wählte mit überaus heterogenen Materialverhältnissen. Überhaupt haben beide, sowohl Kasparov als auch Karpov voneinander ungeheuer profitiert, indem sie viel voneinander lernten. Karpov selbst bemühte sich in dieser Zeit oft „schön“ zu spielen und auch selbst riskante Opfer anzubringen, während Kasparov ein kompletterer Spieler wurde.

[Event "Rotterdam 47/649 Salov,V"]
[Site "Rotterdam 47/649 Salov,V"]
[Date "1989.??.??"]
[EventDate "?"]
[Round "?"]
[Result "0-1"]
[White "Anatoli Karpov"]
[Black "Valery Salov"]
[ECO "E17"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "104"]

1. d4 Nf6 2. c4 e6 3. Nf3 b6 4. g3 Bb7 5. Bg2 Be7 6. Nc3 Ne4
7. Bd2 Bf6 8. Rc1 Bxd4 9. Nxd4 Nxc3 10. Bxb7 Nxd1 11. Rxd1 c6
12. Bf4 O-O 13. Bd6 Re8 14. Bxa8 Qc8 15. b4 Na6 16. b5 Qxa8
17. bxa6 c5 18. Nf3 Qe4 19. Rc1 f6 20. a3 Qc6 21. Rd1 Qa4
22. Nd2 Qc6 23. Nf3 Qa4 24. Nd2 Qxa3 25. O-O Qxa6 26. e4 Qa4
27. e5 Qc6 28. Rfe1 a6 29. Re3 h6 30. Rc1 Ra8 31. Ne4 fxe5
32. f3 a5 33. Ra3 a4 34. h4 Ra5 35. Kg2 b5 36. cxb5 Rxb5
37. Kh3 Rb3 38. Rxc5 Qa6 39. Rc3 Qb5 40. Kg4 Kh7 41. h5 Rxa3
42. Rxa3 g6 43. Bf8 Kg8 44. Bd6 Kf7 45. Rc3 gxh5+ 46. Kxh5 Qf1
47. Kg4 Kg6 48. Bxe5 d5 49. Nc5 Qh1 50. Kf4 Qh5 51. Ke3 Qxe5+
52. Kd2 d4 0-1

In der erwähnten Partie muß Karpov spätestens nach dem 18. Zug gemerkt haben, daß er zwar ein gewisses materielles Plus aus den ganzen taktischen Verwicklungen herausgeschlagen hatte, daß er es aber trotzdem ist, der ums Remis kämpfen muß. Er hat zahlreiche Bauernschwächen, und die schwarze Dame steht sehr aktiv. Im Folgenden konnte sich der Gegner Freibauern bilden, die Karpov aber blockieren konnte. Der Remisschluß war wahrscheinlich, als der in diesem Turnier optimistisch aufgelegte Karpov mit 45. Tc3? auf Matt spielte und spätestens nach 46. ...Df1! erkennen mußte, daß es nun sein eigener König war, dem es an den Kragen ging. Die Niederlage mußte wie ein Schock auf Karpov gewirkt haben. Und auch am nächsten Tag, wieder mit Weiß, gegen Ljubomir Ljubojevic, ging es wieder mit dem Teufel zu:

[Event "Rotterdam 47/460 Karpov,An"]
[Site "Rotterdam 47/460 Karpov,An"]
[Date "1989.??.??"]
[EventDate "?"]
[Round "?"]
[Result "0-1"]
[White "Anatoli Karpov"]
[Black "Ljubomir Ljubojevic"]
[ECO "D16"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "100"]

1. d4 d5 2. c4 c6 3. Nf3 Nf6 4. Nc3 dxc4 5. a4 Na6 6. e3 Be6
7. a5 Bd5 8. Nd2 g6 9. e4 Be6 10. Nxc4 Bg7 11. Ne5 Rc8 12. Qa4
O-O 13. Be2 Nd7 14. Nd3 Nc7 15. Be3 f5 16. e5 Bf7 17. Rd1 Qe8
18. h4 h6 19. Bf3 Kh7 20. Nf4 Rb8 21. Qc2 Kg8 22. g4 e6
23. Rg1 Kh8 24. Qd2 Rd8 25. Qe2 Qe7 26. gxf5 gxf5 27. Bh5 Rg8
28. Bg6 Nf8 29. Qh5 Rd7 30. Rd3 Qe8 31. Bd2 Nxg6 32. Nxg6+ Kh7
33. Rdg3 Rxd4 34. Qe2 Bxg6 35. Rxg6 Qxg6 36. Rxg6 Kxg6 37. Be3
Rxh4 38. f4 Rd8 39. Qf3 Nd5 40. Bxa7 Rxf4 41. Qd3 Bxe5 42. Ne2
Re4 43. Kf2 Rg8 44. Qc2 Kh7 45. Kf3 Rh4 46. Bg1 Rh3+ 47. Kf2
Bh2 48. Qc5 Bxg1+ 49. Nxg1 Rh2+ 50. Kf3 e5 0-1

Hier überspielte Karpov seinen Gegner nach allen Regeln der Kunst, um nach 31. Ld2?? taktisch den Faden zu verlieren und dann vollständig einzubrechen. Die letzte Partie gegen John Nunn endete auch mit einer Niederlage, und so war das Unglaubliche geschehen, daß Karpov nach den fabelhaften ersten 12 Runden noch mit der großen Rochade nach Hause geschickt wurde. Aus einem glanzvollen Sieg war letztendlich nur ein Streichergebnis geworden, und den Weltcup entschied jetzt natürlich Garri Kasparov für sich. Hier die Endtabelle.

Wie erklärt ihr euch diesen Einbruch? Ich denke, er zeigt vor allem eins, daß man sich nie zu sicher sein und den Tag nie vor dem Abend loben sollte. Karpov war bei diesem Turnier zweifelsohne sehr gut aufgelegt, und so traute er sich in seinen Partien, wie man gesehen hat, sehr viel zu. Wahrscheinlich wurde Karpov dabei mit wachsenden Erfolgen zu optimistisch und wagte zuviel. Nach der kalten Dusche gegen Salow, war er dann so bedient, weil sein Bewußtsein nicht mehr auf Niederlage gepolt war, daß er trotz Bemühens nicht mehr die Konzentration aufbringen konnte für die letzten beiden Matches, so daß sich wieder einmal die alte Volksweisheit bewahrheiten mußte: ein Unglück kommt selten allein. Man sollte also seine Konzentration und das gesunde Maß zwischen Optimismus und Pessimismus immer bis zum Schluß aufrechthalten, oder was sind eure Lehren aus Karpovs Fiasko?