Das Kategorie-16-Turnier 1989 in Tilburg war in vielerlei Hinsicht ein besonderes Turnier gewesen. Denn Garri Kasparov sorgte dort für ein Traumergebnis mit 12/14 Punkten (+10,=4,-0). Nach diesem Turnier hatte er Fischers bisherige Elo-Bestmarke getoppt, die für viele lange Zeit als unschlagbar galt.

John Watson hatte in Geheimnisse der modernen Schachstrategie einen wichtigen Unterschied zwischen den Meistern von damals und den modernen Meistern herausgearbeitet. Er meinte, während Botwinnik seine Partien gewann, weil er Neuerungen im 10. Zug fand, gewann Kasparov seine Partien, weil er Neuerungen im 20. Zug fand. Welch gewaltiger Unterschied!

In Tilburg 1989 sehen wir, was gemeint war. Gegen den Isländer Johann Hjartarson folgte Kasparov in der Wiener Variante im Damengambit nicht den Weg Eingorn-Judasin 1988 mit 17. c4. Zwar kam Eingorn hier im Vorteil, aber der heutige Schachbuchautor hatte eingeräumt, daß hier 17. ...Sc6 oder 17. ...Dc5 durchaus hätten unangenehm für Weiß werden können.

17. Tfd1 ist die starke Neuerung, die Kasparov in der Hausanalyse entwickelt hatte. Das auf die Annahme des Bauernopfers folgende genial aussehende Springeropfer wurde sozusagen auf dem Reißbrett entworfen. Falls ihr Fragen zu einzelnen Zügen in den darauffolgenden taktischen Verwicklungen habt, etwa, was passiert wäre, wenn Hjartarson diese oder jene Figur geschlagen hätte, dann fragt ruhig.

[Event "Tilburg"]
[Site "Tilburg"]
[Date "1989.??.??"]
[EventDate "?"]
[Round "6"]
[Result "1-0"]
[White "Garry Kasparov"]
[Black "Johann Hjartarson"]
[ECO "D37"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "51"]

1.d4 Nf6 2.Nf3 d5 3.c4 e6 4.Nc3 dxc4 5.e4 Bb4 6.Bg5 c5 7.Bxc4
cxd4 8.Nxd4 Bxc3+ 9.bxc3 Qa5 10.Bb5+ Bd7 11.Bxf6 gxf6 12.Qb3
a6 13.Be2 Nc6 14.O-O Qc7 15.Rab1 Na5 16.Qa3 Rc8 17.Rfd1 Qxc3
18.Qd6 Qc7 19.Nf5 exf5 20.Qxf6 O-O 21.Rd3 f4 22.Rd5 h6 23.Qxh6
f5 24.Rb6 Bc6 25.Rxa5 Qh7 26.Qxf4 1-0

In der nächsten Partie ein ähnliches Bild. Im Königsinder gegen Jereon Piket spielte man gewöhnlich 17. ...h5 18. a5 Ld7 19. Sb5 Lxb5 20. Lxb5 g4, wogegen Jereon Piket bislang als Weißer allerdings sehr erfolgreich war. Kasparov fand jedoch heraus, daß der weißfeldrige Läufer besser für Angriffszwecke zu gebrauchen ist, und so deckt er mit 17. ...Lf8!N erst einmal den Bd6. Der Partieverlauf gibt ihm Recht, denn für seinen unwiderstehlichen Angriff war sein weißfeldriger Läufer stets ein wichtiger Baustein. Der Schlußzug ist ein würdiger Abschluß eines wunderschön und unwiderstehlich vorgetragenen Angriffs.

[Event "Tilburg <Treppner>"]
[Site "Tilburg <Treppner>"]
[Date "1989.??.??"]
[EventDate "?"]
[Round "?"]
[Result "0-1"]
[White "Jeroen Piket"]
[Black "Garry Kasparov"]
[ECO "E99"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "56"]

1.d4 Nf6 2.Nf3 g6 3.c4 Bg7 4.Nc3 O-O 5.e4 d6 6.Be2 e5 7.O-O
Nc6 8.d5 Ne7 9.Ne1 Nd7 10.Be3 f5 11.f3 f4 12.Bf2 g5 13.b4 Nf6
14.c5 Ng6 15.cxd6 cxd6 16.Rc1 Rf7 17.a4 Bf8 18.a5 Bd7 19.Nb5
g4 20.Nc7 g3 21.Nxa8 Nh5 22.Kh1 gxf2 23.Rxf2 Ng3+ 24.Kg1 Qxa8
25.Bc4 a6 26.Qd3 Qa7 27.b5 axb5 28.Bxb5 Nh1 0-1